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Friedberger Intelligenzblatt.
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Nu 28.
Freitag, den 6. April.
1855.
Der Juden Teich. (Fortſetzung)
Der Magiſter Henricus Garberus, der gleich darauf bei dem Senator eintrat, war einer jener Geiſtlichen, die, am Ende des 16. Jahrhunderts, die Chriſtus-Religion zu einem Deckmantel ihrer Unduldſamkeit und Starrheit in Glaubensſachen machten. Hochmuth und Eitelkeit walteten, ſtatt chriſtlicher Bruderliebe, bei ihnen, und über den zähen Stolz und die Hartnäckigkeit, mit der ſie an der Erfüllung der äußeren Gebräuche des Cultus hingen, vergaßen ſie nur zu ſehr die heiligſten Grundlehren des Evangelii. Es war daher nicht zu verwundern, daß Wöhler in dem Pre— diger ein geeignetes, willfähriges Werkzeug zur Erreichung ſeiner Pläne erblickte.
„Verzeiht, verehrter Herr Senator,“ ſprach der Geiſt— liche bei ſeinem Eintritt in das Zimmer,„wenn ich Euch ſtöre, allein Ihr werdet mir vielleicht einige Augenblicke Eure Zeit leihen, wenn ich Euch mittheile, daß ich Kraft meines heiligen Amtes zu Euch komme und von Eurem Edelmuthe die Gewährung einer Bitte hoffe.“
„Mit Vergnügen ſtehe ich Euch zu Dienſten, wuͤrdiger Herr,“ entgegnete ihm freundlich der Senator,„denn Ihr wißt ja, daß ich nicht zurückſtehe, wenn es ſich um das Wohl der Kirche handelt. Was wüunſcht Ihr von mir?“
„Es iſt Euch bekannt,“ ſagte der Prediger,“ wie im verfloſſenen Jahre der ſchwarze Tod, die Peſt, ſo gräu— lich in unſerer Stadt gewüthet und namentlich aus unſe— rem Kirchſprengel viele Menſchen dahingerafft hat. Durch die vielen Leichenbegängniſſe ſind nun zwar mir viele Mühen und Laſten erwachſen, allein die Zahl der Gemeindemit— glieder hat ſich bedeutend vermindert und der„Wortzins“, der der Kirche zufällt, iſt dadurch gar ſehr verſchmälert worden. Ich habe deßhalb, mit Zuſtimmung vieler gutge— ſinnter und frommer Mitglieder der Gemeinde, den Ent— ſchluß gefaßt, bei Rath und Bürgerſchaft auf einige Zeit um eine Erhöhung des mir gebührenden Wortzinſes anzu— halten und hege zu Euch das Vertrauen, daß Ihr im Rathe meine Bitte durch Euer gewichtiges Fürwort kräftiglich unterſtützen möget.“
„So viel ich vermag, Herr Magiſter,“ erwiderte ihm Wöhler,„bin ich gerne zur Unterſtützung Eurer Bitte bereit und ich hoffe, Ihr ſollt Euch nicht umſonſt an mich gewandt haben; aber Ihr wißt, eine Liebe iſt der andern werth, darum vergönnt, daß ich Eure Hülfe oder vielmehr Euren Rath und Eure Vermittlung auch für mich in An— ſpruch nehme.“
„Von Herzen gerne,, rief der Prediger, erfreut über die ihm gewordene Zuſage;„ſprecht, womit kann ich Euch dienen, ich bin dazu bereit. Natürlich,“ ſetzte er ſchein— heilig hinzu,„wenn es ſich mit meinem heiligen Amte verträgt.“
„Seid deßhalb ohne Sorgen,“ ſprach lächelnd der Senator,„die Kirche hat nichts damit gemein, es betrifft
nur meine Familienverhältniſſe. Ihr wißt,“ fuhr er fort indem er ſeinen Seſſel dem Pfarrer näher rückte,„daß ich nur einen einzigen Sohn, den Johannes habe, der erſt vor einem Jahre von der hohen Schule zu Leyden zurückgekehrt iſt und ſich dort, wie ich glaube, einen tüch— tigen Schatz von Kenntniſſen geſammelt hat. Bis jetzt zögerte ich noch, ihn in die Arbeitsſtuben des Rathes ein— zuführen, weil ich in ihm keinen Bücherwurm oder Feder— fuchſer ſehen wollte und der Meinung war, er ſolle ſich erſt ſeine Hörner abſtoßen. Seit kurzer Zeit aber iſt das Ding anders geworden. Der Burſche läuft, wie ich höre, einer Schürze nach und hat ſich in die Larve einer Bettlerdirne vergafft. Ihr kennt die alte Hartwich, die Wittwe des Baders, die im„Rozehoff“, an der Ecke des kleinen Wul— feshorn wohnt. Die Tochter dieſes Weibes hat es mit buhleriſchen Künſten dem Johannes angethan, ſo daß er allabendlich zu ihr ſchleicht, in ihren Armen ſeinen Stand vergißt und jeder Zucht und Sitte ſpottet. Ja, er ſoll ſogar, wie meine Späher ausſagen, die Abſicht hegen, mir die Buhldirne als Schwiegertochter in das Haus zu bringen.“
„Das wolle Gott verhüten!“ rief der Geiſtliche aus, indem er ſich geberdete, als erſchrecke er vor dieſem Ge— danken;„Ihr ſeht, verehrter Herr, die Sache gewiß von einem zu ernſten Geſichtspunkte an und legt einem ge— wöhnlichen Liebeshandel eine Wichtigkeit bei, die er ſicher nicht hat. Glaubt mir, junges Blut brauſt zwar auf wie Champagnerwein, allein es verraucht auch eben ſo leicht, wie dieſer.“
„Ihr irrt Euch, Magiſter,“ ſagte kurz der Patricier „ich kenne den Burſchen beſſer, er iſt zäh wie eine junge Weide und wird Alles daran ſetzen, mir dieſen Streich zu ſpielen. Hat er doch ſchon davon geſprochen, die Hülfe ſeines Ohms in Hildesheim anzurufen, weil er von deſſen Gutmüthigkeit ein Gelingen ſeines Planes hofft.— Ich ſage Euch, Güte iſt hier am unrechten Orte und nur Liſt oder nöthigenfalls Gewalt kann helfen.“
„Bedenkt es wohl, Herr Senator,“ ſprach nachdenkend der Prediger,„was Ihr in dieſer Sache für Maßregeln zu ergreifen beabſichtigt; davon ſeid aber überzeugt, daß hier Gewalt am wenigſten zum Ziele führt; ſie wird viel— mehr den Widerſtand Eures Sohnes reizen und ihn zu Schritten vermögen, an welche er bis jetzt wohl noch nicht denkt.“
a„Und was rathet Ihr mir in dieſer kitzlichen Sache?“ fragte der Senator.
„Daß Ihr vorlaufig nichts in derſelben thut, ſondern mir dieſelbe überlaßt,“ antwortete der Magiſter.„Ich kenne die alte Hartwich; das Volk nennt ſie nur die kluge„Frau“, denn ſie ſoll durch Salben und Kräutertränke gar wunder— bare Kuren bewirken und manches Gebrechen heilen können. Die Tochter Anna war früher mein Beichtkind und ein gar kluges Mädchen; hoffentlich wird wenigſtens eine von Beiden ſo geſcheidt ſein und einſeheu, auf welcher Seite der Vortheil liegt; ob in der Liebelei mit einem Spring⸗


