Ausgabe 
25.7.1854
 
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Friedberger Intelligenzblatt.

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Nu 57. Dienſtag,

1851.

den 25. Juli.

Das Ver mächtniß. Erzählung von G. Freitag.

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In einer mittlern Stadt des ſüdlichen Deutſchlands, der früheren Reſidenz reicher kunſtliebender Kirchenfürſten, von deren prunkvollem ſegensreichem Walten noch manche herrliche Baudenkmale zeugen, liegt eine kleine freundliche Straße, dieWeinlaubengaſſe genannt, faſt ganz auf dem Saume der Stadt. Die Haäuſer dieſer Straße waren einſt meiſtens zu Wohnungen fur die Hofdienerſchaft der hier reſidirenden Kirchenfürſten erbaut worden und ſtießen zur rechten Seite der Straße an das äußerſte Ende des Schloßgartens, während die Häuſer der linken Zeile nur durch ihre Gärten von der ausgedehnten Promenade mit ihren Alleen von Linden, Platanen und Kaſtanien getrennt werden. An ſchönen Tagen iſt die Weinlaubengaſſe ſehr belebt, denn ſie führt gerade auf das große Rondeau der Promenade, den eigentlichen Corſo der Stadt, wo die ſchöne Welt ſich zu ergehen pflegt, um zu ſehen und ge ſehen zu werden. Sobald aber der Abend hernieder ſinkt, beſonders während der kurzen Tage, iſt dieſe Straße ode und ſtille, die Hausthüͤren und Fenſterläden werden ge ſchloſſen, die Vorhänge heruntergelaſſen, und die Ruhe der gewerbloſen Straße unterbricht nur zuweilen der takt mäßige Schritt der ablöſenden Wachtmannſchaften, welche nach dem untern Thore des Schloßgartens gehen, oder der eilige einiger ſpäten Voruͤbergehenden, welche nach Hauſe gehen. Die eine Zeile der Häuſer in dieſer ſonni gen, beſonders durch ihre ſchönen Gärten und die hier herrſchende Ruhe beliebten Straße wird nämlich noch jetzt beinahe ausſchließlich von Beamten bewohnt, während die Häuſer der linken, mit der Promenade in Verbindung ſtehenden Reihe durchgängig im Beſitze von Rentnern, reichen Kaufleuten oder ſonſtigen wohlhabenden und ruhe liebenden Bewohnern der Stadt ſind, welche gefliſſentlich den Lärm der Gewerbe in ihrer Nachbarſchaft nicht auf kommen laſſen.

An einem ſtürmiſchen Februar-Abende des Jahres 1836 war die Weinlaubengaſſe wie gewöhnlich in ihre nächtliche Ruhe verſenkt, als um die achte Stunde ein einzelner hochgewachſener Mann von der Stadt herkom mend die Straße entlang ſchritt bis zu einem kleinen Pa⸗ villon von nur einem einzigen Stockwerk, welcher beinahe am Ende der Straße lag. Der Mann öffnete die Thüͤre mit einem kleinen Schlüſſel, und man ſah ſchon nach einer Minute den Schein eines brennenden Lichts durch die Jalouſieen dringen, welches im Zimmer hin- und herge tragen wurde, als halte der Bewohner deſſelben die letzte abendliche Rundſchau in ſeiner Behauſung vor Schlafen gehen. Und ſo war es auch in der That. Der hoch⸗ gewachſene junge Mann war ein Arzt: Dr. Adolph Marcus, der ſchon ſeit einigen Jahren hier wohnte, und die allgemeine Stille dieſes Stadttheils nicht ſtörte, denn

er lebte in beinahe kloſterlicher Eingezogenheit. Wer ihn jetzt im Innern ſeiner Wohnung geſehen hätte, wie er in einem ſehr elegant möblirten Empfangszimmer herum leuchtete, und dann in einem anſtoßenden kleinen Kabinet, das ſein Studirzimmer zu ſein ſchien, der hätte den Doctor für wohlhabend halten mögen; allein dem aufmerkſameren oder geübteren Beobachter wäre nicht entgangen, daß der Luxus, mit welchem der junge Arzt ſich umgeben, im Grunde nur ein falſcher, künſtlicher war, wie man ihn den dringenden Anforderungen ſeiner Stellung im Leben zum Opfer bringen muß. Die ſchönen Möbeln erſchienen noch ſo neu und unbenützt, die Decke von grünem Saffian auf dem Schreibtiſche des Kabinets war noch ſo rein und glatt, daß man wohl ſah, es waren mehr Schauſtücke, als wirklich gebrauchte Gegenſtände des täglichen Bedarfs. Und in der That konnte der fremde Beſucher auch in dieſen beiden Zimmern des Erdgeſchoſſes den Eindruck einer unbeſchreiblichen Oede nicht los werden.

Nachdem der Doctor in beiden Zimmern noch her umgeleuchtet und ſich verſichert hatte, daß die Jalouſieen und Fenſter geſchloſſen waren, öffnete er eine Tapeten thüre im Kabinet und ſtieg auf einer hinter derſelben ver borgenen Wendeltreppe nach dem Dachſtübchen hinauf, wo ſein Schlafzimmerchen lag. Hier wich die ökonomiſche Eleganz des Erdgeſchoſſes einer unverhehlten Armuth. Ein Feldbette mit verblichenem Kattunüberzug ohne Vorhänge, einige Rohrſtühle, ein wackeliger Tiſch und eine altväte riſche Schreibkommode bildeten das ganze, ſehr dürftige Geräthe dieſer Stube, welche des Doctors eigentliches Wohngelaß zu ſein ſchien, wie wenigſtens die vielen auf geſchlagenen Bücher und die Papiere auf der Klappe der Schreibkommode andeuteten. Hier ſah man deutlich und an dem Kontraſte mit den koſtbaren Moͤbeln des Erdge ſchoſſes, daß der Bewohner in der traurigen Lage war, ſich nachgerade zum Theil das Nothwendige verſagen zu müſſen, um mit dem Ueberflüſſigen glänzen zu können.

Dieß war auch die wahre Lage, worin ſich der Doctor Marcus befand. Der Sohn eines frühern Be amten, hatte er ſein kleines Vermögen fuͤr ſeine wiſſen ſchaftliche Ausbildung auf der Univerſität und auf Reiſen, und hernach, als er ſich hier als Arzt niederließ, für eine fällige und reiche häusliche Einrichtung, mittelſt welcher er das Vertrauen in ſeine Geſchicklichkeit wecken wollte, beinahe ganz aufgebraucht. Er war zwar ein ſehr tüͤch tiger Arzt und hatte dieß in allen ſeinen Prüfungen glän zend erwieſen, allein ihm fehlten zwei weſentliche Mittel zum Erfolge in ſeinem Fache: einflußreiche Verbindungen oder Gönnerſchaften, und die Fähigkeit, die Aufmerkſam keit der größern Menge durch etwas Charlatanerie oder die augenfällige Entfaltung perſönlicher Vorzüge auf ſich zu lenken. Auf den letzten Kunſtgriff verſtand er ſich namentlich gar nicht; von Natur ernſt, ſinnig und ge diegen, war ein Grundzug ſeines Charakters Biederkeit und Beſcheidenheit, welche ihm verboten, mehr ſein zu wollen, als wirklich an ihm war, oder Anderen den Rang