Ausgabe 
2.9.1871
 
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30. Aug. Wie derKarlsr. Zeitung offieibs von hier geschrieben wird, ist es die Ab⸗ sicht des Kaisers, um die Mitte der nächsten Woche sich von Gastein nach Baden-Baden u begeben. Der Aufenthalt desselben in Baden dürfte über den Anfang des Monats October hinausdauern. DerK. Z. zufolge ist von der Absicht, eine Weiterbewilligung des Pauschquantums für den Militär⸗Etat des deutschen Reichs zu fordern, nicht mehr die Rede. Man wird einen vollstän digen und zwar sehr umfassenden Militär-Etat vorlegen resp. zu berathen haben. DieKreuz- zeitung hört, daß der Oberpräsident von Hessen Nassau, v. Möller, der in Angelegenheiten seiner Provinz seit einigen Tagen hier verweilt, zunächst wenigstens nicht als Oberpräsident nach dem El saß⸗Lothringen versetzt werde.

Andeutungen, die derB. Z. von zu⸗ verlässiger Seite gemacht werden, bestätigen die bereits früher mitgetheilte Nachricht, daß in den Regierungskreisen die bestimmte Absicht obwaltet, eine gemeinsame deutsche Centralstelle für das ge⸗ sammte Eisenbahnwesen zu errichten und daß be reits bestimmte Persönlichkeiten hiefür in Aussicht genommen worden sind.

Der Straßburger Correspondent der Karlr. Zig. vernimmtaus sonst guter Quelle, daß in nächster Zeit ein Erlaß des Fürsten⸗Reichs⸗ kanzlers zu erwarten wäre, der eine Einberufung der protestantischen Generalsynode von Elsaß⸗ Lothringen behufs Ordnung der kirchlichen Ange- legenheiten verfügt.

Gumbinnen. In dem Dorfe Czimochen (Kreis Lock, 479 Einwohner) sind bis jetzt 79 Cholerafälle vorgekommen, wovon 46 einen tödt lichen Ausgang nahmen. Die Regierung hat die ausgedehntesten Vorsichtsmaßregeln getroffen.

Stuttgart Unter den dem Juristentage vorgelegten Berichten ist der der dritten Abtheilung hervorzuheben, welcher die möglichst ausgedehnte Mitwirkung des Laienelements bei Aburtheilung aller Strafrechtsfälle wünscht, und zwar bei Straf⸗ gerichten mittlerer und unterster Instanz in Form des Schöffengerichts. Den Schöffen solle das Richteramt in vollem Umfange übertragen werden. Präsident Gneist schloß den Juristentag mit feu⸗ rigen, patriotischen Worten. Er nannte die Wahl Stuttgarts als Versammlungsort eine höchst glückliche; den Norden ziehe es nach den, zur Wiege der deutschen Cultur, welche im vorigen Jahre mit Vernichtung bedroht war, aber durch die gemeinsamen deutschen Waffen⸗ thaten gerettet wurde.

Straßburg. DieStraß. 31g. skizzirt den Unterrichtsplan für die höberen Schulen des Elsaß. Danach wird die Unterrichtssprache für die untersten Classen die deutsche, für die mittleren

und höheren noch möglichst die französische sein.

Der Unterricht in der deutschen Sprache wird in por

allen Classen wöchentlich sechs Stunden umfassen. Später wird die Unterrichtssprache eine getheilte sein, und zwar für die elsässischen Sprachen, Geschichte und Geographie das Deutsche, für Mathematik, Physik, Chemie und Naturwissenschaf⸗ ien das Französtsche eintreten.

Ausland. Oesterreich. Die altkatbolische Bewegung

nimmt auch in Ungarn immer größere Dimensionen

an. So soll schon in den nächsten Tagen eine von etwa 50 katholischen Weltpriestern, darunter mehrere Domherren, unterschriebene Erklärung er⸗ scheinen, worin dieselben zur Bildung einer ungari schen Nationalkirche auffordern und sich von Rom vollständig lossagen.

Lemberg. In den hiesigen Spitälern sind in den letzten Tagen mehrere Cholerafaälle vorge⸗ kommen. In Radzimilow, einem Städtchen an der galizisch⸗russischen Grenze, soll die Cholera⸗ Epidemie heftig grassiren. Die Sanitäts⸗Organe haben Vorsichtemaßkegeln getroffen.

Frankreich. Paris. Die republikanische Linke hat es abgelehnt, dem Antrage der äußersten Linken auf Auflösung der Nationalversammlung beizutreten, da sie denselben als unzeitgemäß und gefährlich betrachtet.

bis

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DerConstitutionnel verzeichnet das in der diplomatischen Welt umlaufende Gerücht, wo nach eine Begegnung zwischen Herrn Thiers und dem Fürsten Gortschakoff in Beaurivage in der Schweiz in Aussicht stebe. Dem General Leflo gebühre das Verdienst, diese Entrevue zu Stande gebracht zu haben. Demselben Blatt zufolge läßt die französische Regierung in Berlin von dem Kriegsministerium die 550,000 Chassepotgewehre zurückkaufen, die von den Deutschen im Kriege erobert wurden und in Voraussicht eines solchen Rückverkaufs sorgsam vor Schaden geschützt worden wären.

