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Nr. 74
Gießen, Donnersstag, den 29. März 1923
13. Jahrgang
* fi 5 242 Zur gegenwärtigen Lohnpolitik. Der Leipziger Volkszeitung wird geschrieben: ö Die Lohnpolitik für die Arbeiter, Angestellten und Beamten ist im Laufe der letzten Jahre ziemlich starken Wandlungen unterworfen gewesen, je nachdem die Situation 1 andere taktische Einstellungen verlangte. In der Zeit raschester Geldentwertung mußte nach Mitteln gesucht wer⸗ E den, um die Arbeiterschaft existenzfähig zu erhalten. Wir wissen, daß es bei weitem nicht gelungen ist, eine wirkliche f Anpassung an die Geldentwertung zu erzielen, so daß eine Dang wenn
immer größere Verelendung der Arbeitnehmerschaft die Folge war. Wie sich die Verhältnisse gestaltet haben, geht aus nachstehendem, der Zeitschrift Wirtschaft und Statistik entnommenen Material hervor: Bei einer Teuerung, die im Oktober 1922 für die Lebenshaltung mit Bekleidung das
. 17 220, fache, für Januar 1923 das 1120 fache der Vorkriegszeit . hetrug, verdienten. f 3 Oktober 1922 Januar 1923 adt 8 1 gelernte Bauarbeiter 145 5 602 ren ungelernte Bauarbeiter 177 733 gelernte Metallarbeiter. 126 652 ungelernte Metallarbeiten... 179 913 lllstr. Buchdrucker. 126—15% 06 738 N Reichsbeamte, Grupoe IIlIls. 111—150 516-702 f Reichsbeamte, Gruppe VIII 82—99 380— 463 leilere! Reichsbeamte, Gruppe X 70-80 3822373 — mal soviel als in der Vorkriegszeit. Im Monat Februar nner bhat sich dieser Zustand noch wesentlich verschlimmert, denn e 5 ses ist in diesem Monat eine Steigerung der Reichsinder⸗ Arber ziffer um 186 Prozent zu verzeichnen, während die Lohn⸗ weg 50 erhöhungen kaum 100 Prozent betrugen. 1 2 Nachdem nun der Markwert etwas stabiler geblieben ist eren und da auch die Preisentwicklung nicht mehr diese scharf
G gansteigende Kurve aufweist, sollen vor allem die Lohn: n[bewegungen eingedämmt werden. Zunächst ist natürlich die
nolstr. Sicherheit, daß es mit der deutschen Mark in Kürze nicht
ke wieder abwärts geht, absolut nicht gegeben. Eine wirkliche
arlinen: Stabilisierung der Mark kann von den Gewerkschaften, die
15 0[bekanntlich sehr entschieden für eine solche eingetreten sind, * keineswegs als gegeben anerkannt werden, denn es
0 05 150 die notwendigen volkswirtschaftlichen Voraussetzungen 1 U.
1 l Aber, gesetzt den Fall, die deutsche Mark bliebe im Ver⸗ [hältnis zu den Zahlungsmitteln des Auslandes stabil, wer AIgarantiert dafür, daß nicht die Monopolstellung der deut⸗ ischen Unternehmerschaft weitere Preiserhöhungen nach sich ißzieht. Gewiß wird dem durch den Weltmarktpreis eine Grenze gezogen, doch besteht die Möglichkeit, daß durch Zoll⸗ schranken die Interessen des deutschen Unternehmertums
[weiter in den Vordergrund geschoben werden. Die steigenden
2
1 42 Lage
5 Kohlenpreise und die noch immer bestehende Spannung 3 zwischen Groß- und Kleinhandelspreisen lassen auch jetzt a noch Preiserhöhungen als durchaus möglich erscheinen. 10.(Schleppend und durchaus ungenügend sind die Lohnsteige⸗ 4 U rungen den Preissteigerungen gefolgt. Soll nicht eine un⸗ er günftige Preisbeeinflussung in Zeiten des Stillstandes er⸗ All folgen, so werden natürlich die Lohnsteigerungen einmal ein IStwäre Ende haben müssen. Nach dem oben zahlenmäßig Nach⸗ — gewiesenen kann aber dieser Zeitpunkt jetzt schon unmög⸗ iich als gegeben bezeichnet werden, wenn nicht die Kauf⸗ als kraft der breiten Masse im eigenen Lande dauernd unter⸗ bunden werden soll. Es wird deshalb notwendig sein, daß theke eine Erhöhung des Lohn- und Gehaltsanteiles auch bei Weine gleichbleibenden Preisen vorgenommen wird. Die . 18 letzte Zeit hat die entgegengesetzte Erscheinung gezeigt. So 50 bellt 0 betrug der Anteil an Löhnen und Gehältern bei der Kohle Leer im Tebruar 1922 49.31 Prozent 25 ö g im November 1922 28,77 Prozent n e des Verkaufspreises. Beim Zechenpreis der Kohle(ohne vors] Steuern, Abgaben und andere Unkosten) war der Satz e im Februar 1922 63,9 Prozent (liess„ im November 1922 43,03 Proient — In der gleichen Zeit ist der Anteil der Steuern und Ab⸗ 5 gaben von 22.69 auf 33,13 Prozent und der der sonstigen str.) Selbstkosten, Abschreibung und Gewinne von 28 auf bela, 38,1 Prozent gestiegen. Aehnlich liegen die Dinge auf allen 4 anderen Mirtschaftsgebieten. Wir sehen, daß der Reallohn wem gesunken ift. daß mit ihm aber auch der relative Arbeits. 1 lohn, der das Verhältnis von Lohn- und Profitrate darstellt, — eine Senkung erfahren hat. . K Es steht fest, daß viele deutsche Produkte den Weltmarkt⸗
preis überschritten haben. Das ist in einer Zeit erfolgt, in der der Arbeitslohn in Deutschland auch gemessen an dem des Auslandes, zurückgegangen ist. Hier sei auf die Zahlen hingewiesen, die Paul Hertz und Richard Seidel in ihrer Schrift„Arbeitszeit, Arbeitslohn und Arbeitsleistung“ wiedergeben. Während in Deutschland der Reallohn fiel, ist in England eine Steigerung desselben zu verzeichnen. Das
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n —
Sitzung vom Dienstag den Bericht des Ministers des Innern über das seinem Vorgehen gegen die Deutsch⸗ völkische Freiheitspartei zugrunde liegende Tatsachen⸗ material entgegen. angesichts
Das preußische Staatsministerium nahm in seiner
Das Ministeriumg erkannte des vorliegenden Materials und in Nubetracht der innen⸗ und außenpolitischen Situation die Maßnahmen des Innen⸗
ministers als notwendig und berechtigt an und gelangte in einmütiger Stellungnahme zu einer völligen Billigung seiner Politik.
