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Der gesetzgebende Körper geht zur Tagesordnung über. Ordinaire, welcher fortfährt zu reden, wird zur Ordnung gerufen. Favre und Cremicux verlangen Beschleunigung der Vor⸗ untersuchung gegen die verhafteten Personen. Pelletan tadelt das Verbot einer öffentlichen Ver⸗ sammlung. Es entspinnt sich eine leidenschaftliche Discussion. Der Gesetzentwurf, betreffend die Aufhebung des allgemeinen Sicherheitsgesetzes, wird hierauf der Versammlung vorgelegt.— Der „Moniteur“ versichert, daß das Contingent für 1870 um 15,000 Mann vermindert werde.
— In den Pariser Gymnasien gährt es selbst unter den Zöglingen; man hat die Pensionäre des Lyceums Saint-Louis eben heimgeschickt, unter irgend welchem Eß-Vorwande; nicht die Speisen, sondern der ungewöhnliche Eifer der Jungen, von Tagesfragen zu sprechen, hat aber diese Maßregel veranlaßt.
— Die Liste der Personen, welche in Folge der Ereignisse der vorigen Woche in Haft behalten werden, wird mit jedem Tage größer, sie zählt schon 104 Namen, worunter man nicht weniger als 95 Individuen findet, welche eines Attentats gegen die Sicherheit des Staates beschuldigt sind. Daneben hört man noch beständig von neuen politischen Verhaftungen.
— Der„Moniteur“ kann heute melden, daß die aun angekündigte Herabsetzung des Armee⸗ Effectivs sich auf mebr als 15,000 Mann be⸗ laufen wird.
— Die„Patrie“ erklärt es für unrichtig, daß sich Oesterreich, Frankreich und Bayern ver- abredet hätten, dem päpstlichen Stuhle Vorstellungen wegen der Erhebung der Unfehlbarkeit des Papstes zum Dogma zu machen.— Es wird v»ersichert, Rochefort habe dem Prästdenten Schneider brieflich die Erklärung gegeben, er werde sein Mandat niederlegen, wenn der Präsident fortfahre, die Annahmt der ihm Seitens Rochefort's zugehenden Mittheilungen zu verweigern.
Schweden. Der Reichstag nahm die Vorlage des Verfassungs-⸗Ausschusses an, welche den christ⸗ lichen Dissidenten und den Israeliten die Wähl barkeit in den Reichstag und das Recht, alle Staatsämter, außer den Ministerposten zu bekleiden, zugesteht.
Großbritannien. Der lange Streit zwischen Amerika und England über die Alabamaange legenheit, von der man nach der bekannten Rede des Senators Sumner sogar eine Gefäbrdung des Friedens zwischen beiden Mächten fürchtete, ist nach einem Londoner Telegramm glücklich bei- gelegt. Im Unterhaus tbeilte der Unterstaats. sectetär des Aeußeren, Herr Otway, mit, daß Amerika die Nichtwiederaufnahme der Verhand- lungen beantrage. Dieses Verfahren ist der großen Republik würdig; sie verschmäht eine Geldentschädigung, hat aber England für ale Zeiten die Lehre gegeben, daß dieses nicht unge straft wieder gegen die Union conspiriren darf.
Spanien Madrid. Wie sehr Handel und Wandel darnieder liegen, veranschaulicht eine Mittheilung spanischer Blätter, nach welcher in der Stadt Madrid seit der September-Revolution
gegennehme.
