französischen Diplomaten den„Schwan“ zu einem Spaziergang, um dann um 6 Uhr einer Ein- ladung des Oberbürgermeisters Dr. Mumm zu folgen, woselbst er von den Spitzen der Behörden und des Handelstandes begrüßt wurde. Bismarck brachte beim Bankett einen Toast auf die alte Krönungsstadt Deutschlands, die Friedensstadt vom 10. Mai 1871, aus. Was wir über die Friedens. bedingungen gerüchtweise hören, geht dahin, daß von den 5 Milliarden auch nicht ein Pfennig nachgelassen ist. Einen besonderen Gegenstand schwieriger Behandlung bildeten die in den ab⸗ getretenen, ehemals französischen Provinzen ge⸗ legenen Eisenbahnen. 800 Millionen forderte Frankreich dafür, während man sich auf 300 Mil- lionen geeinigt hat. Noch vor Bezahlung der in den Präliminarien stipulirten 500 Millionen werden die Forts von Paris und die Departe⸗ ments der Seine, Oise und Marne an Frankreich zurückgegeben werden. Die Champagne bleibt als Pfand für die Kriegskosten bis zu ihrer Abtragung von deutschen Truppen besetzt. Die französischen Diplomaten keisten gestern Abend um 7 Uhr ab. Heute Morgen 8 Uhr kehrte Fürst Bismarck auf der Ostbahn nach Berlin zurück.
— Die„Frankf. Pr.“ ist in der Lage von den Mittheilungen des Reichskanzlers über den Friedensschluß Folgendes wiederzugeben: Die Garantieen für Ausführung des Friedens seien wesentlich verstärkt; die Fristen der Bezahlung der fünf Milliarden seien verkürzt, die Dauer der Occupation dagegen verlängert. Die Zahlung der ersten fünfhundert Millionen werde 30 Tage nach der Einnahme von Paris erfolgen. Die elsässisch⸗lothringischen Bahnen, für welche die französischen Unterhändler anfänglich 800 Millionen gefordert, seien mit 300 Millionen von den Kriegs- kosten in Abrechnung zu bringen. Es sei wohl möglich gewesen, noch weitere 30 bis 36 Millionen davon herunterzuhandeln, das Geschäft aber sei so honett und coulant abgewickelt worden, daß er von weiterer Pression abgestanden habe, es sei so doch schöner. Schmerzlich habe es ihn berührt, daß er den persönlichen Wunsch des Kaisers, die Schlachtfelder, auf denen die Gräber unserer Helden sich befinden, in unsere Hände zu bringen, nicht habe erfüllen können, wiewohl er ermächtigt gewesen sei, jede Summe dafür zu bieten. Der Wunsch sei an der unerschüötterlichen Festigkeit der französischen Unterhändler gescheitert.
München. Die Bayern zugefallenen, in Frankreich erbeuteten 63,000 Stück Chassepotge⸗ wehre, welche das gleiche Kaliber wie das Werder⸗ gewehr haben; sollen derart umgeändert werden, daß sie neben dem Werdergewehr bei der bayerischen Armee gebraucht werden können. Die Kosten der Abänderung werden per Stück auf 1 fl. 45 kr. bis 2 fl. berechnet.
Ausland.
Frankreich. Paris, 9. Mai. Durch Erlaß der Commune ist der Preis des Brodes auf 50 Centimes per Kilogramm festgesetzt. Wie es heißt, würde das Oberkommando Dombrowski anvertraut werden. Fort Issy ist gestern Abend vollständig geräumt worden. Bevor die Besatzung desselben abzog, traf sie alle Vorbereitungen, um das Fort in die Luft sprengen zu lassen, wenn die Versailler versuchten, es u besetzen. Die Ein- schließung von Paris von Gennevilliers bis Jvry ist vollständig.
— In der Nacht vom Samstag zu Sonntag hat, wie die Organe der Commune melden, die Polizei fünfundzwanzig Priester im Arrondissement verhaften lassen. Dieselben sind beschuldigt, der Regierung von Versailles Spionendienste geleistet zu haben. Compromittirende Papiere wären in den Kirchengefäßen versteckt vorgesunden worden.
— Abends. Seit 2 Uhr sammeln sich die föderirten Bataillone auf der Place de la Con- corde, wo sie vor den Generalen der Commune Revue passiren, um alsdann auf den Kampfplatz abzugehen. Die Commune ergreift alle Maßregeln in Betracht des großen Angriffes der Versailler. Diese Nacht brach in Forts Vanvres eine große Feuersbrunst aus. Die Geschosse der Batterien
von Montretout haben einen Brand am Point du jour hervorgerufen. Ein lebhaftes Gewehr feuer beginnt in Neuilly. Gepanzerte Locomotiven haben den Bahnhof von Asnieres verlassen; der Ort ihrer Bestimmung ist unbekannt. Man glaubt, sie würden morgen der Porte Maillot gegenüber in Batterien aufgefahren werden. Auteuil und der Point du jour werden furchtbar bombardirt. Die Bevölkerung ist von panischem Schrecken er⸗ griffen; allgemeine Flucht. Die Versailler Bat- terien haben die ihnen gegenüberstehenden zum Schweigen gebracht. Die Porte d'Auteuil ist zerschossen, der Point du jour brennt, ebenso die Kasernen auf dem Fort Vanvres.— Cluseret wird heute Abend abgeurtheit.— Die Vendöme— säule soll in der nächsten Nacht umgestürzt werden.
