Der Friede.
Feierlich hallen die Kirchenglocken über unsere Stadt bin. Sie rufen mit eherner Stimme die frohe Kunde in's Land hinaus: Und Frieden ist wieder auf Erden! Und so wie jetzt hier die Straßen sich beleben und„mit Frohlocken es Einer dem Andern saget“, so werden zu gleicher Zeit in allen Städten und Dörfern des deutschen Vaterlandes die Herzen höher schlagen und mit Entzücken die theure Botschaft vernehmen, daß das grause Morden nun ein Ende haben und die Völker in Frieden wieder miteinander leben sollen.
Sei uns willkommen, heil'ger Friede! Gleich dem kaiserlichen Führer begrüßen wir dich mit tiefer Rührung und mit dankbarem Aufblick zum Himmel, nicht darum, weil, wie die Blätter unserer selbstsüchtig ⸗neidischen Stammesverwandten jenseits des Kanals sagen, unsere Heere beutebeladen, sondern weil sie ruhmgekrönt nach Hause kehren,
weil es sich durch ihren Mannesmuth und die
Tüchtigkeit ihrer Führer so herrlich, wie noch nie zuvor, gezeigt bat, was deutsche Kraft vermag, wenn sie vereint ein großes Werk beginnt und
weil, als in gemeinsamer Abwehr einer furcht⸗ baren Gefahr in heißer Feldschlacht der Preuß“ dem Baper, der Sachse dem Schwaben und dem
alte deutsche Mannestreue bewährte,
Hessen die
die deutschen Stämme in der Heimath in heiliger
Begtisterung für des Vaterlandes Wohl, manch' alten Hader vergessend, sich die Hände reichten zur Wiederbegründung der alten Reichseinbeit.
Wir freuen uns jeges Ruhmes um so mehr, als
er nicht von uns begehrt war. Das deutsche Volk ist kein kriegslustiges, auf Eroberungen aus— gehendes, und nie wird es die Ruhe seiner Nach- barn bedrohen. Seinen höchsten Ruhm sucht es ganz wo anders, und wenn seine Gewalthaber deim gegenwärtigen Friedensschluß des deutschen Landes Westmarken geregelt haben, so haben sie nur zurückgenommen, was schmachvoll der deutschen Völkerfamilie entrissen worden, nur gethan, was unterlassen zu haben sie vor der Geschichte nicht hätten verantworten können.
Nicht minder freuen wir uns des geeinigten deutschen Reiches; denn wir haben dadurch er— langt, was die Edelsten unserer Nation seit mehr als einem Menschenalter ersehnt und, wenn auch auf verschiedenen Wegen, erstrebt haben.
So möge denn ein langer, segensreicher Friede seinen Einzug halten. Friede vor Allem denen, die als ein Opfer dieses grausigen Krieges im kühlen Grabe ruhen. Mit ihren Leibern haben sie des Vaterlandes Gränze gedeckt, das dankbare Vaterland wird ihr Andenken in Ehren halten. Friede ihren Angehörigen, die schwere Opfer dem Vaterland dargebracht haben. Mögen sie sich auch heute, wo im allgemeinen Jubel ihr Herz auf's neue bluten wird, mit dem Bewußtsein trösten, daß diese Opfer für ein hohes Ziel, des Vaterlandes Rettung gebracht sind, und daß es süß ist, für das Vaterland zu sterben. Friede aber auch den durch den nationalen Kampf Ver— waisten und Verstümmelten. Das Vaterland wird nicht die Schmach auf sich laden, sie mit einem Almosen abzufinden; es wird vielmehr als heilige Ehrenschuld es betrachten, sie vor Mangel zu schützen.
Und indem wir vom Einzelnen den Blick hin- wenden auf das große Ganze und auf die Leitung desselben, Friede, dauernder Friede zwischen den Machthabern und dem Volke. Vor kaum mehr als einem halben Jahrhundert hat das deutsche Volk einen ähnlichen großen Kampf ausgefochten, den deuischen Befreiungskampf, und zwei Pariser Frieden gefeiert, wie wir heute den von Versailles feiern. Die deutsche Geschichte denkt aber mit Erbitterung an jene Frieden und nennt die darauf— folgende Zeit eine unglückliche. Die Güter, die das deutsche Volk damals mit seinem Blute er— rungen glaubte, wurden ihm verkümmert, seine verditntesten Männer verfolgt. Wohlan, was unsere Väter damals vergebens erstrebt, was sie nur im Geiste als ein Geschenk der fernen Zu— kunst geschaut, wir freuen uns des Besitzes des- selben und geben uns der Hoffnung hin, daß die neue staatliche Ordnung, wie sie uns mst
Stolz erfüllt, auch ein Segen werde für alle deutschen Lande. Möge Weisheit und Mäßigung von Oben und Unten zusammenwirken zur gedeih⸗ lichen Entwickelung derselben, damit Freibeit, Bildung und Wohlstand sich immer meh paaren mit der Einheit und Macht. 10
Dies kann aber nicht geschehen ohne den rechten Frieden zwischen den Parteien. Mit Partei⸗ hader und gehässigen persönlichen Angriffen ist dem wahren Interesse des Volkes schlecht gedient.
