Ausgabe 
31.7.1869
 
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Samstag den 31. Juli.

2 88.

Oberhessischer Anzeig

Cr.

Enthält die amtlichen Erlasse für den Kreis Friedberg.

Friedberger Inlelligenzblalt.

Erscheint jeden Dienslag, Donnerstag und Samstag.

Für die Monate August und September kann auf denOberhessischen Anzeiger bei der Verlags-Expedition mit 20 kr., bei den Poststellen mit 32 kr. abonnirt werden.

Hessen Darmstadt. Landrichter Metzler zu Offenbach wurde auf sein Nachsuchen und unter Anerkennung seiner langjährigen und ersprießlichen Dienste bis zur Wiederherstellung seiner Gesund heit in den Ruhestand versetzt. Die provisorische Versehung der hierdurch in Erledigung gekommenen Landrichterstelle ist dem Landgerichts-Assessor Pistor zu Offenbach übertragen worden. Landgerichts Assessor Muhl zu Ortenberg würde auf sein Nach- suchen wegen gestörter Gesundheit temporär in den Ruhestand versetzt.

Gießen. Dem Vernehmen nach hat Dr. theol. Dillmann einen Ruf an die Stelle Hengsten berg's in der theologischen Fakultät zu Berlin erhalten..

Preußen. Berling. DieProv.⸗Corr. bezeichnet die Aeußerung des österreichischen Reichs- kanzlers Grafen Beust über Preußen als sehr be fremdend, constatirt, daß von Annäherungsver wersuchen Oesterreichs durchaus nichts bekannt sei. Im Gegentheil widersprächen wiederholte amtliche Publicationen der österreichischen Regierung dem Gedanken derartiger Bestrebungen. Die Erklärung des Grafen Beust sei nicht geeignet, die beider seitigen Beziehungen richtig zu beurtheilen. Offenen mnd ernsten Bemühungen, um mit Preußen freund- sschaftliche Beziehungen zu unterhalten, würde ein Entgegenkommen Preußens gewiß nicht fehlen. Ferner conslatirt dieProv.⸗Corrtsp. eine erfreu liche Besserung der Finanzen, was indessen nicht ausschließe, daß der Landtag die Mittel berathe, um die Finanzen wieder dauernd auf festen Boden zu stellen. Nach einer späteren Notiz desselben Blattes ist jedoch die preußische Finanzlage keines- wegs plötzlich rosig geworden,der Ausfall an Staatseinnahmen ist vielmehr nach der mäßigsten Schätzung so beträchtlich, daß eine vollständige, oder auch nur annähernd genügende Deckung durch eine unerwartet günstige Wendung der Verhält⸗ nisse nicht im Bereich der Möglichkeit liegt. Die Regierung hält deßhalb an neuen Steuerprojekten sest und wird dem Landtage solche vorlegen. Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege zoll der Noth ein Ende gemacht werden.

Der Fackelzug der Studenten zu Ehren Humboldt's ist trotz der ungünstigen Witterung mit großem Glanze(500 Fackelträger) und großer Betheiligung des Publikums verlaufen, worauf Lommers folgte.

Daß die Nothstände in der Provinz Preußen heineswegs beseitigt sind, wie verschiedene Blätter wiederholt behaupten wollen, mag eine Mittheilung besBürger- und Bauernfreunds beweisen, welche meldet:In diesen Tagen wurde durch das Gericht m Gumbinnen ein bäuerliches Grundstück von 57 Morgen für die rückständigen Staatsabgaben zon 270 Thlrn. verkauft. Zwei Altsitzer waren nit ihrer Verpflegung zur ersten Stelle eingetragen und sielen aus. Diese 2 und der zeitige Besitzer, em das Grundstück. verkauft ist. machen 3 Bettler nehr. Ein anderes Beispiel der Zeit dürfte sein, ein Grundbesitzer vor einigen Jahren für ein

auerliches Grundstück, um seine Grenze gerade

uu legen 5000 Thlr. bot, der Besitzer ee aber

inter 7000 Thlr. nicht verkaufen wollte. Das⸗ elbe Grundstück stand jetzt zur Subhastation, war gerichtlich auf 3000 Thlr. geschätzt und wurde im Termine für 1875 Thlr. verkauft. Sollte die

