Ausgabe 
11.5.1869
 
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Vertretung ihres Standes in der ersten Kammer aus freien Stücken Verzicht zu leisten. 4 Oesterreich. Wien. Das Abgeordneten haus hat in dritter Lesung das Gesetz über den Wirkungskreis der Militärgerichte angenommen. Die Erwartung, daß die Militärjustiz auf die rein militärischen Vergehen beschränkt werde, ist nicht erfüllt worden; die Militärgerichte werden vielmehr auch fernerhin über sämmtliche Straf⸗ sachen zu entscheiden haben und nur die bürger lichen Rechtsstreitigkeiten von Militärpersonen werden ausschließlich den gewöhnlichen Gerichten zugewiesen.. 5

DieAbendpost vertheidigt die Regierung gegen die Angriffe der preußischen Blätter anläß⸗ lich der Veröffentlichung der preußischen Depesche in dem Werke des österreichischen Generalstabes und bezeichnet die Behauptung von Chiffreent⸗ wendung, Bestechung und Mißbrauch des preuß. Vertrauens als Unwahrheit. Die Veröffentlichung erfolgte ausschließlich von Seiten des General- stabs. Die Bearbeiter der Kriegsgeschichte von 1866 fanden die Depesche im Archive vor. Die Frage, wie die Depesche dahin gekommen, hatte der Bearbeiter ebensowenig aufzuwerfen als irgend Jemand sie aufzuwerfen berechtigt ist. DieAbend- post verwahrt die Regierung gegen den Vorwurf der beabsichtigten Kränkung Preußens.

DieNeue freie Presse veröffentlicht eine Zuschrift des Redakteurs derMilitärischen Zeit⸗ schrift als Vorläufer einer authentischen Dar stellung über die Depesche vom 20. Juli 1866, wonach die fragliche Depesche nicht von Baron v. Beust, sondern von dem Armee-Obercommando, welches sie im Kriege aufgefangen, veröffentlicht worden ist.

Hiesige Blätter bringen folgende Mitthei⸗ lung:Das befremdende Gerücht, daß die Zurück, erstattung von Offiziers⸗Heiraths⸗Cautionen ver- weigert worden sei, weil diese Cautionen im Großen und Ganzen nicht für ihre Bestimmung aufbewahrt seien, hat zu einer Special Recherche Anlaß gegeben, welche nur die vorausgesehene vollständige Grundlosigkeit des Gerüchls constatiren konnte. Die Cautionen im Gesammtbetrage von 69 Millionen Gulden haben ihre regelmäßige Be⸗ handlung als Depositum gefunden, ein amtlicher Ausweis wird demnächst darüber, wie auch über die geübte Controle weiteren Aufschluß und Be⸗ lege geben. Dem Vernehmen nach wird der Ausweis auch in einem Vortrage zur Kenntniß des Kaisers gebracht, und eine Allerhöchste Ent⸗ schließung wegen der bis jetzt unentschiedenen Frage der Cautions⸗Ausfolgung an pensionirte Offiziere erfolgen.

Schweiz. Bern. Mazzini und allen Flüchtlingen, welche an dem letzten Mailänder Aufstand betheiligt waren, ist der Aufenthalt an der italienischen Gränze untersag'.

St. Gallen. Laut eingetroffener telegraphischer Meldung ist in Folge eines mit Regen verbun⸗ denen starken Föhnwindes durch das Hochwasser des Rheines ein neuer Durchbruch desselben in Eichen wies bei Oberried eingetreten. Genauere Nach⸗ richten über die Größe der Verheerungen bleiben abzuwarten.

