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einmal eine Krähe flog lautlos durch die Gefilde. Nur zwei müde Pferde zogen einen eleganten Reiſeſchlitten müh— ſam bergan durch den weichen Schnee, in welchem der Huf— ſchlag der Thiere erſtarb. Auch die Glöcklein und Schellen des Geſpanns ertönten nur zuweilen, als wären auch ſie verdroſſen ob der dicken Luft voll Schnee und feinen Eis— nadeln.
In dem Schlitten lehnten zwei Männer, ſorglich in Mäntel und warme Reiſepelze gehüllt, ebenfalls ſchweigend; der Eine, ein ſehr ſchöner, junger Mann von höchſtens fünfundzwanzig Jahren, mit einem blühenden Geſicht und lebhaften, blitzenden Augen, blickte träumeriſch in den öden weißgrauen Himmel hinein, welcher ſchon die Vorboten der Dämmerung gewahr werden ließ im dichtern, unbeſtimm— tern Duft der Ferne, obſchon er die Zügel des Geſpannes führte. Sein Gefährte, ein breites, gelaſſenes Vollmonds— geſicht voll Gutmüthigkeit und Pflegma, trug ebenfalls den unverkennbaren Stempel der Intelligenz in ſeinen Zügen; allein er war um mindeſtens zwölf Jahre älter als der Andre, und ſchien des Reiſens in ſolchem Wetter nicht ſehr gewohnt zu ſein, denn um ſeine nußbraunen Augen ſpielte in dieſem Augenblick etwas Unmuth, und ſein häufig wieder— holtes Gähnen deutete auf leeren Magen und die einſchlä— fernde Wirkung der Kälte. Sein Kopf nickte zuweilen nach allen Seiten, als könnte er einer Anwandlung von Schlaf kaum mehr widerſtehen.
„Nun! nun, lieber Lorenz!“ ſagte der Jüngere neckend, „Sie gähnen ja, als wollten Sie einen unſerer Braunen da vorne verſchlingen!“
„Und warum nicht ein Stück davon, falls es gut gebraten und appetitlich ſervirt wäre, lieber Marberg!“ verſetzte der Aeltere langſam.„Mein Hunger iſt ſo groß, daß mir in dieſem Augenblick ein horsesteak fürwahr bei— nahe ſo lieb wäre, wie beelsteak. Die Feldflaſche iſt leer, die Cigarre aus, und der dumme Branntwein macht mich noch ſchläfriger. Dazu wird in wenigen Minu- ten die Nacht einbrechen, und wir haben noch volle drei Meilen vor uns— Grund genug, um ſich recht herzlich zu langweilen. Wie ſollte man ſich da des Gähnens er— wehren können!— Uah— ahl!“
„Kommen Sie, Lorenz! nehmen Sie eine Weile die Zügel und laſſen Sie die Pferde tüchtig traben! Meine Finger ſind ſo ſtarr, daß ich beinahe kein Gefühl mehr da— rin habe!.
Lorenz that wie ihm angeſonnen worden, und ge— brauchte die Peitſche kräftig, aber nach jedem kräftigen Zuge, zu welchem die Thiere ſo angetrieben worden waren, ließ ihr Eifer ſtets raſch wieder nach, und bald zeigten ſich alle Aufmunterungen durch Zuruf, Peitſche und Zügel ver— geblich. 1
„Es hilft nichts, mein Lieber! die armen Thiere kön— nen nicht mehr traben! ſagte Lorenz endlich.„Hören Sie nur wie das Vieh keucht, und ſehen Sie nur das Schlit— tengeleiſe das Spannentief durch weichen, friſchen Schnee geht. Zum Wetter auch! die Thiere ſind ſo marode wie ich, und das iſt wahrlich auch kein Wunder. Wir haben jetzt fünf Uhr, und ſeit eilf Uhr fahren wir in einem Fut⸗ ter. Das würde führwahr ein Bucephalus nicht aushal— ten l... Ich wollte wir wären am Ziele.“
„Gebrauchen Sie nur die Peitſche, lieber Lorenz, dann gelangen wir um ſo ſchneller dorthin!“
„Schön Dank für den guten Rath, aber ich werde ihn nicht befolgen. Wozu das müde Vieh noch quälen!“
„Allein Sie werden doch nicht unter freiem Himmel bivouaquiren wollen, Lorenz?“
„Nein, bei Leibe nicht, lieber Junge,, erwiderte Lorenz und hauchte in ſeine froſtſtarren Finger;„allein ich ſehe
dort hinter der nächſten Biegung der Straße den gaſtlichen Rauch einiger Kamine aufſteigen, und mir iſt als rieche mir ſchon der Duft von Sauerkraut und Schweinsbraten aus der Dorfſchenke in die Naſe.“
„Was kann das Sie verführen? Sie wiſſen ja, daß uns in Märtenſee bei unſrer freundlichen Wirthin ein feineres Mahl erwartet, lieber Lorenz!“ rief der Jüngere.
