Ausgabe 
10.6.1871
 
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DerReichsanzeiger veröffentlicht kaiser⸗ liche Erlasse, betreffend die Stiftung und Ver- leihung einer Kriegsdenkmünze. Dieselbe erhalten Offiziere, Militärärzte, Beamte und Mannschaften der deutschen Armeen, welche an einem Gefechte oder einer Belagerung Theil genommen oder zu kriegerischen Zwecken vor dem 2. März d. J. die Grenze Frankreichs überschritten haben; ferner Ossiziere, Aerzte, Beamte und Mannschaften der Marine, die an einem Gefechte Theil nahmen oder vom 11. December 1870 bis 2. März 1871 zur Besatzung des SchiffesAugusta gehörten. Nicht zur Kriegs denkmünze berechtigte Offiziere, Aerzte, Beamte und Mannschaften, die vom 16. Juli 1870 bis 2. März 1871 mindestens 44 Tage im activen Dienste thätig gewesen, haben Anspruch auf die Kriegsdenkmünze für Nichtcombattanten. Auf letztere haben ferner Anspruch: die Hof- und Civilstaatsbeamten und die Angestellten der Privat- eisenbahnen, welche in Folge des Krieges vor dem 2. März d. J. die Grenze Frankreichs über⸗ schritten haben, die Johanniter- und Maltheser ritter, die im Dienste dieser Orden oder im Dienste der freiwilligen Krankenpflege gestandenen legiti mirten Aerzte, Seelsorger, Krankenträger, Kranken- wärter, Frauen und Jungfrauen, welche während des Krieges auf den Schlachtfeldern oder in den in Feindesland etablirten Kriegsla arethen bis zum 2. März d. J. thätig gewesen. Eine Be⸗ kanntmachung des Reichskanzleramts zeigt an, daß alle vertragsmäßigen Bestimmungen bezüglich der Handelsbeziehungen zwischen Frankreich und Deutsch⸗ land wie vor dem Kriege wieder in Kraft treten. Demgemäß ist deutscherseits der Zollsatz von 2 Thlr. pro Centner französischer Weine wieder in Wirksamkeit.

Laut Cabinets⸗Ordre soll die Entsendung von Deputationen seitens der gesammten deutschen Armee und Marine zu dem am 16. d. Mts. in Berlin stattfindenden feierlichen Einzuge der Truppen erfolgen. Die Stärke dieser Deputationen wird voraussichtlich im Allgemeinen für jedes Armee⸗ corps betragen: 1 Hauptmann, 4 Unteroffiziere, 1 Hornist, 26 Mann, 1 Lazarethgehülfe von der Infanterie, den Jägern und Pionnieren; 2 Unter- offiziere 5 Mann von der Cavallerie und der reiten den Artillerie; 1 Lieutenant, 1 Unteroffizier, 3 Mann, 2 Fahrer von der Fuß⸗Artillerie; 1 Unteroffizier, 3 Mann von den Trains und Sanitäts-⸗Detache⸗ ments; zusammen vom Armeecorps also: 2 Offi⸗ ziere, 8 Unteroffiziere, 1 Hornist, 39 Mann, 1 Lazarethgehülfe. Die Deputationen werden vom 11. ab hier eintreffen und den hiesigen Ersatz. truppentheilen der Garde zur Bequartierung über⸗ wiesen werden.

Man schreibt derKreuzztg. aus Soisy vom 4. Juni:Da das Hauptquartier der dritten Armee wieder von Margency nach Compiegne zu⸗ rückverlegt ist, so verließ der Kronprinz von Sachsen gestern mit dem Stabe Margency, dejeunirte beim Minister v. Fabrice auf Schloß Soisy und begab sich darauf nach St. Denis, wo die Weiterreise nach Cempiègne mit Extrazug fortgesetzt wurde.

Frankfurt. Die gegenwärtig hier tagenden Nachconferenzen wegen Ausführung des Friedens würden, wie man derKarlsr. Zig. von hier mittheilt, mehrere Monate, vielleicht sogar ein halbes Jahr in Anspruch nehmen.(2) Es han- delt sich bei diesen Berathungen vorzugsweise um finanzielle Abmachungen, wie daraus hervorgeht, daß sowohl von deutscher wie von französischer Seite Finanzmänner aus dem Elsaß herbeigezogen worden sind. Vorläufig sollen die Quartiere der betheiligten Herren auf sechs Wochen fest bestellt sein. Die Conferenzen werden diesmal imEng⸗ lischen Hof geführt, wo sämmtliche deutsche Ver⸗ treter Wohnung haben.

München. Der Einzug der Truppen unserer Garnison erfolgt gegen Mitte des Monats. v. d. Tann führt sie durch bas Siegesthor ein.