„Friedberg. Die deutsche Gesellschaft zur, Rettung Schiffbrüchiger hat soeben ihren, Bericht für das ver⸗ flossene Jahr ausgegeben. Die Schrift enthält ein reiches Material zur Beurtheilung der vor unseren Küsten sich ereignenden See- Unfälle und der Anstrengungen, die zur Rettung von Menschenleben gemacht sind, sei es von Slationen zur Rettung Schiffbrüchiger, sei es auf andere Weise. Durch deutsche Retlungsanstalten wurden 1869 im Ganzen 59 Persenen gerettet, gegen 68 im Jahr 1868, 128 im Jahr 1867 und 141 im Jahr 1866. Seit dem Bestehen der Gesellschast sind mithin 396. Menschen durch künstliche Reitungsgeräthe der Lebensgefahr entrissen. Gewiß wird die Schrift, die zur Vertheilung unter die Mitglieder der deulschen Gesellschaft zur Rettung Schiff⸗ brüchiger bestimmsist, dazu beizutragen, das Inieresse für das deutsche Rettungswesen wachzuhalten und hoffentlich manchen Menschenjreund aufmuntern, durch Zeichnung von selbst kleinen jährlichen oder einmaligen Beiträgen ein eben so bumanes wie nationales Institul zu unterstützen. Durmstadt. Der Versuch ciner speziellen Rosenaus⸗ stellang, welchen der Gartenbauverein zu Darmfstadt im Juni vorigen Jahres machte, hatte sich des ungetheilten Beifalls der zablreichen Besucher und Besucheriunen zu erfreuen, so daß der Verein es unternommen hat, eine solche Ausstellung im Großen zu wiederholen. Lau Ankündigung wird dieselbe am 25., 26. und 27. Juni d. J. dahier abgehalten werden. Wie man hört, sind von den bedeu⸗ tendsten Rosengärtnereien Deutischlands, und den berühmten Firmen Frankreich's schon sehr umfangreiche uns werth⸗ volle Zusendungen angemeldet. Der Verein hat 16 Preie⸗ bewerdungen für die allgemeine Concurrenz und 6 für die Vereinsmitglieder,(davon 3 für Hof- und Handels gäriner, und 3 für Liebhaber), ausgeschrieben; natürlich steyt es den Vereinsmitgliedern gleichfalls frei, sich in her allgemeinen Concurrenz zu bewerben.
In Heidelberg kam neulich der seltene Fall vor, daß ein 81 jd riger Mann, Wittwer und Vater von einigen vetheiraitheten, mit Kindern gesegueten Söhnen, mit einem kaum 19 jährigen Mädchen sich verehelichte.
In Amerika ist eine neue Landplage aufgetreten, der Nartoffelkäfer, dessen Einschleppung man mit amerikanischen Saatkartoffeln fürchten. Derselbe, wurde Aufang dieses Jahrhunderts in der Nähe der Felsengebirge auf einer wilden Kartofselart als Schmarotzer entdeckt, ging beim Anbau der cultivirten Karloffel auf diese über und verbreitete sich seitdem unaufhaltsam gegen Osten. Etwa 1860 überschritt er den Misseui und machte von da jährlich eine Reise don etwa 50 englischen Meilen, so daß man in zehn Jahren sein Erscheinen am altantischen Ocean erwarten kann. Er trut in ungeheuren Massen auf. Der Marien⸗ oder Johanniskäfer, sowie einige andere derülgen die Eier und Larven des Kartoffelkäfers.
„„ Glycerix als Heilmittel aufgesprunge⸗ ner Hände und Lippen. Indem wir auf frühere Mit⸗ theilungen über die vielseitigen Anwendungen des Glycerins verwetsen, wollen wir nur für die Jahreszeit einer noch wenig gekannten trefflichen Eigenschaft desselben gedenken, die aufgesprungene Haut äußerst rasch zu heilen, überhaupt auch die durch vieles Arbeiten rauh gewordene Haut der Hände weich und glatt zu machen. Das Glycerin ist äußerst billig, so daß man wohl für 2 bis 3 Krenzer schon ge⸗ nügende Mente für obigen Zweck auf längece Zeit erhält. Man verreibt einige Tropfen davon über die Haut(am besten Abends vor Schlasengehen,) nach 2 Tagen ist die Herlung vollendet. Das reine Glyeerin ist wasserhell je⸗ doch ölig, dick, schmeckt rein süß, kann ohne Gefahr ge⸗ nossen werden(sogar den Zucker ersetzen); das beim Ein⸗ reiben wunder Stellen enistehende deißende Gefühl geht rasch vorüber.
