Ausgabe 
30.3.1871
 
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einer dem preußischen Landtage zu machenden Vorlage über die Oberrechnungskammer im eng- sten Zusammenhange stehe. Nach kurzer Discusston wird die Vorlage einer Commission von 21 Mit- gliedern zur Vorberathung überwiesen.

Die Zahl der Gesammtmitglieder des Reichstags beträgt 382. Davon sind bis jetzt in das Haus eingetreten 331. Von den gesammten Wahlen sind bis jetzt 362 zur Kenntniß des Bureau's gelangt.

Gutem Vernehmen nach bestimmt der Ge setzentwurf über die zukünftige Stellung der neu erworbenen Lendestheile, daß Elsaß und Lothringen als unmittelbares Reichsland unter der Regierung des Kaisers stehe. Vom 1. Januar 1873 ab soll die deutsche Reichsverfassung auch für Elsaß und Lothringen in Geltung treten, bis dahin soll die Verwaltung der Provinz vom Kaiser unter Mitwie kung des Bundesrathes geführt werden. Von der Zuweisung eines elsässischen Gebietstheiles an Bapern ist in dem Gesetzentwurf nichts enthalten.

In Erfurt haben am 24. d. die französi⸗ schen Gefangenen des dortigen Lagers revoltirt, weil einige derselben zur Strafe angebunden worden waren. Es wurden durch Generalmarsch alle Truppen unters Gewehr gerufen und die Ordnung bald wieder hergestellt. Von aufgeregten Volks haufen sollen mehrere, in der Stadt befind- liche Gefangene arg mißhandelt worden sein, man spricht sogar von Todten, doch bedarf diese Nach- richt noch der Bestätigung.

Hamburg. Die Commandeurs der vier in Cuxhaven eingetroffenen französischen Kriegs- schiffe sind benachrichtigt, daß die Einschiffung der Kriegsgefangenen noch unterbleiben muß, bis gesichertere Zustände in Frankreich eingetreten sind. Die Schiffe werden daher vorläufig liegen bleiben.

Kiel. Die CorvettenAugusta undAr- cona sind hier eingetroffen, erstere mit franzö sischer Prise.

München. Der König verlieh dem Fürsten Bismarck in einem eigenhändigen Schreiben den Stern des Hubertusordens in Brillanten.

Ausland.

Oesterreich. Wien. DaeTelegraphen Correspondenz- Bureau meldet aus Konstantinopel: Wie man versichert, hätte die Pforte die Auf- meiksamkeit der Garantiemächte auf die Nothwen digkeit gelenkt, Maßregeln zur Wiederherstellung der Ordnung in Bukarest zu ergreifen.

Frankreich. Paris, 26. März, 1 Uhr Mittags. Die Ruhe ist vollständig. Die Stadt gewinnt wieder ihr normales Aussehen. Die Barrikaden stehen noch, doch sind die Mündungen der Kanonen nach Innen gekehrt. Die Barri kaden werden noch mit großer Wachsamkeit be wacht. Die Circulation auf der Place Vendome ist noch unterbrochen. Die Munxicipalwahl hat des Morgens unter geringer Betheiligung der Wähler begonnen

26. März, Abends. Die Ruhe dauert fort. Eine Proklamation des Comites kündigt an, daß dasselbe seine Mission als beendigt an sehe und seinen Platz den neu Gewählten ein räume. General Chanzy ist vom Comite in Frei heit gesetzt worden und in Versailles eingetroffen. Admiral Saisset ist gleichfalls in Versailles an⸗ gekommen. Eine Versammlung der republikanischen Linken hat beschlossen, die Regierung so lange zu unterstützen, als sie sich auf dem Boden der Re- publik halten werde. Die Nationalversammlung genehmigte einen Gesetzantrag, wonach das Leichen⸗ begängniß der Generale Lecomte und Thomas auf Staatskosten erfolgen und die Kinder derselben vom Staate adoptirt werden sollen. i

DasJournal officiel veröffentlicht sol gende Note:Das Centralcomite erfährt, daß Individuen, welche als Natjonalgarden verkleidet, aber als ehemolige Gendarmen und Stadtsergeanten erkannt worden sind, auf die preußischen Linien geschossen haben. Das Comite macht bekannt, daß es, wenn ein solcher Fall sich wiederbolen sollte, die Schuldigen ergreifen und auf der Stelle niederschießen lassen wird. Die Sicherheit der Stadt erheischt diese Gewallmaßregeln.

