Ausgabe 
7.7.1870
 
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Vom Rhein. Die Traubenblüthe ist allgemein nach Wunsch ausgefallen und berechtigt der Weinstock bis jetzt zu recht erfreulichem Resultat in qualitativer Hinsicht. Besonders verspricht die Rieslingrebe vorzugsweise den besten Herbst; denn sie hat die meisten Gescheine und steht im üppigsten Holze da. Dagegen trugen sämmtliche Bur⸗ gunderreben sehr wenige Gescheine; auch Ruland gibt es wenig, und Oesterreicher wie Kleinberger Stöcke stehen den Rieslingen nach.

Aus Wien melden die dortigen Blätter einen zweiten Betrugsfall mit einem gefälschten Treffer, der darauf hin⸗ deutet, daß der großartige Betrug der am 23. Juni in der Handelsbank verübt wurde, auf eine verzweigte große Gaunerbande zurückzuführen sei. Schon vier Tage zuvor war ein anderes Bankhaus auf gleiche Weise betrogen worden. Am 19. Juni erschien ein anständig gekleideter Mann, der fich Idseph Richter nannte und Goldhändler in Wiener⸗Neustadt zu sein vorgab, gegen /12 Uhr Mit⸗ tags in der Wechselstube des Bernhard Pechkranz und übergab ein Loos der herzoglich braunschweig⸗lüneburgischen Lotterie⸗Anleihe vom 1. März 1869 zur Escomptirung. Dieses Loos war in der Serienziehung vom 2. Februar und in der Nummernziehung vom 31. März d. J. mit einem Gewinne von 6000 Thalern gezogen worden. In der Wechselstube wurde das Loos mit 10,440 fl. anstands⸗ los escomptirt. Der angebliche Gewinner kaufte um das Geld sofort Werthpapiere und entfernte sich hierauf. Der Plan der Gauner ist nun insoferne blosgelegt, als ersichtlich ist, wie sie zuerst mit einem Loose, auf das ein kleinerer Treffer gefälscht war, den Betrug versuchten, und als dieser das ersie Mal glückte, vier Tage später mit dem Haupttreffer die Handelsbank beschwindelten.

Wien. Der verschwindelte Haupttreffer bildet in Wien augenblicklich das Haupttagesgespräch. Man zweifelt sehr, daß es möglch sein wird des Betrügers habhaft zu werden. Ueber die Ausführung des Betruges entnehmen wit Wiener Blättern noch folgende Details; als der an⸗ gebliche Scholz in der Wechselstube der Handelsbank das Braunschweiger Loos zur Escomptirung überreichte, sendete man es, um die Aechkheit desselben zu constatiren, an den Vertreter der Darmstädter Bank, das Haus Dutschka, mit der Frage, ob es escomptirt werden könnte. Bei Dutschka Uu. Co. wurde das Loos genau geprüft und die Antwort ertheilt, daß der Ausbezahlung des Treffers nichts im Wege stehe. Während der Zeit, die das Hin- und Her⸗ senden des Looses und die Prüfung desselben in Anspruch nahm, blieb der angebliche Scholz ruhig in der Sothen' schen Wechselstube. Das Loos hatte 80,000 Thaler ge⸗ wonnen, was zum Course dom 23. Juni gerechnet 141,600 fl. 8. W. macht. Nach Abzug des Escomples mit 3907 fl. 40 kr. wurden ihm 138,692 fl. 60 kr. aus⸗ bezahlt. In der Wechselstube machte man ihm die Be⸗ merkung, was er mit einer so großen Summe Baargeldes thun wolle, er möge doch einen Theil seines Vermögens in sicheren Papieren anlegen. Darauf ging der angebliche Scholz offenbar um jeden Argwohn zu euffernen ein und kaufte in derselben Wechselstube um circa 100,000 Gulden Papiere, so daß also mit ihm ein doppeltes Geschäft ge⸗ macht wurde. Gleich darauf aber verkaufte er dieselben Papiere, wie die spätere Untersuchunz herausstellte, in der Wechselstube der Escomptebank(Schnapper). Von da ab ist seine Spur verschwunden. Mittlerweile übersendete die Wechselstube das Loos mit dem Haupttreffer dem Hause Dutschka zur Zahlung. Dieses avisirte die Darm⸗ stäbter Bank, von dort aber kam die Nachricht, daß der⸗ selbe Haupttteffer bereits ausbezahlt sei, daß also das in Wien präsentirte Loos falsch sein müsse Sofort wurde dieses nach Darmstadt geschickt, dort genau untersucht, und nun stellte es sich nach Anwendung der Loupe heraus, daß die Loosnummer durch eine äußerst künstliche Radirung der Ziffern gefälscht worden war, während die Serien- Nummee sich als die richtige erwies. Nach einer andern Version ist die Serienzahl gefälscht und die Loosnummer richtig. Von einer dritten Seite wird behauptet, daß die Fälschung keineswegs durch Radiren begangen worden sei, sondern es soll eine förmliche Nachahmung des ganzen Losses vorliegen, die so täuschend ist, daß es von einem ächten Stücke fast gar nicht zu unterscheiden ist.

