Sede
Friedberger Intelligenzblatt.
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Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen,
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ce Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg.,
ſammen 7 kr.
Nu 93.
Dienſtag, den 28. November.
18501.
Amtlicher Theil.
Oeffentliche
tach t icht,
Der Stadt Friedberg iſt verſtattet worden, noch einen zweiten Fruchtmarkt und zwar Dienſtags in jeder Woche
abzuhalten.
Dieſes wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht. Friedberg am 28. November 1854.
Der nächſte findet Dienſtag den 5. Dezember d. J. ſtatt.
Großherzogliches Kreisamt Friedberg Mü le x.
Des Schulzen Fritz. (Fortſetzung.)
Unmittelbar unter einem der Speicherläden hatte er verſucht, durch eines der Fenſter jener Stube zu ſpringen, in welche er ſich geflüchtet, und hatte ſich den einen Fuß alſo verſtaucht, daß er faſt nicht von der Stelle konnte, viel weniger den beiden bewaffneten Männern langen Wi— derſtand zu leiſten vermocht hatte.
Sogleich ward denn auch der arme Fritz vor den Bürgermeiſter des Orts gebracht, der in nicht geringe Verlegenheit kam, ein Verhör anzuſtellen, durch welches nur das Verhältniß ſeiner Tochter zu dem früheren Dienſt— boten des Hauſes aufgedeckt werden mußte.
Aber wie erſtaunte der ehrliche Mann, als ſich Fritz wirklich als Dieb bekannte und ausſagte, er hätte in den Getraideſpeicher einzubrechen geſucht, um einige Simmern Frucht fortzuſchaffen und durch dieſelbe zu Geld zu kommen. Und in der That fanden ſich auch Spuren eines beabſich— tigten Diebſtahls vor,— ja bei genauerer Nachſicht wollte der Bürgermeiſter bemerkt haben, daß an ſeinem Getraide— haufen bedeutende Lücken geworden ſeien.
Fritz erröthete tief bei dieſer Wahrnehmung des braven Mannes,— Jedermann hielt dieß fuͤr die Röthe der Schuld,— kein Menſch zweifelte länger, daß er der Dieb,— ſagte er es ja ſelbſt, und die, welcher ſein Edel— muth zu Gute kam, nahm ſchweigend ſeine Aufopferung hin, da ſie ja dadurch aus einer großen Verlegenheit ge— rettet war. Was hätten auch die Leute von ihr gedacht, wenn man gewußt, daß im Augenblick, da ihr Freier im Dorf, ein früherer Dienſtknecht ihres Hauſes in ihrem Schlafkämmerlein war!
Ja, Fritz blieb bei ſeinem Geſtändniſſe ſtehen, wenn auch der alte Jergmichel in ſeinen alten Tagen aus Ver— zweiflung noch närriſch werden wollte. Hoffte er, daß ſeine geliebte Kathel durch dieſes Beiſpiel grenzenloſer Aufopferung zu gleicher Hintanſetzung aller Rückſichten auf das Urtheil der Welt angeſpornt werde? Hoffte er, daß ihre Eltern ſeinen Edelmuth doch noch erkennen und ſchätzen werden,— daß das Mädchen endlich mit der ganzen Wahrheit vor allen Leuten herausrücken würde? Dann hat er ſich bitter getäuſcht.
Wir wiſſen nicht beſtimmt, was den jungen Mann bewog, auf ſeiner Ausſage zu bleiben, bekannt iſt uns aber, daß die Frau Bürgermeiſterin durch ein heimliches
Geſtändniß ihrer Tochter über den Zuſammenhang der ganzen Geſchichte unterrichtet war, aber ſo auf ihre ſchwache Tochter einzuwirken gewußt hatte, daß dieſelbe nicht gewagt, einen edeln, pflichtſchuldigen Entſchluß zu faſſen.
Im Dorfe zweifelte Niemand länger an der Schuld des jungen Mannes. Am Gerichtstage konnte Niemand ahnen, was alles des Armen Seele bewegte, als er— vergeblich auf eine Erklärung von denen wartend, die ſeine Unſchuld kannten,— das Urtheil des Richters empfing. Er hatte keine Widerrede gegen die Verurtheilung,— er empfing ſie ſchweigend— vielleicht war es Trotz gegen die Tücke des Schickſals.
Und wenn nun im Dorfe alle Stimmen ſich vereinig⸗ ten, den Namen des armen Fritz zu verunglimpfen,— und wenn ſtets wieder nur mit dem Sprüchlein:„Hoch⸗ muth kommt vor dem Fall!“ ſeiner gedacht wurde,— mochte die kluge Frau Bürgermeiſterin einen geheimen Triumph feiern, daß ihr Alles ſo gut gelungen;— ihr Töchterlein jedoch, des Bürgermeiſters hübſche Kathel, mochte mehr als einmal das Klopfen eines gewiſſen Mah— ners vernehmen, der ſich nicht abweiſen läßt,— mochte zum Oeftern dem Bewußtſein großer Schuld und Untreue in ihren einſamen Stunden unterlegen ſein und gefühlt haben, wie unter ſeiner Wucht die Luſt und Blüthe ihres jungen Lebens erſtickt ward: und dennoch—— ſie ſchwieg.
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Die Sonne blickt traurig durch die dünnen Schnee— wolken auf ihre erſtarrte Schweſter im Leichenhemde, die über und über beſchneite, hartgefrorene Erde. Einzelne Schneeflocken, gleich verirrten Lämmchen auf der Haide, werden hin und wieder durch die kalte Luft getrieben, wenn ſie nicht etwa einen Ruheplatz auf dem Wamms eines einſamen ſchlechtgekleideten Wanderers finden, unter deſſen Tritten der gefrorene Schnee kniſtert und knarrt.—
Der Wanderer iſt noch ein junger Mann, aber ſeine regelmäßigen Züge ſind ſo bleich und tragen alſo ſehr die Spuren großen Leidens, daß wir ihn fuͤr einen jener ewig
Kranken halten müßten, die ihr elendes Leben mit jedem
Schritt näher dem Grabe ſchleppen,— wenn nicht eben der feſte Schritt des Wanderers, ſein emporgerichtetes Haupt und ſein lebhaft erregtes Auge uns eines Beſſern belehren würde. Er ſchreitet tapfer drauf zu,— iſt auch die Kälte allzugroß, als daß man den Aufenthalt im Freien
nicht nach Moglichkeit verkuͤrzen wollte. Aber es muß ihn
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