Ausgabe 
24.8.1871
 
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dings richtig stehe, daß verschiedene Invaliden ihre Pension bis jetzt noch nicht erhalten. Der erste Gegenstand der Berathung ist die Vorlage der Regierung, die Erhöhung des der polytech⸗ nischen Schule zu Darmstadt gewährten Staats- beitrags für das Jahr 1871 um den weiteren Betrag von 13,500 fl. Der Ausschuß beantragt bekanntlich in seiner Mehrheit Ablehnung. Der erste Redner ist Fink, der in längerem Vortrag für die Vorlage eintritt und Nachweis liefert, daß das Bedürfniß nach einer höheren technischen Lehr⸗ anstalt vorliege und daß kein provinzielles In- teresse, was sich hier geltend mache, dem entgegen treten könne. Was die Erhöhungen der Lehrer- gehalte betrifft, so ist Fink, obaleich der Meinung, daß die jetzige Kammer kein 3. Budget zu machen berufen sei, dennoch dafür, da ein VBedürfniß in der That vorliege. Heß spricht gegen die Vorlage, als ein letztes erfolgloses Experiment, welches nur die Universität schädige. Seine Ausführungen gipfeln sich in dem Schlußantrag das Polytechnikum aufzuheben, resp. es wieder in eine höhere Ge⸗ werbeschule zu verwandeln, wie sie früher so segens⸗ reich gewirkt und in der That ein Bedürfniß für die Gewerbtreibenden des Landes sei.(Schluß folgt.)

Nach vierstündiger lebhafter De⸗ batte lehnte die zweite Kammer die er⸗ höhte Dotation des Polytechnikums mit 21 gegen 17 Stimmen ab. Offenbach. Die Verhaftung von vier Führern der hiesigen socialdemokratischen Ar⸗ beiterpartei ist nicht auf Requisition der berliner Staatsanwaltschaft erfolgt, wie beim Bekannt⸗ werden der Nachricht allgemein geglaubt wurde, sondern, wie sich herausgestellt, auf Verfügung des großherzoglich hesäschen Landgerichts. Auf⸗ reizende Reden, welche die Betroffenen auf Volks⸗ versammlungen in Bieber und Mühlheim gehalten, sollen die Veranlassung zu der erwähnten Maß- regel gegeben haben.

Berlin. Das Kriegsministerium hat bei dem Auftreten der Cholera in der preußischen Monarchie sofort an die Truppenbefehlshaber ein Circular erlassen, durch welches zu Vorkehrungen gegen die Ausbreitung der Krankheit auch das Militär auf⸗ gefordert wird, wobei auf die betreffenden in den Jahren 1864 und 1866 erlassenen Bestimmungen verwiesen wird. Diese ordnen Maßregeln in Be zug auf das Eindringen in das Militär, die Diät, Kleidung, Mediein ꝛc. an. Bei einem Aus⸗ bruch der Krankheit verspricht man sich viel von den aus dem Kriege herrührenden Gefangenen und Kranken⸗Baracken zur Aufnahme von Cholera Kranken. Der Handelsminister hat unterm 15. Aug, eine Verfügung an die Directionen der Staats- Eisenbahnen erlassen, durch welche dieselben an⸗ gewiesen werden, ungefäumt mit einer zweckent⸗ sprechenden Desinfection der Bedürfniß⸗Anstalten auf den Bahnhöfen vorzugehen. Gleichzeitig ist den königlichen Commissariaten bei den Privat- bahnen die Weisung zugegangen, die Directionen dieser Bahnen zu der gleichen Maßregel zu ver⸗ aulassen. Wie aus Wien telegraphisch hierher gemeldet wird, soll Preußen den deutsch ⸗österrei⸗ chischen Tele graphenvertrag gekündigt haben. Eine solche Kündigung ist auch an die Regierung der Niederlande ergangen. Es handelt sich dabei um den Plan, das deutsche Telegraphenwesen unab hängig von ausländischer Betheiligung einheitlich zu organisiren und dann mit Oesterreich wie mit den Niederlanden von Seiten Gesammtdeutschlands neue Telegraphenverträge abzuschließen.

Einem Artikel desMilitär⸗Wochenblattes zum ersten Jahresgedächtniß der drei Schlachten bei Metz(14, 16., 18. August) entnehmen wir die Mittheilung, daß bei Colombey 73 Offiziere und 1081 Mann, bei Vionville⸗Mars la Tour 230 Offiziere und 3022 Mann, bei Verne ville⸗ St. Privat⸗Gravelotte 271 preußische, 17 säch⸗ sische, 22 hessische, im Ganzen 310 deutsche Offiziere und 3903(davon 3536 Preußen, 200 Sachsen und 159 Hessen) den Heldentod gestorben sind.

