Ausgabe 
27.3.1855
 
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Friedberger Jutelligenzblatt.

Erſcheint wö⸗ chentlich zweimal, Dienstag d. Frei⸗ tag. Preis jährl.

Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen,

Einrückungsge⸗ bühren für die ge⸗ ſpaltene Petitzeile oder deren Raum

cee Amts- und verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg.

ſammen 7 kr.

Dienſtag, den 27. März.

1855.

Amtlicher Theil. Steckbrief Großherzoglichen Kreisamts Friedberg.

Johannes Schmidt von Wallenrod. Alter: 55 Jahre; Größe: 6 Fuß 34 Zoll; Haare: dunkelbraun mit grau; Stirne; niedrig; Augenbraunen: dunkelbraun; Augen: grau; Naſe: klein und ſpitzig; Mund: gewöhnlich; Bart: dunkel⸗

braun mit grau; Kinn: rund; Geſicht: oval; Geſichtsfarbe: geſund; Statur: klein und geſetzt.

Heimliche Entfernung

ohne Erlaubniß aus ſeiner Heimath und bettelndes Umhertreiben.

Der Juden ⸗Teich. (Fortſetzung.)

In einem großen, ſtattlichen Hauſe an der Burg⸗ ſtraße, mitten in der Stadt Hannover, wohnte der Senator Conradus Wöhler ein ächter Patricier vom Scheitel bis zur Sohle. Schon ſeit undenklichen Zeiten hatten ſeine Voreltern Sitz und Stimme im Senate gehabt und waren ſtets hoch angeſehen geweſen bei Rath und Bürgerſchaft. Dazu kam ein bedeutendes Vermögen an Geld und liegen⸗ den Gütern, das die ſorgſamen Vorväter geſammelt und die ſparſamen Erben vermehrt hatten. Kannte nun der Senator Wöhler den Mangel und die Noth kaum dem Namen nach, ſo war er auch keineswegs geneigt, mit der Hand in die gefüllte Truhe zu fahren, um der Armuth von ſeinem Ueberfluſſe mitzutheilen; obgleich er zu den öffent⸗ lichen Sammlungen für die Stadtarmen eine nicht unbe deutende Summe beiſteuerte. Wenn ſich Unglückliche oder Hülfsbedürftige mit ihren Bitten an ihn wandten, ſo wurden ſie in der Regel hart und kurz abgewieſen, und deßhalb galt der vornehme, reiche Rathsherr bei dem Volke für einen Mann ohne Herz und Gefühl, den kein Armer um eine Gabe anzuſprechen wage. Auch gegen die Hausge noſſen und ſeine Dienerſchaft zeigte er ſich ſtolz, hoffärthig und herriſch, und in ſeinem Amte als Gerichtsherr hing er mit unbeugſamer, eiſerner Strenge an dem Buchſtaben des Geſetzes. Was Wunder daher auch, daß ein Jeder ſich ſorgfältig vor der näheren Berührung mit demſelben hütete und die Nähe eines Mannes vermied, der nur ge fürchtet, aber nicht geliebt ſein wollte. Der Senator ſtand noch in dem rüſtigſten Mannesalter und war ſeit einigen Jahren Wittwer. Aus ſeiner Ehe hatte er nur einen ein zigen Sohn, den er mehr mit richterlicher Strenge, denn mit väterlicher Liebe behandelte. Johannes, ſo hieß der Jüngling, ähnelte weder an Geiſt, noch an Gemüth dem rauhen Vater. Er hatte von der ihm ſo früh entriſſenen Mutter die Weichheit und Milde der Empfindungen geerbt, die nur ein zartes, weibliches Gemüth dem empfänglichen kindlichen Herzen einzuflößen vermag. Doch fehlte es ihm weder an klarem, ſcharfem Geiſte, noch an gehöriger Ener gie des Willens und feſtem Charakter. Der etwa zwan zigjahrige Johannes war erſt ſeit kurzer Zeit in das terliche Haus zurückgekehrt, da ihn der Senator, zum Zwecke ſeiner Ausbildung, mehrere Jahre lang auf die hohe Schule zu Leyden geſchickt hatte. Nach ſeiner Rück⸗ kehr zeigte es ſich jedoch nur zu bald, wie ſehr ſein Charakter

Folge davon wurde eine nach und nach zwiſchen Beiden immer mehr hervortretende Spannung. Nur mit Muͤhe vermochte ſich der Jüngling in die verſchiedenen Launen und Eigenheiten des ſtrengen Senators zu finden; doch war es ihm bis jetzt noch ſo ziemlich gelungen: als ein Ereigniß eintrat, das einen unheilbaren, verderblichen Bruch zwiſchen Vater und Sohn herbeiführte.

Es war am Morgen nach dem Zuſammentreffen, welches wir zu Anfang unſerer Erzählung beſchrieben haben, als der Senator Wöhler, heftig aufgeregt, in ſeinem Ar⸗ beitszimmer auf- und abging. Nichts Geringes mußte es ſein, was den ſonſt ſo kaltblütigen Mann in ſolche Auf⸗ regung verſetzt hatte, denn er ſuchte ſich durch mehrfache heftige Ausrufungen Luft zu machen.

Sollte es wirklich wahr ſein, ſprach er dumpf vor ſich hin,was man mir erzählt hat? Sollte der Burſche den tollen Einfall bekommen haben, ſich an eine Bettler⸗ dirne zu hängen? Ich kann's nicht glauben. Nimmer kann er das Blut verleugnen, das in ſeinen Adern rollen muß. Und wenn es wahr wäre? Wenn der Knabe die Kühnheit hätte, mir einen Strich durch meine Rechnung zu machen; dann wehe ihm und mir! Aber Wahrheit will ich, nackte, ungeſchminkte Wahrheit, und ſie ſoll und muß mir werden.

Ein leiſes Klopfen au der Thuͤre unterbrach den Senator in ſeinem heftigen Selbſtgeſpräche. Nur mühſam beſchwichtigte er den Sturm, von dem er bewegt wurde, und öffnete die Thür, durch welche ein magerer, blaß aus ſehender Menſch in das Zimmer ſchlüpfte.

Das düſtere, ſtrenge Antlitz des Patriciers erheiterte ſich zuſehends bei dem Anblicke des Eingetretenen, den er haſtig alſo anredete:

Nun, Meiſter Hencke, was bringt Ihr mir für Nach- richten? Sprecht kurz und ſchnell, Mann, habt Ihr etwas geſehen oder gehört?

Perzeiht, geſtrenger Herr Senator, bentgegnete ihm der Angeredete, indem er in ehrerbietiger Ferne neben der Thuͤre ſtehen blieb,wenn ich ſo ſpät mich meines Auf trages entledige. Erſt geſtern Abend gelang es mir, Ohren und Augenzeuge eines vertraulichen Geſpräches zu ſein, das Euer Herr Sohn mit dem Mädchen vor dem Hauſe ihrer Mutter hielt. Ich hatte mich in den Thorweg des Frei hofes gedrückt und behorchte von da aus die Unterredung, von der ich leider nur abgeriſſene Sätze vernehmen konnte.

Es iſt alſo wirklich wahr, rief der Senator aus, daß der Buürſche ſich der Dirne um den Hals wirft und

von der dem Vaters verſchieden war, und die nothwendige] ſich und mich zum Geſpött der Gaſſenbuben macht, ob der