In Algerien dauern die Kämpfe noch fort. Das Land zwischen Cherchell, Zurich und Novi ist von den Colonnen Ponsard und Nicot vollständig paciftcirt und diese Truppen operiren jetzt zwischen Novi und Tenes gegen Stämme, welche seit dem Jahre 1847 keine bewaffnete Macht bei sich gesehen hatten und daher erschreckt um Gnade flehen. Im Westen ist mit dem starken Dorfe Aghil, auch Zeru oder die Medina ge⸗ nannt, die letzte größere Position der aufständi schen Kabylen ohne Schwertstreich in die Hände des Obersten Nicot gefallen. Dagegen droht Ahmed⸗Bey die Uled⸗Sellem und die Uled-Aliben Jabar, die sich nicht verleiten lassen wollten, am Aufstande Theil zu nehmen, mit einem Angriffe und die Uled Sultan beginnen auf's Neue ihre Angriffe auf N'gaus.

DerSiecle schreibt:Samstag Abend traten zwei Personen, ein Vater mit seinem Sohne, in das Café Trudaine an der Ecke der gleich- namigen Avenue und der Rue des Martyrs und verlangten Getränke. Der Herr des Hauses wandte sich an den Vater und sagte:Sie sind ein Prussien, ich kenne Sie; lassen Sie mich in Rube; ich will Sie nicht bedienen! Der Sohn gerieth in Zorn, sagte, daß man seinen Vater insultire und wandte sich in heftigen Ausdrücken an den Caföébesitzer. Die Gäste drängten sich herbei und bald erscholl von allen Seiten der Ruf: Das ist ein Prussien, bringt ihn um! Vier oder fünf Individuen stürzten sich auch schon, mit Billiard-Queues bewaffnet, auf den Unglück⸗ lichen; andere Gäste entrissen ihn indeß seinen Henkern, aber schon war sein Gesicht mit Blut bedeckt. Dem Vater gelang es zu entkommen; der Sohn brachte bei dem Polizeicommissär eine Beschwerde vor. Der junge Mann soll allerdings der Sohn eines Preußen, aber selbst in Frank- reich geboren sein und während der Belagerung sogat in den Marschcompagnien gedient haben. Was uns betrifft, so können wir, welches die Nationalität dieses Unglücklichen auch sein mag, nicht umhin, gegen Gewaltthätigkeiten zu protestiren, die des französischen Volks unwürdig sind.

Der Prozeß gegen die Insurgenten ist den aufregenden Debatten in der National versammlung ganz in den Hintergrund gerückt. Augenblicklich halten die Advocaten die Verthei⸗ digungsreden für ihre angeklagten Clienten; aber jetzt bat sich noch keine dieser Reden zu dem

Schwunge erhoben, welcher die berühmten Reden

der Vertheidiger der im Prozeß Blois Angeklag⸗ len so effettvollen Wiederhall in ganz Frankreich finden ließ.

Auf die Beschwerde des deutschen Gesandten, Grafen von Waldersee, hin ist bekanntlich die Liga für die Befreiung des Elsasses und Loth ringens von der französischen Regierung aufge löst worden. Man spricht aber davon, daß die selbe Gesellschaft unter einem anderen Namen, wie z. B.Liga für das Wohl der Elsässer und Lothringer, sortbestehen werde, natürlich mit den selben geheimen Tendenzen, i

Versailles, 30. Aug. Sitzung der National- versammlung. Vitet zeigt an, daß die Commission das Amendement Dusaure angenommen habe. Dufaure erklärt hierauf, daß die Regierung dem so amendirten Antrag, wie er im Bericht Vitet enthalten, ibre Zustimmung gebe. Die General debafte wird hierauf geschlossen. Verschiedene Amendements und Gegenanträge werden zurückge⸗ zogen. Das Amendement Pascal Duprat's, welches das Recht der Nationalversammlung, sich als Con-

stituante zu erklären, bekämpft, wird verworfen Gambetta ergreift hierauf das Wort und den ersten Paragraphen der Einleitung,

proclamirt. Er sagt, diese Bestätigung sei unnütz, unpolitisch und verwegen. Benoit d' Azy unter⸗ stützt den Paragraphen, welcher mit 433 gegen 227 Stimmen angenommen wird. Am Schluß der Sitzung deponirte Quinet im Namen mehrerer Deputirten einen Antrag, welcher die Auflösung der Nationalversammlung verlangt.

Großbritannien.Daily Telegraph meldet, es sei zwischen Italien und Preußen ein neuer Offensiv- und Defensivvertrag abgeschlossen worden. DieTimes veröffentlicht ein Tele⸗ gramm aus Philadelphia über ein bei Winthrop in der Nähe von Boston Sennabend stattgefundenes Eisenbahn-Unglück. Es wurden 25 Persopen ge tödtet und 50 Personen verwundet. Die Wag⸗ gons fingen Feuer und verbrannten mehrere Per sonen lebendigen Leibes.

