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Friedberger Intelligenzblatt.
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Mr.
Nu 86.
Freitag, den 3. November.
1851.
f Des Schulzen Fritz. Eine Geſchichte aus der rheiniſchen Pfalz von Auguſt Becker.
Da haben wir's wieder geſehen, Was falſche Liebe nit thut. Volkslied.
„Denk' an's Schulzen Fritz!“ ſagt man noch heute, wenn ſich ein junger Burſche im Dorfe in ſeiner Liebe ein Bischen„verſteigt«, und das will dann eben ſo viel ſagen, als was es in dem Liede heißt:„Steh' ab von deiner Liebe,'s iſt Alles doch umſonſt!“ Oder noch mehr will es ſagen, das wiſſen die Leute aus dem Dorfe, das ſich drüben ſo traulich hinter die Kornfelder verſteckt, recht gut, denn die Geſchichte von des Schulzen Buben iſt leider eine ſehr traurige, und Mancher mag ſich ein Exempel daran nehmen.
Jene Zeiten, wo der alte Schulz im Dorfe waltete und ſchaltete, ſind ſchon längſt vorbei; der hat ſeine Herr— lichkeit, die mit dem alten„Churpfalz Gott erhalt's!“, in der franzöſiſchen Revolution zu Ende ging, nicht lange überlebt, und hinterließ ſeiner Tochter, der Schulzenſuſel, wie ſie im Dorfe heißt, was er noch bei ſeinem Tode ſein nennen durfte; und das war ein Haus am großen Brun— nen, ziemlich viel an Wald und Weinbergen, Wieſen und Ackerfeld, und nicht wenig an Schulden. Nicht lange vor ſeinem Tode hatte er noch ſeiner Tochter einen Mann gegeben; der hatte auch die beſte Art die Schulden zu ver— größern und die Güter zu verringern; war dabei ſonſt noch ein Leichtfuß, fragte nichts nach den leiſen Ermah— nungen der guten Suſel— oder erwiederte ſie mit zorni— gen Reden und machte ſo der Armen das Leben recht ſauer. Das war im ganzen Dorfe bekannt, und man be— dauerte die Schulzenſuſel recht ſehr, denn ſie war gut gegen Jedermann, nur zu gut! Man wußte darum nicht, ob man's für ein Ungluͤck anſehen ſollte, als ihr der lüder— liche Mann mitten in einem gewaltigen, ſeit Wochen anhal— tenden Rauſche wegſtarb. Nun wohnte die Schulzenſuſel mit ihrem Kinde und einer alten Magd, der Lieſe, allein in dem großen Hauſe am Brunnen, aber nicht lange mehr.
Heute iſt ein gewaltiger Lärm in dem Hauſe. Der krumme Itzig, an welchem der alte Schulz und ſein Tochter— mann tüchtig hingen, läßt mit anderen Gläubigern Alles, was noch von dem Vermögen des alten Schulzen übrig iſt, verſteigern. Die Stube iſt gepfropft voll Kaufluſtiger; auch der alte Jörgmichel, deſſen Schweſter noch jetzt in dem Hauſe diente, von welchem er während ſeiner eigenen langen Dienſtzeit ſo viel Gutes erfahren hatte, ſtand unter den Steigerern und ſuchte ſo viel von dem Hausgeräthe an ſich zu bringen, als nur immer thunlich war. Wie war dem treuen Alten in dieſem Augenblicke ſo ſchwer um's Herz! Das hatte er nie gedacht, daß es noch ſo weit kommen müſſe mit der Schulzenſuſel. Eben wurde das Haus ausgeboten, als ein kleiner Bube ſich durch die Leute drängte und ſich dann zwiſchen die Kniee des alten Jerg— michel ſtellte; mit kindiſcher unverſtändiger Freude horchte er des Ausbieters:„Wer bietet mehr? Niemand beſſer?“ und die vielen Leute im Hauſe gewährten dem Kleinen
