Friedberger Intelligenzblatt.
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N 98.
Freitag, den 15. Dezember.
18541.
Die Mitgift. (Fortſetzung.)
Ein weiterer Anziehungspunkt im Hauſe der Tante war für Paulinen der Umgang eines jungen Mannes, welchen ſie daſelbſt traf. Karl Schörtel war ein Neffe der Tante, ein Brudersſohn ihres verſtorbenen Gatten, und zum Landwirth beſtimmt, in welcher Eigenſchaft er auch auf dem Gute der Tante Schörtel wohnte. Karl war fünf oder ſechs Jahre älter als Pauline,— ein ſchöner junger Mann von freier, offener Miene, gerade und bieder, gutmüthig und geſcheidt, anſpruchslos und offen, und ein großer Liebling der Tante Schörtel, die zwar die ſtille Neigung der beiden jungen Leute für einander wohl bemerkte, aber nichts that, um dieſelbe im Keim zu erſticken, allein auch in keiner Weiſe dieſelbe nährte. Sie glaubte es aber ihrer Pflicht als mütterliche Verwandte dieſen beiden Waiſen ſchuldig zu ſein, daß ſie vor ihnen offen über Karl's Ausſichten für die Zukunft und die teſtamentariſchen Verfügungen ihres ſeligen Gat— ten ſeinetwegen ſich ausſprach. Kraft dieſes Teſtaments ſollte Karl nach dem Ableben der Tante Schörtel, welche nur die lebenslängliche Nutznießung davon hatte, den Hirſch— hardter Hof erben, allein nur unter einer Bedingung, deren Erfüllung eine ziemlich herbe Beſchränkung fuͤr Karl's perſönliche Freiheit enthielt: die Wahl ſeiner zu— künftigen Gattin ſtand ihm nämlich nicht frei. Ohne dieſe Beſchränkung wären ſicher Pauline und Karl bald ein Paar geworden; ohne dieſelbe hätte gewiß auch Frau von Altenhof ihn mit mehr Rückſicht behandelt, denn der Hirſch— hardter⸗Hof war ſeine ſiebzigtauſend Gulden unter Bruͤdern werth,— und ohne dieſelbe wäre es auch Paulinen nicht erlaubt worden, ſo oft zur Tante zu kommen. Ohne dieſe Beſchränkung hätte Frau v. Altenhof trotz ihrer hochgehen— den Pläne dennoch in Karl'n eine gute Parthie für eine ihrer eigenen Töchter geſehen, denn er war nach Herz und Verſtand ein Mann, dem man das Lebensglück einer ge— liebten Tochter ruhig anvertrauen konnte. So aber ſah ſich der junge Schͤrtel von Frau v. Altenhof und ihren vier klug erzogenen Töchtern mit vollkommenſter Gering— ſchätzung und Mißachtung behandelt, und er und Tante Schörtel tauſchten oft, wenn ſie dieß bemerkten(und es geſchah dieß ſtets ohne Groll), bedeutſame ironiſche Blicke aus.„Laſſen wir uns das nicht anfechten, lieber Karl!“ pflegte die Tante dann wohl zu ſagen;„wir kennen ja die Frau Schwägerin. Es geht ihr wie dem Fuchs in der Fabel:„ſie verachtet die Trauben, welche fur ſie zu hoch hängen!“— Und dieß war bei Karl der Fall: das Teſtament ſeines Oheims beſtimmte ihn nämlich nur unter der Bedingung zum Erben des großen Gutes, daß er eine Frau oder Braut mit einer baaren Mitgift von fuͤnf— undzwanzigtauſend Gulden wähle, um zugleich mit dem ſchuldenfreien Gut auch ein ſchuldenfreies Betriebskapital in die Ehe zu bringen; und Tante Schörtel ſtand es frei, ihren Neffen gegen entſprechende Jahresrente an jedem beliebigen Tage in den Beſitz des Gutes einzuweiſen, wenn