Frankreich. Paris. Die Regierung ist jetzt ausschließlich mit den Wahlen beschäftigt. Um die Spaltung in die Reihen der liberalen Partei tragen zu können, hat das Hauptorgan der offiziösen Presse in Paris, derConstitutionnel, die Weisung erhalten, eine liberale Schwenkung zu machen. Er macht dabei aber nicht etwa dem Kaiser Opposition, nein, er ist gut kaiserlich wie vorher. Er verficht die Ansicht, daß Frankreich, um eine regelmäßige Entwicklung im freiheitlichen Sinne zu erlangen, sich durchaus nicht an die prinzipielle Opposition oder gar an die Revolution zu wenden brauche, sondern, daß der Kaiser selbst sehr geneigt sei, liberale Reformen vorzunehmen, und daß eine große Fraktion der bonapartistischen Partei so freiheitlich gesinnt sei, wie irgend eine andere Partei. Ferner läßt die Regierung in Journalen ankündigen, daß sie nach der Auf hebung des Lagers von Chalons alle Soldaten entlassen will, deren Dienstzeit am 31. Dezember

1870 zu Ende ist. Die Reduction der Armee würde sich in Folge dieser Maßregel auf 45,000 Mann belaufen.

auch Marschall Niel so vielfach auseinandergesetzt, keinen Einfluß haben. Wichtig ist sie jedoch in so fern, als sie darthut, wie sehr die französische Regierung die anti⸗kriegerischen Gefühle der fran⸗ zösischen Nation zu berüchsichtigen sich genöthigt sieht, indem sie in dieser Weise der öffentlichen Stimme Rechnung trägt, denn auch alle Wahlmanifeste sprechen sich für den Frieden aus und kein einziger Deputirter wagt es, sich bei seinen Wählern da durch beliebt zu machen, daß er in die Kriegs- posaune stößtd.

Ein kaiserliches Dekret beauftragt Rouher mit der interimistischen Führung der auswärtigen Angelegenheiten während der Abwesenheit Lavalettes.

DerFrance zufolge ist ein Gesetzentwurf in Vorbereitung, durch welchen der Wittwe des Senatspräsidenten Troplong eine Jahrespension von 20,000 Fr. ausgesetzt werden soll.

Spanien. Madrid. Von den Cortes wurde bei Berathung des Verfassungsentwurfs die Freiheit der Religionsculte mit 164 gegen 40 Stimmen genehmigt.

In den Cortes hat Prim den ihm gemachten Vorwurf, daß er nach der Diclatur oder der Königswürde strebe, energisch zurückgewiesen; sein einziger Wunsch sei, sagte er, die Errungenschaften der Revolution sich consolidiren zu sehen. Ferner wurde die Erklärurg abgegeben, die Regierung kenne genau die wahre Lage Cataloniens und könne versichern, daß keine Gefahr eines Bürger krieges vorhanden sei.

Barcelona. Es wurde hier eine Carlisten⸗ verschwörung entdeckt. Sechsunddreißig Theil nehmer, darunter Oberoffizere und Subalterne, theils activ, theils zur Disposition gestellt, sind verhaftet und ihre Papiere mit Beschlag belegt worden.

Italien. Florenz. In der Abgeordneten kammer sagte der Finanzminister in Beantwortung einer Anfrage Rossi's: Die Regierung werde documentarisch nachweisen, daß sie nicht daran denke, eize Reduktion der Rente vorzunehmen.

Menabrea theilt in der Sitzung der De putirtenkammer mit, daß in Folge der Neubildung der Parteien durch die Abstimmung vom 3. Mai das Ministerium seine Demission gegeben, der König dieselbe angenommen und Menabrea beauf⸗ tragt habe, ein neues Cabinet zu bilden. Die gegenwärtigen Minister behalten interimistisch ihr Portefeuille.

In der Deputirtenkammer sprach der Marineminister in Beantwortung einer Interpella⸗ tion sein Bedauern über das Verhalten zweier Capitäne von italienischen Kauffahrteischiffen beim Untergang der österreichischen FregatteRadetzky aus, indem er zugleich mittheilte, daß gegen die Schuldigen eine Untersuchung eingeleitet worden sei.

DieOpinione versichert, daß die bis⸗ herigen Minister Menabrea, Cambray⸗Digny, Bertole und Ribotti in ihren Stellungen ver⸗ bleiben, daß aber Ferraris das Ministerium des Innern übernehmen werde; das Portefeuille der Justiz sei Mirabelli, das des Unterrichts Mor dini übertragen.