Lorenz ſchüttelte den Kopf.„Sie wiſſen nicht, was Hunger heißt und was für eine Genügſamkeit er beſitzt in Bezug auf die Qualität der Koſt. In meinem Alter iſt man nicht liebesſatt, wie in dem Ihrigen und wie Sie gerade in der jetzigen Stimmung,“ fuhr Lorenz phlegma— tiſch fort; ein hure au sanglier, eine Rebhuhnpaſtete mit Truͤffeln am Ziele einer zweiſtündigen Fahrt bedünkt mich nicht halb ſo einladend, als ein Teller Sauerkraut mit Rauchfleiſch und Blutwurſt, welche nur in der Entfernung 156 halben Armslänge und eines Löffelſtieles mir bevor—
ehen!
„Unſinn, lieber Lorenz!“ rief Marberg lebhaft;„Sie werden mich doch nicht auf ſo unangenehme Weiſe im Stiche laſſen? Sie wiſſen ja, daß wir heute Abend in Märtenſee erwartet werden; daß Alles zu unſerem Em— pfang bereitet iſt! Wenn wir nun nicht ankommen, welch ein Schreck wird das ſein? Wie wird ſich namentlich meine ſuße Julie ängſtigen?“
„Ja, ja,“ meinte Lorenz in ſeiner gelaſſenen behag— lichen Weiſe und lächelte vor ſich hin;„das iſt ganz die Sprache eines Verliebten.— Sie ſind in der That noch ſehr jung für Ihre Jahre, lieber Marberg! Wie wird ſie ſich ängſtigen, dieſe ſuͤße, geliebte Julie? Ich ſage Ihnen, lieber Eugen, Ihre ſüße Julie wird mit dem beſten Appetit von der Welt zu Nacht ſpeiſen, und vielleicht nur einige Male, wenn ſie um andern Stoff zur Unterhaltung ver— legen iſt, die Aeußerung thun: Es iſt doch ſeltſam, daß dieſe Herren nicht kommen! Und ihre Mama wird dann mit Recht einwenden, daran ſeie ohne Zweifel das anhaltende Schneien Schuld, und ſie wird den Aufenthalt auf dem Lande recht von Herzen verwünſchen. Ihre ſüße Julie wird ſich dann ganz gelaſſen an das Piano ſetzen oder einen neuen Roman von der Sand oder von Dumas zur Hand nehmen und ſich noch ein Stündchen gemüthlich unterhalten. Und wann ſie dann endlich aufſteht, um ſchla— fen zu gehen, wird ſie zu Mama im gelaſſenſten Tone von der Welt ſprechen: Herr Marberg wird morgen gewiß kommen; was meinſt Du, Mama, ſoll ich das grüne oder das blaue Kleid anziehen? Und wenn dieſe wichtige Frage gelöst iſt, wird die ſuͤße Julie getroſt zu Bette gehen und ſo ratzenfeſt ſchlafen, als man es nur mit neun— zehn Jahren thun kann!“
„Schnöder Spötter! Sie thun dem guten Kinde wahrlich Unrecht!“ ſagte Eugen Marberg faſt gekränkt.
(Fortſetzung folgt.)
Verſchiedenes.
A. Weißt du ſchon, Sebaſtopol brennt!— B. Wer ſagt denn das?— A. Die ruſſiſchen Zeitungen; da ſteht es: In Sebaſtopol brennt Alles— vor Ungeduld, den Beſuch der feindlichen Flotten zu empfangen.— B. Ja ſo! Dieß Feuer werden ſie wohl noch aushalten können.
In der Inſtruktionsſtunde. Lieutenant: Fü⸗ ſelier Schleicher! Was verſtehen Sie unter Tiraillement?— Schleicher: Die zerſtreute Fechtart der Infanterie.— Lie u— tenant: Gut!— Fuüſelier Dämmerling! Was iſt ein Tirailleur?— Dämmerling: Ein zerſtreuter Infanteriſt, Herr Lieutenant.“


