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bernsprether 2008.
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berhessi Organ für die Interessen des werktätigen Volke der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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birtschaftliche Beilage“ beträgt monatlich 780.— Mek. einschl. Bringerlohn. d s r einschl. Be W-
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Gelchen Erfolg haben die„Taten“ sierung gehabt? urch sie veranlaßten Verhängung des Ausnahmezustandes
uin ihr Gegenteil verkehrt.
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Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters. Für den Inseratenteil verantwortlich; R. Strohwig. Verlag von Hermann Neumann& Cie., sämtlich in Gieszen.
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Nr. 24
Gießen, Dienstag, den 30. Januar 1923
183. Jahrgang
Hitler siegt!
Die bayerische„Ordnungs“⸗Regierung kapituliert.
Wird Hitler den angekündigten Kampf wagen? Wird ie bayerische Regierung den Kampf annehmen? Auf diese eiden Fragen mußte der letzte Samstag die Antwort ringen. Sie ist da und lautet: Hitler hat den Kampf ge— wagt! Die bayerische Regierung hat kapituliert!
Als am Freitag gemeldet wurde, die bayerische Re— erung hobe den Ausnahmezustand verhängt und den Zarteilag der Nationalsozialisten und die mit ihm zu⸗ ammenhängenden Veranstaltungen verboten, da klatschten ie bürgerlichen demokratischen Blätter lebhaften Beifall. Man muß diese feste Haltung der bayerischen Regierung it Genugtuung verzeichnen. Sie verdient den Dank des zanzen deutschen Volkes dafür, daß sie nunmehr auch in
Zaten den Willen bekundet hat, einer etwaigen Ruhestörung
srößeren Umfanges mit Nachdruck zu begegnen und ihr orzubeugen“, so schrieb die demokratische Vossische Zeitung. der dayerischen Re- Die Nationalsozialisten dürfen trotz der
ren Parteitag abhalten, ihr am Freitag beschlagnahmtes glatt ist wieder frei. Dafür sind aber im Zeichen des Aus-
ahmezustandes die Versammlungen der verfassungstreuen Bozialdemokratie, ferner die Versammlungen
und das Organ der kommunistischen Partei verboten geblieben. Weil ie Nationalsozialisten der Regierung den Kampf bis aufs Messer angesagt haben, und weil die Sozialdemokraten re Anhänger zum Schutze der bestehenden Staatsordnung zufriefen, wurden ihre Versammlungen verboten und Hitler darf als Triumphator seine Heerscharen in München guflern.
Das Berliner Tageblatt schrieb am Samstag über das
gerbot der sozialdemokratischen Versammlung:„Wenn die sayerische Regierung wirklich auf Grund der Ausnah sever—
ednung Versammlungen dieser Art verbietet, die vom sahten nationalen Geist erfüllt sind und Versammlungen der dationalsozialisten zuläßt, die nach eigenem Eingeständnis ie deutsche Einmütigkeit verhöhnen und angreifen, dann Hürde allerdings die Verfügung zum Schutz der Ordnung Es wäre das ein schwächliches Zurückweichen vor bösartigen Störenfrieden, das sich bald itter rächen würde.“
Die Münchener Post gibt der Vermutung Ausdruck, daß; ir Staatsregierung aus Abneigung gegen die Anerkennung er republikanischen Staatsform nicht das Reqgublikschut⸗ hesetz zur Bekämpfung des Nationalsozialtsmus herange- wogen hat, und daß sie durch ihre Verorduung den Aus- nahmezustand wieder einschmuggeln wollte, den sie unter der
stegierung Wirth aufheben mußte. Der Vorstand der sozial— emokratischen Partei Münchens wendet sich in einem Auf—
nuf an die iterschaft, in dem darauf hingewiesen wird, aß der Ausnahmezustand sich bisher nur gegen die Izialistische Arbeiterschaft gewendet habe. Es liege ein achgeben gegenüber Leuten vor, die von der Regierung elbst als Verfassungsbrecher bezeichnet worden seien. Hier—
nurch mache sich die Regierung vor der ganzen Welt lächer—
fich. Es wäre zu befürchten, daß der Ausnahmezustaud sich
lediglich gegen die sozialistischen Arbeiter richten werde. Nach all dem, was wir seit den Tagen des Kapp- butsches in Bayern erlebt haben, sind die Befürchtungen unserer bayerischen Parteigenossen leider nur zu berechtigt. Zon einer Regierung, deren Chef Arm in Arm mit Hitler und dem Ueber⸗Hitler Ludendorff marschiert, und deren wichtigster Minister, der Innenminister Schweyer im stabinelt für die Wiedererrichtung der Einwohnerwehren sintritt, ist kein Kampf gegen die Zerstörer der Reichseinheit und die Feinde der Verfassung zu erwarten. Die bayerischen Urbeiter aber werden auch unter dem sich gegen sie wendenden Ausnahmezustand den Kampf für die Erhaltung der eutschen Republik mit derselben bewundernswerten Energie Heiter führen wie bisher. Die ganze Arbeiterschaft Deutsch— nds wird getreu dem Gelöbnis. das sie auf den letzten
Der Kohlenkrieg des franz. Imperialismus.