Welt mehr Beispiele unseres Elends verlangen, so schließt dieser mehr als traurige Bericht, wir können mit Hunderten und Tausenden dienen. Das schlechte Wetter, schrribt dasselbe Blatt, ist den Ernteaussichten so ungünstig, als irgend möglich. Der Rost hat bereits einzelne Roggen felder total zerstört und tritt auf den Aehren des Weizens immer verwüstender auf. Klagen über bereits faulen de Kartoffeln werden von verschiedenen Seiten laut.

Schleswig. Ueber die stattgehabte Ein weihungsfeier des Idstedter Denkmals, welches zur Erinnerung an den heldenmüthigen Kampf und die unglückliche Schlacht daselbst errichtet wurde, melden dieHamb. Nachr.: Die Zahl der anwesen den Kampfgenossen im engeren Sinne läßt sich auf 56000 schätzen; auf dem Denkmalplatze mögen gegen 20,000 Menschen versammelt gewesen sein. Der eigentliche Kampfgenossenzug durch die Stadt machte mit all seinen verschiedenen Fahnen, Musik Corps ꝛc. einen recht imposanten Eindruck; ein zelne Kampfgenossen trugen noch ihre alte Uniform. Die Einweihungsrede hielt Pastor Schnittger aus Schleswig. Die hierauf folgende Verlesung der Denkschrift, welche in den Stein eingemauert wurde, brachte eine Uebersicht unserer politischen Haltung seit 1848. Das ganze Fest hatte einen durchaus würdigen Verlauf. Es fand keinerlei offizielle Betheiligung statt.

Aus Rüdesheim wird demWestf. M. geschrieben:Wie weit das Sparsamkeitssystem der Regierung geht, mag der Umstand zeigen, daß die zu Geisenheim existirende höhere Bürgerschule ausMangel an Unterstützung von oben dem- nächst wieder in eine zweiklassige Realschule ver- wandelt werden soll.

Bremen. Diedeutsche Gesellschaft zur Reitung Schiffbrüchiger hat durch ihre Rettungs- stationen im Jahre 1868 68 Personen gerettet gegen 128 im Jahre 1867, 141 im Jahre 1866. In den ersten drei Jahren des Bestehens dieser Gesellschaft sind somit 337 Menschen dem Tode entrissen worden. Aus dem Rechenschaftsbericht entnehmen wir, daß im Jahre 1868 an der deut⸗ schen Nordsee- und Ostseeküste 115 Schiffe verun⸗ glückt sind, darunter 65 deutsche, 14 britische, 14 holländische, 6 schwedische, 5 dänische, 4 russische ꝛc. Am gefährlichsten erwies sich die Küste zwischen Ems und Weser, sodann die Elbemündung und die schleswig-holsteinische Küste. Die Gesell⸗ schaft hat im Jahr 1868 46,116 Thaler aus- gegeben, die Kosten der Errichtung von 31 Sta- tionen mit 27,094 Thlr. inbegriffen. Die Ein⸗ nahmen betrugen 33,682 Thlr., worunter 12,082 einmalige Gaben, 20,154 Jahresbeilräge. Somit stellt sich eine Mindereinnahme von 12,433 Thlr. heraus. Solche, die zu diesem wohlthätigen Werk beizusteuern wünschen, mögen ihre Gaben richten an den Generalsekretär Dr. H. A. Schu⸗ macher in Bremen, wo auch die Satzungen zu erhalten sind. Aus letzteren ist von Interesse mit- zutheilen:§. 3. Ordentliches Mitglied ist Jeder, welcher an die Gesellschaft einen Beitrag von jährlich mindestens ½ Thlr. entrichtet. F. 4. Außerordentliches Mitglied ist Jeder, welcher einen einmaligen Stiftungsbetrag von mindestens 25 Thlr.

entrichtet. Dafür wird eine Mitgliedskarte, resp. ein Stiftungsdiplom behändigt.

