2
tbr. 1855.
56
Friedberger Intelligenzblatt.
Erſcheint wö⸗ chentlich zweimal, Dienſtag u. Frei⸗ tag. Preis jährl.
Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen,
Einrückungsge⸗ bühren für die ge⸗ ſpaltene Petitzeile oder deren Raum
dtn Amts- und verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg. cer
ſammen 7 kr.
„5 SI. Dienſtag, den 16. Oktober. 18355. J 0—— 9 Amtlicher Theil. Bekanntmachung. Die unten ſignaliſirte— anſcheinend taubſtumme und blödſinnige Weibsperſon iſt heute in der Nähe von Lollar
angehalten und verhaftet worden, weil ſie weder Reiſemittel
noch eine Legitimation beſaß. Auf die an ſie gerichteten
verſchiedenen Fragen gab ſie nur unverſtändliche Töne zu vernehmen; doch ſchien ſie auf die Frage: wie ſie heiße? „Dorthe“ antworten zu wollen. Der Kleidung nach zu ſchließen ſcheint ſie aus der Wetterau oder der Maingegend
zu ſein.
Ich erſuche die reſp. Sicherheitsbehörden, die geeigneten Nachforſchungen nach der Heimath dieſer Perſon anſtellen zu laſſen und mir von deren Ergebniß gefälligſt Nachricht zu geben.
Gieſſen am 7. October 1855.
Signalement.
Großherzogliches Kreisamt Gieſſen n Piet ſch, Kreisaſſeſſor.
Dieſelbe iſt kleiner Statur, ca. 24— 26 Jahre alt, hat hellbraune Haare, niedere Stirne, braune „„ ö 8
Augenbraunen, hellbraune Augen, kleine ſtumpfe(aufgeſtülpte), in der Mitte eingedrückte Naſe, ovales Geſicht. Dieſelbe trägt ein braunes lumpiges Mützchen, blauen Rock, kleincarrirte Haube und ein ſchwarzes Halstuch.
Ueber die gegenwärtige Theuerung.
So ſehr auch die Urſachen der jetzt herrſchenden Theuerung überall ſchon Gegenſtand öffentlicher Beſprech— ung geweſen ſind, ſo muß man dennoch der Ueberzeugung ſein, daß dieſelben weder immer richtig erkannt wurden, noch auch die. Mittel, die man zu ihrer Abhülfe in Vor⸗ ſchlag brachte, die geeigneten waren, ja daß eine öffentliche Beſprechung überhaupt nur zur Aufklärung über den Nothſtand, nicht aber zur Beſeitigung deſſelben führen könne. Vor allen Dingen hat man die Klagen über den Korn⸗ wucher, den man als die hauptſächlichſte Urſache der Theuerung anzuſehen geneigt iſt, als von irrigen, die Ver⸗ kehrsverhältniſſe unſerer Zeit verkennenden Vorſtellungen ausgehend anzuſehen. Der Kornwucher, wie er in frühe— ren Zeiten wohl vorgekommen, d. h. die durch Manipula— tionen aller Art hervorgerufene, längere Zeit andauernde Steigerung der Preiſe iſt heut zu Tage ſchon darum nicht mehr möglich, weil bei den beſtehenden Communikations⸗ mitteln alle Getraidemärkte der Welt mit einander in Verbindung ſtehen, und weder ein einzelnes Handelshaus, mag es auch ſo viele Mittel beſitzen, noch auch eine Ge— ſellſchaft von Händlern im Stande ſind, durch ihre Spe⸗ eulationen einen dominirenden Einfluß auf alle Märkte auszuüben. Möglich bleibt dabei freilich immer noch, daß die Speculation auf einzelnen Märkten vorübergehend eine kühſtliche Steigerung der Preiſe hervorrufen kann; beſonders iſt dies ohne Zweifel da der Fall, wo die ſoge⸗ nannten Verkäufe auf Lieferung, die nur um der Differenz willen geſchloſſen werden, in bedeutendem Maaße um ſich gegriffen haben. Bekanntlich ſind dieſe Lieferungsgeſchäfte, bei denen es ſich um nichts weniger als um die wirkliche Lieferung der Waare zu dem feſtgeſetzten Zeitpunkte han— delt, welter nichts als ein Hazardſpiel, und ſie fallen da⸗ her ohne Zweifel unter die geſetzlichen Strafbeſtimmungen, welche gegen die Hazardſpiele erlaſſen ſind, können aber leider von dem Arme des Geſetzes deshalb nicht erreicht werden, weil es kein Mittel gibt, die blos zum Schein wegen der Differenz geſchloſſenen Geſchäfte von den wirk—
lichen zu unterſcheiden, und weil die Erfahrung gelehrt hat, daß jeder Verſuch gegen die Scheingeſchäfte einzu— ſchreiten ſtörend auf den reellen Handel einwirkt, und daher gerade das Gegentheil von dem erreicht, was durch die Maßregel bezweckt wird. Ob nicht dennoch durch eine wirkſame Börſenpolizei viel Unheil verhütet werden könne, müſſen wir unberührt laſſen. Jetzt kommt es auf die rich— tige Erkeuntniß au, daß die Theuerung, über die man klagt, aus allgemeinen Urſachen herrührt, die keine menſch⸗ liche Macht und Weisheit zu beſeitigen vermag, und daß wir aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht einer Verminderung ſondern einer vielleicht höheren Steigerung der Preiſe ent— gegen gehen, wenn nicht andere Conjukturen eintreten. Ein umfaſſendes Urtheil über den Ausfall der Ernte zu fällen, iſt zwar doch nicht möglich, wahrſcheinlich iſt indeß, daß die Roggenernte in dem größten Theile von Deutſch⸗ land hinter einer gewöhnlichen Mittelernte zurückbleiben, und daß die Weizenernte den gehofften Erſatz keineswegs gewähren wird. Eben ſo ungünſtig wie in Deutſchland, ſind die Ausſichten in Frankreich, und auch in England ſcheint ſich die Erute nicht uber das Maß einer gewöhn— lichen Mittelerute zu erheben, durch welche bekanntlich der eigene Bedarf des britiſchen Juſelreiches bei Weitem nicht gedeckt wird. Dazu kommt nun noch, daß durch den Krieg jene Landſchaften uns verſchloſſen ſind, welche beſonders das weſtliche Europa ſeit vielen Jahren als ſeine Korn- kammer anzuſehen gewohnt war. Glücklicherweiſe iſt in Nordamerika die Ernte eine reichliche geweſen, woher es ſich erklärt, daß die britiſchen Getraidemärkte von der Aufregung, die auf den meiſten Märkten des Feſtlandes herrſcht, bis jetzt gar nicht berührt worden ſind. Auch aus den Vereinigten Staaten, aus Dänemark und Schweden erhofft man nicht unbedeutende Zufuhren und ſind nach den öffentlichen Blättern bereits ſolche in den Häfen von Frankreich eingetroffen. Ob bedeutende Zufuhren aus ge— nannten Ländern ein Fallen der Fruchtpreiſe zur Folge haben werden, muß uns die nächſte Zukunft lehren. (Frkf. Intbl.)