— Seit 7 Uhr hat das Geschützfeuer um Paris beinahe aufgehört. Eine große Entmuthigung ist diesen Abend unter den Gruppen der National- garden und den Anhängern der Commune bemerk⸗ bar. Es laufen Gerüchte von ernstlichen Zwistig⸗ keiten zwischen Rossel, dem Wohlfahrtsausschuß und der Commune um.
— 10. Mai Morgens. Mot d' Ordre ver⸗ öffentlicht einen Brief des Commandanten an die Commune, datirt 9. Mai. Rossel erklärt sich außer Stande, die Verantwortlichkeit des Ober— befehls länger zu tragen, wo Jedermann berath- schlage und Niemand gehorche. Für die Organi- sation des Artilleriedienstes ist noch nichts geschehen. Die Bedienung der Geschätze ruht allein in den Händen einiger Freiwilligen, deren Zahl ungenügend ist. Dae Centralcomite hat nichts dafür gethan. Rossel fährt fort:„Gestern, während Jedermann auf seinem Posten hätte sein sollen, berathschlagten die Legionschefs, um ein neues System der Or- ganisation an die Stelle des meinigen zu setzen. Meine Entrüstung brachte sie auf andere Gedanken und sie versprachen mir für heute als letzten Ter— min eine organisirte Truppenzahl von 12,000 Mann zu stellen, mit welchen ich mich verpflichtete gegen den Feind zu marschiren. Um 11½ Uhr sollten die Truppen bereit sein. Es ist 1 Uhr und noch sind erst 7000 zur Stelle. Ich bin nicht der Mann, welcher vor ernsten Maßregeln zurückschreckt und gestern, während die Chefs dis- cutirten, erwartete sie ein zu ihrer Execution be— stimmtes Peleton im Hofe, aber ich will nicht allein auf mich das Gehässige der Executionen nehmen, welche nothwendig sind, um aus diesem Chaos eine Organisation zu schaffen, Gehorsam zu finden und den Sieg zu sichern. Mein Vor- gänger har Unrecht gehabt, sich inmitten dieser absurden Lage abzumühen. Ich habe nur die Wahl zwischen zwei Wegen, entweder die Hin— dernisse zu durchbrechen, welche meine Thätigkeit hemmen oder mich zurückzuziehen. Zum ersteren bin ich nicht im Stande, denn das Hinderniß be— steht in Eurer Schwachheit, auch kann ich die Souveränität des Volkes nicht antasten— des- halb ziehe ich mich zurück. Ich habe die Ehre, von Ihnen eine Zelle im Gefängniß von Mazas zu verlangen.“
— Das„Journal de Rouen“ meldet, daß eine bonapartistische Verschwörung in Versailles entdeckt worden sei. Die Regierung ist sehr auf der Hut, habe aber noch nicht eingeschritten,
— 10. Mai, Abends. Oberst Rossel ist ver⸗ haftet worden. Delescluze wurde zum Kriegs- delegirten ernannt. Die Commune hat das Obercommando dem General Dombrowski ange— boten, der es ohne Bedingungen annahm.— Auf Fort Issy weht die Tricolore. Versailler Truppen sind in Bois de Boulogne. Cluseret ist heute Morgen vor Gericht erschienen; das Urtheil wird heute Abend gesprochen.
— Die Versailler halten Issy besetzt und be⸗ ginnen Batterien gegen die Wälle von Paris zu errichten; sie benutzen Issy auch, um von dort aus Vandres anzugreifen. Der Zustand des Forts Vanvres ist ein sehr schlechter; man hält seine Räumung für nahe bevorstehend. Der„Reveil“ meldet, die Verbindung der Föderirten zwischen dem Dorfe Issy und Vanvres sei in der vergangenen Nacht durch den General Brunel gesichert worden.
