Ausgabe 
15.6.1871
 
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den ist, den durch die Einziehung besonders schwer geschädigten Offizieren, Aerzten und Mannschaften der Reserve und Landwehr die Wiederaufnahme

ihres bürgerlichen Berufs möglichst zu erleichtern.

Der BundesratY ordnet die Vertheilung dieser Summe durch die einzelnen Bundesregierungen an. 13. Juni. Reichstag. Das Militär- Pensionsgesetz wird definitiv nahezu einstimmig angenommen. Es folgt die erste Berathung des Gesetzentwurses, betreffend die Beihülfe an Ange- hörige der Reserve und Landwehr. Ueber die geschͤftliche Behandlung der Vorlage entspinnt sich eine längere Debatt e, in deren Verlaufe der Reichskanzler hervorhebt, daß die Ansicht der Bundesregierungen über den Bunsen'schen Antrag noch dieselben seien wie früher, daß die Regierungen die Nothwendigkeit eines solchen Gesetzes schon vor dem Bunsen'schen Antrage erkannt und den Wunsch gehegt hätten, Abhülfe zu schaffen. Schließ lich wird der Antrag Hennig's auf Ueberweisung dieser und der Dotationsvorlage an eine Commis- sion mit geringerer Majorität abgelehnt, somit die Plenarberathung angenommen. Es folgt die erste Beratbung der Dotationsvorlage. Fürst Bismarck erklärt, die Vorlage sei von den anderen innerlich verschieden, jene sei ein Act der Unter- stützung, diese ein Act der Freigebigkeit des Kai⸗ sers, und er(der Reichskanzler) bitte um ihre Unterstützung.Ich will Sie nicht darauf auf⸗ merksam machen, wie dieser Krieg hätte verlaufen können, wenn nicht unser Kaiser auf dem preußi⸗ schen Thron gesessen hätte. War es nicht möglich, daß ein anderer Regent nicht den Muth batte, Thron und Leben einzusetzen, oder aus Friedens- liebe den Krieg vermied, oder aus Mangel an Geschick unterlag. Wem verdanken wir die so glückliche Beendigung des Kriegs. In erster Linie dem Könige, in zweiter seinen treuen Verbündeten. Wenn ein Monarch, an Jahren und Ehren reich, so eben einen Krieg so durchgeführt und siegreich nach langem Interregnum als deutscher Kaiser zurückkehrt und sich fragt: wem habe ich zu danken? so fällt sein Blick zuerst auf sein Heer, auf die Tapferkeit und Tüchtigkeit der Generale. Muth haben auch die Franzosen gehabt, aber das Ge schick der Führer fehlte. Stellen sie sich auf die Höhe der Situation, vergessen Sie die Stellung der bewilligenden Abgeordneten, denken Sie daran, einen Herzenswunsch des Kaisere zu erfüllen und nehmen Sie die Vorlage an. v. Unruh beantragt im Namen seiner politischen Freunde unter Hin- weis auf den Vorgang des Jahres 1866, die Vorlage an eine Commission von 14 Mitgliedern zu verweisen. Abg. Löwe beantragt Plenarbe⸗ rathung. Nach kurzer Debatte wird die Vorlage an eine Commission von 14 Mitgliedern verwiesen, für welche die Oeffentlichkeit ausgeschlossen wird. Die Wahl der Mitglieder soll sofort eine halbe Stunde nach dem Schluß der Sitzung erfolgen, die Commission sich sogleich constituiren und, wenn möglich, noch heute in Berathung treten.

Der Kaiser wird sich gegen den 20. d. zu einem kurzen Besuche des Kaisers Alexander nach Ems begeben, mit Rücksicht darauf, daß der Kai⸗ ser von Rußland zu der Zeit, da unser Kaiser zur Kur in Eus eintrifft, den Ort bereits wieder verlassen haben wird.

Zußfolge allerhöchster Bestimmung bezüglich des Einzugs stehen die Truppen am 16. Juni, Vormittags 11 Uhr, auf dem Tempelhofer Felde in Aufstellung, an der Spitze 81 französische Adler, Fahnen und Standarten. An der Spitze des ganzen Zuges reiten, geführt vom General⸗ Feldmarschall Graf Wrangel(für dessen Verhin⸗ derung vom Gouverneur von Canstein) alle nicht mobil gewesenen Generale und Stabsoffiziere. Dann folgen die Offiziere des Kriegsministeriums, des Generalstabs des großen Hauptquartiers und der Armee⸗ Oberkommandos, an deren Tete die Generale v. Blumenthal, v. Podbielski, v. Stosch und v. Stiehle, dann die Adjutanten der höheren Commandostäbe, denen sich die Armee ⸗General- Aerzte, der Militär ⸗Inspecteur der freiwilligen Krankenpflege und die Armee⸗Delegirten des Jo- hanniter⸗ und Maltheser-Ordens anschließzen können, weiter die Adjutanten der königlichen Prinzen und