— Die Gebrüder Senckenberg.
Wer sich auch nur einmal in Frankfurt a. M. umgesehen und die verschiedenen Sehenswürdig— keiten daselbst besucht hätte, dem wäre der Name „Senckenberg“ geläufig geworden, der sich an eine Reihe von Anstalten knüpft, die jener Stadt ebenso sehr zur Zierde als zum Ruhm gereichen. Die Träger dieses Namens sind so merkwürdige
mehr als 4000 Fabriken, Werkstätten und Geschäfte geschlossen worden seien. Es läßt sich daraus schließen, wie viele Familien zu Grunde gerichtet sein müssen und wie schwach es mit der Steuer⸗ kraft des Landes bestellt ist. Als eines von den Zeichen der in diesem Jahre mit schnelleren Schritten eingetretenen Verarmung meldet man, daß die jungen Frauenzimmer sich zu den Haar- kräuslerläden drängen, um durch den Verkauf ihrer Locken die Mittel zum nothdürftigsten Lebens- unterhalt zu erschwingen.
Amerika. Die Lage der Dinge in Mexico wird nach den Berichten englischer Blätter schlimmer und schlimmer. Die Ausstände gewinnen an Zahl und Bedeutung und die Unzufriedenheit unter den Truppen ist allem Anscheine nach im Zunehmen. Es bestätigt sich, was schon vor Monaten gerücht weise verlautete, daß von verschiedenen Mit⸗ gliedern der Regieruag, dem Präsidenten mit eingeschlossen, Gelder für ihre Privatrechnung nach
Persönlichkeiten, und es spiegelt sich in ihrem Leben ein so interessantes Stück Frankfurter Zeit« und Sittengeschichte aus dem vorigen Jahrhundert ab, daß es angezeigt erscheint, hier einige Notizen daraus folgen zu lassen. Dieselben sind einer Biographie der„Gebrüder Senckenberg“ von dem Stadtarchivar Kriegk in Frankfurt entnommen, einem Werke, das bei der Gründlichkeit und Ausführlichkeit, womit es sich über Frankfurter Zustände im 18. Jahrhundert verbreitet, um so mehr Beachtung verdient, als die Bedeutung und die Verdienste dieser Stadt um unsere nationale Entwickelung in unseren Tagen eine so verschiedene Beurtheilung erfahren.
Die drei„Gebrüder Senckenberg“ sind die Söhne des Physikatsprimarius Dr. Johann Hart⸗ mann Senckenberg, der als geschickter und viel“ begehrter Arzt 1730 im hohen Alter starb. So verschieden die Lebenswege der drei Brüder sich gestalteten,— gemeinsam war ihnen eine riesige
London und dem Festlande versandt werden.
berufliche Tüchtigkeit, harrlichkeit im Handeln,
seltene Energie und Be- die nur bei dem jüngsten Bruder vorherrschend nach der schlimmen Seite sich äußerte, und eine ausgesprochene Neigung zu Sonderbarkeiten und Wunderlichkeiten.
Der älteste der drei Brüder hat die glänzendste
Lebensbahn durchlaufen. Nachdem er auf der Universität Gießen, die er schon mit 15 Jahren bezogen, Jurisprudenz studirt und dann eine weitere Reihe von Jahren in seiner Vaterstadt, in Halle und Leipzig mit seiner Ausbildung sich beschäftigt, wurde er der Reihe nach Professor zu Göttingen, zu Gießen, Justizrath und Gesandter in Diensten des Fürsten von Nassau⸗Oranien und endlich Reichshofrath in Wien, wo er, zur Würde eines Reichsfreiherrn erhoben, 1768 starb. Kein Mensch ist vielleicht je arbeitsamer gewesen als er; seine ganze Zeit brachte er buchstäblich über Büchern und Akten zu. In seinem mittleren Lebensalter soll er kaum 4 Stunden des Nachts geschlafen haben, und nie machte er einen Aus- gang, als um in aller Eile ein dringendes Ge⸗ schäft in der Stadt zu besorgen. Dabei war er ein Mann von strenger Sittlichkeit und unbeschol⸗ tener Rechtlichkeit. Daß seine Uabestechlichkeit als Richter selbst auf dem damaligen schlüpfrigen Boden von Wien über jeden Zweifel erhaben blieb, muß ihm hoch angerechnet werden.
