Ausgabe 
24.12.1870
 
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dieser stolge Bau für alle Zeiten mächtig dastehen werde; er werde den heutigen Tag zu den schönsten und unvergeßlichsten seines Lebens zählen. Den folgenden Tag benützten die Reichsboten zu Aus- flügen an die Umgegend, um unsere auf Vorposten lieg lach Soldaten zu besuchen. Am 20. Früh 7 Uhr trat die Deputatson die Rückreise in die Heimalh an.

Aus Versailles, 14. Dec., schreibt man derWes. Ztg.: Die französische Nord- Armee scheint bei Zeiten bedeutende Vorräthe an Lebens mitteln in allen größeren Ortschaften aufgespeichert zu haben; denn unsere Armeeverwaltung hat fast überall große Quantltäten vorgefunden, die unseren Truppen sehr zu Gute kommen. Wahrscheinlich hat die provisorische Regierung diese Ansamm lungen von Lebensmitteln decretirt, um dieselben sofort dei der ersten günstigen Gelegenheit nach Paris zu schaffen.

Nach einem in Versailles umgehenden Gerücht befand sich angeblich in dem bei Herborn niedergefallenen Ballon ein Adjutant des Generals Ducrot.

Der Rückzug der französischen Nordarmee ist schneller erfolgt, als man erwartete. Der General Faldherbe begnügte sich damit, die Cita delle von Amiens zu recognosciren, wobei es am 19. zu einem heftigen Gefechte kam. Da aber von Montdidier, Chauny, Tergnier und Ham die Ankunft größerer preußischer Colonnen gemeldet wurde, ging General Faidherbe auf Albert, nord östlich von Amiens, zurück. Gleichzeitig schiebt sich eine größere deutsche Abtheilung an der Straße und Eisenbahn von Laon nach Hirson vor, welche Marle beschoß und Vervins bedroht. Hier scheint die 13. und 14. Division des rheinischen Corps wieder zum Vorschein zu kommen, deren beabsichtigter Abmarsch von Metz und Montmedy bereits früher gemeldet war.

Die 25.(Großh. Hessische) Infanterie Division ist wieder in den Verband des 9. Armee corps getreten.

Von verschiedenen Seiten wird berichtet, daß in Folge der französischen Siegesberichte die Haltung der französischen Gefangenen in Deutsch land eine sehr ermuthigte, zum großen Theil eine übermüthige geworden ist, und wenn auch die übrigen Nachrichten von entdeckten Verschwörungen unter ihnen sich nicht bestatigt haben, so scheint doch eine neuere aus dem Lager von Neu⸗Sedan bei Lingen an der holländischen Grenze begründet zu sein. Dennoch hat man, wie dieZ. f. N. meldet, Kunde von einer geheimen Uebereinkunft unter den dortigen Kriegsgefangenen bekommen, in der Nacht einen Aufstand und Ausbruch in Masse ins Werk zu setzen. In Folge davon rückte die gesammte in Lingen liegende Reservemanuschaft von da ab, um die im Lager befindliche Be wachungsmannschaft zu verstärken. Ueberall sind die Aussichtsmaßregeln verschärft. Die Offiziere müssen sich anstatt, wie früher wöchentlich, nun- mehr täglich bei den deutschen Kommandanten melden. Die General- Gouverneure bereisen auf Anordnung des Kriegsministeriums ihre Bezirke, um die Gefangenen Depots zu inspiciren. So wird General Vogel v. Falckenstein zu diesem Zweck in Stettin erwartet und wird sich von da auch nach Kolberg, Danzig und Königsberg be geben. Auch General v. Steinmetz traf, wie ge⸗ meldet wird, in Cosel ein. Seine Anwesenbeit galt der Anordnung derjenigen Maßregeln, welche sich wegen ber am 12. d. M. statigehabten Flucht von sechs hier internirt gewesenen französischen Offizieren als nothwendig erwelsen, und in Folge deren bereits heute Mittag 1 Uhr die sämmtlichen hier befindlichen kriegsgefangenen Ossiziere nebst ihren Burschen nach Danzig und Stralsund ge schafft werden.

Straßburg. Noch immer werden von Straßburg und dem Elsaß junge Leute eingebracht, die über Baden nach der Schweiz und von da zu den Gartbaldi'schen Schaaren stoßen wollten. Einige für die Sache Frankreichs begelsterte lunge Damen, die vor ungefähr acht Tagen abreisten, um Garibaldi ibre Dienste auzubicten, kehrten lesbeschaͤmt zurück, nachdem sie, wie slie angeben,

denselben nicht gefunden. Der 16, würtem⸗ bergische Sanitätszug, krefflich mit Proviant aus · gestattet, passirte Straßburg.

