Ausgabe 
18.2.1871
 
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Kriegs nachrichten.

Aus Versailles wird demDaily Tele- graph gemeldet: Wenn die vom Grafen Bismarck festgestellten Friedensbedingungen, die er Herrn Jules Favre, aber Niemanden anders. vertraulich mitgetheilt hat, von der durch die Natlonalper⸗ sammlung zu ernennenden Reglerung nicht an⸗ genommen werden sollten, dann werden die Feind⸗ seligkeiten unmittelbar nach Ablauf des Waffen- stillstandes wieder aufgenommen werden, und gegen Paris wird auf's Strengste vorgeschritten werden, um Unterpfänder für die Kriegskosten in Beschlag zu nehmen. Die letzteren werden mindestens auf vier-Milliarden festgesetzt werden, aber ich glaube, daß man bezüglich anderer Punkte Contcessionen machen wird. Officiell wird mir versichert, daß die unlängst von einem Londoner Blatte ver öffentlichten Friedensbedingungen aus der Luft gegriffen waren. Alle geg nwärtig vor Paris liegenden Truppen find verstärkt und wieder auf ihre volle Kriegsstärke gebracht worden. Viele Regimenter haben für ihren Einmarsch neue Uni- formen bekommen. Die neuen Verstärkungen sind meist ungewöhnlich schöne Leute, selbst für die preußen, und die Landwehr ist geradezu in wun⸗ detbatem Zustande. Das 4. Corps ist unter Ordre für Chartres. Die 22. Division, General Wittich, ist soeben hier eingetroffen, wo Ver- stärkungen für sie bereit waren. Sobald der Frieden proklamirt wird, werden sofort alle Land⸗ wehr ⸗Infanterit- Regimenter und die Reserve⸗ Cavalerie und Artillerie nach Hause geschickt und entlassen werden. Die Linie wird in den annexirten Provinzen und denjenigen Theilen Frankreichs bleiben, welche bis zur Zahlung der Kriegskosten besetzt bleiben sollen. Die Garnisonirung der Festungen von Elsaß und Lothringen wird etwa 60,000 Mann erfordern.

Versailles. Mit Rücksicht auf die eifrigen Rüstungen der Franzosen im Süden und auf die Einberufung der Altersklassen von 1872 wurde bei der Verhandlung Jules Favre's mit dem Grafen Bismarck über die Fortdauer des Waffen- stillstandes nur eine Verlängerung von 5 Tagen bewilligt.

Deutscher Seits hat man alle Fälle in's Auge gefaßt, um sofort bedeutende Heeresmassen von der Loire nach dem Süsen dirigiren zu können. Da Lyon von dort in 8, Bordeaux in 12 und Marseille in 20 Tagen zu erreichen ist, so könnte Frankreich leicht noch das Schauspiel erleben, seine gesammten, vom Kriege bisher noch verschont gebliebenen südlichen Provinzen von den deutschen Heeren überfluthet zu sehen, und der Krieg müßte rücksichtsloser geführt werden, schon um ihn rascher zu beenden.

Versailles. Die Kriegssteuer der Stadt Paris ist folgendermaßen bezahlt worden: 100 Millionen in Bankbillets, 50 Mill. in Wechseln auf Paris und 50 Millionen in Wechseln auf Kondon. DerSiecle räth der Bevölkerung, die sehr aufgebracht ist, im Fall des Einzugs der Deutschen in den Häusern zu bleiben und die⸗ selben schwarz auszuschlagen. Er befürchtet einen blutigen Zusammenstoß. Dieppe hat seine Steuer(1 Million), die ihm nicht erlassen wurde, in Wechseln auf London bezahlt.

Der Generalmajor Freiherr v. Falckenstein ist zum General- Gouvernement in Lothringen commandirt worden und bereits nach Nancy gereist.

Das ganze 5. Armeecorps ist nach Orleans abgegangen und das 6. wird wahrscheinlich nachfolgen.

Die Zahl der aus Frankreich vertriebenen Deuischen wird demDresdn. Journ. aus dem sächsischen Hauptquartier vor Paris von gut unterrichteter Seite auf 110 120,000 angegeben. Viele von ihnen haben nur ganz geringfügige Schadenansprüche angemeldet. Dagegen gibt es auch bei Einzelnen Schadennachweise, welche in die Millionen gehen, zumal bei größern Fabrik besitzern und bei Geschästsleuten, deren ganzer Betrieb dauernd ruinirt worden ist. Durchschnitt⸗ lich wird per Kopf ein Schadenanspruch von 3000 Fres. herauskommen.

Deut schland.