Kampf muß ja sein, aber daß er geführt werde mit den Waffen der Wahrheit und im Hinblick auf das wahre Wohl des Volkes.
Friede, aufrichtigen Frieden mit unsern seit— herigen Feinden. In heller Wuth hat das ge— sammte französische Volk voriges Jahr der frivolen Kriegserklärung seiner Regierung Beifall zuge⸗ brüllt; mit neuen furchtbaren Waffen gedachte es unsere Heere niederzuschmettern, und wehe uns, wenn die wilden afrikanischen Horden, die seine Vorhut bildeten, den deutschen Boden als Sieger betreten hätten. Frankreich war es, das in unseliger Verblendung die Schrecken eines Völkergemetzels entsesselt hat; Deutschland hat einen gerechten Vertheidigungskampf geführt. Daß es ihn ein—
es seiner Ehre und seiner Existenz, war es dem Völkerfrieden schuldig, der nur gesichert erschien, wenn nicht auf halbem Wege stehen geblieben wurde.
Das französische Volk hat viel Jammer und Elend über sich hereinbrechen sehen; wer sollte damit kein Mitgefühl haben? Wenn es sich aber damit aus der moralischen Versunkenheit heraus rettet, in die sein ganzes öffentliches Leben gerathen war, so hat es diese Rettung auch mit so schweren Opfern nicht zu theuer erkauft Wollte es Rachegedanken degen für ein Schicksal, das es selbst heraufbeschworen, so würde es das deutsche Volk abermals wie Einen Mann auf dem Plane finden; will es aber alle Sorgfalt seiner inneren Wiedergeburt zuwenden: Deuischland wird dieselbe nie beneiden, noch bedrohen. Hoch lebe der Friede!
Friedberg am 2. März 1871.
Kriegs nachrichten. Officielle militärische Nachrichten. Versailles, 3. März. Seine Majestät der Kaiser und König hielten heute Vormittag um 11 Uhr auf den Longchamps Parade über das Garde Corps, die Garde-Landwehr-Division, das Königs⸗Grenadier-Regiment und Abtheilungen der Belagerungs Artillerie und Pioniere ab. In Folge der gestern ausgetauschten Ratificatlion des Friedens- Präliminarvertrags wurde im Laufe des beutigen Vormittags Paris nach 2tägiger Occupation von unseren Truppen geräumt. Die Armeen haben Befehl erhalten, dem Vertrag entsprechend, den Marsch hinter die Seinelinie anzutreten. v. Podbielsky.
Aus Versailles wird der„N. Z. 3.“ geschrieben: Die Franzosen haben die Wunder der Chassepots nun bei sich erlebt. Auf Befragen erklärte mir ein preußischer Offizier: wir werden unsere Truppen nie mit Chassepots bewaffnen, aber ihnen eine verbesserte Zündnadel in die Hand geben; zu weittragende Waffen nehmen dem Mann den Muth zum persönlichen Angriff, und diesen haben die Franzosen verloren. Die Auswechslung der Gefangenen zwischen den beiden Heeren hat begonnen. Die Mehrzahl unserer in französische Hände gefallenen Soldaten ist bereits zu ihren Fahnen zurückgekehrt.
Aus Versailles meldet der„Staatsan- zeiger“ vom 27. Febr.:„Nach den bis jetzt ge— troffenen Bestimmungen werden Se. Maj. der Kaiser und König sofort nach der Ratification der Friedenepräliminarien durch die Versammlung von Bordeaux Versailles verlassen und bei der Rückreise in die Heimath von dem Kronprinzen begleitet sein. Die Reise wird wahrscheinlich über Karlsruhe gehen, wo Nachtquartier g nommen werden dürfte. Die Obercommandos werden so lange zurückbleiben, bis die den eirzelnen Truppen⸗ theilen anzuweisenden Etappenstraßen genau be—
müthig und mit allem Nachdruck geführt hat, war,
stimmt und alle Vorbereitungen zum Rückmarsch der Armee eingeleitet sind. Es steht schon jetzt fest, daß die Truppen bis zur Grenze marschiren werden, da die Eisenbahnen für die schwieri Beförderung des Materials, der Belagerus der Munition, der Krankenzüge u. s. w. bel sind. Es ist Alles eingeleitet, um diese Beförderung, nach dem Eintritt des Friedenszustandes, so rasch wie möglich ausführen zu können. Die Verhand- lungen, die hierüber mit denjenigen Bahnver— waltungen, die sich in französischen Händen befinden, geflogen werden müssen, sind in Gange. Die sämmtlichen Directoren der Pariser Bahnen hatten sich heute zu einer Conferenz, welche dieser An- gelegenheit gewidmet war, im großen Hauptquartier eingefunden.
