niß erhalten ctictgung don
Jießen
Friedberger Jntelligenzblatt.
Erſcheint wö⸗ chentlich zweimal, Dienſtag u. Frei⸗ tag. Preis jährl. fl. 1. 12 kr.; durch
Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen,
Einrückungs ge⸗ bühren für die ge⸗ ſpaltene Petit zeile oder de ren Raum
ebe e Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg. z e
fl. 1. 30 kr.
ſammen 7 kr.
N 64.
Freitag, den 18. Auguſt.
1851.
Das Ver mächtniß. Erzählung von G. Freitag. (Fortſetzung.)
Eine ſeltſame Zuverſicht, wie von einer höhern Ein— gebung, erfüllte in dieſem Augenblicke den jungen Arzt. Er eilte ungeſäͤumt die Treppe hinunter, in den Hof, durch den Garten, deſſen verſchloſſene Thüre ſeinem kräf— tigen Druck nicht lange widerſtand, und ſah ſich in weni— gen Minuten vor dem Brunnen. Die halb eingefallene ſteinerne Umfaſſung des Ziehbrunnens zeigte an vielen Stellen tiefe Riſſe, die er zuerſt unterſuchte und zu er— gründen ſtrebte, in dem er den zerbröckelnden Mörtel, wo— mit ſie angefuͤllt waren, vollends heraus nahm. Allein hier konnte er Nichts auffinden. Die Rückwand des Brunnens aber, an welcher noch einige Säulen mit zer— trümmertem Kapitäl ſtanden, die einſt den Karnies ge— tragen, war noch in ganz gutem baulichen Zuſtande; die Steine waren ſämmtlich wohl verbunden und die Fugen mit ſteinhartem Mörtel ausgefüllt. Der Doctor klopfte mit ſeinem Hausſchlüſſel an der ganzen Wand herum, konnte aber durchaus keinen Ton wie von einer verbor— genen Höhlung vernehmen; er durchmuſterte nochmals die gemauerte Umfaſſung des Brunnenſchachts, beugte ſich uͤber dieſen herunter, um zu ſehen, ob nicht in der Futter— mauer oder Brüſtung deſſelben eine Vertiefung oder Höhle zu finden ſei, und entfernte ſich endlich nach langem ver— geblichem Suchen mißmuthig und mit der Ueberzeugung, der Sterbende habe ihn zum Beſten gehabt. Marcus ſchämte ſich jetzt ſeiner Leichtgläubigkeit, denn wie konnte es einem ſo behutſamen Menſchen wie dieſer Geizhals ge— weſen, einfallen, einen Schatz an einem Brunnen zu ver— ſtecken, welcher täglich von allen Dienſtboten des Hauſes beſucht wurde. Offenbar hatte die unvollendete Mitthei— lung des Sterbenden einen andern Zweck und Sinn ge— habt. Er zuckte unmuthig die Achſeln, warf dem Brunnen noch einen letzten Blick getäuſchter Hoffnung zu und drehte ſich dann um, ſeine Wohnung wieder aufzuſuchen. Trotz alle dem konnte er aber doch einen gewiſſen Zweifel an ſeinem Mißerfolg, und ein Vertrauen in die gute Abſicht des Sterbenden und die Wahrheit ſeiner Mittheilung, nicht unterdrücken. Schon hatte er die Hälfte des Gar— tens durchſchritten, als ihm beifiel, daß er die Säulen und Kapitäle nicht ſorgfältiger unterſucht habe, weil dort möglicherweiſe doch ein Verſteck für einen Schatz ange— bracht ſein könne. Es zog ihn mit unwiderſtehlicher Ge— walt noch einmal nach dem Brunnen zurück, und nachdem er ihn eine Weile von ferne betrachtet, kehrte er ſporn— ſtreichs wieder nach demſelben zurück.