Unter den in Ingolsta dt internirten französischen Kriegsgefangenen haben Unordnungen stattgefunden, welche jedoch durch energisches Ein schreiten des Gouverneurs rasch unterdrückt wurden. 33 Rädelsführer wurden ermittelt und theils in das Militärgefängniß abgeführt, theils in eine

Strafcompagnie versetzt. Außerdem wurde den Gefangenen die Erlaubniß zum Ausgehen entzogen und die Verkündigung des Standrechts angedroht. Karlsruhe. Das Friedens ⸗Dankfest wird wie in Preußen, so auch in Baden, Sonntag den 18. Juni begangen werden.

Aus dem Elsaß. Nach einer Bekannt- machung des Kreisdirectors von Rappoltsweiler greift die Rinderpest im Kreise Schlettstadt immer weiter um sich und hat dieselbe außer den bisher inficirten Ortschaften Trimbach, Neuholz und Neu kirch auch in St. Moritz und Scherweiler Ein gang gefunden. In Mühlhausen wurde am Abend des 30. Mai auf dem Wege zum Bahn- hofe ein Handlungsreisender von zwei Burschen niedergeworfen und seines Geldes wie seiner Uhr beraubt. Ferner stahl man in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag zwei Pferde aus einem

Stall. Die Polizei sucht die Thäter. Ausland. Schweiz Zürich. Das Schwurgericht

hat in dem Proceß, betreffend die Excesse in der Tonhalle, von 41 Angeklagten 35 schuldig erklärt und 6 freigesprochen.

Frankreich. Paris, 6. Juni. Die Post zwischen Paris und dem Auslande ist vollständig wieder hergestellt.

Die Stadt hat mit großer Schnelligkeit ihr Aussehen verändert. Die Straßen sind dicht gedrängt voll Menschen, die Kaffeehäuser auf den Boulevards überfüllt und in vielen Läden hat das Geschäft bereits große Dimensionen angenommen. Namentlich Luxus und Modewaaren⸗Geschäfte haben große Austräge aus England erhalten und werden Schwierigkeiten finden, denselben in er warteter Weise zu entsprechen, da die Fabrikar⸗ beit so schnell nicht aufgenommen werden kann, Für Maurer und Tüncher ist Paris jetzt ein gol. dener Boden.

In einem Viertel von Paris, Belleville und La Vilette eingeschlossen, wurden 116,000 Musketen abgeliefert oder mit Beschlag belegt. 10,000 Arbeiter sind damit beschäftigt, Paris zu reinigen und die Barrikaden sowie andere Hin⸗ dernisse in den öffentlichen Straßen aus dem Wege zu räumen.

Versailles, 6. Juni. In der National versammlung legte Pouyer-Quertier einen Gesetz⸗ entwurf vor, durch welchen der Finanzminister er⸗ mächtigt wird, Anleihen bis zu Milliarden abzuschließen, um die ersten Raten der Kriegsent- schädigong zahlen und die muthmaßlichen Deficits decken zu können. Der Entwurf wird de: Budget⸗ commission überwiesen.

Der Gesetzentwurf, betreffend den Wieder aufbau der Vendomesäule, wird von der Tages- ordnung abgesetzt und die Berathung hierüber vertagt

7. Juni. DasJournal officiel ver⸗ öffentlicht die Ernennung Picard's zum Gouverneur der Bank von Frankreich, sowie Rouland's zum Generalprocurator des Rechnungshoses. In par- lamentarischen Kreisen wird die Nachricht, daß die Meinungsverschiedenheiten zwischen Thiers und der Commission, welche die Aufhebung des Civilgesetzes zu prüfen hat, auf dem Wege des Ausgleichs wären, bestätigt. Man versichert, die Prinzen des Hauses Orleans würden nach der Gültigkeitser⸗ klärung ihrer Wahl und nach Aufhebung des Exilgesetzes ihr Mandat niederlegen. Die Linke und das Centrum werden die Ve längerung der Vollmacht Thiers' für die Dauer der gegenwär⸗ tigen Nationalversammlung beantragen.

Es ist der Vorschlag angeregt worden, in ganz Europa Sammlungen zur Wiederherstellung der zerstörten öffentlichen Gebäude von Paris zu veranstalten.

DasJournal officiel veröffentlicht die Ernennung des General Leflö zum Botschafter in Petersburg.

In Siory, Depart. Seine et Oise, ge rieth ein junger Mann mit einem preußischen Offizier in Streit und tödtete ihn mit einem Revolver. Die Kameraden des Ermordeten zogen

ihn nebst seinem Vater, der zur Befreiung herbei

graphirt, zu retten. 3

Die Obsequien für den Erzbischof Darbog und die der Geistlichkeit angehörigen Geißeln wurden heute mit großem Pompe in der Notre⸗ Dame-Kirche abgehalten. Die politischen, mili⸗ tärischen und literarischen Notabilitäten, eine Deputation der Nationversammlung, sowie eine große Volksmenge wohnten denselben bei.