nur erſt die Vorfrage wegen der Braut mit dieſer Mitgift gelöſt war. Konnte Karl dieſe Bedingung nicht erfüllen, ſo verlor er alle Anſprüche auf das Gut, und dasſelbe ſollte verkauft und ſein Ertrag unter die Verwandtſchaft und gewiſſe milde Anſtalten vertheilt werden.— Nun war es aber Frau Schoͤrtel längſt kein Geheimniß mehr, daß es mit dem Vermögen ihres Bruders nicht ſo glänzend be— ſtellt war, um ihm zu erlauben, jede ſeiner Töchter mit baaren 25,000 Gulden ausſtatten zu können. Vielmehr waren ſeit Herrn von Altenhof's zweiter Ehe durch die üppige Lebensweiſe der Frau vom Hauſe und den hohen Ton, in welchem das ganze Hausweſen geführt wurde, alljährlich die Ausgaben ſtets weit größer geweſen, als die Einnahmen, ſo daß das Vermögen ſich allmählich ziemlich verringert haben mußte. Tante Schörtel hatte mehrfach ihrem Bruder vergebliche Vorſtellungen darüber gemacht, allein gefunden, daß er keinen eigenen Willen mehr hatte und daß es darum nur zu ehelichem Hader führen müßte, wollte ſie den Ernſt ihrer Ermahnungen weiter treiben. Sie ſchwieg daher, verhehlte es aber Paulinen nicht, daß unter ſo bewandten Umſtänden an eine Verbindung zwi— ſchen ihr und Karl nicht zu denken ſeie.
Und Pauline? ſie grämte ſich nicht darob; ſie liebte den Vetter, ohne es ſich zu geſtehen; ſie wußte wohl, daß ſie nie im Stande war, der Bedingung jenes Teſtaments zu genügen; auch achtete ſie Karl zu hoch, bewunderte die Vorzüge ſeines Charakters und ſeines Herzens allzu ſehr, um den kühnen Wunſch zu hegen, daß er je ihr Le⸗ bensgefährte werden könnte. Gewöhnt an Entſagung, an die Rolle eines Aſchenbrödelchens im Vaterhauſe, verſtieg ſie ſich niemals zu ſolchen ſanguiniſchen Hoffnungen. Aber auf ſeine Freundſchaft war ſie ſtolz, denn ſein Rath, ſein Umgang genügten ihr vorerſt, wie ſie ſich einredete, um 15 Bedürfniſſe jedes Menſchenherzens nach einer Stütze oder einem Anlehnungspunkte zu genügen, und Pauline war niemals glücklicher, als wenn ſie in Tante Schörtel's Hauſe mit Karl ſingen oder zeichnen, neben ihm auf mu— thigem Pferde durch die herrliche Landſchaft dahinſprengen, oder auf Spaziergaͤngen im Geleite der Tante die ſchön— ſten Punkte der Gegend beſuchen konnte, oder wenn Karl in traulicher Abendſtunde der Tante und der Nichte mit ſeiner klangvollen Stimme vorlas. Pauline begehrte dann nicht mehr, als höchſtens, daß ſie den Aufenthalt bei Tante Schörtel ſo lange wie möglich fortſetzen und dem Vater— hauſe noch längere Friſt ferner bleiben dürfte.— Und wie verhielt ſich Karl dazu? hör' ich meine holden Leſe— rinnen in Gedanken fragen. Jenun, er ſchien merkwürdig ſäͤumig oder gleichgültig, jene Bedingung des Teſtaments zu erfüllen, und pflegte bei allfälligen Erkundigungen ſeiner Bekannten lachend zu erwidern: er habe die Wahl ſeiner Zukünftigen lediglich der lieben Tante anheimgeſtellt. Wann er nun dieſer dieſelbe Antwort gab, ſo konnte er ihr ſelten in's Auge blicken, ohne daß eine leichte Verlegenheit ſeine Wangen röthete, denn er ahnte, daß ihm Tante Schörtel, wäre es von ihr abhangig geweſen, am liebſten Paulinen


