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Friedberger Intelligenzblatt.
Erſcheint wö⸗ chentlich zweimal, Dienſtag u. Frei⸗ tag. Preis jährl.
Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen,
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ee Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg.
ſammen 7 kr.
„ 685.
Dienſtag, den 21. Auguſt.
1855.
Amtlicher Theil.
Das Großherzogliche Kreisamt Friedberg an die Großherzoglichen Bürgermeiſtereien des Kreiſes.
Betreffend: Die Einſendung der Waiſenhausbüchſengelder.
Die in Ihren Gemeinden aufgeſtellten Buͤchſen zur Sammlung milder Gaben fur arme Waiſen haben Sie unter Zuziehung eines Gemeinderathsmitgliedes am 1. Sept. l. J. zu eröffnen, über den Befund einen Sortenzettel aufzuſtellen und dieſen von Ihnen und dem anweſenden Gemeinderath unterſchriftlich anerkannt, nebſt dem eingegangenen Gelde bis
zum 10. September d. J. unfehlbar auher einzuſenden. Friedberg 15. Auguſt 1855.
Müller
Steckbrief Großherzoglichen Kreisamts Friedberg. Heinrich Kämmerer von Londorf, Kreis Grünberg. Heimliche Entfernung aus ſeiner Heimath. Alter: 10 Jahre; Größe: etwa 4 Fuß; Haare: blond; Stirne: rund; Augen: braun; Naſe: breit; Mund; dick; Kinn: ſpitz;
Geſicht: länglich.
Bekanntmachung. Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß Donnerſtag den 30. Auguſt kein Amtstag abgehalten wird.
Friedberg den 18. Auguſt 1855.
Großherzogliches Landgericht Friedberg Hofmann.
Der gelehrte Poſtmeiſter. (Jortſetzung.)
Als die Droſchke an der Station ankam, gelobte der Prinz dem Wagenmeiſter einen Thaler Trinkgeld, wenn er ihn früher expedirt hätte, ehe der Schnellpoſtwagen herangekommen. Und richtig! als dieſer ſchwerfällig, wall— fiſchartig heranrollte, fuhr die Droſchke eben mit luſtigem Trompetenſignal auf der andern Seite zum Thore hinaus.
Lieutenant von Stolzenberg hatte unter dieſen Um— ſtänden nicht übel Luſt, die Fahrt aufzugeben, denn er be— rechnete, daß der Prinz nun doch vor ihm ankommen und den Handel mit dem Domainenrath Kornmilbe abgemacht haben würde, bevor er nachkommen konnte. Indeſſen man mußte noch einige Stationen zurücklegen, wo, wie er wußte, die vier Pferde für den erwarteten Schnellpoſtwagen be— reitſtanden, während die Extrapoſtpferde erſt angeſchirrt werden mußten, ja! möglicher Weiſe gar nicht vorhanden waren, ſondern erſt in dem Städtchen zuſammen getrom— melt werden mußten. So entſchloß er ſich denn weiter zu fahren; und er hatte wohl daran gethan, die Fahrt nicht ſogleich aufzugeben. Denn der Poſtillon, der des Prinzen leichte Droſchke unter dem Verſprechen des dop— pelten Trinkgelds fuhr, jagte dahin wie beſeſſen und Par— dautz! als ſie eine ſchiefe Ebene hinabfuhren, lag das Hand— pferd mit einem gewaltigen Sturze auf der Erde und ward eine Strecke auf den Knien rutſchend fortgeſchleift, ehe der Wagen zum Stehen gebracht war. Der Schaden war größer als für die Eile gut war; denn nicht allein mußte man das zerriſſene Geſchirr thunlichſt mit Stricken und anderen Nothbehelfen zuſammenflicken, mit welchem Geſchäft man noch nicht fertig war, als der Schnellpoſt— wagen mit hohnlächelnder Gravität vorüberſchoß, ſondern es ergab ſich auch zu dem größten Verdruß des Prinzen,
daß das geſtürzte Handpferd von dem Sturze auf dem rechten Vorderfuße lahmte und trotz Peitſche und Zungen— ſchlag nur mühſam ſich weiterzuſchleppen fähig war.
Jetzt war der Prinz an der Reihe, die Flügel hängen zu laſſen und hatte nicht übel Luſt die Fahrt nach W. ganz aufzugeben; denn der Schnellpoſtwagen hatte einen reichlichen Vorſprung von 10 bis 15 Minuten. Indeſſen er kannte den Weg und baute auf die Beſchaffenheit deſ— ſelben ſeine Hoffnung. Auf den nächſtfolgenden Stationen gab es lange Strecken, wo der ſchwere Schnellpoſtwagen nur im Schritt, ſeine leichte Droſchke dagegen im Trab fahren konnte. Da wan's ein Leichtes, den ſchwerfälligen Wagen einzuholen, beſonders wenn er auf der nächſten Station Courierpferde nahm. So fuhr er denn mit dem hinkeuden Handpferde langſam, aber voll Hoffnung dem Stationsorte Narrenſtadt zu.
Narrenſtadt iſt nur ein kleines Städtchen und darf ſich rühmen, weder durch alterthümliche Bauwerke, noch durch romantiſche Lage, noch durch ſeine Geſchichte, es ſei denn die des Jahres 1848, dem Durchreiſenden irgend ein Intereſſe einzuflößen. Aber eine Merkwürdigkeit beſaß es doch, und die war ſein Poſtmeiſter. Das war ein kluger grundgelehrter Mann und geſcheut! o! er konnte fein ſein wie ein Raſirmeſſer und hinter dem Ohre trug er den Fuchs. Man ſagt gewöhnlich, der Prophet gelte in ſeinem eigenen Vaterland am wenigſten. Dieſes ließ ſich aber mit Ehren zu melden von Narrenſtadt nicht ſagen. Denn in Erwägung ſeiner ausgezeichneten Eigenſchaften und vor— züglichen Begabung war unſer Poſtmeiſter von der löblichen Bürgerſchaft der Stadt ſeit einigen Monden zum interi— miſtiſchen Bürgermeiſter erwählt und hatte als ſolcher die ſtädtiſche Polizei zu verwalten, und da er im Poſthauſe zugleich eine von den Bürgern fleißig beſuchte Bierſtube
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