Der Herzog von Nemours und der Graf von Paris baben eine Fusion der Linien Orleans Bourbon rur unter der Bedingung angenommen, daß der Graf von Chambord zu ihren Gunsten abdanke. Der Prinz von Joinville und der Herzog von Aumale sind der Uebereinkunft nicht beigetreten.

Großbritannien. London. Auf eine Interpellation Hay's im Unterhause erwidert Unter staatssecretär Enfield, daß die Abtretung Helgo⸗ land's bisher von Preußen nicht verlangt worden sei, Schriftstücke daher hierüber nicht vorgelegt werden könnten. Bezüglich einer anderen Inter- pellation erwidert Enfield, die französische Regie⸗ rung habe dem englischen Gesandten angedeutet, daß nicht der ganze Handelsvertrag, sondern nur einzelne Punkte desselben aufgehoben werden sollen. Eine offizielle Mittheilung hierüber hat jedoch noch nicht stattgefunden.

Italien. Florenz. Die Blätter ver öffentlichen eine päpstliche Encyclica, worin die Völker aufgefordert werden, Gott anläßlich des päpstlichen Jubiläums zu danken.

Türkei Konstantinopel. Am 7. d. Morgens brachen fast gleichzeitig an vier verschie⸗ denen Punkten der Stadt Feuersbrünste aus. Etwa 170 Häyser sind abgebrannt. Man ver⸗ muthet Brandlegung.

Griechen and. Athen. Die Kammer beschloß, die französische Regierung zur Nieder- werfung des Aufstandes zu beglückwünschen und ihren Abscheu gegen die von der Pariser Com- mune begangenen Verbrechen auszudrücken.

um wo möglich das Leben des Vaters

Frankfurt. Der hiesige Schlittschuh⸗Club hat, in Erwägung, daß die herrschende Witterung eine Wieder⸗ aufnahme seiner Thätigkeit in nahe Aussicht stellt, seine Müglieder zu einer Generalversammlung auf Sommers⸗ anfang, den 21. Junt, eingeladen.

Darmstadt. Der hiesige Gemeinderath hat nunmehr, beschlossen, für den bevorstehenden Einzug unserer Truppen am Rheinthore eine große Ehrenpforte zu errichten. Die weitere Decoration der Stadt bleibt den Einwohnern über⸗ lassen. Die Vorbereitungen von Seiten der Privaten find gleichfalls in vollem Gang und für die einzeluen Straßen die Pläne bereits größtentheils entworfen, sowie die er⸗ forderlichen Geldmittel durch Zeichnungen der betreffenden Bewohner aufgebracht. Im Verlag des Herrn Photo⸗ graphen Friedrich Hauff dahier wird demnächst ein sehr sein ausgeführtes Gedenkblatt mit den Porträts der 43 im Krieg gefallenen, an ihren Wunden, resp. Krankheiten erlegenen hessischen Offiziere erscheinen, worauf wir hiermit im Voraus aufmerksam machen wollen.

In Köln ereignete sich der traurige Fall, daß ein erst am Tage vorher aus dem Felde zurückgekehrter Land⸗ wehrmann in dem Glauben, das Gewehr sei nicht ge⸗ laden, dieses auf sein 6jähriges Söhnchen anlegte und losdrückte, wobei derselbe das Kind so unglücklich traf, daß nach kaum einer halben Stunde schon der Tod erfolgte.

Aus Baden wird gemeldet: Leider boten in den letzten Tagen mehrere Höhen des Schwarz- und Oden⸗ waldes am Morgen den wenig junihaften Anblick von Schnee. 1 Berlin. Es wird vielleicht interessiren, zu hören welche Preise für den Einzug der Truppen in Berlin gemacht werden. In einem großen Hotel unter den Linden ward für zwei Zimmer vorn heraus gefordert 400 Louis'bor; das Tyiergartenhosel, an dem die Truppen vorbeiziehen, sol für 4000 Thaler in einzelnen Zuschauerplätzen ver⸗ mielhet seinz ein Engländer hat einen Balcon für 200 Pf. Sterl. gemiethet u. s. w. Einzelne Stuben in Hotels (nicht ersten Ranges und nicht au der Einzugslinie) wer⸗ den für 68 Thlr. pro Tag auf die drei Tage 15., 16. und 17.(also 1824 Tulr.) angeboten und massenweise gesucht.

Aus Persien kommen entsetzenerregende Nachrichten über eine dort berrschende Hungersnoth. Die große Dürre des vorigen Jahres hat am schlimmsten die südlichen und mittleren Provinzen heimgesucht. Selbst in den Straßen der Hauptstadi sterben die Armeen zu Hunderten; aber iu Khorasan ist es so weit gekommen, daß die Eltern ibre Kinder den Tukmanen in die Sklaverei verkaufen, um sie nur vor dem Tode zu retten, und in Ispahan soll

blank, verwundeten den Thäter und verhafteten

man Leute angetroffen haben, wie sie Leichen ausgruben,

eilte. Beide wurden zum Tode verurtheilt, aber Julis Favre hat an den General Fabrice tele.