Am 13. Dez. sollte zum ersten Male die Bahn von Mülhausen in der Richtung nach Belfort befahren werden. Noch gerade zeitig genug hat man einen großen Unglück vorbeugen können, denn die gestern hier durchkommenden 2 kolossalen Züge bayerischer Festungsartillerie mit den 30 Riesengeschützen sollten von Mülhausen auf dieser Strecke weiter befördert werden. Der Thätigkeit und Energie des hiesigen Polizeidirektors von Sch. hat man es wohl zu verdanken, daß auf dieser Strecke eine schon mit Sprengmaterial gefüllle Mine entdeckt wurde, welche unzweifelhaft der Zerstörung des ersten deutschen Militärzuges galt.

Garibaldi hat das ihm verliehene Groß- kreuz der Ehrenlegion ausgeschlagen.

Pruntrut, 21. Dec. Schwere bahyerische Artillerie verstärkt das Belagerungscorps vor Belfort; die mangelnden Requisitionspferde wurden durch beschlagenes Rindvieh ersetzt.

Sämtliche verwundete Gefangene sind von Garibaldt über die Schweiz nach Hause geschickt worden.

Karlsruhe. Die Verluste unserer Truppen an dem heißen Tage des 18. December bei Nuits stellen sich noch erheblicher heraus, als die erste Mittheilung besagte. Es hat gegen 30 todte oder verwundete Offiziere gekostet. Hoffentlich sind auch die Folgen des Sieges erbeblich. Der Feind soll 16,000 Mann stark gewesen sein, ein Bestandtheil der Lyoner Armee, wahrscheinlich unter General Cremer. Er wird energisch verfolgt. Briefe von gefangenen Offizieren rühmen, da, wo Gari baldi unmittelbar einzugreifen Gelegenheit hat, die gute Behandlung von dieser Seite.

General Cremer, welcher bei Nuits von den Badenern geschlagen wurde, ist eine chevalereske, aber etwas eitle Erscheinung. Die badischen in Chateauneuf gefangen genommenen Aerzte erzählen von ihm: er spreche das reinste Hanno veraner deutsch und sei ungemein freundlich gegen sie ge wesen. Er ist 34 Jahre alt und erst vor Kurzem vom Capitän zum General avancirt.

Ueber die Erstürmung von Chambord durch drei Compagnien 2. Bat. 4. Infsanterie- Regiments(Major Bechstatt) entnimmt die Darmst.-Ztg. einem ihr mitgetheilten Feldpost briefe eines Betheiligten vom 13. Dezember noch Folgendes: Freitag(9.) Morgen marschirte unser Regiment als Avantgarde der Diviston durch St. Laurent vor, und stießen wir vor dem nächsten Ort, St. Die, auf den Feind, der jedoch mittelst einiger Granaten bald zurückgetrieben war. Von St. Die, erhielt unser Bataillon den Auftrag, das links in einem großen Park gelegene Schloß des Grafen von Chambord zu nehmen und sich darin einzuquartieren, wahrend der übrige Theil der Devision weiter vorrückte und noch am Abend bei Montlivault von 8 feindlichen Bataillonen angegriffen wurde, die jedoch nach hartnäckigem Widerstand abgewiesen wurden. Unser Bataillon ging mit 3 Compagnien, da die 5. Comp. zu der Munitionscolonne detachirt ist, gegen den Park von Chambord vor, die 6. und 7. Comp. von der Südseite, die 8. von der Nordseite. Nachdem der Park von uns abgesucht war, kamen wir um 5 Uhr zu der 7. Comp., die den Haupteingang zum Park besetzt hielt, während die 6. Comp. bereits nach dem ca. ½ Stunde entfernten Schloß vorgerückt war. Die 8. Comp. bekam den Auftrag, sofort zur Unterstützung der 6. Comp. vorzurücken, und fanden wir diese an der Brücke vor dem Schloß in heftigem Gefecht mit dessen Besatzung. Hauptmann Kattrein ent schloß sich rasch: das Schloß mit Sturm zu nehmen, und nun stürmten wir tambour battant mit furchtbarem Hurrah an der 6. Comp. vorüber, welche sich uns auschloß, auf das Schloß los, worauf der Feind sofort Kehrt machte, die Waffen wegwarf und in wilder Flucht davonlief. Wir besetzten natürlich sämmtliche Ausgänge und machten einen Oberst, 2 Malore, 12 Subalternoffiziere und ca. 300 Mann zu Gefangenen; außerdem sielen 5 Geschützt und 12(14 heißt es anderwärts)

