einen Hirtenbrief, welcher folgende Sätze aus⸗ führt: 1) Liege nicht erst eine zu entscheidende Frage vor; die Frage sei durch das allgemeine, regelmäßig berufene, frei versammelte und vom Kirchenoberhaupt geleitete Concil entschieden; 2) die historische Forschung dürfe nicht über die Kirche gestellt werden; 3) die Behauptung, daß die Concilsbeschlüsse mit den Verfassungen der euro⸗ päischen Staaten unvereinbar und dem deutschen Reiche verderblich seien, werden als irrthümliche Unterstellung und gehässige Anklage mit lautestem Proteste zurückgewiesen. Durch Döllinger's Er⸗ klärung, welche den Verfasser, falls er daran fest⸗ halte, von der katholischen Kirche absondere, sei die längst gehegte Vermuthung zur höchsten Wahr- scheinlichkeit gesteigert, daß der Verfasser das geistige Haupt der ganzen gegen das Concil ge- richteten Bewegung sei; die einzuleitenden Schritte werden nicht minder die für die Kirche in Deutsch⸗ land drohende Gefahr, als die Liebe für einen irrenden Mitbruder im Auge behalten.
— Die„Allg. Ztg.“ meldet, daß in der Ordinariatssitzung gegenüber Döllinger's Erklärung die Mitglieder des Capitels bezüglich der Haltung der Curie verschiedener Ansicht, darüber aber einig varen, daß die Conferenz und Disputation mit Döllinger abzulehnen sei, da Rom gesprochen habe. Döllinger werde mit einer Antwort gleichen Sinnes die erneuerte Aufforderung zur Unterwerfung er- halten und eventuell werden dann im Einver⸗ ständniß mit dem Gesammtepiscopat die nöthig scheinenden Schrikte gegen Döllinger gemacht werden.
— Berichte aus München melden: Stifts-
probst Dr. v. Döllinger ist, wie leicht begreiflich,
jetzt der Gegenstand allgemeiner Anerkennung und Bewunderung geworden. Als es bekannt wurde, daß er das Hochamt in der Allerheiligen⸗Hofkirche celebriren werde, strömte eine solche Menge Volkes in die Kirche, daß diese auch nur die Hälfte der— selben zu fassen vermochte. Der Telegraph, die Stadtpost, jeder Bahnzug bringt eine Unzahl von Zuschriften, beistimmenden Erklärungen und Glück⸗ wünschen. Nahezu fünfzig katholische Univer- sitätsprofessoren erließen am 4. d. an Reichs rath v. Döllinger eine Anerkennungsadresse bezüglich dessen energischen und der Sache wür⸗ digen Vorgehens.
Karlsruhe. Am 3. d. sind die badischen Truppen dahier wieder eingerückt. Gegen 12 Uhr begann der Einmarsch, an der Spitze Prinz Wilhelm als Commandeur der 1. Infanterie⸗ Brigade. Ueber 2½ Stunden dauerte der Durch⸗ marsch des etwa 15,000 Mann starken Corps. Nach der Infanterie und dem Leib⸗Dragoner— Regiment ritt der Großherzog mit seiner Suite, die Generäle v. Werder und v. Glümer zur Seite, und ihm schlossen sich die großh. Herr⸗ schaften in vierspännigen Wagen an. Es war ein seltenes militärisches Schauspiel: die reich ge— schmückten und beflaggten Straßen, die endlosen Hochrufe einer dichten, Kopf an Kopf gedrängten Menschenmenge, das Schwenken der Taschentücher aus allen Fenstern und von den Balkonen, der Regen von Kränzen und Blumensträußen, da— zwischen die ununterbrochene Reihe der Krieger, Helme, Gewehre, Degen, die Brust voll Kränzen und Sträußen, salutirend und dankend. Am Abend waren viele Häuser illuminirt.
Ausland.
Schweiz. Bern, 4. April. General Röder hat dem Bundespräsidenten seine Creditive als Vertreter des deutschen Reiches überreicht.
Luxemburg. Die Zeitungsnachrichten über Verhandlungen oder den Abschluß eines Vertrags wegen des Eintritts Luxemburgs in das deutsche Reich haben zuverlässigem Vernehmen nach nicht den geringsten thatsächlichen Anhalspunkt.