Noch keine Errichtung der Zollgrenze. Nach allen Nachrichten, die aus der Peripherie des Einbruchsgebietes kommen, ist anzunehmen, daß die Fran— zosen die Errichtung der Zollinie hinausschlieben, um durch eine längere Beobachtung einen gewissen Ueber blick über die Ein- und Ausfuhr zu erhalten.
Die militärischen Absperrungsmaßnahmen der französisch⸗ belgischen Besatzungstruppe um das Industriegeblet gab unserem Essener Korrespondenten am Sonntag Veranlassung, die Peri⸗ pherie des neu besetzten Gebietes zu besuchen. Er schreibt uns darüber: Insbesondere lag uns daran festzustellen, ob im Ernst eine Zoll-Linje, die schon in den allernächsten Tagen in Erscheinung treten könnte, in Vorbereitung ist.
Rein äußerlich fiel
die äußerst starke Truppenkonzentration besonders auf. Es gibt wohl kaum eine französtsche Waffen- gattung, die an der Peripherie des neu besetzten Gebietes nicht vertreten ist. Während die weiter im Innern liegenden Landge— biete von Soldaten fast frei sind. Neben sehr vielen Aurto-Tauls sind mehrere 12 Zentimeter-Vatterien
zu sehen. Stark fallen auch die vielen Sanitätskolonnen ins Auge und besonders rege ist der Autokolonnenverkehr.
Zolltechnische Vorbereitungen haben wir uscht bemerkt. Die verschiedensten Vertreter der maßgebenden Behörden in den von den Französen selbst als künftige Zollstationen bezeichweten Ori shasten sind von der Besatzung über die zolltehnii hen Vorde⸗ reitungen irgend welcher Art bisher nicht unte eich et worden. Ste haben auch nicht den Eindruck, daß Vorbereitungen im Garn ge siud und eine Erhebung von Zoll schon in den a! lernächsten Tagen ermöglichen könnten, glauben aber aus Unterredungen, die sie zum Teil mit französischen Off'ziexen hatten, die Ver- nrutung hetzen zu können, daß die jetzt eingeleiteten malitäxrischen Mot nehmen
in ihrem Endziel auf die Schaffaag einee Zoll-Linie Uinauslausen. Mit einer Kontrolle der Güterzüge ist in aller kür⸗ zester Zeit bestimmt zu rechnen. Vorläufig wurde nur der Bahn⸗ hofsvorsteher in Hörde, das als Zollstation von der französischen Presse bezeichnet wurde, von einem französischen Offizier offiziell gefragt, ob er bereit sei, alle passiexenden Güterzige in Zukunft 15 Minuten halten zu lassen, um eine Kontrolle zu ermöglichen. Die maßgebenden Eisenbahnbeamten glauben, daß durch eine Ueberwachung des Güterverkehrs für das innere Deutschland, wenigstens für die erste Zeit nicht zu unterschätzende verkehrs⸗ technische Schwierigkeiten eintreten, auf die man sich vorbereiten sollte. Im Einzelnen sind sie aber der Meinung, daß es, den Fran⸗ zosen nicht genügt, das Verkehrswesen in dem bisherigen Maße regelrecht aufrecht zu erhalten. 1 75
Zusammenfassend kann man sagen, daß eine Zoll-Linie in den nächsten Tagen nicht in Erscheinung treten wird, daß; aber mit einer Ueberwachung der Züge bestimmt zu rechnen ist.
Was wollen die Fraumänner?
Wie der Sonderkorrespondent des Soz. Parlaments- dienstes aus äußerst zuverlässiger französischer Quelle er- fährt, läuft die französische Taktik darauf hinaus, die Ruhr— talbahn, das ist die Strecke von Diisseldorf— Kettwig Hattingen nach Schwerte vollständig zu militarisieren, um die zur Versorgung der Truppen notwendigen An- und Ab- transporte sicher zu stellen. Außerdem soll die Linie Düsseldorf— Oberhausen— Osterfeld— Recklinghausen— Lünen zum gleichen Zweck vollkommen militaristert werden.
