Erſcheint wö⸗ chentlich zweimal, Dienſtag u. Frei⸗ tag. Preis jährl.
Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen,
Friedberger Jutelligenzblatt.
u 2
Einrückungsge⸗ bühren für die ge⸗ ſpaltene Petitzeile oder deren Raum
bes Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg. e
fl. 1.
ſammen 7 kr.
Dienſtag, den. September.
1855.
Der gelehrte Poſtmeiſter. (Fortſetzung.)
Der Prinz iſt zwar etwas ungehalten und unmuthig über den fatalen Zeitverluſt und beſchwört den Poſtmeiſter, ſo raſch wie möglich Pferde zu beſorgen, tritt indeſſen derweilen in ein Zimmer der Belletage, während der Poſt— meiſter keinen Augenblick verliert, ſofort den Gensd'arm mit zwei Polizeidienern zu requiriren. Als der Gensd'arm kommt, nimmt er ihn auf die Seite und ſagt zu ihm: „Herr Greif, Sie ſtellen ſich hier vor dieſe Thür und be— wachen den Reiſenden im Zimmer und bürgen mir dafür, daß er nicht entſpringt. Ich habe ſoeben,“ fügt er mit einem verſchmitzt vergnügten, geheimnißvollen Lächeln hinzu, „ein ſauberes Vögelchen, ein ſehr ſauberes Vögelchen ge— fangen.“ Den Jager, der inmittelſt in die unten gelegene Paſſagierſtube eingetreten war, übergab er ſodann den Polizeidienern mit ähnlicher Inſtruction zur Bewachung. „Sodann ließ er ſogleich anſpannen, um dem eine Stunde entfernt wohnenden Landrathe von dem gemachten wich— tigen Fange ſofort ſelbſt ſchuldige Mittheilung zu machen.
Der Prinz ging unterdeſſen nichts davon ahnend, daß er einſtweilen unter Polizeiaufſicht geſtellt und inter— nirt ſei, aber in hohem Grade ungeduldig und krittlich über die Verſäumniß,— Warten iſt eben nicht Jedermanns Sache,— im Zimmer auf und ab und griff endlich zu dem allgemeinen Beruhigungsmittel der Gegenwart, die Cigarre, deren lieblicher Duft augenblicklich ſeine Grillen zerſtreute und ihn mit neuer Hoffnung auf das allen Hin— derniſſen zum Trotz doch glückliche Gelingen ſeiner Han— delsreiſe erfüllte.„Sein Vorſprung ſoll ihm doch nichts helfen,“ ſprach er die Hände reibend für ſich,„nun erſt recht nicht, und wenn ich auch noch eine Viertelſtunde hier auf Pferde warten müßte. Wir haben noch zwei Stationen zu fahren mit vielen anhal— tenden Steigungen und Senkungen, bei denen der ſchwere Schnellpoſtwagen nur langſam hinaufklettern und nicht ohne zu hemmen hinabfahren kann, während meine leichte Droſchke mit Courierpferden und obligater Begleitung anſehnlicher Trinkgelder wie ein Gemsböcklein darüber weghüpft. Dazu kommt, daß W. etwa eine Viertelſtunde von der Chauſſee und der Schnellpoſttour ſeitwärts ab— liegt. Dieſe Strecke muß Stolzenberg entweder fahrend oder gehend zurücklegen. Im erſteren Falle muß er Ex⸗ trapoſt nehmen und da er keinen eigenen Wagen bei ſich hat, ſo vergeht hoffentlich einige Zeit, ehe die Poſtchaiſe geſchmiert und zur Fahrt in Bereitſchaft iſt. Geht er die Strecke aber zu Fuß, nun um ſo beſſer!“ und er ſchlug ein ſo helles Schnippchen mit den durchlauchtigen Fingern daß es knallte,„ſo hole ich ihn um ſo raſcher ein, und ſollte ich mit den Trinkgeldern förmlich wüſten!“ Eben ließ ſich vom Hofe her Pferdegetrampel und Wagengeraſſel vernehmen.„Wahrhaftig, da ſind die Pferde ſchon, Glück— auf! nun nehmen ſie ſich zuſammen, Freund Stolzenberg!“ murmelt der Prinz in freudigſter Erregung, dann aber
fährt der Wagen vor, in welchem der Poſtmeiſter abfahren will. In dem Glauben es ſei der ſeinige, öffnet der Prinz raſch die Thür, um hinunter zu gehen. Aber— ein Gensd'arm vertritt ihm den Weg.„Halt mein Herr! Sie dürfen dieſes Zimmer nicht verlaſſen!“
„Was? dieſes Zimmer nicht verlaſſen?“ ruft der erſtaunte Prinz,-und warum denn nicht? Wer wird mir's verwehren?“
„Ich mein Herr!“ entgegnet der Gensd'arm mit der ruhigen Entſchloſſenheit ſeines Berufs und legt Hand an ſeine Waffe.„Sie ſind Gefangener.“
„Auf weſſen Befehl?“ ruft der Prinz.