anwesenden Fürsten, die anwesenden mobil ge⸗ wesenen Generale und Stabs⸗ Offiziere, soweit ihnen nicht besondere Plätze angewiesen werden, die Geyeral-Adjutanten, Generale Ala suite und Flügel- Adjutanten des Kaisers, die General- Gouverneure Herwardt v. Bittenfeld, Vogel v. Falckenstein, v. Bonin, v. Rosenberg⸗Gruscynski und v. Fabrice, die hier anwesenden commandirenden Generale und General-Inspecteure, Prinz Georg von Sachsen, v. Hindersin, v. Alvensleben II., v. Voigts-Rhetz, 9. Tümpling, v. Zastrow, v. Manstein, v. Hart- mann, v. d. Tann, v. Fransecky, v. Kirchbach, v. Werder, Hann v. Weyhern, v. Bose, v. Alvens- leben I. und v. Kameke. Ihnen folgen die hier anwesen den Oberbefehlshaber, der Großherzog von Mecklen burg Schwerin, der Kronprinz von Sachsen, v. Stein⸗ metz und v. Manteuffel. Alsdann unmittelbar vor dem Kaiser Fürst Bismarck, Graf Moltke und v. Roon. Zunächst hinter dem Kaiser der Kronprinz und Prinz Friedrich Carl, dahinter der General⸗Ad⸗ jutant und Flügeladjutant vom Dienst und als dann die Truppen. Der Vorbeimarsch findet an der Blücherstatue statt. Die Zahl der einziehenden Truppen wird sich auf circa 42,000 Mann be- laufen; es sind dabei betheiligt 1600 Offiziere, 38,700 Gardetruppen, sowie die Deputationen 1500 bis 1600 Mann. Der Vorbeimarsch wird also wohl nahezu 6 Stunden dauern. Unmittel- bar nach Beendigung desselben erfolgt die Ent hüllung des Denkmals Friedrich Wilhelms III.

DerReichsanzeiger publicirt das Gesetz, betreffend die Vereinigung von Elsaß-Lothringen mit dem deutschen Reiche.

Die Generaldirection des Telegraphen- wesens macht bekannt, daß die Wiederaufnahme des Privatdepeschenverkehrs, jedoch mit Ausschluß chiffrirter Privattelegramme, zwischen Deutschland und Frankreich am 16. Juni beginnt.

Um der Verbreitung ansteckender Krankheiten vorzubeugen, ist angeordnet worden, daß sämmt⸗ liche Uniformen, welche von solchen Soldaten, die an Typhus oder Pocken verstorben, getragen wor den sind, verbrannt werden sollen. Die Uniformen der aus dem Feldzuge zurückkehrenden Truppen sollen sämmtlich auf chemischem Wege einer gründ lichen Reinigung unterworfen werden. Es werden deshalb die in die Garnisonen zurückkehrenden Truppen sofort mit neuen Montirungsstücken ver sehen werden. l

Fulda. Unserem Mitbürger dem Landmesser W. Th. Hufnagel ist der Antrag geworden, die Arbeiten der Grenzregulirung zwischen Frank reich und Deutschland zu leiten. Derselbe hat sich bereits nach seinem Bestimmungsort Metz be geben.

Ems. Kaiser Alexander von Rußland ist mit dem Großfürsten Alexis und großem Gefolge hier angekommen.

Frankfurt. DasFr. J. schreibt: Die diplomatischen Conferenzen nehmen ihren ungestör⸗ ten Fortgang. Den Mittheilungen anderer Blät⸗ ter entgegen können wir berichten, daß die Con- ferenz nicht über die nächste Woche hinaus dauern wird. Auch handelt es sich nicht, wie vielfach vermuthet und angegeben wurde, um Finanzfragen, sondern lediglich um die Fesistellung von Details für die durch den Frankfurter Frieden vom 10. Mai stilpulirte Grenzregulirung bei Luxemburg und Belfort.

Dresden. Der König hat der deutschen Kaiserin Augusta, Königin von Preußen, den Sidonien-Orden verliehen. N

Karlsruhe. Der Großherzog hat dem Fürsten Bismarck den Hausorden der Treue in Brillanten mit der goldenen Kette und dem Geh. Rath Delbrück das Großkreuz mit der gol⸗ denen Kette des Ordens vom Zähringer Löwen verliehen.

Straßburg. Daß von den Festungen in Elsaß⸗Lothringen der Platz 2. Classe Marsal eingehen soll, ist schon früher erwähnt. Aus der Bestimmung, daß außer den Gouverneuren und Commandanten für Metz und Straßburg nur noch Commandanten für Diedenhofen(Thionville), Neu- breisach und Bitsch ernannt werden sollen, darf man vielleicht schließen, daß auch Schlettstadt und

die kleineren Vogesenplätze Lichtenberg, Lützelstein (Petite Pierre) und Pfalzburg ihre Festungseigen⸗ schaft verlieren sollen. Bitsch erklärt sich aus seiner Bedeutung als Sperr⸗ veste für die Eisenbahnlinie Hagenau-Saargemünd.