Kontrollstellen zur Ueberwachung der auf den anderen Strecken fahrenden deutschen Züge sollen sofort eingerichtet werden. Erst nachdem die gesamten Eisenbahnlinien fest de der Hand der Besatzung sind, will man an die Errichten von Zollstellen gehen.
Wo der Militarismus haust.
Die Anforderungen der Vesatzungsbehörde sollen der Stadt Essen bisher Ausgaben in Höhe von 250 Millionen Mark verursacht haben. Diese Ausgaben bestanden in der Lieferung von 164 Betten, 175 Tischen, 304 Stühlen und Sesseln, 24 Schreibtischen, 40 Beleuchtungs⸗ körpern, 5 Vorhängen, 670 Strohsäcken, 314 Matratzen, 360 Bett⸗ decken, 144 Vettischern, 18 Handtüchern, 118 Haushaltungsgegenstän⸗ den, 15 Oesen, 22 Schränken, 20 Schilderhäusern, 87 Wegschildern, serner Bureauutensilien, darunter 9 Schveibmaschinen. Die Klagen über umfangreiche Lebensmittelankäufe durch Angehörige der Be⸗ satzungsbehörde mehren sich fortwährend. Im stüdtischen Kranken- haus in Essen sind 250 Betten beschlagnahmt, ebenso die beiden Jso⸗ lier-Pavillons.
Die französischen Streikprovokationen.
Aus dem Ruhrgebiet wird uns unterm 28. Januar ge- schrieben:
Jin allgemeinen hat die Lage im Verlaufe der letzten beiden Tage wesentliche Aenderungen nicht erfahren. Die Truppenbewegungen werden in erheblich geringerem Umfange fortgesetzt, woraus zu schlie ßen ist, daß
der militärische Gürtel um das besetzte Gebiet geschlossen ist. Auf der Eisenbahn ist das Personal, das bereits am Freitag und vorher in den Streik trat, auch weiterhin im Ausstand. Einzelne Bahnhöfe haben sich neu angeschlossen. Die Versuche der Besatzung. Lebensmitteltransporte zu fahren, endeten wieder mit mehreren Zug- entgleisungen. Die Franzosen arbeiten darauf hin, das Eisenbahnpersonal zum Streik zu provozieren,
da die gestern gehandhabte und heute vereinzelt fortgesetzte Methode, das Personal aus den Bahnhöfen ohne wefteres auszuweisen und dann selbst den Dienst zu verrichten, als bequem empfunden wird. Ihr Verlangen geht dahin, wenigstens, soweit die Strecke Duisburg⸗ Oberhausen-Essen in Frage kommt, den Dienst nicht vom deutschen Personal verrichten zu lassen. Das geht daraus hervor, daß das zweimalige Angebot des Duisburger Oberbüürgermeisters, im Streik des Duisburger Vahnpersonals zu vermitteln, von der Besatzungs⸗ behörde gar nicht beantwortet wurde. Im deutschen Interesse ist dringend zu wiünschen, daß sich die Eisenbahner nicht bei Kleinlich⸗ keiten zum Streik hinreißen lassen. Zu berücksichtigen ist, daß ein Verkehrsstreik in dem Umfange, wie wir ihn jetzt im Zentrum des Industriegebietes zu verzeichnen haben, auch gewisse Gefahren für die deutsche Bevölkerung, insbesondere die Arbeiterschaft, mit sich bringt. Eimmal stockt die Lebensmittel zufuhr, hinzu kommt, daß der weiter verarbeitenden Industrie keine Rohprodukte zugeflührt werden können, sodaß mit Betriebseinstellungen zu rechnen ist. Unsere Eisen⸗ bahner haben die Taktik der Frangosen erkannt, sie werden ent⸗ sprechend handeln.
Bergaebeiterstreiks sind im Ruhrgebset nicht zu Fesigestellt ist aber, daß
die Besatzung einen allgemesnen Bergarbeiterstreit wünscht, um auf diesem Wege die Bergarbeiter für sich zu gewinnen. Die Franzosen haben, wie einwandsfrei nachgewfesen, werden kann, Agktatoren zu den einzelnen Zechen entkandt und die Betriebsräte
verzeichnen.
aufgefordert, so hohe Forderungen zu stellen, daß sie von den Zechen abgelehnt werden. In solchen Fällen will dann die Be⸗ satzung eingrelsen und den Arbeftern den geforderten Betrag
Auf der Zeche Westend bei Dufsburg⸗ Meiderich wurde Lohnfsorderung abgelehnt. Die Besaß⸗
zahlen. z. B. eine kommunistische
ieee eee garteitagen ablegte, gemeinsam mit ihren bayerischen Brüdern diesen Kampf zum Sieg führen.