„Auf Befehl der hieſigen Ortspolizei,“ entgegnet der Gensd'arm.
„Aber mein Gott, Herr Gensd'arm, Sie ſind doch ein vernünftiger Mann, hier findet ſicherlich eine mir höchſt fatale Perſonenverwechslung ſtatt. Ich bin der Prinz Biron, Lieutenant im Königl. Garde-Dragoner— Regimente und ſo eben erſt mit Extrapoſt angekommen.“
„Mag Alles wahr ſein!« entgegnet ruhig der Gens— d'arm,„aber Sie ſind in Civil und tragen des Königs Rock nicht: außerdem habe ich das weder zu unterſuchen, noch zu verantworten. Ich habe den gemeſſenen Befehl Sie zu bewachen.“
„Wenn ich nun aber doch gehe?“ ſpricht der Prinz und macht eine Miene, durch die Thür zu treten.
„So muß ich Gewalt anwenden, Sie zu halten,“ entgegnet der Gensarm.„Gut! das ſehe ich ein!“ ſpricht der liebenswürdige Prinz, der glücklicher Weiſe die Sache mit möglichſter Kaltblütigkeit aufnimmt und ihr ſelbſt eine komiſche Seite abzugewinnen ſucht.„Aber,“ fuhr er fort, „wer verwaltet denn hier die Polizei?“ 0
„Der Herr Poſtmeiſter Wunderlich.“
„Nun ſo thun Sie mir den Gefallen, ihn herzurufen oder mich zu ihm zu führen; es kann nur ein mir äußerſt fataler Irrthum zum Grunde liegen, der bald aufgeklärt ſein wird. Ich verſichere Sie, ich habe Eile.“
Aber ehe er ſeine Worte noch geendet, fuhr der Wagen mit dem Poſtmeiſter davon.
„Da fährt er eben fort!“ ruft der Gensdarm„und Sie müſſen ſich nun ſchon in Geduld faſſen.“
„Aber ich habe Eile, dringende Eile,“ verſetzt der Prinz, den es wurmte, daß ſein Freund Stolzenberg mit der gewöhnlichen Schnellpoſt früher ans Ziel kommen ſollte als er mittelſt Courierpferden.„Schicken Sie mir meinen Jäger herauf, ich will ihn ſofort zum Landrath ſenden.“
„Thut mir leid! geht nicht mein Herr!“ erwidert der Gensdarm,„der Jäger wird unten ſelbſt bewacht.“
„Verbietet es Ihnen denn Ihre Pflicht, einen Boten mit einigen Zeilen von mir an den Kreis-Landrath zu ſenden, der mich genau kennt?“
„Das glaub' ich verantworten zu können,“ verſetzt der Gensdarm. Und ſofort ſetzt ſich der Prinz und ſchreibt einige flüchtige Zeilen an den Landrath. Ein herbei ge—