— Ptinz Friedrich Karl wird sein Haupt- quartier nach Rheims verlegen. Bismarck hat im Hotel Bellevue zu Brüssel Zimmer gemiethet.
Aus Versailles wird der„Times“ vom 2. März gemeldet, daß in Folge der bereits ausgewechselten Ratification und der Unterzeichnung des Friedensvertrags die Deutschen morgen Paris räumen werden. Prinz Friedrich Karl zieht sich mit seiner Armer sofort hinter die Seine zurück. Der Kaiser und der Kronprinz verlassen in einigen Tagen Versailles und gehen zunächst nach Ferrieres.
Epernay. Dem„Fr. J.“ meldet man vom 1. März: Unsere ziemlich friedlich gewordene Lage ist durch ein kriegerisches Ereigniß unterbrochen worden. Heute sollte ein Detachement vom 8. Landwehrregiment, aus 42 Mann und 2 Offi⸗ zieren bestehend, die schon vor Abschluß des Waffenstillstandes beigetriebene Contribution der Stadt Mentmirail von circa 200,000 Frs. über Epernay nach Rheims transportiren. Im Walde zwischen Montmirail und Epernay stürzte das Pferd eines nicht mit Geld beladenen Wagens. Der Zug gerieth in's Stocken und die Coloune trennte sich. Die Offiziere zogen mit je einem geldbeladenen Wagen weiter und nahmen nur 6 Mann zur Bedeckung mit sich während die übrige Mannschaft zurückblieb. Kaum eine Viertelstunde vom Halteplatz entfernt, wurden sie von einer Franctireur- Abtheilung überfallen. Der Offizier des ersten Wagens wurde von demselben herab- geschossen; er war glei b todt. Dasselbe Schicksal theilten zwei seiner Begleiter, während der dritte durch einen Schuß in den Hals schwer verwundet wurde. Der Offizier des zweiten Wagens war so glücklich, sich mit dem Wagen und seinen drei Mann durch schleunige Flucht zu retten. Nachdem die Franttireurs den Wagen, der circa 130,000 Frs. enthalten haben soll, ausgeplündert hatten, verschwanden sie im Dunkel des Waldes. Soeben rückte eine Compagnie der 20er Jäger zu ihrer Verfolgung aus.
Straßburg. Eine sehr erfreuliche Nachricht ist es, welche die hiesige deutsche Behörde im ganzen Elsaß verbreiten läßt. Es ist nämlich telegraphisch der Befehl eingetroffen, auf die fernere Erhebung einer Kriegscontribution sofort zu verzichten, und die bereits eingezahlten Summen zurückzuerstatten. Die Freude dürfte nun die Bestürzung reichlich aufwiegen, welche durch die Kopfsteuer von 25 Franken hervorgerufen worden war. Diese, damals so unbegreiflich scheinende Maßregel war, wie man versichert, nichts anders als die Antwort aus dem Hauptquartier auf die heftige Protestation des Elsässers Keller in Bordeaux. Deutschland wird nun durch sein Verzichten auf diese Kriegssteuer mehr Herzen gewinnen, als wenn niemals von derselben die Rede gewesen wäre.
— Die„Augsb. Abend⸗Ztg.“ berichtet:„Dit militärische Besetzung von Elfaß-Lothringen gibt über das zukünftige Verhältniß dieser deut⸗ schen Reichsprovinzen zum deutschen Reiche eine ziemlich deutliche Aufklärung; schon jetzt nämlich wurden 18 altpreußische Infanterie Regimenter, von jedem der vor 1866 bestandenen neun Armee⸗ corps je zwei, bestimmt, welche ihre definitide Garnison in Elsaß Lothringen erhalten. Es würden, damit die betreffenden Regimenter bei ihrer Rückkehr aus Frankreich sofort in ihre neuen
Garnisonen einrücken können, die Ersatz- und Depotbataillone derselben mit Regimentskanzlei,


