Friedberger Intelligenzblatt.
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Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen, Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg.
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ai ſammen 7 kr. „ 8. Freitag, den 28. Juli. 18511.
Friedberg den 26. Juli. In den letzten Tagen ſind in den benachbarten Orten Ilbenſtadt und Oberwöll— ſtadt 2 Menſchen, ein junges Mädchen und ein kräftiger Mann bei der Feldarbeit plötzlich geſtorben, und zwar wie die Aerzte ausſagen an Gehirnblutſchlag, der durch die Einwirkung der Sonnenſtrahlen auf den unbedeckten Kopf eingetreten iſt. Dieſe beiden Fälle mogen denjenigen zur Warnung dienen, die es verſäumen, bei der jetzt herrſchen— den Hitze eine leichte, am beſten weiße Kopfbedeckung bei der Feldarbeit zu tragen.
Wie wir ſoeben vernehmen, ſoll heute ein ähnlicher Todesfall in dem nahen Fauerbach II. vorgekommen ſein.
Das Vermächtniß. Erzählung von G. Freitag. (Fortſetzung.)
Dieſe jüngſten Erlebniſſe hatten die Schwermuth noch geſteigert, welche ihn ſchon ſeit einiger Zeit bedrückte. Indeß war er nicht der Mann, um ſich durch ſolche Er— eigniſſe niederdrücken zu laſſen, und nach einer Weile er— hob er ſich wieder von ſeinem Stuhle, verſah ſelber all jene häuslichen Geſchäfte, welche ſonſt dem Manne er— ſpart bleiben, und trat endlich, nachdem er Alles für die Nacht geordnet, an ein kleines Fenſter ſeines Dachſtübchens und druͤckte die Stirn nachdrücklich an die feuchten Scheiben.
Vor dieſem Fenſter lag ein geräumiger gemeinſamer Hof, an welchen der vom Doctor bewohnte Pavillon oder Gartenſaal, ferner ein baufälliges Hintergebäude, das der Hausbeſitzer, Herr Hartmann, bewohnte, und verſchiedene Ställe und Remiſen anſtießen, die zu dem großen Haupt⸗ gebäude der Weinlaubengaſſe gehörten. Herr Hartmann, früher Gerichtsbote und Rathsdiener, und im ganzen Stadtviertel als Erz-Filz und Geizhals bekannt, war Beſitzer zweier großen Wohnhäuſer in der Straße und eines großen Gartens, zu welchem eben der Pavillon unſers Doctors gehörte. Ein morſcher Staketenzaum ſchied den Pavillon von Hof und Garten. Hartmann war Wittwer, und ließ ſein Hausweſen von einer ent⸗ fernten Verwandten führen, die er ſchon als Kind in ſein Haus genommen hatte, weil er ihr Taufpathe war und die Heimathsgemeinde Emiliens ein Koſtgeld für die arme Waiſe bezahlte. Hartmann hatte ſich auf dieſe Weiſe unter dem Schutz und Anſchein einer wohlthätigen Hand— lung einen Dienſtboten verſchafft, dem er keinen Lohn zu geben brauchte, und der dankbar ſeine freiwillige Dürftig— keit theilte.
Emiliens Lage bei dem harten, geizigen Manne war keine beneidenswerthe, allein ſie war darin weder ver— dummt noch verhärtet. Die Vorſehung hatte ihr, zu Er— tragung der harten Wirklichkeit, unter deren Druck ſie litt, eine erregbare Phantaſie und einen weichen Sinn der Er— gebung verliehen, ſo daß ihr Geiſt von der verletzenden wirklichen Welt ſich aufzuſchwingen vermochte in das Reich der Ideale. Stets allein, hatte ſie durch Nach—
denken ihre Einſamkeit befruchtet; dürftig geſchult, hatte ſie ſich darauf beſchränkt, die wenigen guten Bücher, welche ihr der Zufall in die Hände geführt, um ſo öfter und aufmerkſamer durchzuleſen, und deren Inhalt ſozu— ſagen in Blut und Leben aufzunehmen. Erſt ſeit der Doctor Marcus hier wohnte, hatte ſich ihr Ideenkreis durch Lectüre etwas erweitert, denn Adolph pflegte ihr die wenigen Klaſſiker mitzutheilen, die ſich in ſeine mediziniſche Bibliothek herein verirrt hatten, und die ſeltenen Gelegen— heiten, wo ſie die geleſenen Bücher mit andern umtauſchte, waren beinahe der einzige, wenn auch nur kurze Verkehr der beiden jungen Nachbarsleute, zwiſchen denen ſich aber trotzdem im Verlauf der Zeit ein freundſchaftliches Ver— trauen gebildet hatte.
Der Doctor hatte ſeit einigen Tagen ob ſeiner eigenen Sorgen wenig an Emilien gedacht, als er ſie nun plötzlich im Mondſchein raſch über den Hof ſchreiten und auf den Pavillon zukommen ſah. In der Nähe des Hin— terpförtchens des Pavillons erhob ſie das Haupt, erblickte den Doctor am Fenſter, winkte ihm und ſprach einige Worte, welche er nicht verſtehen konnte.
Marcus eilte hinunter, um die Thuͤre zu öffnen, und erſchrack beinahe, als er die Bläſſe auf dem ver— ſtörten Geſicht der armen Waiſe bemerkte. Emilie war auch ſonſt bleich, und ihre regelmäßigen freundlichen Züge hatten etwas Mattes, Leidendes, denn das arme Mäd— chen ward ſchlecht genährt und duͤrftig gekleidet; aber in dieſem Augenblicke war der Leidenszug in ihrem Antlitz noch auffallender, und ihre ungeordnete Kleidung machte den Arzt betroffen, weil er ſie ſeither, trotz aller Armuth, ſtets auf's Reinlichſte gekleidet zu ſehen gewohnt war.
„Was iſt Ihnen denn? Was gibt es Mamſellchen?“ fragte Marcus betroffen.
Sie ſtammelte verlegen eine Entſchuldigung, daß ſie ihn noch am ſpäten Abend ſtöre, und bat ihn in großer Aufregung um eine Gefälligkeit.
„Und womit kann ich Ihnen denn dienen, Emilie?“ ſagte der Doctor;„ſprechen Sie— ich bin zu Allem bereit!“
„Es betrifft nicht mich, ſondern meinen Pathen,“ war die Antwort.„Herr Hartmann iſt ſchon ſeit acht Tagen unpäßlich, und wird immer kränker. Heute früh konnte er noch aufſtehen und mit Muͤhe im Zimmer her— umgehen; allein vorhin, als er ſich in's Bett legte, iſt er ohnmächtig geworden und beinahe nicht wieder zu ſich gekommen....“
„Ich will ihn ſogleich beſuchen,“ fiel ihr der Doctor in's Wort und wollte zur Hausthüͤre hinaus, aber Emilie hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.
„Ach verzeihen Sie!“ ſtammelte ſie verlegen;„hoͤren Sie mich nur zuvor einen Augenblick an. Der Pathe iſt ſo ſonderbar, ſo genau.... er hat mir auf's Strengſte verboten, einen Arzt zu rufen....“
„Dann will ich ihn als Nachbar beſuchen, Mam— ſellchen!⸗