. Pflanzenesser.

Der Mensch ist doch ein wahres Raubthier! Wenn wir mit diesem oft gehörten Ausspruch be⸗ ginnen, so brauchst Du, lieber Leser, der Du vielleicht gerade damit beschäftigt bist, die Fleisch⸗ reste Deinet Mahlzeit aus den Zähnen zu stochern, Dich darob nicht zu entrüsten. Es soll damit kein Attentat auf Deine Menschenwürde begangen werden; im Gegentheil, wir verwahren uns vorerst selbst gegen die nächstliegenden Consequenzen des- selben. Indessen kann nicht geläugnet werden, uns Alle beschleicht ein Gefühl ähnlich dem, welches obigem Ausspruch zu Grunde liegt, wenn wir une etwas genauer nach unserer Exnährungsweise um⸗ sehen. Freilich, wenn der Metzger mit tadellos weißer Schürze so säuberlich und fein das schön gemachte Stück Fleisch auf netter Bolle in die Küche bringt, so finden wir darin nichts Anstößiges. Ohne viel Rumor wird von ihm das Vieh ein⸗ und abgethan, alle das zärtere Gefühl etwa ver⸗ letzende Manipulationen werden dem öffentlichen

Blick möglichst entzogen, es ist in dem ganzen Vorgang, der Oeffenklichkeit gegenüber, Ordnung und Methode, es geschieht Alles so zu sagen mit Anstand.

Anders schon gestaltet sich die Sache, wenn uns etwa ein statistischer Bericht über den jähr⸗ lichen Fleischverbrauch einer großen Stadt in die Hände fällt. Millionen Ochsen, Kälber, Schafe, Geflügel ꝛc. starren uns da entgegen, und diese Zahlen reden doch eine eigenthümliche Sprache. Trotz der gänzlich objektiven Betrachtung der vor liegenden Thalsache, die gemeiniglich auf Schluß⸗ folgerungen hinsichtlich des Wohlstandes und der Bedeutung der betreff. Stadt hinausläuft, fällt es uns ein wenig schwer auf's Herz:Der Mensch ist doch ein arges Raubthier. Geradezu bedenk⸗ lich aber können wir werden, wenn unser Gefühl unmittelbar veranlaßt wird, sich geltend zu machen; wenn wir z. B. eine Köchin überraschen, wie sie unter dem Geflügel ärger wüthet, als der blut⸗ gierige Marder, oder wenn wir es über uns ge⸗ winnen, ein großstädtisches Schlachthaus zu be⸗ suchen, und da das Hinmorden im Großen, das Todesröcheln ganzer Heerden sehen. Fallen wir auch nicht in Ohnmacht, so können wir, falls unser Gefühl nicht durch Gewohnheit abgestumpft ist, doch ernstlich verstimmt darüber werden, Klein⸗ laut entfernen wir uns, indem wir uns, so gut es eben gehen will, mit dem Gedanken trösten: Das ist einmal so! Wohl! Wir selbst wissen, wie bereits angedeutet, recht gut die Gründe zu würdigen, die uns diesen Trostgedanken an die Hand geben; interessant ist es abet immerhin zu wissen, daß es Leute gibt, die sich des Fleisch⸗ genusses enthalten.

