Bern. Der Bundesrath beschloß die Oceu— pation und sendet sofort vier Infanteriebataillone und zwei Batterien unter dem Befehl des Ohersten Salis nach Zürich ab. Ein eidgenössischer Com- missär begibt sich sofort dahin.
Frankreich. Paris. Das amtliche Organ veröffentlicht einen Artikel, welcher besagt: Frank⸗ reich errichtet die Republik, weil diese allein die Geister zu einigen vermag; es würde also ein Verbrechen sein, sie durch Intriguen oder Gewalt acte anzugreifen, welche den Erfolg einer Minder— heit bezwecken, die die Monarchie oder die Dictatur will, ein Verbrechen, Zwietracht zu säen, zur Un- ordnung anzustacheln, Unruhen hervorzurufen. Denn so handeln, hieße die Republik zu Grunde richten und den Despotismus zurückführen wollen. Die Regierung setzt ihre Ehre darein, die Re— publik zu begründen und sie energisch zu ver— theidigen, mit dem festen Vorsatz, ihr zur Grund- lage den Credit zu geben, ohne welchen der öffentliche Wohlstand nicht wieder erstehen kann, sowie die Wiederherstellung der Ordnung und die Handhabung der Gesetze, durch welche es allein möglich sein wird, eine Aera der Erholung und des Friedens vorzubereiten.
— Der General Aurelles de Paladines hat bei Uebernahme des Commandos der National— garde sofort einen energischen Befehl erlassen, der die Aufrechthaltung der inneren Ordnung betont. Die Emente war in vollem Gang. Man hatte sogat eine rothe Fahne dem Freiheitsengel auf der Julisäule in die Hand gesteckt. 100 Bataillone derselben beglückwünschten den Commandanten Aurelles de Paladines zu seiner Ernennung. Die Regierung behält eine versöhnliche Haltung bei— Sie will allmählich die tägliche Entschädigung von 30 Sous fallen lassen. Weiter wird gemeldet, daß der General Aurelles de Paladines die Com- mandanten der Nationalgarde empfangen und an dieselben eine Ansprache gehalten hat, in welcher er seine republikanischen Gefinnungen betonte. Die Rede des Generals machte einen vortrefflichen Eindruck. Auch der oben erwähnte Artikel des „Journal officiel“ fand bei der Bevölkerung die beste Aufnahme.
— Die Sterblichkeit hat glücklicherweise in Paris bedeutend nachgelassen, seit die ordent— liche Nahrung wieder eingeführt ist und die Be— wohner der Umgegend heimgekehrt sind.
— Das Blatt Rochefort's„Mont d' Ordre“ bringt einen schmählichen Hetzartikel gegen die deutschen Banquiers auf der Pariser Börse, eine förmliche Proscriptionsliste. Die bedeutendsten Häuser, Erlanger, Bamberger, Stern, Goldschmidt, Wertheimber, werden der Lynchjustiz des Publikums empfohlen, weil sie„barfüßig nach Paris ge— kommen und in Frankreich ihr Vermögen gemacht hatten.“ Eine Folge hiervon war wobl, daß bereits am nächsten Tage, nachdem erwähntes Pasquil erschienen, ein Börsenanschlag die natura lisirten Deutschen aufforderte, im Interesse ihrer eigenen Sicherheit ihre Legitimationspapiere mit sich zu führen. Weiter hat die Sache nichts auf sich, da die Deutschen— nicht zu entbehren sind.
— Das„Journal des Debats“ erklärt:„Wenn die exaltirten Gemüther taub bleiben gegen die weisen Rathschläge, welche das„Journal offitiel“ ertheilt hat, so hoffen wir, daß die Regierung begreifen wird, daß die Stunde des Handelns endlich geschlagen hat, und daß sie deu General Aurelles anweisen wird, die Ruhe wiederherzustellen.
— General Aurelles und der Minister Picard beobachten gegenüber den Meuterern vos Belle⸗ ville und Montmartre eine Politik äußerster Zurück- haltung und wollen dieselben durch Langeweile und Vermeiden jeglicher Angriffe ermüden und gefügiger machen. Es ist constatirt, daß impe⸗ rialistische und socialistische Agenten den Wider- spenstigen täglich 2 Francs auszahlen. Allgemeine Geschäftslosigkeit herrscht in Paris.
— Bei Puteaux(zwischen Paris und Ver— sailles) verunglückte am 9. d. ein Eisenbahnzug, welcher 32 Waggons mit verwundeten und kranken deutschen Soldaten enthielt, die nach der Heimath evacuirt werden sollten.„Figaro“ will wissen, daß 19 Waggons durch einen nachfolgenden
Güterzug, der die gegebenen Signale nicht bemerkt habe, zertrümmert seien; jeder Waggon habe 20 bis 25 deutsche Soldaten enthalten. Der„Liberté“ zufolge wird die Zahl der verunglückten Personen auf 30 geschätzt.