In mehreren Blättern liest man ein Schreiben, das Marschall Canrobert unterm 19. Febr. aus Stuttgart an den Marschall Bazaine gerichtet hat. Ersterer fordert darin den ehemaligen Chef der französischen Rheinarmee auf, jetzt, wo eine regelrechte Landesvertretung existire, dieser die Thatsachen vorzulegen, mit denen er die vielfachen gegen ihn geschleuderten Anklagen zurückweisen zu können glaubt.

Gambetta befindet sich jetzt in Burgos und soll sich von dort nach Zarauz begeben wollen, wo er den Sommer über zu verweilen gedenkt, um seine stark angegriffene Gesundheit herzustellen.

27. März. Das Gesammtergebniß der Communalwahlen ist noch nicht verkündigt. Etwa die Hälfte der eingeschriebenen Wähler hat ab gestimmt; die Majorität der Gewählten gehört der Comiteliste an. Die rothe Fahne flattert auf allen öffentlichen Gebäuden. Die Pariser Deputirten der Nationalversammlung werden, wie man sagt, ihre Demmission geben. Die Commune ist auch in Toulouse proclamirt. Die Versailler Versammlung hat mit ungeheurer Majorität einen Antrag auf Ungültigkeitserklärung der Pariser Wahlen verworfen. Die Wahlen in der National; garde sollen künftigen Donnerstag oder Sonntag erfolgen. Das Centralcomite stellt für das Ober commando noch immer Garibaldi als Candidaten auf und hat den Bürger Gambon zu demselben abgeordnet, um ihn nach Paris einzuladen. Gambon wurde aber in Bonifacio auf Corsica, eben als er sich nach Caprera einschiffen wollte, von den dortigen Behörden verhaftet.

Das Centralromite gibt an, daß unter den 92 gewählten Communalräthen 75 Anhänger des Comites seien.

Die Ruhe in der Stadt ist vollständig. Bis jetzt sind solgende officielle Wahlresultate bekannt: Assy, Victor Hugo, Pyat, Blanqui, Flourenz, Delescluze, Desmarets, Varlin(Chef der Pariser Section derInternationale), Rogeard, Arnoult, Gambon. Die Ermordung des Präfecten der Loire ist bestätigt. Marseiller Depeschen lassen das baldige Aufhören der dortigen Aufregung hoffen; die Ruhe ist in Lyon wieder hergestellt.

Versailles, 26. März. Admiral Saisset löste seinen Stab auf, kehrte nach Versailles zurück und erklärte, er bedürfe 300,000 Mann Soldaten, um die Insurrection zu unterdrücken.

Eine officielle Depesche vom 26. d. meldet: In Lyon wurde Dank der Thätigkeit des Ober commandanten Cousin und des Präfekten Valentin unter dem Beistande der Nationalgarde die Ord nung wieder hergestellt. In Marseille unter- stützten fremde Elemente die anarchische Partei und riefen dadurch eine unbedeutende Bewegung hervor, die durch die entsandten Streitkräfte un zweifelhaft bald unterdrückt sein wird. In Tou- louse ist ein erfolgloser Versuch gemacht worden, das traurige Beispiel nachzuahmen. Im Uebrigen schaart sich ganz Frankreich um die Regierung, um die Anarchie zu unterdrücken. Die Anarchie versucht Paris zu beherrschen. Zwischen der sog. Commune und den Maires ist ein Einverständniß bezüglich der Wahlen getroffen worden, dem aber die Regierung vollständig fern geblieben ist. Die Wahlen sollen heute vollzogen werden, voraus- sichtlich obne Freiheit und ohne moralische Auto rität. Möge das Land sich dadurch nicht beun ruhigen lassen!

26. März. Admiral Saisset soll in Ver⸗ kleidung aus Paris entflohen sein. Er erklärt, daß dort mit der Regierung von Thiers Alles vorbei sei. In Deputirtenkceisen spricht man von der Verlegung der Nationalversammlung nach Tours und davon, Thiers zur Abbankung zu be wegen, sowie den Herzog von Aumale zum Chef der Executive zu ernennen. Es sind Befehle aus gegeben, Garibaldi zu verhaften, wenn er Frank reich betritt. Die Preußen haben ihre Vorposten bis an die Enceinte von Paris bei Vincennes vorgeschoben.