Ausland.

Oesterreich. Wien. Felktzeugmeister Freiherr v. Gablenz wird dem deutschen Kaiser anläßlich der Enthüllungsfeier des Denkmals König Friedrich Wilhelm's III. ein eigenhändiges Glück⸗ wunschschreiben des Kaisers von Oesterreich über- bringen.

Frankreich. Paris. Der Maorschall Mae Mahon hat eine ihm von Wählern der Charante-inférieure angetragene Candidatur für die Nationalversammlung abgelehnt; sein Entschluß, sich in das Privatleben zurückzuziehen, ist uner⸗ schütterlich.

Die Gesellschaft der Nordbahn gibt vom

11. d. an directe Billete nach Köln aus. Der Expreßzug geht um Uhr Morgens ab und langt Abends um 11 Uhr in Köln an. Der Postzug geht um Uhr Abends von hier ab und trifft 11½ Uhr Morgens dort ein.

DieOpinon nationale schreibt: Die Budget- Commission hat folgendermaßen die Be- soldungen der hohen Würdenträger bestimmt: Chef der executiven Gewalt 40,000 Frs. monatlich, Minister 50,000 Frs. jährlich. Das Kriegs- gericht in Marseille hat diejenigen Solbcken, welche angesichts der Emeute desertirten, zum Tode ver⸗ urtheilt.

DieLiberté meldet: Angestellte Nach- forschungen haben ergeben, daß Assi nicht Italiener, sondern Deutscher ist. Er ist 1832 in Bremen geboren. Oberst Dombrowski, der uder des Generals, ist verhaftet.

Versailles. DasJournal officiel ver⸗ öffentlicht die Demission Picard's als Gorverneur der Bank von Frankreich. Die Prinzen der Hauses Orleans haben Versailles noch nicht verlassen. Im Widerspruche mit der Behauptung der Journale scheint es nicht wahrscheinlich, daß Graf Cham- bord die Absicht hat, sich in der Touraine nieder- zulassen. g

Wie die Blätter melden, bel Finanzmi⸗ nister Pouyer-Quertier in der Budgetcommission vorgeschlagen. 450 Millionen durch neue Steuern zu erheben. Es sollen davon 90 Millionen auf Getränke, 50 Millionen auf Zucker und Kaffee fallen, 200 Millionen mittelst Erhöhung der Ein; gangszölle auf Rohstoffe wie Webstoffe, Lebens⸗ mittel, Colonialwaaren, Häute, Petroleum, 50 Mil- lionen durch andere Zölle erhoben werden.

* Friedberg. Um das Publikum vor mancherlei Un⸗ annehmlichkeiten zu bewahren, sei nochmals darauf auf⸗ merksam gemacht, daß mit dem 1. Juli die neuen Reichs⸗ briefmarken eingeführt werden. Ueber den Umtausch der Marken des norddeutschen Post-Gebietes in neue wird demnächst das Geeignete veröffentlicht werden.

Frankfurt. Im Zcologischen Garten traf dieser Tage ein Chimpanse ein. Diese Affenart ist nicht nur eine der größten, sondern auch Diejenige, welche sowohl hinsichtlich ihres Körperbaues als auch ihres sanften und umgänglichen Naturells dem Menschen am nächsten steht. Das noch junge, sehr muntere Thier befindet sich in einem eigens für dasselbe errichteten, geräumigen, und mit einer besonderen Heizung versehenen Käfig, aber leider gelingt es trotz der sorgfältigsten Pflege nur selten, solche Affen längere Zeit am Leben zu erhalten.

Frankfurt. Nach einer Verfügung des Generalpost⸗ amts werden in Zukunft die auf den Landstraßen ver⸗ kehrenden Postwagen die BezeichnungKaiserlich deutsche Reichspost führen. Ueber die ferner daran anzubringenden Embleme bleibt weitere Bestimmung vorbehalten.

München. Wie der kirchliche Streit in alle Kreise der bürgerlichen Gesellschaft hineingreift, zeigt die That⸗ lache, daß verschiedene strengklerikale Hausherren jenen ihrer Miether, welche die Museumsadresse unterzeichnet hatten, die Wohnung kündigten. Einem, der drei solcher Partelen im Haus hatte, pressirte es damit so sehr, daß er sich er⸗ bot, ihnen den fälligen Mielhzins nachzulassen, falls sie auf der Stelle auszögen.

München. Im Gebäude der Polizeidͤirectton er⸗ schien in der Nacht vom 8. zum 9. d. der Kanzleigehülfe Heinrich Niedl von bier und meldete, daß er den Theater- Chorsänger L. Krüner mit einem Dolche erstochen habe, weil derselbe seine(Riedl's) Schwester, welche mit Krüner in ein und demselben Hause der Ottostraße wohnte, ver⸗ führt habe. Eine Gerichtscommission begab sich sofort an den Ort der That und fand bei ihrem Eintritt ins

Die Beibehaltung von