Ausland.
Frankreich. Paris, 17. Mai. Die Ver⸗ sailler, welche nunmebr von Montrouge bis Issy in fortlaufender Communication stehen, haben Bat— terien auf dem Glacis von Vanvres etablirt; die⸗ selben greifen scetre und Haut Bruheres heftig an. Ein schreckliches Bombardement wird auf die Porte Maillot und den Are de Triomphe gerichtet.
— 18. Mai. Das Comite der öffentlichen Sicherheit hat einen Aufruf an die Nationalgarden erlassen, worin es dieselben beschwört, Paris den Triumph zu sichern, und die furchtbaren Folgen schildert, welche aus dem Siege der Versailler entstehen würden.— Ein gestern Abend spät von den Versaillern auf Neuilly unternommener Angriff wurde abgeschlagen. Die Batterien des Mont⸗ martre beschießen seit heute früh Schloß Becon. — In der gestrigen Sitzung der Commune wurde Rigault instruirt, für die von den Versaillern an den gefangenen Nationalgarden verübten Grau— samkeiten Repressalien an den diesseits gemachten Gefangenen zu nehmen.— Auf dem Marsfelde ist eine Patronenfabrik aufgeflogen. Die Explosion soll durch Geschosse der Batterie von Breteuil hervorgebracht sein. Die Zahl der Opfer wird den verschiedenen Berichten zufolge zwischen 50 und 200 geschätzt. Sämmtliche Fenster der Rue de Grenelle, der Rue de St. Dominique und der Avenue de la Motte Piquet sind gesprungen.
— 19. Mai. Die Versailler haben in der verflossenen Nacht Montrouge angegriffen. Die Föderirten waren anfangs gezwungen, Verstärkungen heranzuziehen, schlugen aber sodann den Angriff zurück und nahmen angeblich mehrere Kanonen. Ein Angriff auf Dorf Vanvres sei gleichfalls ab— gewiesen worden. Die Föderirten vertrieben ihrer Behauptung nach ein Corps von 6000 Mann Versailler Truppen aus dem Bois de Boulogne. — Einer officiellen Depesche der Commune vom gestrigen Abend zufolge wären die Versailler von den Trancheen vor der Porte de la Muette zurück— getrieben und die Trancheen meistens zerstört wor— den.— Seit gestern Nachmittag weht vom Fort Vanvres die Tricolore.
— Nach dem„Eri du peuple“ ist der Sicher heitsausschuß entschlossen, Paris lieber in die Luft zu sprengen, als zu capituliren. Die in der Kirche Notre⸗Dame des Victoires befindlichen silbernen Leuchter wurden im Wege der Requisition mit Beschlag belegt. Im Süden und Westen von Paris dauert die Kanonade fort.
— Eine Batterie von 30 Geschützen wurde an der Porte Dauphin etablirt. Die Kanonade ist heute weniger heftig. Während der Nacht darf Niemand die Thore von Paris im Norden und Osten ohne specielle Erlaubniß passiren.— Die Commune läßt die Nachricht verbreiten, daß die Föderirten gestern Abend die Positionen am Lyceum in Issy wieder genommen und die Versailler aus dem Dorfe Vanvres vollständig vertrieben haben. Dem„Salut public“ zufolge ist der Graf Ladis- laus Zamoyski bezüglich der Explosion der Patronen fabrik durch bei ihm vorgefundene Papiere schwer incriminirt, da aus denselben ein Einverständniß mit Versailles hervorginge.— Die Commune hat das Silberzeug und die Kostbarkeiten aus der Dreifaltigkeitskirche entnommen; ein Gleiches steht allen Kirchen bevor, welche alsdann geschlossen werden sollen. Das„Corps der Rächer Flourens'“ vollzieht alle Arrestationen und Requisitionen. Die Demolirung der Sühncapelle hat heute begonnen.
— 20. Mai, Die Verbrechen des Raubes und Diebstahls sollen, laut Decret der Commune, mit dem Tode bestraft werden. Alle Versammlungen find untersagt. Das Marinecorps ist aufgelöst.
— Das Journal„Reveille“ dementirt das Gerücht von der Räumung des Fort Montrouge. La Cecilia steht mit 12,000 Mann bei Petit Vanvres. Die erlittenen Schäden werden schnell ausgebessert. Bei den Vorposten befinden sich Mit⸗ glieder der Commune. Die Reiterstatue Heinrich IV. wurde aus dem Hotel de Ville entfernt. Die
Kirche von Notre-Dame ist geplündert und mili—
tärisch besetzt worden. 7 Heute Nachmittag fand ein heftiger Kampf im Westen und Südwesten statt; derselbe war sehr
mörderisch; die Zahl der Verwundeten auf Seiten ssie respektirt, die Commune von Paris hat sie zu
der Insurgenten soll bedeutend sein. Die Commune erklärt sich mit den heutigen Erfolgen zufrieden. Die Batterie auf dem Montmartre demolirte die Batterie bei Gennevillers. Die Einwohner der in der Nähe von Malakoff liegenden Dörfer sowie von Vaugirard und Montrouge fliehen. In dem Gefängniß von St. Lazare werden 70 Nonnen nebst 200 anderen Weibern gefangen gehalten. Die Versailler haben gestern und beute die An- kunft von Lebensmitteln in Paris verhindert.