Darmstad t. Die zweite Kaumer wird am 23. d. M. ihre Sitzungen wieder aufnehmen.

DieH. V. machen darauf aufmerksam, daß mit dem Herannahen des Friedensschlusses auch die Frage der Entschädigung für die aus Frankreich ausgewiesenen Deutschen wieder in den Vordergrund tritt, denn es unterliegt gewiß keinem Zweifel, daß das französische Volk diesen Opfern des Kriegs, welche größtentheils mit Hinterlassung ihrer ganzen Habe flüchten mußten, den durch die barbarische Ausweisungsmaßregel erlittenen Scha⸗ den ersetzen muß. Bereits haben sich an vielen Orten Comite's zur Wahrung der Interessen der auegewiesenen Deutschen gebildet und mehrere Regierungen in dankenswerther Fürsorge für ihre speziellen Landesangehörigen sich dieser Sache an- genommen. Da nun auch eine nicht unbedeutende Anzahl unserer Hessischen Landsleute durch die Ausweisungen beträchtlichen Schaden erlitten, so wäre es dringend zu wünschen, daß bald Schritte geschehen, um auch deren Interessen zu wahren.

* Friedberg. Nach derD. Ztg. ist das Großherzogthum zur Vornahme der Wahlen der Abgeordneten für den deutschen Reichs- tag in neun Wahlkreise getheilt worden. Die beiden Orte Kastel und Kostheim, welche bisher zu dem zweiten Wahlkreise(Friedberg Vilbel Büdingen) gehörten, sind dem neunten(Kreis Mainz und eine Anzahl Orte des Kreises Oppen⸗ heim) zugetheilt worden. In unserem Wahl- kreise wird von den früheren Wählern des seit⸗ herigen Reichstagsabgeordneten Buff derselbe wiederum als Candidat empfohlen, während von der Gegenpartei der Landtagsabgeordnete der Stadt Friedberg, G. v. Wedekind, in Vor- schlag gebracht worden ist.

Berlin. Eine Verordnung des General⸗ Postamtes verfügt, daß von jetzt wieder verschlossene gewöhnliche Briefe, recommandirte Briefe mit Werthsachen nach Paris befördert werden dürfen gegen die vor Ausbruch des Krieges in Kraft gewesenen Taxen.

DieProv. Corresp. schreibt bezüglich der Nationalversammlung in Bordeaux:Sobald bestimmte Aussicht auf Verständigung über die Grundlage des Friedens vorhanden ist, dürfte eine Verlängerung des Waffenstillstandes behufs der definitiven Friedensverhandlungen eintreten. Voraussichtlich wird die Nationalversammlung alsdann nach Paris verlegt. Andernfalls wird die Fortsetzung des Krieges nach dem Ablauf des Waffenstillstandes sofort mit aller Energie beginnen, wozu bereits alle Vorbereitungen getroffen sind. Doch ist die volle Zuversicht begründet, daß dieser Fall nicht eintreten wird und unsere Truppen in nicht langer Zeit lorbeergekrönt heimkehren werden. Die Regierung beabsichtigt, den Landtag Sonnabend, den 18. d., zu schließen.

Frankreich. Paris. Die Zeitungen er⸗ klären die langsame Zählung der Stimmzettel mit der großen Zahl der Candidaten, welche 3000 überstieg, und mit der großen Schwierigkeit des Zusammenrechnens in Folge der Verzettelung der Stimmen.

Das JournalSoir sagt, General Chanzy habe die Fortsetzung des Krieges für ab⸗ solut unmöglich erklärt. Die Anzahl der aus- gefertigten Geleitscheine beträgt 140,000.

Aus Paris meldet man vom 10. d.: In der Bevölkerung herrscht große Aufregung in Folge des Gerüchts über den beabsichtigten Einzug der deutschen Truppen. Es ist die Rede davon, General Aurelles de Paladines zum Commandanten eines Armeecorps, das im Depar tement der Gironde zum Schutze der National versammlung von Bordeaux gebildet werden soll, zu ernennen.

Die Nachricht, daß Gambetta Bordeaux verlassen habe, bestätigt sich nicht. Aber er sei ernstlich erkrankt.