Rußland. In Litthauen grassirt die Cholera-Epidemie noch immer mit ungeschwächter Heftigkeit. Aus den veröffentlichten amtlichen Be⸗ richten geht hervor, daß von den Erkrankten in der Regel mehr als die Hülfte mit Tode abgeht, In Wilna hat die Seuche in letzter Zeit auch aus den höheren Ständen und wohlhabenden Classen zahlceiche Opfer gefordert, unter denen sich auch die Gemahlin des General- Gouverneurs Polapow befindet. Die größten Verheerungen richtet jedoch die Epivemie unter dem massenhaften

bekämpft welcher 9 die constituirende Gewalt der Nationalversammlung

jüdischen Proletariat der kleinen Städte und unter

der dem Trünk ergebenen und in Elend und Schmutz versunkenen ländlichen Bevölkerung au.

Frankfurt, Unter den localen Nachrichten hiesiger Blätter ist zu lesen: Ein hiesiger reicher Bürger, der Feld und Wiesen, sowie Bauplätze besitzt, entschloß sich am Samstag sein Grundeigenthum, das er seit Jahr und Tag nicht gesehen, einer Inspecrion zu unterwerfen. Sprach⸗ los war sein Erstaunen, als er im Westviertel an eine neu angelegte Straße kam, in welcher er einen ihm wohl⸗ bekannten Bauplatz hatte und diesen nicht mehr, wohl aber ein Hans vorfand, welches demnächst bewohnbar wird. Solchen Eingriff in sein Recht konnte der Eigenthümer, wenn auch ein Irrthum vorlag, da der Platz nebenan dem Bauherrn gehörte und dieser nur falsch angewiesen war, nicht dulden und steht nun darob ein seiter Proceß in Aussicht.

Frankfurt. Die Zahl der amerikanischen Fa⸗ milien hal sich in letzter Zeit hier so wesentlich vermehrt und erhält jede Woche solchen bedeutenden Zuwachs, daß man mit Recht von einer amerikanischen Colonie sprechen kann. Dieselben bewohnen den schönsten Stadttheil im Westen und hal ein Theil derselken durch Erwerbung von Grundeigenthum sich fest angefiedelt, andere sind im Be⸗

griff, dies zu thun, dritte bauen sich Häuser, welche mit

dem neuesten Comfort eingerichtet sind. 5

Darmstadt. Am 30. August stieß auf der Hesf. Ludwigsbahn der 1. Personenzug innerhalb des Rayons des hiesigen Bahnhofs auf einen im Geleise stehenden Güterzug. Einige Personen in jenem Zuge erlitten Con⸗

lusionen, die übrigen Personen kamen mit dem Schrecken

Pa Darmstadt. Am 31. Aug. früh gegen 6 Uhr ent⸗

lud sich über unsere Stadt ein furchtbares Gewitter, wie

wir es schon lange nicht mehr erlebt,

abbrante.

Turnerfeuerwehr ist es zu danken, daß sich das Feuer nicht. weiter verbreitete und gegen 8 Übr vollständig gelöscht

war. An der Stelle, wo der Blitz einschlug, hielten sich

Der Blitz zündete in der hiesigen Gasfabrik im Dache des Essigyauses, das Der sehr rübrigen Hülfe der hiesigen und der

etwa ein Dutzend Leute auf, die auf Abgabe von Holz⸗ kohlen warteten und wie durch ein Wunder der Gefahr

enigingen. Dennoch sind Menschenleben zu beklagen. Der

in der Nieberramstädterstraße wohnhafte Stadigerichtsdienen Ganß, welcher im Begriff war, auszugehen, wurde, am Heerde stehend, wo er sich nur noch Kaffee einschenken wollte, von einem durch den Schornstein eindringenden

Blitzstrahl getödiet.

Weiter ist zu melden, daß auf der Chaussee zwischen hier und Griesbeim der Blitz in einen 5 Trupp Frauen, welche auf dem Weg zum hiesigen Wochen⸗ 1

markt begriffen waren, einschlug und ein Mädchen zu Bo⸗

den streckte. Zustand als ein bedenklicher geschildert wird. Auf der Arheilger Chaussee wurde ein Mann und das Pferd, auf dem er saß, getödet.

Aus Wiesbaden meldet eine Depesche, daß auch dort

Dasselbe ißt jedoch nicht todt, obwohl sein

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am 31. August feüh schwere Gewitter wolkenbruchartige

Regengüsse brachten. schlagen.

In Oberlahnstein wurde dieser Tage auf dem nettes Gaunerstückchen ausgeführt.

Bahnhof ein

Ein Portier gewahrte, als der Zug aus Coblenz-Ehren breitstesn daselbst einlief, wie zwei Fremde einem alten Herin bei'm Einsteigen in ein Coups erster Classe behülf⸗ 2 lich waren und der eine Helfer dem anderen eine Brief

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Der Blitz hat in der Nähe Wies⸗ badens drei unter einem Baume stehende Menschen er⸗

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