DieD. R.⸗C. will in Erfahrurg ge⸗ bracht haben, daß die Friedens ver hand- lungen in Frankfurt voraussichtlich vor Ende August nicht aufgenommen werden, und fügt hinzu,

daß Fürst Bismarck am Sonntag vor seiner Ab⸗ reise nach Gastein in einer Unterredung mit dem

französischen Gesandten Marquis de Gabriae die

Kriegsentschädigungsfrage resp. die Anträge Frank- reichs auf frühere Räumung des occupirten Ge⸗ biets, als die Präliminarbedingungen vorschreiben, besprochen und ihm keinen Zweifel über das Ver⸗ hältniß Frankreichs zu Deulschland gelassen habe. Marquis de Gabriae soll sofort an Herrn Thiers in längerer Depesche das Resultat seiner Rück-

sprache mit dem Reichskanzler gemeldet haben und

Herr Thiers wird nun den Friedensunterhändlern in Frankfurt jedenfalls bestimmte Weisung zugehen lassen, wenn es ihm überhaupt um eine Verstän⸗ digung mit Deutschland zu thun ist.

DieTribüne will wissen, Herr Stieber

sei nach Gastein abgereist, wo eine Verabredung gemeinschaftlicher Grundsätze über das Verfahren gegen die propagandistische Thätigkeit der Inter⸗ nalionalen zwischen den beiden Reichskanzlern be⸗ absichtigt werde.

DerReichsanzeiger veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung, betreffend die näheren Be⸗ stimmungen der Einführung des Artikels zu der Reichs verfassung(Gemeinschaftliche Zollgrenze) in Elsaß⸗Lothringen. 5

München. Auf Befehl des erzbischöflichen Ordinariats wurde die Nikolai-Kirche am Gasteig⸗ berg, in welcher Professor Dr. Friedrich die Trauung des Kaufmanns J. B. Mayer vorge- nommen hatte, geschlossen, obgleich dieselbe städti⸗ sches Eigenthum ist und daher über sie nur vom Magistrat verfügt werden kann. Der Magistrat ordnete hierauf sofort einen Rechtsrath als Com- missär ab, auf dessen Befehl der Meßner die Kirche öffnen mußte, und zugleich augewiesen wurde, seine übrigen Funktionen, wie Gebetläuten u. s. w., wie bisher vorzunehmen. Den weiteren Schritten des Ordinariats wird die gleiche Entschiedenheit des Magistrats entgegentreten. Wie man indeß vermuthet, wird der Erzbischof von Mänchen den hiesigen Magistrat, soweit er an der Einräumung der Kirche am Gasteig zu der von Dr. Friedrich vorgenommenen Trauung betheiligt ist, mit der Excommunication belegen.

Durch eine königliche Entschließung, datirt Berg, 21. August, ist das neue Ministerium fol- gendermaßen gebildet: Staatsministerium, Mini- sterium des königlichen Hauses und des Aeußern: Graf Hegnenberg Dux; Finanzministerium: von Pfretzschner; Kriegsministerium: v. Prankh; Cultus⸗ ministerium: von Lutz; Ministerium des Innern: Regierungspräsident v. Pfeufer; Justizministerium: Dr. Fäustle; die provisorische Leitung des Handels- ministeriums ist bis zu dessen sofort in Angriff zu nehmender Reorganisation dem Staatsrath Schubert übertragen. Die Wahl des Stifts probstes Döllinger zum Rector der Universität ist bestätigt worden.

Die Wahl des Professors Friedrich zum Universitätssenator wurde nicht bestätigt. Die Nichtbestätigung wurde demselben von der Regie rung mittelst eines Schreibens notificirt, in welchem derselbe unter dem Bedauern, daß die Bestätigung aus formellen Gründen unzulässig sei, in einer für Professor Friedrich höchst schmeichelhaften Weise constatirt, daß andere Gründe für die Nichlbestä⸗ tigung nicht vorhanden seien.

Straßburg. Dem Vernehmen nach ist bie im Gesetz, betreffend die Einverleibung Elsaß⸗ Lothringens in das deutsche Zollgebiet, vorgesehene Verordnung in Vorbereitung. Für die überwie⸗ gende Mehrzahl der Zolltarifsartikel, insbesondere Eisen⸗ und Webewaaren, soll Zollfreiheit ent weder unbeschränkt oder nur durch Ursprungs- zeugnisse beschränkt unmittelbar hergestellt werden.

Der Präfect des Niederrheins veröffent- licht eine Instruction zur Ausführung der Ver ordnung vom 18. April über den Schulzwang. Die Anwendung desselben findet vorläufig nur auf öffentliche und Privatschulen, welche von Kin dern besucht werden, die in Fabriken arbeiten, statt. Die Anwendung auf andere Privatschulen bleibt nach Bedürfniß vorbehalten.