eine noch nie gehabte Unterhaltung. Mancher mitleidvolle Blick richtete ſich jetzt auf des Knaben heitere, offene Miene, und uͤber die rauhe, faltige Wange des alten Jerg— michel lief jetzt ſo ſchnell eine Thräne, als wollte ſie ſich eilen, um nicht geſehen zu werden; ſeine ſchwielige Hand lag auf des Kindes Haupt und ſtreichelte ihm die Flachs— haare,— er hatte noch nie ſeine Armuth ſo ſehr verwünſcht wie jetzt, und mit wahrer Seelenangſt folgte er den Auf— geboten. Der jetzige Bürgermeiſter im Orte hatte bis jetzt das höchſte Gebot gethan, und blitzſchnell ſchlug ihm der Ausbietende auch zu.— Das Haus hatte einen fremden Eigenthümer und die arme Schulzenſuſel nicht mehr wo ſie ihr Haupt hinlegen ſollte.„Du arm's Büb'l!, hörte man jetzt aus dem Munde der Umſtehenden,„du weißt nicht, was dein Großvater für ein Mann geweſen iſt! Der alte Schulz thäte ſich noch im Grabe umdrehen, wenn er wüßt', wie's deiner Mutter geht!“
Der Kleine, dem dieſe mitleidige Rede galt, war eben „des Schulzen Fritz“, von dem unſere Geſchichte erzählen ſoll. Dem Kinde war es in der Stube bald verleidet und es ſuchte wieder in den Hof zu kommen, wo es die Nach— barskinder wußte. Des Bürgermeiſters Kathele, ein kleines blondes Mägdlein, machte ihm ein Mäulchen, weil er heute gar nicht mit ihr ſpielen wolle.
„Ja, ſieh!“ entſchuldigte ſich eifrig der Kleine;„ſind heute ſo viele Leute da in unſerem Hauſe, und da kann ich doch nicht ſpielen. Komm einmal, Kathele, unſere Kuh hat ein Junges, komm in den Stall, du darfſt es an der Alten ſaufen ſehen.“
Die Kinder ſprangen mit einander in den Stall, aber der war leer, ganz leer. Nur die alte Lieſe ſtand an der Krippe und weinte: vor einer Viertelſtunde hatte man die letzte Kuh aus dem Stalle geholt. Jetzt mochte der arme Knabe eine leiſe Ahnung von dem haben, was heute vor— ging, und jammernd und klagend eilte er zu der Mutter, die, ganz ihrem Schmerze überlaſſen, in der Oberſtube ſaß. Sie konnte jeden Schlag des Gerichtsdieners auf den Eichen— tiſch in der untern Stube hören, und fuhr dabei immer zuſammen, als geſchähen die Schläge auf ihr Herz. Der Jam— mer des kleinen Fritz machte das Maaß ihres Leidens vollz der Knabe drückte ſein thränennaſſes Geſicht in der Mutter Schooß und wollte nicht aufhören zu weinen um das junge Kälbchen.
Die ungluͤckliche Frau nahm ihr Kind in die Arme. „Wie wuͤrdeſt du erſt weinen, wenn du ganz wiſſen könn— teſt, was du verlierſt!“ ſchluchzte ſie.„Morgen vielleicht ſchon weißt man uns auf die Gaſſe. Barmherziger Gott, wo ſoll ich mit meinem armen unſchuldigen Kinde hin?“—
„Das hat keine Noth, ſo lange der Jergmichel noch lebt!, ſagte dieſer zur Thüre herein, in das leere Zimmer tretend.„Da muͤßt' ich ja nicht ſo viel werth ſein, daß mich die Sonn' beſcheint, wenn des Schulzen Suſel je einmal ſich hungrig niederlegen müßte, oder gar nicht ein— mal wiſſen ſollte, wo ſie die Nacht zubringe, ſo lange ich noch einen Schnaufer thu'!“