Wir meinen damit nicht Diejenigen, deren Verhältnisse es leider mit sich bringen, daß in ihre Küche nur höchst selten ein Pfündchen Fleisch sich verirrt. Man könnte sie die unfreiwilligen Pflanzenesser nennen. Auch die indischen Braminen, die keine Thiere tödten und kein Fleisch essen, aus Furcht, sie möchten in eine unliebsame Begegnung mit ihrem Gotte Wischnu gerathen, der von Zeit zu Zeit sich in ein Thier verkörpert, sollen hier nicht berührt werden. Das indische Volksleben liegt uns zu fern, und allzu fern liegende Beispiele sird keine Beispiele mehr.

Nein, inmitten unserer modernen abendländi⸗ schen Kultur gibt es Pflanzenesser, Vegetarianer, wie sie sich mit dem fremden Worte nennen, d. h. Menschen, die absolut kein Fleisch essen und sich nur von Pflanzenkost nähren. In Nordamerika sind dieselben so zahlreich, daß es in den größeren Städten sogar Gasthäuser gibt, deren Küche nur ausschließlich Pflanzenkost bereitet und verabreicht, undVereine für naturgemäße Lebensweise exi⸗ stiren bereits in verschiedenen Städten Deutschlands.

Der erste Apostel des Pflanzenesserthums in Deutschland war der bekannte badische Agitator Gustav Struve, der nach 1848 lange Jahre in Amerika zubrachte, wo er in dem Bürgerkrieg der vereinigten Staaten eine hervorragende Rolle spielte, und jetzt in Wien lebt. Im Jahre 1832 geschah es, daß die Lektüre eines Citats aus Plutarch in Rousseau's Emil einen so tiefen Ein⸗ druck auf ihn machte, daß er den Fleischgenuß als abscheulich fortan unterließ, so eindringlich seine Freunde ihn auch warnten, die schlimme Folgen für seine Gesundheit davon befürchteten. Seine literarische und private Wirksamkeit zu Gunsten seiner neuen Lebensweise blieb aber ohne allen Erfolg, bis er nach 13 Jahren den ersten Be⸗ kehrten gewann in seiner jungen Gattin, die ihm eine treue Gefährtin auch in dieser Lebens- weise geblieben. Beide haben sich bei derselben stets wohl befunden; Struve konnte selbst die ärgsten Kriegsstrapatzen ertragen so gut wie irgend ein tüchtiger Fleischesser.

Seit 1866 hat die Sache derVegetaxrianer in Deutschland einen eifrigen Verfechter in dem auch als Schriftsteller bekannten Prediger der freien Gemeinde in Norbhausen, Dr. Baltzer, ge⸗ funden, durch dessen Rührigkeit Einheit und Zu⸗ sammenhang in ihre Bestrebungen gekommen ist. Sie sind der Ueberzeugung, Fleischnahrung sei der Menschennatur zuwider und schädlich, ebenso

alle Spirituosen und nervenreizende Genußmittel, wie Kaffee, Thee, Tabak; auch Milch, Butter, Käse und Eier werden von den eifrigsten Vege⸗ tarianern mit dem Bann belegt. Eine Bestätigung ihrer Lehre wollen sie sowohl in dem analomisch en Bau des Menschenkörpers, als auch in der Ge⸗ schichte finden. 5 4

Die Form der Zähne und die Beschaffenheit des Verdauungsapparates zeige, daß der Mensch weder auf Fleisch, noch auf Gras, wohl aber auf Frucht, Obst, Getreide ꝛc. als seine Nahrung an- gewiesen sei. Diesem Naturgesetz seien die Griechen und Römer bis zur Zeit ihrer höchsten Blüthe, sowie auch die meisten asiatischen Völker ziemlich treu geblieben, und sie hätten sich wohl dabei befunden.