Wie derKarlsr. Ztg. geschrieben wird, haben die Schwierigkeiten, die sich in den Frank⸗

furter Verhandlungen erheben, nicht ei 19 de⸗ von den elsässischen Industriellen gewünschten Ver⸗ längerung der Zollfrist ihren Grund,

schen Sparkassen und Gemeinden se träge zu entziehen sucht; daß sie ferner hiesige und die Bankiers anderer 0 welche mit der Auszahlung der fälligen Renten und Penstonen beauftragt sind, angewiesen hat, die Renten der

digen

Gemeinden und öffentlichen Institute nicht einzu-.

lösen.

5 Aules Frankreich. Paris. DasJournal officiel veröffentlicht ein Decret der Regierung, welches anbefiehlt, alle Maßregeln bezüglich der

Recrutirung der Altersclasse 1871 bis auf weiteren

Befehl einzustellen. 3 10 Briefen aus Versailles zufolge werden die Berathungen über die Verlängerung der Voll

machten Thiers, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit,

fortgesetzt, man weiß nur, daß dieselben eine ver söhnliche Wendung genommen haben.

DerAgence Havas zufolge wird als wahrscheinlich angenommen, daß betreffs der Frage der Vollmachtenverlängerung eine Vereinbarung auf folgender Grundlage getroffen werden wird: Die Vollmachten Thiers' werden auf so lange verläygert, als die gegenwärtige Nationalversamm⸗ lung ihre Functionen ausübt. Derselbe erhält den Titel eines Präsidenten der Republik. Man versichert, daß die Versammlung nach den Ferien zu der Berathung und Beschlußfassung über die Verfassung schreiten werde. i

Großbritannien. London. Das Parla⸗ ment wurde am 21. d. durch die königl. Com⸗ mission vertagt. Die Thronrede bedauert die Nichterledigung gewisser Maßregeln, zählt die Re⸗ sultate der Session auf und dankt für die Be⸗ willigung des Budgets. Sie führt ferner an, daß die Ereignisse auf dem Continent die freundschaft⸗ lichen Beziehungen mit den ausländischen Mächten unberührt gelassen haben. Die großbritannische Regierung wird sich an den Völkerfragen nur be⸗ hufs der Wahrung des allgemeinen Einverständ⸗ nisses und des öffentlichen Rechtes betheiligen, Die einstimmige Entscheidung der Conferenzmächte zu einem neuen Pontusvertrage sichere hoffentlich die Ruhe und Wohlfahrt des Orients. Dik Be⸗ ziehungen zu Amerika seien besonders befriedigend. Amerika und England gaben das gute Beispiel durch die Beachtung der Bestimmungen des Pa- riser Vertrages, internationale Differenzen durch Conferenzen auszugleichen. Das Parlament von Canada habe das Recht, über Bestimmungen des Washingtoner Vertrags, welche Canada betreffen, abzuurtheilen. Die französische Regierung hat ine Modisicirung des Handelsvertrages gewünscht; die englische Regierung hegt den Wunsch, dem be⸗ freundeten Staate entgegenzukommen, würde aber eine Beschränkung des Handelsverkehrs bedauern.

Spanien. Madrid. DemImparcial zufolge dürfte das Budget durch die projectirten Ersparnisse auf 600 Millionen Pesatos herabge⸗ mindert werden. Das Deficit würde sich alsdann auf 11½ Mill. beziffern und zu Veränderungen an der Staatsschuld keine RNothwendigkeit vor⸗ handen sein.

sondern auch darin, daß die französische Regierung sich gewissen Verpflichtungen wan, e 9

Rußland. In zahlreichen Städten fand a

man Afsichen an den Mauern angeklebt, welche

die Vernichtung aller russischen Städte durch Feuet 1

verkündigen. Die weitgehendsten Maßregeln sind von Seite der Behörden wie der Einwohner er⸗ griffen worden. sehr ernst.

Man nimmt diese Brandbriefe 1

Homburg. Dieser Tagt wurde dahier eine junge

Frauensperson aus Magdeburg verhaftet, welche dahier, sowie auch in unserer Nachbarstadt Frankfurt die Läden unsicher gemacht hatte, indem sich namentlich in Mode⸗ waarenhandlungen und bei Juwelieren Sachen vorzeigen ließ. Sodann wurde dahier vor acht Tagen eine eng⸗ lische Taschendiebin, welche im Kurhaus die Taschen der

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Fremden erleichterte, zur Haft gebracht, doch sind daselbst 4

seit jener Zeit noch eine Reihe gleicher Diebstähle verübt worden und scheint es nach allen Anzeichen, als ob eine ganze Bande Londoner Taschendiebe hier ihr Wesen triebe, welches hoffentlich die längste Zeit gewährt haben wird.