Proklamation des Unfehlbarkeitsdogma's mit einer entschiedenen Manifestation dagegen beantworten. — Eine Studentenversammlung erklärt jede Unterstützung Frankreichs für ehrlos.— Angesichts der neuesten Gerüchte von französischen Anerbietungen betonen die Morgenblätter, daß Oesterreich keine Veranlassung haben könne, aus der stricten Neu⸗ tralität herauszutreten. Frankreich. Paris. Beim Empfang des gesetzgebenden Körpers äußerte der Kaiser: Es gereiche ihm zur Genugthuung, vor seiner Abresse zur Armee dem gesetzgebenden Körper danken zu können. Der Krieg sei nur bei der Zustimmung des Volkes berechtigt. Der Kaiser vertraue die Legislative der Kaiserin, welche, so⸗ bald es die Umstände erforderten, die Legislative versammeln werde. Die Kaiserin werde die Pflichten zu erfüllen wissen, welche ihre Stellung ihr auf. erlege. Der Kaiser nehme seinen Sohn mit in's Feld, damit derselbe dienen lerne. — Der Kaiser hat auf Vorschlag des Ministers des Auswärtigen beschlossen, daß die Unterthanen Preußens und der verbündeten Länder, welche ihm die Unterstützung ihrer Waffen leihen, die sich augenblicklich in Frankreich oder in seinen Colo⸗ nien befinden, ermächtigt würden, ihren Aufent- halt dort fortzusetzen, so lange ihr Verhalten zu keiner Klage Anlaß gibt. Die Zulassung von Unterthanen Preußens und seiner Verbündeten auf französischem Gebiet ist von heutigem Tage an speziellen Ermächtigungen untergeordnet, welche nur ausnahmsweise zugestanden werden. — Der Centre ⸗Gauche schreibt:„Man muß es anerkennen, eine Nation von 48 Millionen steht gegen den Einfall einer Nation von 40 Millionen Seelen auf. Der Kampf wird bei ihnen ein hartnäckiger Vertheidigungskampf sein. Sie werden sich nach und nach auf allen ihren Linien vertheidigen, und deshalb werden unsere Generäle dringend ersucht, sparsam mit unsern Hülfsmitteln umzugehen.“ — Die Zahl der in Paris bisher angemel⸗ delten Freiwilligen beträgt 18,000, in Frankreich 85,000 Mann. Das Schreien und Singen in den Straßen hatte keinen andern Zweck, als die jungen Köpfe zu erhitzen und der Armee zuzu⸗ führen.
— Thiers hat, so meldet der Pariser„Times“ Correspondent, seit vorigem Freitag täglich an 200 Briefen aus den verschiedensten Theilen Frankreichs empfangen, die ihm den Dank der Schreiber bringen für die Redlichkeit und den Muth, mit denen er in der Kammer gegen den Krieg aufgetreten. Das ist bezeichnend, wie denn überhaupt verläßliche Berichterstatter aus Frank⸗ reich melden, daß die Kriegswuth noch lange nicht in alle Schichten eingedrungen sei.
— Der„Figaro“ erhält folgende Mittheilnng, welche nicht etwa ein Scherz ist:„Ich wette 200,000 Frs. gegen 100,000 Frs., daß die fran⸗ zösische Armee den 15. August d. J. in Berlin einziehen wird. Das Geld ist deponirt. Thomas, Notar zu Paris, Offizier der Ehrenlegion. Paris, 20. Juli 1870.“ Hr. Thomas ist der Aelteste von den Pariser Notaren und sein Name figurirt in allen patriotischen Sammlungen.
Metz. Eine Correspondenz der Ind belge schreibt: In dem Augenblick, in welchem ich Ihnen schreibe, ist der größte Theil der fran⸗ zösischen Armee zwischen Metz und Straßburg placirt. Was fehlt sind hauptsächlich Artillerie- pferde. Von früh bis zum späten Abend bringen die Bauern ihre Pferde in endlosen Reihen nach Metz. Sie freuen sich, dieselben los zu werden, da es ihnen an Futter fehlt. Man bezahlt 500— 700 Fr. für ein Pferd, das vor 10 Tagen keine 100 werth war. Der Artillerie wird überhaupt in dem bevorstehen— den Kampfe die wichtigste Aufgabe zufallen.
Großbritannien. London. Das ein-
zwischen Frankreich und Deutschland nun⸗ mehr nur das Schwert entscheiden könnte, die weitere Bemerkung: Der Kaiser setzt die Zukunft seiner Dynastie ein, das kann ihm kein Geheim⸗ uiß sein, und wagt sie darauf hin, 40 Millionen Deutschen auf den Nacken treten zu können, die ihr Aeußerstes daran setzen werden, seinen Rhein⸗ gelüsten zu widerstehen. Schon hat sich Süd⸗ deutschland um die von Preußen hochgehaltene nationale Fahne geschaart und bereits ist die Stimmung in Wien und den deutschen Provinzen des Kaisers Franz Joseph eine derartige, daß ein von französtschen Sympathien beseelter Hof genöthigt sein wird, sie entweder zu verbergen, oder ganz sallen zu lassen.“ In einem zweiten Leitartikel hebt die„Times“ die Bedeutung der Thiers'schen Rede hervor, wie wenn das City- blatt überhaupt, von dem Augenblicke an, als es klar war, daß Frankreich den Krieg um jeden Preis herbeiführen wolle, entschieden auf deutscher Seite steht.