— Pariser Blätter melden den Tod Roche⸗ fort's, der nach früheren Berichten an der Kopfrose erkrankt war.— Auch der Gesundheits- zustand Changarnier's wird als Besorgniß erregend bezeichnet.
— Der Kriegsrath hat sein Urtheil in der Affaire vom 31. Oct. v. J. dahin lautend gefällt, daß Blanqui, Flourens, Levrand Cyrille zum Tode in contumaciam, Goupril zu zwei Jahren und Vals zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt, die anderen Angeklagten aber freigesprochen sind.
— Der„Moniteur de Versailles“ hat mit dem 4. d. zu erscheinen aufgehört.
— Der„Frangçais“ meldet, daß Jules Favre sein Demissionsgesuch einreichen will, sobald er den Friedensvertrag unterzeichnet haben wird.
Bordeaux, 9. März. Sitzung der National⸗ versammlung. Der Präfiden verliest ein Schreiben Victor Hugo's, in welchem derselbe erklärt, daß er sein Mandat niederlege, nachdem die Versamm— lung sich gestern geweigert habe, ihn anzuhören, wie sie sich vor drei Wochen geweigert habe, Garibaldi anzuhören. Louis Blanc giebt den Gefühlen des tiefen Schmerzes Ausdruck, welchen die Freunde Hugo's bei dicser Nachricht empfänden. Die Commission schlägt der Nationalver— sammlung als Sitz Fontainebleau vor. Thiers besteht auf Versaillee. Die Discussion wird auf morgen vertagt.
— 10. März. Thiers, welcher für die Ver— legung der Nationalversammlung nach Versailles sprach, erklärte, daß er in die Frage über die Regierungsform, welche sich Frankreich eines Tages geben wollte, nicht eintreten würde. Für jetzt erkläre er, daß er keinen Augenblick vergesse, das Haupt der französischen Republik zu sein. Die Versammlung stimmte schließlich zu, ihren Sitz nach Versailles zu verlegen.
— 10. März. In der Nationalversammlung wurde nach der Rede Thiers, der die Verlegung nach Versailles befürwortet, das Amendement be— treffs der Verlegung nach Paris mit 427 gegen 154 Stimmen abgelehnt, das Amendement von Pagds-⸗Duport betreffs der Verlegung nach Ver— sailles mit 461 gegen 104 Stimmen angenommen. Die erste öffentliche Sitzung in Versailles findet am 20. März statt und hat sich die Versammlung bis dahin vertagt.
— Die vorstehend erwähnte Rede Thiers schloß folgendermaßen:„Ich schwöre vor der Ge— schichte, Ste niemals zu betrügen, niemals eine Frage hinter Ihrem Rücken zu präjudiciren, nie— mals Handlungen zu begehen, welche einen Verrath gegen Ihre Souveränetät bezwecken würden.“
— Eine Verordnung der Regierung befiehlt die sofortige Entlassung: 1) der durch das Gesetz vom 10. August 1870 in die Armee einverleibten Nationalgarden; 2) der mobilisirten Nationalgarden, welche als ehemalige Soldaten in die active Armee einverleibt worden sind; 3) der für die Dauer des Krieges engagirten Soldaten, und 4) der Altersclasse 1863. Die Seemacht Frank— reichs an den Küsten des atlantischen Meeres und des Canals wird in zwei Geschwader ein— getheilt: in das Nordseegeschwader und das Reservegeschwader; beide stehen unter dem Ober— befehl des Admirals Graf de Gueydon.
Havre, 9. März. Die deutschen Truppen räumten die Departements Calvados und Eure, soweit dieses auf dem linken Seineufer gelegen ist.
Belgien. Brüssel. Die„Etoile belge“ schreibt aus Paris vom 10. März: Die Regierung hat die Nachricht erhalten, daß die Mobilgarde, welche nach Algerien gesandt wurde, dort von den Eingeborenen entwaffnet worden ist. Die Letzteren sind Herr der Situation. Ein Regiment Zuaven ist in größter Eile nach Algerien abge— gangen, um den französischen Behörden die Ordnung wieder herstellen zu helfen,
Großbritannien. London. Der„Times“ wird aus Paris berichtet:„Die Matrosen ver—
suchten die rothe Flagge an der Julisäule
nehmen, wobei Verhaftungen vorslelen. Die rolhe 3
Flagge wurde aber wieder aufgepflanzt und der Bastillenplatz von 8 Bataillonen Nationalgarde bewacht. Drei Wagen mit Waffen und Munition wurden geplündert; zwei Mobilgardisten wurden bei der Vertheidigung verwundet.“
Die„Post“ sagt: Preußen und Rußland schlossen bei dem Ausbruche des Krieges einen Vertrag in drei Artikeln ab: 1. Waffenintervention Rußlands, falls die Kriegserfolge Frankreichs die Ruhe von Polen bedrohten; 2. Aufstellung eines
russischen Armee- Corps an der österreichischen
Gränze, falls Oesterreich eine Preußen drohende Kundgebung mache; 3. russische Kriegserklärung gegen Frankreich, sobald irgend welche europäische Macht Frankreich Waffenhülfe leistet.