27. März. In der Nationalversammlung weist Thiers die ihm untergelegte Absicht, die Republik zu stürzen, zurück. Paris dürfe nicht

über Frankreich dominiren. Er werde die ver⸗ brecherische Insurrection stürzen.

Lille, 27. März. Das Gerücht von ernsten Unruhen in Algerien scheint sich zu bestätigen. General Faidherbe soll aus dieser Ursache nach Versailles berufen sein, wohin derselbe bereits abgereist ist. Eine Escadron Dragoner hat heute die Stadt verlassen; ihr Bestimmungsort ist un- bekannt.

Lyon, 25. März. Das Stadthaus ist von den Anführern der Insurgenten geräumt. Die Abtheilung der Nationalgarde, welche von den Aufrührern zu Widersetzlichkeiten verleitet wurde, stellte sich wieder unter die Befehle des Präfekten.

St. Etienne, 25. März. In verflossener Nacht stürmten die Aufrührer das Stadthaus und nahmen den Maire sowie den Obersten der Na- tionalgarde gefangen. Heute morgen wurde für die Nationalgarde Generalmarsch geschlagen. Die Aufrührer räumten das Stadthaus, welches wieder von der Nationalgarde besetzt wurde.

Belgien. Brüssel, 27. März. Nachdem die Herren Goulard und Deelerg hier angekom⸗ men sind, ist die Zahl der Friedensunterhändler vollständig und werden die Verhandlungen im Laufe dieser Woche in dem Local der französischen Gtsandtschaft beginnen.

Nord meldet aus dem Haag, daß der holländische Vorschlag, das Prinzip der Unver- letzlichkeit des Privateigenthums zur See auf der Brüsseler Friedens⸗Conferenz anerkennen zu lassen, mit Erfolg gekrönt zu sein scheine. Oesterreich hätte einen ähnlichen Schritt bei dem Fürsten Bismarck gethan.

Ein hier eingetroffener Specialcourier mit Nachrichten von Paris vom Montag Abend über- bringt das Resultat der dort vollzogenen Wahlen. Von 180.000 Stimmzetteln stimmten 120,000 für das Centralcomite und 60,000 für die ehe-

maligen Mitglieder der Municipalität. Paris ist völlig ruhig. Großbritannien. London.Daily

News melden:Fürst Bismarck hat Favre be⸗ nachrichtigt, daß dentscher Seits keine Einmischung eintreten werde, so lange die Zahlung der Kriegs- entschädigung nach den Bestimmungen des Ver- trages gesichert erscheine. ö

Napoleon läßt imObserver jede Unter⸗ stützung der Pariser Unruhen in Abrede stellen und erklärt, er werde seine passive Haltung auch ferner bewahren, keine Intriguen unter seinem Namen dulden und sich nur öffentlich an das französische Volk wenden.

Die würdige Haltung des siegreichen Deutschlands, besonders Berlins, findet in den diesseitigen Blättern selbst bei den Gegnern der deutschen Sache Anerkennung.Das trium phirende Deutschland, sagtDaily News,feiert die Rückkehr des Friedens mit einer Würde und Selbstbeherrschung, die weder seiner- nationalen Vergangenheit, noch seiner Zukunft als Großmacht unwürdig ist. Seine Erhebung ist ruhig, ernst und stolz, viel mehr als lärmend, laut und eitel. Das Bewußtsein der Kraft dämpft ihre Kund- gebungen. Das Gefühl, eine große Pflicht er- füllt, eine große Gefahr abgewendet und ein großes Ziel endlich erreicht zu haben, erfüllt es mit einer Dankbarkeit, die zu tief für leidenschaft⸗ liche und erregte Ausbrüche ist.

DieTimes enthält folgende Depesche aus Paris: Von 500,000 Wählern betheiligten sich 200,000 an dem Scrutinium. Unter den Gewählten befinden sich 20 Mitglieder des Central Comites.

Aus Madrid wird gemeldet: Die in der Provinz Lerida erschienene Carlistenbande ist in der Nähe der gleichnamigen Stadt zersprengt worden. In Valencia, Cordova und Saragossa haben Sonntags leichte Unruhen stattgefunden, welche ohne Mühe unterdrückt wurden. Aus An- dalusien wird eine republikanische Kundgebung gemeldet. Aus den baskischen Provinzen ist eine carlistische Erhebung signalisirt.

Donaufürstenthümer. Bukarest, 26. März. Die Situation ist sehr ernst. Es ist Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß eine Militär

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