Italien. Florenz. Die„Nazione“ sagt:
Frankreich habe seine Absicht, seine Truppen aus dem Kirchenstaate zurückzuziehen, bereits dem Flo⸗ rentiner Cabinet angezeigt, und es werde die Räumung in kürzester Zeit vollendete Thatsache sein.
Rom. Es macht Aufsehen, daß der öster⸗ reichische Gesandte, Graf Trautmansdorff, nach Proklamirung der Infallibilität von hier ab⸗ gereist ist.
Amerika. In Cincinnati hat eine be⸗ geisterte Massenversammlung stattgefunden, um dem Mitgefühl mit Deutschland Ausdruck zu geben. Die deutschen Vereine in den verschiedenen Städten der Union zeichnen große Summen für die Wittwen und Waisen Derer, welche in dem bevorstehenden Kampfe fallen werden.
New⸗ Vork. Ueber ein grauenhaftes Ereigniß in Middletown) einem Dorfe des nordamerikanischen Staates Missouri, berichtet ein dortiges Blatt:„Die Besitzer einer umherziehenden Menagerie waren um eine neue Sensation verlegen, mit welcher sie das Publikum anlocken könnten, und so beschlossen ste, ihr Musikcorps oben auf den Käfig einiger dressirten Löwen zu placiren und so vierspännig durch die Straßen zu fahren. Obwohl die Musiker wieder⸗ holt Einwendungen machten und Fun Käfig für nicht stark genug hielten, beharrten die Unternehmer auf ihrem Vorsatze und unter zahlreichem Gefolge des Publikums setzte sich der Zug am 12. Mai in Bewegung. Als der Kutscher um eine Straßenecke biegen wollte, verwickelten sich die Vorderpferde, brachten das ganze Gespann in Unordnung und rissen schließlich in einem Galopp aus. Das Vorderrad des Käfigs stieß bei dieser Gelegenheit mit solcher Gewalt gegen einen großen Stein, daß die Stützen
des Daches nachgaben und die Musiker in das Innere
des Käfigs hinabstürzten. Das Schreckensgeschrei der armen Opfer, welche von den wildgewordenen Bestien zerfleischt wurden, war herzzerreißend. Einigen wenigen von den Musikern gelang es, den Wänden des Käsigs hinaufzuklettern; sie fielen besinnungslos auf der anderen Seite zu Boden, während die übrigen in einem schreck⸗ lich verwickelten Knäuel mit den Bestien um ihr Leben rangen. Nachdem die Zuschauer sich von dem ersten Schrecken erholt hatten, ellten sie in einem zufällig gegen⸗ über liegenden Eisenladen, ergriffen Heugabeln, Hacken, lange Eisenstangen— kurz jede erreichbare Waffe— und entfernten die Seitenthüren des Käfigs, welche bisher das Innere den Augen der Zuschauer entzogen hatten. Ein schrecklicher Anblick bot sich dar: neben den Unglücklichen, deren glänzende Uniformen von Blut besudelt waren, lagen losgerissen balbverschlungene Gliedmassen, während die Bestien ihre grünen Augen wild auf die versammelten Volksmassen warfen. In diesem Augenblicke kam Professor Charles White, der Besitzer, hinzu und gab seine Befehle zur Beseitigung der Todten und Verwundeten. Nachdem er Leute mit Heugabeln und Eisenstangen an allen Seiten aufgestellt hatte, sprang er furchtlos in den Käfig und fing an, die Verwundeten aufzuraffen und der versammel⸗ ten Menge hinauszureichen. Er hatte den letzten Ver⸗ wundeten in Sicherheit gebracht und machte sich daran die Ueberreste der Getödteten zu sammeln, als einer der Löwen, der„alte Nero“, mit fürchlerlichem Gebrüll auf ihn los sprang, Zähne und Tatzen in seinem Halse und seinen Schultern vergrub und anfing, ihn in ganz schreck⸗ licher Weise zu zerfleischen. Dreimal machte White den vergeblichen Versuch, das Ungeheuer abzuschütteln und dann befahl er auf dasselbe zu feuern. Vier Revolver wurden auf den Pelz der Bestie abgebrannt unh diese fiel mit wildem Geheul leblos zusammen. Der wackere
fußreichste Blatt England's die„Times“ macht zu der ausgesprochenen Ueberzeugung,
daß
Mann, wiewohl schrecklich zerfleischt, verließ dann den Käfig noch nicht, sondern sammelte zuerst sorgfältig alle
Ueberreste ber Todlen. Von den zehn Mustkern waren drei sosort getödtet und vier schrecklich zugerichtet worden. Die Tobten, deren Leichen und abgerissenen Glieder une möglich zu erkennen waten, und die August Schyer, Konrad Freeiz und Karl Greiner— offenbar alles Deutsche — hießen, wurden sofort in Särge gelegt und begraben.“
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Verantw. Red.: Hermann Schimpff.
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