— Die„Times“ melden aus Paris vom 10. d.: Eine Depesche Moltke's verlangt die sofortige Abreise aller noch in Paris befindlichen unbewaffneten Mobilgarden. Die von der National- garde auf dem Montmartre bisher zurückgehaltenen Kanonen sind den Behörden überliefert worden. Die Bataillone auf dem Montmartre, Belleville und Villette sollen morgen formell zur Ablieferung der Waffen aufgefordert werden, widrigenfalls die bisherigen Löhnungen zurückbehalten werden sollen.
Italien Rom. Der Wunsch Bismarck's in Betreff der Abtretung der Diöcesen Elsaß und Lothringen von den Erzbisthümern Frankreichs findet in Vatican entschiedenen Widerspruch.
Rußland. Die Verstärkung der Armirung der Festungen am Schwarzen Meere wird fort— gesetzt. Die russische Armee wird außer dem Kosakenheer auf 1,800,000 Mann gebracht.
N* Friedberg. Am Samstag Nachmittag passirte der erste Extrazug mit heimkehrenden Landwehrmännern unseren Bahnhof. Sie gehörten zum Regiment Nr. 67, das zuletzt vor Belfort stark gelitten. Trotz der ertragenen großen Entbehrungen und Strapazen ꝛc, sahen die Leute gesund und gut aus und schienen sehr erfreut, daß es wieder der Heimath zuging. Die tapferen Streiter wur⸗ den in unserem Bahnhofe von einer großen Menschen— menge freudig begrüßt und von dem Unterstützungscomité bewirthet, worauf der Zug unter den Klängen der Musik und kräftigem Hurrah sich wieder in Bewegung setzte. Die regelmäßigen Transportzüge der Truppen aus Frankreich werden erst im Laufe dieser Woche beginnen.
Friedberg. Dem Berliner Sanitätszug Nr. 8, geführt durch einen hessischen Landsmann, Herrn Professor Dr. Mosler aus Greifswald, dessen vorzügliche Einrichtung bei seiner Fahrt nach dem Norden viele Bewohner hie⸗ siger Stadt am vorletzten Sonntag Abend in Augenschein zu nebmen Gelegenheit hatten, ist am 10. d., Morgens 4 Uhr, bei seiner Rückkehr nach Frankreich in der Nähe von Friedrichsfeld bei Mannheim ein Unsall begegnet. Durch falsche Weichenstellung fuhr in denselben ein anderer Zug, der Arztwagen ist zertrümmert, das Leben des Pro⸗ sessors und des Assistenten Scholz ist wunderbar gerettet, glücklicherweise ist kein Menschenleben geschädigt.
H. Friedberg. Dem„Fr. J.“ wird aus Offen⸗ bach gemeldet:„Das hessische Jägerbataillon, welches vor dem Kriege hier kasernirt war, wird nicht mehr in unsere Stadt zurückkehren, sondern nach Mainz verlegt werden. Offenbach erhält für die Folge keine Garnison, was manche Leute hier benachtheiligt, und sind die beiden Kasernen der Stadt vom Staate angeboten. Erstere halte seiner Zeit zum Bau der neuen Kaserne eine bedeutende Summe bei⸗ zutragen und zugleich die alte Kaserne dem Staat über lassen, unter der Bedingung, daß die Stadt eine Garnison behalten, aber während der Manöver keine Einquartierung bekommen solle. Es ist nun zu erwarten, was etwaige Vorstellungen des Stadtvorstandes erwirken werden.“— Man erlaubt sich hierzu zu bemerken, daß nach der ver⸗ änderten Formation unserer Division wahrscheinlich auch noch andere Städte des Großherzogthums ihre bisber ge—⸗ habten Garnisonen verlieren müssen und daß es als sehr fraglich bezeichnet wird, ob Friedberg für die Folge mit einer solchen bedacht werden kann. Abgesehen von den Vortheilen, welche eine Garnison dem geschäftlichen Verkehre unserer Stadt selbst bringt, dürfte das Interesse der Gesammtbevölkerung Friedbergs und der nächsten Umgebung insoferne hierbei berührt werden, als mit der Garnison auch die jetzt gebotenen Annehmlichkeiten und Erleichterungen verloren gehen, deren wir und unsere Söhne uns bisher in Bezug auf die Ableistung der Militärpflicht erfreuen konnten. Es will uns deßhalb wohl am Platze scheinen, wenn von Seite unseres Stadt⸗ vorstandes Schritte zur Erhaltung der Garnison geschehen würden, ehe es hierzu zu spät ist.
JSGiessen. Nachdem in den letzten Tagen schon ver⸗ schiedene Trupps von Gefangenen unsere Stadt verließen, zogen am Samstag circa 100 Mann Elsäßer jubelnd und singend vom Brande nach dem Bahnbof zu. Einer, den die Heimkehr besonders freute, stellte sich auf den Kanzleiberg hin und rief, seine Mütze schwenkend: Jetzt gihn mer heim.
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