Ausgabe 
25.1.1856
 
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Friedberger Intelligenzblatt.

8. 8 8 1 7 Einrückungsge⸗ ge g Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen, gen de

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Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg.

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fl. 1. 30 kr. ſammen 7 kr Nu S. Freitag, den 25. Januar. 1856.

Erinnerungen eines Londoner Polizeibeamten. (Fortſetzung und Schluß.)

Auf dieſen kühnen Vorſchlag erfolgte ein paar Mi nuten lang keine Antwort; dann ſagte Mr. Webſter lang ſam:Daß mein Sohn unſchuldig iſt, davon bin ich feſt uͤberzeugt 8

Unſchuldig! rief Mr. Hutton wild und höhniſch: Sie ſind wohl nicht recht bei Sinnen, Mr. Webſter?

Aber bei alledem, fuhr der Kranke fort, ohne auf die Unterbrechung zu achten,bei alledem möchte es doch vielleicht unmöglich ſein, ſeine Unſchuld zu beweiſen, und Ihr Vorſchlag hat allerdings etwas ſehr Plauſibles. In deſſen muß ich doch Zeit haben, mir die Sache zu überlegen.

Verſteht ſich; ich gebe Ihnen Zeit bis heute über acht Tage. Sie können nichts anders als meinen Vorſchlag annehmen, deun wenn Sie es nicht thue, ſo befindet ſich, ſo wahr ich hier ſtehe, Ihr Herr Sohn ſofort nach Ab lauf dieſer Zeit auf dem geraden Weg nach dem Traus portſchiffe. Mit dieſen Worten entfernte ſich Mr. Hutton, und ich kroch aus meinem nicht ſehr würdigen Verſteck hervor.

Ich beginne in dieſer ſchwarzen Angelegenheit etwas heller zu ſehen, ſagte ich, als der alte Herr mich fragend anſah;und ich hoffe, wir werden noch im Stande ſein, den Spieß gegen den ehrenwerthen Herrn umzudrehen, der uns ſo eben verlaſſen hat und ſeiner Sache ſo gewiß zu ſein ſcheint. Nun möchte ich, ſetzte ich zu Miß Webſter mich wendend, welche mittlerweile wieder eingetreten war, hinzu,noch ein paar Worte mit Ihrem Bruder ſprechen.

Sie ging mir voran die Treppe hinab, und ich traf Mr. Edmund Webſter im Speiſezimmer.

Haben Sie die Güte, ſagte ich,mir den Hut zu zeigen, den Mr. Brown in der Taverne gegen den Ihrigen zurückließ.

Der junge Mann ſchien durch die anſcheinende Selt ſamkeit meines Verlangens überraſcht werden, entſprach aber demſelben ſofort.

Und wollen Sie mir ſagen, welcher Name des Fa brikanten oder Verkäufers in Ihrem Hute eingeklebt war, Mr. Webſter.

Levis in Bond Street antwortete er;ich kaufe alle meine Hüte dort.

Gut. Und nun beſchreiben Sie mir Mr. perſönliche Erſcheinung. Wie ſah er aus?,

Er war ein ziemlich ſtarker Mann von mittleren Jahren mit ſehr blondem Haar, hervorſpringender Naſe und bleichem, ſehr pockennarbigem Geſicht.

Das iſt vor der Hand genug, Mr. Webſter. Ich bitte Sie noch, bis Sie mich wiederſehen, keiner Seele ein Sterbens wörtchen davon zu ſagen, daß wir in dieſer Sache Schritte unternommen haben.

Hierauf verlies ich das Haus. Der Hut hatte mir einen ſehr wichtigen Fingerzeig gegeben, denn auf der ge drückten Etikette inwendig ſtanden die Worte:Perkins, Guilford, Surrey, und ſchon den nächſten Tag, ungefähr

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Brown's

um zwei Uhr, ſtieg ich in dem Gaſthof zur Roſe und Krone, Guildford, Surrey, ab, in der feſten Hoffnung, in dieſen ſteilen Straßen oder den anſtoßenden Gäßchen einem ziemlich ſtarken Manne zu begegnen, der ſich durch ſehr blondes Haar, eine lange Naſe und ein blaſſes, pocken narbiges Geſicht auszeichnete. Die Sache lohnte auf alle Fälle eines Verſuchs, und ich machte mich mit vielem Eifer an's Werk, indem ich vom Morgengrauen bis zur Abend dammerung umherwanderte, jedes Geſicht, welches mir be gegnete, prüfend anſchaute und die Abende in den beſuch teſten Schenkhäuſern der Stadt zubrachte. Zu mancher vergeblichen Jagd verlockte mich ein ferner Schimmer von blondem oder rothem Haare, und beſonders ein Kerl mit ſemmelblondem Kopfe und einem paar der längſten Beine, die ich jemals geſehen, hielt mich an einem ſchwülen Morgen auf der Straße nach Chertſey zwei volle Stunden in keuchendem Trabe, bis ich ihn überholte und nun ein paar fette Wangen, rund und roth wie die eines Apfels, er blickte, zwiſchen welchen kaum ſichtbar eine kurze Stumpf naſe ſaß. Geduld und Ausdauer erhielten jedoch endlich ihren Lohn. Ich erkannte meinen Mann, als er eben auf dem Markte eine Fleiſchkeule einhandelte. Er entſprach ganz genau der mir von ihm gegebenen Beſchreibung und trug überdies einen ſehr modiſchen Hut, der ſtark an Bond Street erinnerte. Nach einer Weile trennte er ſich von ſeiner Gattin, die bei ihm war und ging auf ein Wirths haus zu, in deſſen Zimmer ich gleich nach ihm eintrat. Er ſchien ein ganz anſtändiger Mann zu ſein, aber zu weilen flog ein etwas angſtlicher Ausdruck über ſein Geſicht, welcher mir, der ich in dergleichen Symptome eingeweiht bin, ziemlich deutlich ein ſorgenvolles Gemüth verrieth, wovon die Urſache wahrſcheinlich in Geldverlegenheit, aber, wie es mir ſchien, keineswegs in einem böſen Gewiſſen zu ſuchen war. Gleich darauf erhielt ich einen noch ferner weiten und entſcheidenden Beweis, obſchon es eines ſolchen kaum bedurfte daß Mr. Skinner, wie der Kell ner ihn nannte, mein Mr. Brown war. Als ich nämlich aufſtand, um das Zimmer zu verlaſſen, nahm ich ſeinen Hut, den er aufgehangen, anſcheinend aus Verſehen ſtatt des meinen, und in der halben Minute, welche verſtrich, ehe ich ihn wieder hinhing, ſah ich ganz deutlich die Namen: Lewis, Bond-Street, London inwendig auf der Etikette.

Die Hauptfrage war nun, wie ich mir das glück

liche Auffinden des Mr. Brown am beſten zu Nutzen machen könnte, und während ich noch über verſchiedene

Proceduren nachdachte, ward ich durch den Anblick eines Bretts, auf welchem die Worte ſtanden:Dieſes Grund ſtück iſt in einzelnen Parzellen zu Bauplätzen zu verkaufen Das Nähere zu erfragen bei Mr. Skinner, Architekt, ſofort zu einem feſten Entſchluſſe beſtimmt. Den nächſten Morgen ſprach ich bei Mr. Skinner, der ungefähr eine Viertelſtunde weit außerhalb Guildfort wohnte, vor, erkun digte mich nach den Bedingungen bei Ueberlaſſung eines ſolchen Bauplatzes, durchſchritt mit ihm das fragliche Grund ſtück, berechnete mit ihm, wieviel ein hübſches Landhaus