Friedberger Intelligenzblatt.
Erſcheint wõ⸗ chentlich zweimal, Dienſtag u, Frei⸗ tag. Preis jährl. fl. 1. 12 fr.; durch
Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen, eee Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg.
Einrückungsge⸗ bühren für die ge⸗ ſpaltene Petitzeile oder deren Raum 2 kr.; die beiden erſten Zeilen zu⸗
ſammen 7 kr.
N 77.
Dienſtag, den 2. Oktober.
1855.
Amtlicher Theil. Steckbrief Großherzoglichen Kreisamts Friedberg.
Wilhelm Baumann von Lumda, Kreis Grünberg,
heimliche Entfernung aus ſeiner Heimath.
Ein Heirathsgeſuch. (Fortſetzung.)
Keine Unterſchrift, keine weitere Erklärung! Ich war in einem Zuſtande außerordentlicher Aufregung, der beinahe unerträglich ward während des Tages und der Nacht vor dem ereignißvollen Augenblick, Wenigſtens hundertmal las ich das Billet. Die Handſchrift war ele⸗ gant und die einer Dame; der Duft des Papiers, das Wappen auf dem Siegel ſchienen Wohlhabenheit zu ver— ſprechen, Aber dieſe beſtimmte Bedingung— war ſie ſo durchaus nothwendig?— Warum maskirt? Ein kalter Schauder überfiel mich. War ſie jung und ſchön warum denn eine Maske? in meiner ziemlich ausgedehnten Praxis kannte ich keinen Fall, daß ein junges und hübſches Frauenzimmer den Muth gehabt hätte, den Sonnenſchein ihres Antlitzes hinter einer neidiſchen Wolke zu verbergen.
Und wenn alt und häßlich—? Ich war allerdings geneigt, in dieſen beiden Hauptpunkten einige Conceſſionen zu machen. Wenn ſie reich, ſehr reich wäre, das heißt, wenn jedes Lebensjahr durch ein tauſend Pfund reprä— ſentirt wäre, dann ſchien es allerdings vernünftig, die Augen gegen fünf Jahre mehr oder weniger zuzudrücken, ſo wie gegen einige Linien in Geſicht und Geſtalt, die etwas von der Schönheitslinie abwichen. Aber das konnte natürlich nur bis zu einer gewiſſen Gränze gehen. Dreißig Jahre wollte ich zugeſtehen, mehr nicht. Während ich darüber nachdachte, fühlte ich fortwährend ein Schaudern. Ich habe gewiß den höchſten Reſpect vor Mitgliedern des ſchönen Geſchlechts, die ein gewiſſes Alter überſchritten haben, und Keiner kann williger die Verdienſte und die Würde einer Matrone anerkennen; aber der Gedanke daran, eine ſolche zur Frau zu haben, den Juni meines Lebens von einem ſolchen Januar durchfrieren zu laſſen — nein, das iſt zu viel.
Doch all' mein Ueberlegen, Nachdenken über den er— haltenen Brief half mir zu weiter Nichts, als daß die Stunden ſchneller vergingen. Keiner wird mir zürnen, wenn ich ſage, daß ich an dieſem Morgen mehr Sorgfalt als gewöhnlich auf meine Toilette verwandte. Mein Spiegel ſagte mir manche Schmeichelei, als ich einen letzten forſchenden Blick in denſelben warf. Die leichten Spuren, welche die ſtürmiſche Jahreszeit der Jugend auf meinem Geſichte zurückgelaſſen hatten, verſchwanden gänz— lich unter meiner geübten Hand, und ich konnte mit einem gewiſſen Vertrauen einer Dame gegenüber treten, die, wie ich nun überzeugt war, die Maske nicht deßhalb vorge— nommen hatte, damit ſie einen armen Sterblichen nicht durch den Glanz ihrer Schönheit vernichten möchte. Einige Minuten nach zehn Uhr ſtand ich vor der myſteriöſen Thür,
an deren anderer Seite ich entweder unermeßlich glücklich werden, oder mich unausſprechlich lächerlich machen ſollte.
Ein höfliches„Herein!“ das mit meinem leiſen An— klopfen harmonirte, öffnete mir die Thür. Ich trat in ein reich und elegant meublirtes Zimmer, offenbar das beſte in dem Hotel. Das war ein gutes Zeichen. Vom Fenſter her kam eine weibliche Geſtalt mir entgegen. Ich konnte nur ihre Größe, Nichts weiter unterſcheiden. Ihr Geſicht war durch eine Sammet⸗Maske verhuͤllt, ihr Kopf mit einem Schleier bedeckt; von den Schultern fiel ein weites ſeidenes Gewand herab, das ihre Formen völlig verdeckte: es war ſelbſt für mein in ſolchen Dingen ſcharfes Auge völlig unmöglich, mir auch nur die geringſte Anſicht über Alter und Geſtalt zu bilden. Uebrigens blieb mir auch keine Zeit zu Beobachtungen; der Moment zu ſprechen war gekommen. Aber was ſollte ich ſagen? In meinem ganzen Leben war ich noch nicht in ſolcher Verlegenheit geweſen; mein inſinnantes Weſen, gewöhnlich von ſo
gutem Erfolg bei'm ſchönen Geſchlecht, ließ mich ganz und gar im Stich. Ich wußte nichts Beſſe— res zu thun, als die Dame mit einer Grazie, die
einem Tanzmeiſter Ehre gemacht haben würde, zum Sopha zu fuͤhren und mich auf einen Stuhl vor denſelben zu ſetzen; endlich ſtotterte ich, ſehr abgeſchmackt, ich geſtehe es, hervor:
„Ich habe Ihr freundliches Billet erhalten, welches mir dieſe glückliche Zuſammenkunft verſchafft.“
„Was haben Sie mir zu ſagen?“ ward leiſe und furchtſam unter der Maske geflüſtert.
Aber obgleich die Stimme ſo leiſe war, unterſchied mein ſcharfes und geübtes Ohr doch ſogleich, daß ihr die Friſche der Jugend fehle.
„Madame, ich bin in einer Lage und habe das Lebensalter erreicht, wo es nicht mehr wünſcheuswerth iſt, allein zu leben.“
„Sie wünſchen alſo eine Lebensgefährtin; aber Sie müſſen geſtehen, daß Sie einen ungewöhnlichen Weg ge— wählt haben, um eine ſolche zu finden.“
„Nicht ſo ganz ungewöhulichz“ erwiderte ich;„in allen Zeitungen finden ſich wiederholt Anzeigen wie die, welche mir das Glück dieſer Zuſammenkunft verſchafft hat; und wenn man den Berichten glauben darf, ſo ſind ge⸗ wöhulich die glücklichſten Heirathen die, welche ohne vor— hergehende Bekanntſchaft durch einen angenehmen Zu— fall geſchloſſen werden.“
„Doch, mein Herr, muß es immer einen beſonderen Grund geben, weßhalb Jemand bei einem ſo wichtigen Schritte dem Zufall vertrauen ſoll. Darf ich mir er⸗ lauben zu fragen, was Sie bewogen hat, ſich auf dieſem