Frankreich. Paris, 4. April. Die „Commune“ veröffentlicht eine Erklärung Milliere's, in welcher es heißt:„Das verabscheuungswürdige, durch die Executivgewalt begangene Attentat, das Verbrechen, welches die Regierung von Versailles gegen das Recht der Menschheit vollbringt, bietet den Vertretern von Paris die wichtigste Gelegen⸗
heit, einen letzten Gebrauch von ihrem Mandat zu machen, indem sie feierlich eine Politik ver⸗ urtheilen, welche keine anderen Mittel zur Her⸗ stellung des Friedens kennt, als den Bürgerkrieg.“ —„Spinion nationale“ meldet, daß die Pariser Deputirten in Gemeinschaft mit den Maires ein Comite der Versöhnung und des öffentlichen Frie- dens organisiren.— Die Stadt ist ruhig. Ge⸗ rüchtweise verlautet, 20,000 Nationalgarden seien in Versailles eingezogen, doch wird die Begrün⸗ dung dieses Gerüchtes bezweifelt.— Das„Jour- nal officiel“ veröffentlicht Folgendes:„Paris, 4. April, 11 Uhr Vormittags. Der Nachtdienst geschah mit der größten Sorgfalt. Alle Punkte sind genügend mit Truppen besetzt. Gegenwärtig ist kein Anlaß zur Furcht mehr vorhanden, im Gegentheil, Vertheidigung und Angriff sind überall vollkommen organisirt.“ Diese Depesche wird sehr ungünstig ausgelegt; sie scheint die Gerüchte einer entschiedenen Niederlage zu bestätigen.— Zwischen den Versailler Batterien, welche auf den Höhen des Bois Clamart errichtet sind, und dem Fort Issy dauert das Artilleriefeuer fort. Vor dem Fort Issy-sind ca. 40,000 Mann Nationalgarden aufgestellt. Mont Valerien hat das Feuer ein- gestellt. Die Passage der Thore ist mit Aus- nahme der Mitglieder der Commune Allen ver⸗ boten. Alle Blätter sprechen sich ohne Rückhalt für eine friedliche Lösung aus. Sie wünschen nichts sehnlicher, als die Möglichkeit einer Ver⸗ söhnung herbeigeführt zu sehen. Gestern Abend soll zu diesem Zweck eine Besprechung ihrer Ver- treter stattgefunden haben; auch hätten sie bereits eine Zusammenkunft mit Mitgliedern der Commune gehabt.— Seit heute Morgen finden bei Meudon Kämpfe statt. Das Resultat des gestrigen Kampfes war für die Nationalgarden, die sich geschlagen zurückzogen, ungünstig.
— 5. April. Der Erzbischof von Paris ist verhaftet worden. Die Anklage lautet auf Con- spiration gegen die Sicherheit des Staats.— Man hört noch Kanonendonner. Die Schlacht- felder bei Clamart und Chatillon sind mit Todten bedeckt.
— 5. April. Heute Morgen erneuerte sich der Kampf mit Tagesanbruch in gleicher Heftigkeit.
Versailles, 3. April. Die Insurgenten erneuerten heute den Kampf. Der Mont Valerien eröffnete sein Feuer auf die Colonnen und jede Granate, welche auf sie fiel, trieb die von ihr getroffenen Gruppen in die Flucht. Die Insur⸗ genten suchten Zuflucht in Nanterre, Rueil und Bougival und unternahmen dann einen Angriff auf unsere Stellungen. Sie wurden jedoch von den Brigaden Gardier, Darde, Dumont mit 2 Zwölfpfünderbatterien der Reserve lebhaft beschossen und in die Flucht getrieben. Sie ließen auf der Flucht den Boden mit ihren Todten und Ver— wundeten bedeckt. Es war eine schreckliche Auf— lösung. Zu derselben Zeit griffen die Insurgenten auf der entgegengesetzten Seite des Schlachtfeldes gegen Sdvres, Meudon und Petit Bicétre in beträchtlicher Zahl an und stießen hier auf die Brigade Lamariquise und die Infanterie vom Gendarmeriecorps. Die letztere drang in Meudon ein und kämpfte, obgleich aus den Fenstern be— schossen wurde, mit großem Muth. Die Insurgenten wurden aus Meudon vertrieben, in dessen Straßen sie eine große Anzahl von Todten zurückließen. Auf dem rechten Flügel nahmen die Marinetruppen des Generals Bruot und die Bnigade Derojat von der Diviston Favre unter den Augen des Admirals Pothuau, welcher sie führte, Petit Bicétre. Der Tag endete mit der Flucht der Insurgenten in voller Unordnung nach der Re— doute von Chatillon.
— 4. April. Der General Bergeret ist ver⸗ schwunden. Die Nationalgarden sind entmuthigt. Die Blätter der Commune fahren fort, die vagsten Siegesberichte zu veröffentlichen. Die Barone Alphonse und Gustav v. Rothschild sind aus Paris hierhergeflüchtet, um der herannahenden Krisis auszuweichen.