Johann Erasmus. Von feinen Manieren, geist⸗ reich, gelehrt, ehrgeizig, war er bald in den ton⸗ angebenden und regierenden Kreisen seiner Vater⸗ stadt heimisch, und wurde noch nicht 30 Jahre alt bereits in den Senat gewählt. In diesen Kreisen herrschte aber dazumal— und zwar nicht blos bei dem Adel, sondern auch bei den Patri⸗ zierfamilien— Frivolität und Sittenlosigkelt en hohem Grade. Von Frankreich batte man Sprache, sittliche Laxheit, Genußsucht und Egoismus unter dem Titel„feinere Bildung“ für unsere deutschen Höfe und Höfchen und den höheren Bürgerstand importirt, der Zeit nicht zurück. Das war nun der rechte Boden für die Wirksamkeit eines Joh. Erasmus Senckenberg. Reizbar, intriguant, wollüstig, wie er von Haus aus war, ließ er seinen Leiden⸗ schaften ungescheut die Zügel schießen. Sein Leben war eine Reihe von Intriguen, Aus⸗ schweifungen, Scandalen mit lüderlichen Per⸗ sonen, Rechtsverdrehungen, Unterschlagungen, Be⸗ stechungen, Fälschungen und anderen Verbrechen, ohne daß man wagte, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, da alle Welt den geschäftsgewandten Böst⸗ wicht, dem die mannichfaltigsten Waffen zu Gebote standen, fürchtete. Erst nachdem er sein freches Spiel 20 Jahre lang getrieben, wurde er ver⸗ haftet und ein Criminalprozeß gegen ihn anhängig gemacht, der erst mit seinem Tode endigte.
Zu um so größerem Segen gereichte der Stadt Frankfurt das Leben des 3. Bruders, des Joh. Cbristian Senckenberg. Göthe sagt von ihm in „Wahrheit und Dichtung“:„Der dritte Bruder,
heit, behielt bis in sein höchstes Alter immer ein etwas wunderliches Aeußere. Man sah ihn nie anders auf der Straße, als in Schuhen und Strümpfen und einer wehlgepuderten Allonge⸗ Perrücke, ven Hut unter'm Arm. Er ging sch nell, doch mit einem seltsamen Schwanken vor sich hin, so daß er bald auf dieser, bald auf jener Seite der Straße sich befand und im Gehen eine Zick⸗ Zacklinie bildete. Spottvögel sagten, er suche
zu gehen, die ihn in gerader Linie verfolgen möchten, und ahme dieienigen nach, die sich vor einem Krokodil fürchten. Doch all' dieser Scherz verwandelte sich in Ehrfurcht gegen ihn, als er seine ansehnliche Wohnung mit Garten und allem Zubehör auf der Eschenheimer Gasse zu einer großartigen medieinischen Stiftung widmete.“ Nur noch einige Züge aus seinem Leben seien dem hin⸗ zugefügt. Nachdem er in Halle Mediein studirt, practicirte er in Frankfurt, des Broderwerbs wegen, ohne noch ein Examen gemacht zu haben, erwarb
Arbeitskraft, ungewöhnliche wissenschaftliche und
dann in Göttingen die Doktorwürde, lebte hierauf eine Zeitlang in den Niederlanden und kam
Gleichfalls Jurist war der lüngste Bruder,
und Frankfurt blieb hinter dem Geist 4
ein Arzt und ein Mann von großer Rechtschaffen⸗
dadurch den abgeschiedenen Seelen aus dem Wege
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