Bayern. München. Im September wirt bei Frankfurt von Truppen ⸗Abtheilungen des norddeutschen Bundesheeres ein Uebungs⸗ lager bezogen werden, an welchem sich auch die hessische Felddiviston betheiligen wird; gleichwie zu den größeren Monövern des bei Schweinfurt zu concentrirenden Uebungsarmeccorps Offiziere der übrigen deutschen Armee erscheinen werden, gehen auch baperische Offiziere in das Lager bei Frankfurt und erhalten dieselben, gleich den nach Schweinfurt gehenden, einen Urlaub mit den vollen Garnisonsbezügen auf die Dauer der Lager-, Marsch- und Gefechtsübungen.

Oesterreich. Wien. Der Journalisten⸗ tag hat Wien zum Vorort und Frankfurt a. M. zum nächsten Versammlungsort gewählt. In einer von 5000 Personen besuchten social- demokratischen Versammlung trat der Reichstags⸗ abgeordnete Liebknecht als Redner auf.

Prag. Die jetzt im Vordergrunde der Tages- ereignisse stehende Klosteraffaire hat auch bei uns große Aufregung hervorgerufen.Narodni Listy bringt einen Vorfall zur Sprache, der sich unlängst im Kloster der barmherzigen Schwestern zu Caro⸗ linenthal ereignet hat, wo eine von der Supexiorin wegen Verletzung des Keuschheitsgelübdes zu Ge⸗ fängnißhaft verurtheilte Nonne sich im Gefängnisst erhenkt hat. Vor 14 Tagen hat das Begraͤbniß derselben stattgefunden. Nachträglich wurde jedoch die Ausgrabung und Untersuchung der Leiche vor⸗ genommen, bei welcher sich herausslellte, daß die Nonne sich im vierten Monate der Schwanger⸗ schaft befunden habe.

Krakau. Ueber das Opfer des Krakauer Verbrechens werden noch folgende Einzelheiten berichtet:Freitag den 23. Nachm. umschwärmten Menschenmassen das Kloster der Carmeliter-Bar- füßlerinnen und erwarteten mit Spannung den Moment der Ueberfübrung der gemarterten Nonne Barbara Ubrpk. Dieselbe verließ das Kloster, geleitet von dem Untersuchungs richter Dr. Gebhard und einer Ordensschwester. Barbara ÜUbryk hüpfte vor Freude, als sie das Sonnenlicht und das frische Grün im Klostergarten erblickte. Als die Nonnen, welche ihr bis zum Thore das Geleite gegeben, sich zurückzuziehen begannen, krat aus ihrer Mitte eine stark verschleierte Ordensschwester her⸗ vor und umarmte und küßte die Barbara Ubryk. Die Arme schien sosort die Nonne an der regen Theilnahme zu erkennen, und sagte flehend:Du bist es, Agnes, komm mit mir. Diese Seene machte auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck. Barbara Übrpk fuhr in Begleitung einer der Grauen Schwestern, welche in dem hiesigen Irren⸗ hause den Dienst der Waͤrterinnen versehen, des Auscultanten und eines Dieners in die Irren⸗ anstalt. Während der kurzen Fahrt fragte sie fortwährend nach derSchwester Agnes und flehte, sie möge ihr folgen; auch hier wurde fie von einer Ohnmacht befallen, denn die frische Luft scheint sie angegriffen zu haden. Vor der Irren⸗ anstalt hob man sie aus dem Wagen und über⸗ gab sie der Aufsicht der Direktion der Anstalt, mit dem ausdrücklichen Befehle, man möge Nie- manden zu ihr zulassen, mit Ausnahme des Unter⸗ suchungsrichters Dr. Gebhard und der beiden Gerichtsärzte Dr. Blumenstock und Dr. Jakubswski. Seitdem Barbara Übryk gewaschen und anständig