DasJournal officiel veröffentlicht fol- gendes Wahlresultat von Paris: Louis Blane 216,000, Victor Hugo 214,000, Garibaldi

200,000, Quinet 199,000, Gambetta 191,000,

Rochefort 163,000, Saisset 154,000, 149,000, Pypat

Malou 117,000, Brisson 115,00. uvage 102,000, Bernard 102,000, Dufrais 101,000, Greppo 101,000, Langlois 95,000, Frebault 95,000, Clemenceau 95,000, Vacherot

94,000, Brunet 93,000, Floquet 93,000, Cour⸗

net 91,000, Tolain 89,000, Littré 87,000,

Jules Favre 81,000, Armand 79/000, Ledru-

Rollin 76,000, Say 75,000, Tirard 75,000, Rovropona(?) 74,000, Adam 73,000, Milliere 73,000, Peyrat 72,000, Ferry 69,000 Stimmen.

Jules Favre ist am 14. ds. hier eingetroffen. Zum Nachfolger des Commandanten der National-

garde, Genergl Clement Thomas, welcher demis⸗ stonirte, ist General Vinoy ernannt. Die Stadt ist vollkommen ruhig.

Wie demDaily Telegraph vom 12. d. geschrieben wird,ist jetzt in Paris genügend Mehl vorhanden, um Brod für 25 Tage backen zu können. Zufuhren jeder Art treffen jeden Tag schneder ein. Selbst Kohlen langen in solch reichlichen Quantitäten an, daß die Gas-Compagnie in einigen Tagen die Beleuchtung der Hauptstadt wieder beginnen wird. Die Ladenbesitzer ziehen ihre Uniformen aus; Beinkleider ersetzen hohe Stiefeln und Gamaschen; hohe Hüte kommen stark zum Vorschein und Käppi's wie Calabreser verschwinden in enisprechender Weise. Wenn die Preußen einrücken, werden sie halb Paris in Civiltracht finden. Das Cafeleben ist noch immer sehr theuer; die mindeste Mahlzeit kostet 7 Fres, und ein beschtidenes Diner nebst einer Flasche ordinären Weines das Doppelte dieses Betrages. Seit der Oeffnung der Thore bis zum 11. d. sind 4219 Ochsen, 7051 Schafe, 494 Kühe, 387 Schweine, 6000 Tonnen Waizen, 18,000 Tonnen. Mehl, 1600 Tonnen Schiffszwieback. 2100 Tonnen präservirtes Fleisch, 5000 Tonnen Schinken und Speck, 1300 Tonnen eingesalzene Fische, 445 Tonnen Butter, 260 Tonnen Käse, 2000 Tonnen Gemüse, 1200 Tonnen Fourage verschiedener Art und 2600 Tonnen Kohlen und sonstiges Feuerungsmaterial nach Paris gebracht worden.

Bordeaux, 14. Febr. Sitzung der National⸗ versammlung. 450 Deputirte anwesend. Der Präsident verliest ein Schreiben Cremieux, worin derselbe seine Demission anzeigt. Die Bureaux sind eisrig mit Wahlprüfungen beschäftigt. Die Frage betreffs der Wahlen des Prinzen Joinvillt und der Präfekten bleibt späterer Berathung vor⸗ behalten. Wahrscheinlich wird Gréyp deßinitiver Präsident der Nationalversammlung; als Vice⸗ präsidenten werden Trochu, Dufaure, de Larcey und Changarnier bezeichnet. Als zukünftiger Präfident der neuen Regierung wird Thiers ge⸗ nannt. General Chanzy ist bier eingetroffen.

Garibaldi hat das Commando der Vogesen⸗ armee, da seine Mission beenditzt sei, niedergelegt. Die Regierung nahm seine Demission an, indem sie ihm im Namen des Landes ihren Dank aus- sprach. Die Antwort ist von allen Regierungs- mitgliedern unterzeichnet.

Jules Favre, welcher am 13. d. nach Paris abreiste, ist von der Nationalversammlung beauftragt worden, mit dem Grafen Bismarck wegen Verlängerung des Waffenstillstandes zu unterhandeln.

15. Februar. Die Nationalversammlung nahm heute Wahlprüfungen vor. Der Präsiden! theilte am Schluß der Sitzung mit, die Ver⸗ sammlung werde morgen zur Constituirung der Regierung schreiten. Derselben wird die Auf⸗ gabe obliegen, im Namen der Versammlung in die Verhandlungen über die Kriegs- und Friedens frage einzutreten.

Lille. DerPropagateur de Lille ziebt bei der Besprechung der Pariser Wahlen den Schluß, es werde in Zukunft nöthig sein, daß die Nationalrersammlung nicht mehr in Paris tage, damit eine Sicherheit gegen die Wiederholung des 4. September erlangt werde.

Bei Gelegenheit einer abgehaltenen Truppen⸗

141,000, Mar. 135,500 ö

Pothuan 138,000, Locroy 134,000, Gambon 129,000, Dorian 128,000, Rane 126,000,

iere 102, 9 5

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