— 11. Mai Morgens. Der Wohlfahrtsaus⸗
schuß hat in Folge der in Paris angeschlagenen Proclamation Thiers' verfügt, daß das bewegliche Eigenthum desselben mit Beschlag belegt und sein Haus unverzüglich dem Erdboden gleich gemacht werden soll.— Die Commune hat gestern be⸗ schlossen, Rossel vor das Kriegsgericht zu stellen. Delescluze ist zum Kriegsdelegirten ernannt wor⸗ den. Nähere Nachrichten hierüber sind bis zur Stunde nicht eingelangt. Ein Angriff der Ver; sailler auf die Porte Bineau wurde abgewiesen. — Paschal Grousset hat den Municipalräthen Frankreichs das Palais Luxembourg als Versamm- lungsort angeboten. Die Verhaftung Rossell's wurde gestern bewirkt; derselbe ward der Bewachung Geérardins in der Quästur anvertraut. Um 5 Uhr wurde der Commune gemeldet, daß Rossel in Begleitung von Gérardin die Quästui ver- lassen habe. Die Commune betraute hierauf den General Bergeret auf dessen Anerbieten mit der Verfolgung und neuerlichen Verhaftung Rossell's, die indeß um 2 Uhr Morgens noch nicht erfolgt war. Felix Pyat beschuldigt Rossel des Verraths.
Versailles, 10. Mai, Abends. Das Fort von Vanvres hat seit heute Abend 6 Uhr das
Feuer eingestellt; wahrscheinlich ist das Fort geräumt.
— 11. Mai. Das Geschützfeuer gegen die Positionen der Föderirten dauert fort, die Wirkungen desselben sind ganz außerordentlich. Fort Vanvres ist zur Zeit noch von den Föderirten besetzt. Ein Bataillon unserer Truppen nahm in der letzten Nacht mehrere Barrikaden von Bourg la-Reine; die Föderirten hatten einen Verlust von ungefähr 100 Todten und Verwundeten; außerdem wurden 43 Gefangene gemacht.
— Allmälig laufen aus dem Innern des Landes Einzelnheiten über die Erhebung der Araber in Kabylien und der Provinz Constantine ein. In dem Bezirk Bathua haben die Insurgenten Dörfer und Höfe niedergebrannt. An vielen Orten wurden die Ansiedler und ihre Familien ermordet. Der Bezirk Setif, welcher von Trup⸗ pen entblößt ist, war der Schauplatz eines glück⸗ lichen Handstreichs, der den Franzosen einen Le⸗ bensmitteltrain kostete. Die Ansiedler fliehen nach der Stadt Setif. In Bougie hat die Garnison einen Angriff zurückgewiesen, aber sie war zu schwach, um den errungenen Vortheil gegen den übermächtigen Feind zu verfolgen. Aus Aumale mußten Truppen zum Entsatz des engblockirten Dral-elRijau abgehen. Es ist ihm gelungen den Ort wieder mit Lebensmitteln auf zehn Tage zu versehen. Die Blätter veröffentlichen schauder⸗ hafte Detais über ein in Paleskro stattgefundenes Massacre. Nur 25 Frauen und Kinder vermochten der Mordlust der Insurgenten zu entfliehen. General Céres meldet, daß die Flüchtigen in Sicherheit gebracht worden sind. 1
Frankfurt. An dem zweiten Pferdemarktstage
entwickelte sich eine Lebhaftigkeit im Handel, wle sie noch selten auf einem Markie zu sehen war. Das Geschäft ging in allen seinen Theilen ganz ausgezeichnet. Die Preise für Luxuspferde gingen ziemlich hoch. Für einen Schim⸗ mel wurden vergeblich fl. 2000 geboten. Ein Viererzug kostete etwas über fl. 6000. Die Arbeitspferde leichteren Schlags waren etwas billiger. Zu den Belgiern, Italienern und Schweizern gesellten sich gestern noch einige Russen, welche beträchtlich einkauften. Frankfurt. Verschiedene Persönlichkeiten haben auf das Tintenfaß und die Federn, welche bei der Unterzeich⸗ nung des Friedens verwendet wurden, sowie auf das Bett, in welchem Fürst Bismarck schlief, und den Sessel, in dem er saß, namhafte Summen geboten.
Straßburg. Die„Straßb. Ztg.“ berichtet: Ob⸗ gleich während des ganzen strengen Winters hier keine Spuren von Wölfen wahrgenommen wurden, ist jetzt doch der Beweis des Vorkommens dieser unliebsamen Gäste im Elsaß dadurch geführt, daß am 2. d. M. im Walde von Epfig 5 etwa vier Wochen alte junge Wölfe aufgefunden worden sind. Der Mutter ist man bis jetzt nicht auf die Spur gekommen.
Luzern. Die Rigibahn ist vollendet. Am 22. Mai findet die Auffahrt der Aktionäre stalt, die Eröffnung des Betriebs ist auf den 23. Mai angesetzt. Die Bahn wurde letzten Samstag, der officiellen Einweihung vorangehend, durch den schweizerischen Ingenteur- und Arcchitectenverein in der ganzen Länge von Vitznau bis Kaltbad nicht nur befahren, sondern auch im Detail geprüft. Der allgemeine Eindruck war für das geniale Bauwerk äußerst günstig und die Ueberzeugung stellte sich bei allen Theilnehmern an der Fahrt fest, daß ohne grobe Fahrlässigkeit des Fahr⸗ personals ein Unglücksfall nicht eher als auf jeder anderen Eisenbahn zu besorgen sei.
Die Thierchen find sofort getödtet worden.
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