„Es iſt doch auffallend,, ſagte er zu ſich, als er vor der einzigen noch wohlerhaltenen Säule der Hinter— mauer ſtand,„daß dieſe Säule hier allein noch aufrecht ſteht, obwohl Schaft und Kapitäl ſo ſtark verwittert ſind, als die Anderen. Wer weiß, ob dahinter nicht mehr ſteckt,
als ein Zufall!“ Er unterſuchte nun dieſe genauer und fand, daß der Mörtel daran friſcher war, als an der ſonſtigen Mauerung, daß beſonders die Fuge zwiſchen Schaft, Geſims und Kapitäl mit kleineren Kieſeln und Erde ganz ausgefüllt und verſtopft war. Er rüttelte aus voller Leibeskraft daran und ſiehe da! das Kapitäl wich und ſtürzte unter ſeinem Drucke donnernd auf den Boden. Hinter demſelben aber zeigte ſich zu ſeiner nicht geringen Ueberraſchung eine Lücke in der Hintermauer, welche von einem gefliſſentlich ausgebrochenen Stein unmittelbar unter dem Geſimſe herzurühren ſchien. Der Doctor ſtürzte da— rauf los, wie ein Falke auf ſeine Beute, und gewahrte darin in der Tiefe der Mauer ein hölzernes Käſtchen mit eiſernen Reifen. Er hob es etwas in die Höhe, aber es war ſchwer; er zerrte es vollends heraus, gegen ſich her, und als es über die Kante der Mauer herunterrutſchte, und gegen die Erde anſtieß, ertönte daraus ein wohlbe— kanntes Klirren, aus welchem mit Beſtimmtheit auf ſeinen Inhalt zu ſchließen war. Ein wahrer Schwindel erfaßte den jungen Arzt, der ſchnell die Höhlung mit Erde und Steinen verſtopfte, mit großer Muͤhe das Kapitäl der Ante wieder davor paßte, und dann das ſchwere Käſtchen mit raſchen Schritten in ſeine Wohnung trug.
Es war inzwiſchen Nacht geworden, wo er von eiemand hatte bemerkt werden können. In ſeinem Stüb— chen zündete er haſtig Licht an und unterſuchte das Kiſt— chen, das er vergebens zu öffnen verſuchte, weil es mit einem ſehr ſoliden Schloſſe verſehen war, wozu ihm der Schluͤſſel fehlte. Nach mehreren vergeblichen Verſuchen, es zu erbrechen, ließ er davon ab, ſetzte ſich neben das— ſelbe und verſank in tiefes Nachdenken.
Zunächſt fragte er ſich: was er mit dem Schatze beginnen ſollte, der ihm in die Hände gefallen war? Der Wunſch, ihn ſich ſelber anzueignen, blieb ſeiner Seele fremd; aber wem ſollte er ihn zuſtellen? Das Geſetz ſprach ihn dem Strumpf'ſchen Ehepaar zu, das natürliche Recht aber und des Doctors eigenes Gefühl wollte das Kiſtchen ſammt ſeinem Inhalte Emilien zuſcheiden, denn offenbar war es das Erbe, welches der Verſtorbene ihr zugedacht und womit er, nach ſeinen eigenen Aeußerungen auf dem Sterbebette, für ſie geſorgt hatte. Sein klar ausgeſprochener letzter Wille hatte ja Marcus beauftragt, Emiliens Erbe der Habgier der Anverwandten zu ent— ziehen und ſeiner Pflegetochter ihre Mitgift zu ſichern; es hatte ihm nur die Zeit gefehlt, um darüber eine rechts— gültige Urkunde aufzunehmen. Vielleicht war ſogar eine ſolche ſchon vorhanden geweſen, aber bei der geſetzwid— rigen und voreiligen Beſitzergreifung durch die natürlichen Erben unterſchlagen worden, denn einem Menſchen wie dieſem Leuchtweiß war Alles zuzutrauen! Eine ſolche Be— einträchtigung, die freilich mehr wahrſcheinlich als erweis⸗ bar war, rechtfertigte aber gewiß auch die Wiederver— geltung von Seiten Emiliens. Wenn man ſie um ihren Antheil an der Erbſchaft hatte betrügen wollen, ſo durfte