— 21. Mai. Die Versailler errichten drei schwere Breschbatterien, welche auf Auteuil feuern. Im Bois de Boulogne wird Alles zu dem allge⸗ meinen Angriff bereit gehalten. Die ganze Nacht hindurch heftige Kanonade. Im„Vengeur“ ver⸗ langt Felix Pyat die Abschaffung der Beichte und die Besteuerung aller Unverbeiratheten.
— Das Centralcomite fordert alle Pariser Grundbesitzer auf, innerhalb 48 Stunden in die Stadt zurückzukehren, da sonst die Besitzdokumente vernichtet würden.
Versailles, 18. Mai. Das„Journal officiel“ veröffentlicht einen Artikel, welcher die ungeheueren Schwierigkeiten betont, die besiegt werden mußten, um in Versailles das Centrum der militärischen Operationen gegen das insurgirte Paris zu schaffen, und welcher sich gegen Die— jenigen wendet, die nach der Befreiung der Haupt— stadt seufzen und sich nichtsdestoweniger gegen die Maßregeln ereiferten, durch welche dieselbe vor— bereitet werde. Der Artikel schließt folgender— maßen:„Die Regierung thut Alles, was Menschen möglich ist, um die Unschuldigen zu schonen und die Wirkungen eines Kampfes zu beschränken, dessen Opfer unglücklicherweise nicht allein die Schuldigen sind; aber sie kann nicht Wunder thun. Die- jenigen, welche sie von ihr verlangen, zeigen durch ihre sich widersprechenden Forderungen, daß sie noch ihre Erziehung als Bürger eines freien Landes zu machen haben.“
— Die Nationalversammlung berieth heute über den Friedensvertrag. Der Berichterstatter wies auf die Abweichung desselben von dem Prä— liminarfrieden hin, wonach die Räumung erst nach Wiederherstellung der Ordnung erfolgen soll. Der Berichterstatter hofft jedoch, die Anwesenheit der deutschen Truppen werde sich abkürzen lassen, nach— dem der Finanzminister die Versicherung ertheilt habe, daß die ersten 1500 Millionen mittelst einer einzigen Anleihe auf ein Mal bezahlt werden wür— den. Der erste Artikel des Commisstonsantrages geht auf Ratifikation des Vertrags. Der Artikel wird einstimmig angenommen. Artikel 2 des Com- missionsvorschlags beantragt Genebmigung des Gebietsaustausches. General Chanzy und andere Redner bekämpfen den Austausch. Thiers bemüht sich, zu beweisen, daß die Grenze von Luxemburg keinen militärischen Schutz gewähre und deren Ab— tretung in keiner Weise unsere politischen Interessen schädige, während Belfort, welches den Ausgang; zwischen den Vogesen und dem Jura versperrt, von außerordentlicher strategischer Bedeutung ist. Seit dem Verlust von Straßburg hat Belfort eine noch größere Wichtigkeit. Die Cantone, welche Belfort neuerdings zugetheilt werden sollen, ver— binden die Vogesen mit dem Jura und machen Belfort zu einem der festesten Plätze in Europa. Thiers erklärt weiter, Fürst Bismarck suche die Kohlenlager der Ardennen nur aus dem Grunde zu erwerben, um die Elsässer zu gewinnen und die rheinische Industrie zu entwickeln, aber Frankreich besitze anderwärts weit werthvollere Kohlenlager, die Abtretung einer Parzelle habe nichts zu sagen. Im ferneren Verlaufe seiner Rede erinnert Thiers an seine Opposition gegen die Kriegserklärung, an seinen Schmerz, einen solchen Frieden unter zeichnen zu müssen, protestirt gegen Verleumdungen und fügt hinzu, er halte diesen Vertrag für eine hochpatriotische Handlung. Die Generale Duerot und Chabaud befürworten den Gebietsaustausch aus militärischen Gründen. Artikel 2 wird hierauf mit 440 gegen 98 Stimmen angenommen.
Versailles, 19. Mai. Ein Tagesbefehl Mar Mahons, in welchem die Zertrümmerung der Vendome⸗
Säule angezeigt wird, sagt: Die Fremden haben
Boden geworfen. Menschen, die sich Franzosen nennen, haben unter den Augen der Deutschen, welche uns beobachten, gewagt, dieses Zeugniß der Siege Eurer Väter über das coalirte Europa zu zerstören. Hofften sie dadurch das Andenken der militärischen Tugenden, deren ruhmvolles Symbol die Säule war, zu verwischen? Soldaten, wenn die Erinnerungen, welche die Säule hervorrief, auch nicht mehr auf Erz eingegraben sind, sie wer— den dafür in unseren Herzen fortleben, wir wer⸗ den durch sie begeistert Frankreich ein neues Pfand patriotischer Tapferkeit und Opfermuthes geben.