— Eine Depesche vom 4. Abends sagt: Mehr als 2000 Gefangene sind nach Versailles gebracht worden. Die Anführer Flourens und Duval sind
todt. Im Junern von Paris fand bis jetzt kein Kampf statt, allein die Consternation des Comites und seiner Angehörigen tritt offen an den Tag. 22 Mitglieder der Commune haben ihre Ent- lassung genommen.
— Die Nachricht, Fürst Bismarck habe erklärt, wenn nicht bis zum 15. April der Aufstand be⸗ wältigt sei, würden die Deutschen in Paris ein- ziehen, ist unbegründet.
Marseille, 4. April. 5000 Mann Linien- truppen, welche in Marseille einrückten, haben die Insurgenten an der Eisenbahnstation geschlagen. Letztere haben sich unter die Barrikaden der Stadt und nach dem Präfekturgebäude zurückgezogen. Sie ergaben sich, nachdem das Präfekturgebäude sechs Stunden lang bombardirt worden war. Die Führer der Aufrührer sind entflohen.
Belgien. Brüssel. Die„Etotle belge“ meldet, Fürst Bismarck habe der Versailler Re- gierung erklärt, die Deutschen würden in Paris einrücken, wenn sie bis zum 15. April nicht Herrin von Paris sei. Er habe gleichzeitig Thiers er⸗ mächtigt, so viel Truppen in Paris einzuführen, als er für nöthig halte. f
— Von der Regierung in Versailles sind Depeschen an den Ministerprästdenten eingelaufen, welche besagen, daß die Insurgenten allerwärts unterlegen sind, daß aber keineswegs die Truppen schon in Paris eingerückt seien.
Großbritannien. London, 5. April. Die„Times“ meldet aus Versailles: 15,000 Insurgenten sind gefangen. In Paris herrscht große Bestürzung.
— Wie biesige Blätter melden, hätte Fürst Bismarck an Thiers die Mittheilung gelangen lassen, daß falls bis zum 15. April die franzö⸗ sischen Truppen in Paris die Ordnung nicht wieder hergestellt hätten, die deutschen Generäle genöthigt sein würden die Sache in die Hand zu nehmen. Alsdann würden 80,000 Mann gegen Paris marschiren und die Stadt so lange besetzt halten, bis die halbe Kriegsentschädigung bezahlt wäre.
Spanien. Madrid. Bei Eröffnung der Cortes sprach der König in der Thronrede den Repräsentanten seinen Dank aus, betonte, daß Spanien alle Kräfte auf die Reform der inneren Angelegenheiten concenttiren müsse, und kündigte Reformen in administrativer und finanzieller Hin⸗ sicht an. Der König erklärte schließlich, daß seine Interessen mit denen der Nation aufs Engste verbunden seien.
— Nach anderen Nachrichten vermehren sich die Demonstrationen gegen das Königspaar und nehmen bereits einen bedenklichen Charakter an. Die„Correspondencia“ meldet, daß im Königs- palaste Vorkehrungen zur Abreise des Königs getroffen werden. Die„Epoca“ bezeichnet die Abdankung des Königs als nahe bevorstehend. In militärischen Kreisen befürchtet man den Aus- bruch einer Militäremeute, als deren Urheber Montpenster gilt.
Griechenland. Der König hat angeordnet, daß in allen Schulen und Gymnasien militärische Exercitien vorgenommen werden sollen. Auf der Insel Cypern ist eine Hungersnoth ausgebrochen.
Rußland. Aus Petersburg wird mitgetheilt, daß dort schon seit Januar eine Anzahl Studenten sich in Untersuchungshaft befindet, welche beschuldigt sind, directe Verbindungen mit französischen Re- publikanern unterhalten und republikanische Zwecke verfolgt zu haben.
Frankfurt. Dem Vernehmen nach haben die ftädtischen Behörden an die königl. Regierung den Antrag gerichtet, gegen Belassung der Stadtlotterie der Regierung einen Platz zur Erbauung einer Kaserne gratis überlassen zu wollen. Das Anerbieten wurde jedoch abgelehnt und die hiesige Lotterie dürfte daher mit Ende 1871 gleich den Spielbanken eingehen. 8
Mainz. Vor dem letzten am Samstag Abend von Frankfurt nach Wiesbaden gehenden Schnellzug hatte sich zwischen Castel und der Kurve ein Mann aus Dotzheim auf die Schienen gelegt und wurde überfahren. Bingen. Zwischen Bingerbrück und Bingen suhr eine von ersterem Orte kommende Maschine in den von Mainz kommenden Personenzug. Einige Wagen wurden zertrümmert; die wenigen Insassen des Zuges jedoch kamen theils mit dem Schrecken, theils mit unbedeutenden Contusionen davon.
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