Das Pro ramm der Mü che ner Faseisten.
Der Hitlerparteltag in Milnchen verlief, wie man bis jetzt über- sehen kann, ohne größeren Zwischenfall. Um den Velagerungszustand und die damit verbotenen Vorschristen und Verbote kümmerten sich die Nationalsogiallsten allerdings nicht im geringsten. Man veran- staltete die geplanten 12 Versammlungen, obwohl nur 6 gestattet waren. Dabei nahm man ilberall eine gemelnsame Resolution an, die nicht nur gegen den„Versuch der Sabotage des Parteitags durch die bayerische Regierung“ protestierte, sondern überdies verlangte nun, den Tiraden der Festredner entsprechend, u. a. folgendes:
„Sosortige Ungültigkeitserklärung des Versailler Friedensver— trags. Einstellung aller Geld- und Sachlieserungen an die gesamte Entente, Durchführung einer Geld- und Währungsreform, Erlaß eines Gesetzes zum Schutze des Vaterlandes(als ob das nicht schon bestände im Gesetz zum Schuß ber Republit), rücksichtsloser Kampf gegen alle Vaterlandsverräter(wie sie sie ausfassen), Aufhebung des Gesetzes zum Schutze der Republik, Befreiung aller elngekerlerten Vaterlandskümpfer, dafür Bestrafsung der„Nopember-Verbrecher“ und schließlich die Tobesstrase sür Schieber und Wucherer.“
Die Fahnenweihe der Stucmeruppen.
Am Sonntag sand dann nach dem Auftakt vom Samstag die ür sie war der Zirkus Krone vorgesehen.
schwarzem Hakenkreuz auf weißem Felde, die Fahnenträger vfelsach in Unfsorm und Stahlhelm. So groß die Aufmachung war, so ge- ring die Anteilnahme der Bevölkerung, die recht spärlich in den Strassen vertreten war. Natürlich kümmerte man sich auch um die Banamelle nicht, zog mit Bannern durch sie vor das Armeemuseum, wo Oberst Kylande seiner Freude darilber Ausdruck gab, daß Herr Hitler und seine Leute die bayerlsche Ordnungsregierung auf die Knie gezwungen haben und der Velage rungszustand sich nur gegen links auswirkt, wie das in Bayern so üblich ist.
Die Thüringer Regierung greift ein. Abgefaßte Faselsten.
In Gera wurde am Samstag abend im D. Zug Leipzig.— München ein Transport von etwa vlerhundert Nationalsozlalisten
von der Thüringer Landespolizel abgesaßt, und in der Geraer Kaserne in Haft gesetzt. Unter den Verbafteten befand sich eine große Anzahl Offizsere, während der ganze Zug unter Führung
des in Thüringen bekannten Hauptmanns Lampel stand. Eine An- zahl der Leute war mit Pistolen, Revolvern und Gummiknippeln ausgerlstet. Stahlhelm, Halenkreuze, Maschinengewehre und an⸗ dere Abzeichen verschiedener Art wurden sestgestellt. Unter den Zioilmänteln trugen. viele Teilnehmer Uniformen. Sämtliche Leute mußten die Resse abbrechen und wurden einstweilen in der Gerger Kaserne internlert. Inzwischen hat eine Vernehmung aller Teilnehmer an dleser Fahrt stattgefunden. Ejne eingeleitete Unter ⸗
suchung wird ergeben, inwleweit sich einzelne Teilnehmer der Erxpebstion strasbar gemacht hahen. Der ganze Transport ist heute nachmittag nach Leipzig abgeschoben worden.
Das Thürlngische Stankamintsterlum hat, veranlaßt durch biesen Vorfall, auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfassung unter dem 27. Januar zur Aufrechterhaltung begw. Miederher⸗ stellung der öffentlichen Slcherheit ung Ordnung für den Stadt-
und Landkrels Gera den Ausnahmezustand verhängt. Zur Durch- führung der Verordnung it der Kreisdirektor, Genosse Drechsler.
zum Regierungstommissar ernannt worden.