Munitionswagen mit Bespannung in unsere Hände, ebenso die ganze Ossiziersbagage, viel Pferde ꝛc. Nach Aussage der Gefangenen befanden sich eireg 600 Mann in dem Park, die die 8. Comp. mit 3 Ossizieren(Hauptmann Kattrein, Lieut. Neß' ling und Lieut. Weber) und 51 Mann, die jedoch für mindestens Tausend Hurrah brüllten, vertrieb. Hauptm. Kattrein hatte Befehl gegeben, keinen Schuß zu thun, sondern nur das Bajonnet zu gebrauchen, und so wurde der ganze Erfolg obne einen Schuß und ohne einen Todten oder Ver⸗ wundeten unserer Comp. zu Stande gebracht. Am Abend kam noch die Schwadron Dresky vom 1. Reiter Regiment und brachte die Ge schütze und Munition und am anderen Morgen auch die Gefangenen in Sicherheit. Da wir nicht wissen konnten, was vom Feinde noch im Walde stecken konnte, so war die Lage unserer drei Compagnien eine äußerst kritische, bis Morgens gegen 11 Uhr endlich die erbetene Verstärkung ankam, bestehend aus dem Lauenburger Jägerbataillon Nr. 9, einem Kürassir- und einem Ulanenregiment, nebst 2 Geschützen. Um 12 Uhr rückten unsere drei Compagnien im Vereine mit diesen als linkes Reilerdetachement nach Brecieuf ab, wo wir Alarmquartiere bezogen. Ein daselbst aufge- fundener Brief ergab, daß 3300 Mann sich bei Cbambord als Avantgarde eines französischen Corps concentriren sollten, was dieselben jetzt in wilder Flucht nach rückwärts thun. Sonntag blieben wir in Ruhe in Brecieux, und kam unser Bataillon gestern(12.) in Cantonnement nach Seur,(2 Stunden südlich von Blois), wo ich mit den Lieutenants Neßling, Friedrich, sowie den Reiterofsieieren v. Gagern und Riedesel in der Ecole des filles einquartirt bin. Unsere Ver⸗ pflegung besorgt die im Schulhaus wohnende Nonne aus dem nahen Schlosse des Vicomte La- salle, der keinen schlechten Wein im Keller hat. Unser 9. Corps hat die Vorstadt von Blois be⸗ setzt, und sollen Verhandlungen wegen der Ueber- gabe der Stadt im Gange sein.(Diese ist noch an demselben Tage erfolgt.)

Hessen. Darmstadt. Umterm 19. d. M. wurde dem Flügeledjutanten S. K. H. des Groß- herzogs Hauptmann v. Herff der Charakter als Major ertheilt; ferner wurden ernannt: der Major Bickel in der Feldartillerie zum Oberstlieutenant; der Major Anschütz in dem 1. Inf.-Regt. zum Oberstlieutenant; der Major und Commandeur des 2. Reiter-Regts. Frhrn. v. Buseck zum Oberstlieutenant; der Major Winter vom 2. Jäger-Bataillon zum Oberstlieutenant und Com- mandeur des 3 Inf.⸗Regts.; die Rittmeister und Schwadronschefs Becker im 1. Reiter Regt. und Frhr. van der Hoop im 2. Reiter⸗Regt. zu Majoren unter Belassung in ihrer seitherigen Stellung; ferner der frühere Großh. Badische Premier- Lieutenant Gaus zum Lieutenant im 1. Reiter-Regiment. Den Maloren Rüti und v. Hombergk zu Vach vom Gendarmerie⸗Corps wurde der Charakter als Oberstlieutenant ertheilt.

Das Kriegsminksterium veröffentlicht weiter folgende Liste über die Verluste der hess. Division: 4. Infanterie-Regiment.

(Gefecht bei Monilivault vom 9. Dezember.) 3. Compagnie. Vice Feldwebel Wilh. Bender, Darmstadt, todt, Schuß d. d. Unterleib. Musk. Heinr. Jeckel, Biebesheim, schw. v., Sch. d. l. enn, N Compagnie. a Musk. Ant. Best, Bechtolsbeim, schw. v., Sch. i. Gesicht. Geotg Wolf Rüssselshetm, schw. v. Sch. i. Rücken. Pynl. Kratz. Dudenhosen, l. v., Sch. i. l. Knle. Jos. Gresch, Odernhesm, schw. v., Sch. i. Schulterbl. Wilh. Gösoel, Laubach, schw. v. f Val. Engel, Psedderoheim, schw. v., Sch. i. Schulterdl. Ad. Schäfer, Waldmichelbach, schw. v., Sch. l. k. Oberarm Ty. Jinnk un, Biygen, schw. v., Sch. a. K. u. r. S. Ad. Krouauer, Lampecthelm, schw. v. Joh. Janz. Horrweller, l. v., Sch. a. d. Hand, Leonhard Seibert, Grasellenbach, todt, Corp. Franz Hubert, Mainz, Peellsch., ist bei der Comp. Musk. Friedr. Kreuzer, Aspisheim, Prellsch., i. b. d. Comp. Friedr. Möller, Rödergrund(Fulda). Heinrich Busch, Mainz, vermißt. Pyil. Rettig, Bensheim, Verw. unbekannt. (Gefecht bei St. Claude de Diray vom 10. Dez.)

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