— Zwei Bataillone unserer Truppen haben gestern Abend mit dem Bajonnet Grange Ory, Maison Plichon und bierauf Fort Montrouge ge- nommen. Die Föderirten hatten ungefähr 400 Todte und Verwundete, sowie 42 Gefangene, unter diesen einen Bataillonschef und mehrere Offiziere, welche heute nach Versailles gebracht werden sollen. Auch eine Fahne fiel in die Hände der Soldaten. Die Truppen haben in der Folge die eroberten Positionen, welche zu sehr dem seind⸗ lichen Feuer ausgesetzt waren, wieder geräumt. Unser Verlust ist gering.
Versailles, 20. Mai. Die Neationalver⸗ sammlung nahm die Dringlichkeit eines Antrags an, welcher verlangt: 1) daß die Behörden sich in Einvernehmen mit den deutschen Befehlshabern setzen, um die Städte zu bezeichnen, in welchen die deutschen Truppen Garnison beziehen werden; 2) die Municipalbehörden aufzufordern, die nöthigen Einrichtungen zum Unterbringen dieser Truppen zu treffen.
— Es bestätigt sich, daß Rochefort mit einem gewissen Mouret in Meaux verhaftet wurde. Die beiden Gefangenen werden unverzüglich in Ver⸗
sailles eintreffen.
Belgien. Brüssel. Die„Indépendance belge“ berichtet aus Paris: Die reactionäre Rechte der Nationalversammlung verhehlt nicht mehr ihre Absicht, Thiers so bald als möglich abzusetzen. Sie offerirte dem Kammerpräsidenten Greévy die Präsidentschaft des Ministeriums und der Executive. Derselbe hat abgelehnt. Mae Mahon wurde hierauf angegangen, der indeß mit Hinweis auf seine Freundschaft mit Thiers gleich- falls ablehnte. Zuletzt wandte man sich an den General Changarnier, der völlig mit Thiers ge— brochen hat, aber bisher noch keinen Bescheid auf die Offerte ertheilte.
Großbritannien. London, 20. Mai. Die„Times“ melden aus Versailles vom 19. d.: Fort Montrouge ist eingeschlossen. Die Truppen marschiren gegen Hautes Brypydres.— Das Hauptquartier des Kronprinzen von Sachsen be— findet sich in Margency.— Der„Daily Tele- graph“ meldet aus Versailles vom 19. d.:„Ein Parlamentär ist angekommen. Ein Ausfall der Födcrirten aus dem Boulognerthor wurde zurück⸗ geschlagen. Die Föderirten hatten starke Verluste.
Italien. Rom. Am 14. Mai hat Papst Pius IX. seinen 79. Geburtstag gefeiert.
Donaufürstenthümer. Bukarest. Die Wahlen der wallachischen Großgrundbesitzer sind durchaus günstig für die Regierung ausgefallen.
Friedberg. Die Nachtfröste der vorigen Woche haben übereinstimmenden Berichten nach auch in unserer Gegend großen Schaden verursacht, namentlich haben die Kartoffeln, Gariengewächse, Kirschen und anderes Obst stark gelitten.
D. Nauheim, 21. Mai. Heute ist unsere erste Kur⸗ liste ausgegeben worden. Dieselbe zeigt bereits eine er— freuliche Frequenz, wodurch die Hoffnungen auf eine gute Saison vermehrt werden. Die Gesammtzahl angekom⸗ mener Fremden beträgt bereits 300, darunter finden wir den Fürsten zu Hohenzollern und Eisenwerk⸗Besitzer Krupp aus Essen. Unsere Häuserbesitzer sind eifrig be⸗ schäftigt, die letzten Vorbereilungen zum Empfange der bereits zahlreich angemeldeten Kurfremden zu vollenden.
L. Ans dem Kreise Vilbel. Zur Warnung des Publikums glaubt Einsender nachstehenden Vorfall zur Veröffentlichung bringen zu sollen: Kömmt eine saubere Gesellschaft aus der Gegend von Hessen-Cassel zu uns nach Oberhessen, kehrt auf dem einzeln stehenden Gehöfte eines alten, leidenden Müllers und Gutsobesitzers ein, kauft diesem sofort Mühle, Haus, Hof, Viehstand, Schiff und Geschirr, Acker und Wiesen ab. Der Verlrag wird sogleich abgeschlossen; aber wie? Der Verkäufer wird mit allen möglichen Klauseln an Händen und Füßen gebunden,
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