Auch in unserm Volksleben würde ein Heer von Krankheiten und Gebrechen, an denen das jetzige Geschlecht stiecht, schwinden oder bedeutend gemildert werden, wenn man von einer Lebensweise ablasse, die überdies der stttlichen Natur des Menschen, der Religion und Philosophie gleichmäßig wider⸗ strebe, da diese den Mord auch der Thiere ver⸗ böten. Daß auch der Genuß von Milch und Eiern von den eifrigsten Aposteln dernaturgemäßen Lebensweise Verurtheilung findet, geschieht wohl nur der Consequenz wegen, während diese Con⸗ sequenz gerade die schwächste Seite ihrer Gründe aufdeckt. Ist doch der Mensch mit dem Tag seiner Geburt auf Milch angewiesen! Ebenso ist nicht abzusehen, wie nach ihrem Vorgeben auch die heutige national⸗ökonomische Völkerentwickelung, die außerordentliche Zunahme der Bevölkerung zur ausschließlichen Pflanzenkost hindrängen soll. Von anderer Seite wird aus denselben Gründen wohl mit mehr Recht der Genuß des Pferde⸗ fleisches zu verallgemeinern gesucht.

Doch der Zweck dieser Zeilen ist nicht, kritisch

zu beleuchten, sondern nur zu reftriren. That⸗ sache ist, das Pflanzenesserthum ist aus dem Stadium der Vereinzeltheit herausgetreten; als Extravaganz einzelner Schwärmer kann es nicht abgethan werden; es ist zur kulturgeschichtlichen Erscheinung geworden, deren Bedeutung selbst Virchow, obgleich Gegner, in seinen öffentlichen Vorträgen anerkannt hat.

Die Vegetarianer erachten es als Pflicht, die Erfahrungen über den Einfluß des ausschließlichen Pflanzengenusses auf sittliches und körperliches Wohlbefinden gewissenhaft festzustellen und zu sammeln, um sie als ebenso viel Beweismittel für die Naturgemäßheit ihrer Lebensweise verwenden zu können, und sind von warmem Bekehrungseifer beseelt. Sie wenden sich dabei namentlich an das Gefühl. Um nur Eins anzuführen: wie abscheulich und des Men⸗ schen unwürdig, sagen sie, ist es, wenn ihr eure Thiere, nachdem sie Jahre lang euch treu gedient, euren Pflug gezogen und eure schwersten Arbeiten ver⸗ richtet haben, schließlich als Dank dafür hinmordet und sie mit Stumpf und Stiel aufzehrt! Und das könnt ihr thun, ohne etwas dabei zu denken! Erschreckt ihr nicht vor euch selbst? Die deutschenVegetarianer haben am 9. Juni d. J. in Berlin unter Baltzers Vorsitz ihre 2. Jahres⸗ versammlung abgehalten. Bei dem Festmahl fehlten Fleischspeisen und Spirituosen; gleichwohl soll man herzlich vergnügt dabei gewesen sein. Unsere Zweckesser gewöhnlichen Schlages würden sich schlecht dabei amüsiit haben.

ür die von ihrem Manne verlassene Frau ist ferner eingegangen:

Bei J. Cronenberg: Von L. Rodaug 30 kr., Frau Hofg.⸗Adv. Suppes 30 kr. und einige Kleider, Frau C. C. Weis Wwe. 30 ke., Dr. Born 35 kr., Ad. Heß 18 kr., Königl. Pr. Offizier⸗Corps in Homburg v. d. H. durch Herrn Hauptmann v. Versen 15

Bei G. Philippi: Ungenannt 12 ke., D. Kümmich

36 kr., Ungenannt 6 kr., Ungenannt 6 kr., E. Grödel 30 kr., Ungenannt 3 kr., J. Walz 30 kr.

Bei J. Engel: Von M. Friedberger 18 kr., Ludw. Engel 30 ke.

Bei Friedr. Reuß: Gesammelt im Gesangverein Frohsinn 2 fl. 18 kr.

Alle Diejenigen, welche dieser Frau, in ihrer sehr be⸗

drängten Lage, noch eine Unterstützung zugedacht haben, werden gebeten, ihre Gaben bis zum nächsten Samstag

einzusenden, da ihre Abreise bis dahin bestimmt ist und wir deßhalb unsere Sammlung schließen müssen.

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