Amerika. Trotz der Angaben aus der brasilianischen und argentinischen Gesandtschafts⸗ kanzlei kehrt doch noch mit jeder Post die Nach⸗ richt wieder, daß Lopez den Alliirten in Paraguay noch viel zu schaffen mache. Aus Asuncion ist er durch Spione stets von Allem unterrichtet und weiß den Brasilianern manchen Schlag zu ver⸗ setzen, ohne daß diese ihm beizukommen vermögen.

Friedberg. Nach einer unlängst erschienenen Ver⸗ fügung Großherzoglicher Oberstudiendirection sollen alle Schulpräparanden beim Eintritte in das Seminar eine ärziliche Vescheinigung mitbringen, daß sie im Laufe der zwei letzten Jahre vor ihrer Aufnahme in das Seminar sich einect neuen Impfung unterzogen haben. Durch diese Verfügung veranlaßt, wurden in voriger Woche alle Zög⸗ linge des Schullehrer Seminars zu Bensheim von Nellem geimpft.

Gießen. Zwischen hiesigen und Marburger Studenten kam es am Himmalfahrislage in Wetzlar nach hefligem

Wortwechsel zu Thätlichkeiten. Der dortige Bahnhofsin

Auf die Schlagfertigkeit der französischen Armee würde diese Maßregel, wie

(hätlich beleidigt und einer ber hiesigen Stud ver⸗

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vom 8. d. wurde die Anklage Müller⸗Wilk von

Morgens 8 Uhr bis Abends nach sieben Uhr ohne Unter⸗ brechung verhandelt. Arthur Müller wurde am Schlusse wegen thätlicher Ehrenkränkung des Dr. Wilk im Affect verübt, sowie wegen Verläumdung in Betreff des seinem Gegner vorgeworfenen Bruchs des Redactionsgeheimnisses und des Ehrenworts in eine Gefängnißstrafe von 4 Wochen und 100 fl. Geldbuße, Dr. Wilk wegen Ver⸗ läumdung und Na. a in eine Gefängnißstrafe von achl Tagen und eine Geldbuße von 85 fl., der da⸗ malige Redacteur der Main-Zeitung, Mai, wegen Auf⸗ nahme des Müller'schen Artikels, in eine Geldbuße von zehn Gulden und ½2 der Kosten verurtheilt, während Müller /e und Wilk die übrigen 7/12 der Kosten zu tragen haben.

Darmstadt. Nach Berichten hiesiger Blätter hatte Lieutenant de B, einer der vorzüglichsten Reiter unserer Reiterbrigade, bei dem am 2. d. M. in Mannheim ab⸗ gehaltenen Rennen das Unglück mit dem Pferd zu stürzen, ohne gefährliche Verletzungen davon zu tragen. Den ersten Preis in diesem Rennen gewann Rittmeister Jach⸗ mann von Cassel mit seinem braunen Wallach(bestehend aus 500 fl. nebst einem von S. K. H. dem Großherzog von Baden gestifteten 2 Fuß hohen silbernen Pokal im Werthe von 1500 fl.) Zwei weitere Preise erhielten Graf Wolf Meiternich(St. Grach) und einer unserer hessischen Reiteroffiziere, Lieutenant Langsdorf,(Butzvach.)

Mainz. Von hier wird berichtet, Laß vor einigen Abenden ein Franksurter Opliker den Perron im hiesigen Bahnhof betreten wollte, was ihm von dem Portier ge⸗ wehrt wurde. Ein des Weges kommender Conducteur wollte seinen Collegen unterstützen, wurde jedoch von dem Eindringling gegen die Brust gestoßen und fiel so un⸗ glücklich, daß er den Fuß am Knöchel brach. Der ver⸗ letzte Conducteur wurde in das Spital, der Optiker auf die Polizei gebracht.

Aus Nieder-Olm wird eine empörende That ge⸗ meldet: Ein gewisser E. Weil aus Wackernheim diente mit seinem unglücklichen Opfer, einem äußerst braven Dienstmädchen, als Knecht in Essenhetim und bestand zwischen beiden längere Zeit ein Liebesverhältniß, welches jedoch von Seiten des Mädchens gelöst wurde, als das selbe von dessen früherem Leben(namentlich einer Verur⸗ tyeilung wegen Nothzucht) Kenntniß erhalten hatte. Darauf folgten wörtliche und thätliche Bedrohungen des Mädchens, zuletzt mit einer geladenen Pistole. Wegen dieser Ver⸗ gehen wurde Weil vor dem Friedensgericht zu Nieder-Olm vor einigen Tagen verurtheilt. Das Mädchen hatte als Zeuge zu dienen. Auf dem Heimwege paßte der Bursche dem Mädchen auf, fiel es dicht vor dem Orte an, riß es um, kniete fich auf es und schoß mit einer diesmal blind geladenen Pistole ihm ins Ohr, dann lief er davon. Als das Mädchen sich erholt halte und aufrichten wollte, kam er zurück und schoß die diesmal mit Erde geladene Pistole dem Opfer hinter das andere Ohr. Als er noch Leben in demselben bemerkte, schoß er zum dritten Male auf die Brust des Mädchens. Nach einiger Zeit gelang es der Ver⸗ wundelen, sich mühsam fortzuschleppen. Fast dicht vor dem Orte trat dem Mädchen sein Quäler noch einmal ent⸗ gegen und seuerte einen vierten Schuß auf dasselbe, dessen Hülfegeschrei nun endlich Ohren fand. Der Verbrecher enifloh sodann. Das Leben der Mißhandelten ist bis heute noch ernstlich gefährdet. Dem Verbrecher soll man auf der Spur sein, indem er sich in eines dem Orte nahen Gehölze geflüchtet haben soll.

Idstein. Voc einigen Tagen ist dahier die erste Baugewerkschule Süddeutschlands mit einem feierlichen Acte eröffnet worden. Diese Schule zeichnet sich vor ibren älteren Schwestern in Norddeutschland dadurch besonders aus, daß auch die kaufmännischen und volkswirihschaft⸗ lichen Fächer mit in den Lehrplan aufgenommen wurden. Als Direclor fungirt Herr Baumbach aus Höxter, die malhematischen Fächer wurben von Herrn Wesipyal aus Holzminden übernommen.

Chlorkalk als Insektenvertilger. Wenn man Colorkalk auf ein Breit in einem Stalle streut, ver⸗ schwinden unverzüglich alle Arten von Fliegen. Besprengt man Gemüsebeete mit einer nur dünnen Auflösung dieses Salzes, so werden sie in wirksamer Weise von dem Befallen von Schnecken, Raupen, Schmeiterlingen und andern In⸗ jekten geschützt. Es ist auch von einiger Wirkung, wenn die Blätter von Obstbäumen damit besprengt werden. Ei Teig von einem Theil Chlorkalk und einem halben Theil Schweine⸗Schmalz, in einem schmalen Ring um den Slamm eines Baumes gelegt, hält Insekten von dem Bekriechen desselben ab. Ebenso hat man bemerkt, daß Ratten und Mäuse schnell die Stellen verlassen, an denen eine gewisse Quantität Chlorkalk gestreut wurde.

* ½ Mittel gegen die Motten. Straßburger Naturalienhändler besaßen seit etwa 30 Jahren das Ge⸗ heimmittel, Pelz und Federn vor den allgemein verhaßten Motten zu schützen. Es ist pulverisirter Eisenvitriol. Man wendet dieses Mittel an, indem man das Pulver zwischen die Haare oder Federn auf die Haut derselben streut. Der Eisenvitriot muß jedoch geltocknel werden, damit er leichter zu pulverisiren ist. Es wird sich der Mühe lohnen, dieses Mitlel auch bet Tüchern, bei Roßhaaren in Canape's, Stühlen, bei wollenen Waaren u, dgl. zu versuchen.

** Die gesammte Kohlenproduktion der Erde betrug im Jahre 1867 auf allen im Betriebe gewesenen Kohlengruben 172 Millionen Tonnen im Werthe von

500 Millionen Thaler und zwar in Großbritannien 100

spektor, welcher die Streitigen zu beruhigen suchte, wurde 1

N 1 Darmstadt. In der Sitzung des Bezirksssrafgerichts

U bol Leller aus