Diese einmütige Stellungnahme des preußischen Gesamt⸗
kabinetts, die in Gegenwart der Herren Boelitz und v. Richter er⸗ folgte, ist u. E. von großer politischer Tragweite. Seitdem Severing die Auflösung der Deutschvölkischen Freiheitspartei und die Be⸗ schlagnahme ihrer Kassetten zugunsten des Reiches verfügte, ist er fortgesetzt das Objekt sinnloser Angriffe nicht nur, wie man an⸗ mehmen sollte, von deutschvölkischer oder deutschnationaler Seite, sondern auch von einem großen Teil der deutschvolksparteilichen
Gegen die Hochverräter.
Presse gewesen Selbst die als direkt offiziell geltende volkspartei⸗ liche Zeit und ebenso der offizielle Pressedienst des Herrn Strese⸗ mann brachten nicht die Disziplin auf, die notwendigen Entschei⸗ dungen über die Maßnahmen des preußischen Innenministers ab⸗ zuwarten, bevor sie offen in das Lager der Hochperräter über⸗ siedelten Jetzt hat das preußische Gesamtkabinett gesprochen! Es hat sich ohne Vorbehalt für die Maßnahmen des preußischen Innenministers erklärt. Insofern muß jetzt von der offiziellen Parteileitung der Volkspartei, deren Organe von den eigenen Ministern desavouiert wurden, Klarheit darüber verlangt werden, ob die Volkspartei wirklich die Partei der Staatsbejahung ist, um das schöne Wort des gegenwärtigen preußischen Kultusministers, Herrn Beelitz, zu gebrauchen, oder ob sie es trotz der Stellung⸗ nahme ihrer Minister vorzieht, weiterhin den Staatsgedanken so durch die offiziellen Organe sabotieren zu lassen, wie es in den letzten Tagen geschah. Es ist ein Unding, Regierungspartei zu sein, gleichzeitg aber die Maßnahmen dieser Regierung und der eigenen Minister sortgesetzt zu bekämpfen und als„parteimäßig“ oder dergl. in der Oeffentlichkeit hinzustellen.
Verhältnis zwischen Preisen und Löhnen stellt sich in En 92 land folgendermaßen:
Kleinhandelspreise Jahr und Monat Judexzahlen der Lebenshallungs⸗ Lebens⸗ ohnsätze kosten mittel Januar 1919 206 220 230 Juli 1922 196 181 175
In Schweden haben sich Lebenshaltungskosten und Lohnhöhe 1913 und 1921 wie folgt gestellt:
Lebens haltungs⸗ Lohninder Jahr index Tagelohn Jahreslohn ie 100 100 100
. 241 30⁵ 271
Aehnlich gestalten sich die Verhältnisse in anderen Staaten. Wir sehen also, daß dort im Gegensatz zu Deutsch⸗ land der Reallohn gestiegen ist. Und vergleichend wirkt eine Tabelle sehr anschaulich, die der Direktor des statistischen Bureaus im englischen Arbeitsministerium, John Hilton, über die Arbeitsstundenzahl aufgestellt hat, die zur Be⸗ schaffung einer gleichen Menge Lebensmittel von ver⸗ schiedenen Arbeiterkategorien in England, Deutschland, Frankreich, Belgien und den Vereinigten Staaten aufge⸗ wendet werden müssen. Auch diese Tabelle entstammt der obengenannten Schrift.
Groß⸗ Deutsch⸗ Frank⸗ Belgien Verein. Beschästigung britannien land reich Staaten 5 Stunden Stunden Stunden Stunden Stunden Mare?! 3 770. 5 6 6 1 Zimmerleute.. 3 7 5 6 10 Monteure. 31½¼. 6 65% 2 Schriftsezenr 3 75 5 6 170. Ungelernte Arbeiter 4½ 710 10 85/ 5% Durchschnitt 3¼ 708 60 68,4 2⁰7
Dazukommt noch, daß die direkte steuerliche Belastung des deutschen Arbeiters eine wesentlich höhere ist, als die in den anderen Staaten.
Wie im allgemeinen Geschäftsleben, ebenso spielt für die Entlohnung in der kapitalistischen Wirtschaftsweise der Wiederbeschaffungspreis eine wesentliche Rolle. Vor dem Kriege hielten auch die Unternehmer vielfach für selbstverständlich, daß der Arbeiter soviel an Lohn⸗ oder Ge⸗ halt beziehen mußte, daß er seine Arbeitskraft erhalten konnte. Die Kriegspolitik hat bei vielen Unternehmern die Hoffnung geweckt, daß es auch anders geht.
In der Zeit der raschen Geldentwertung haben zwar die Gewerkschaften versucht, als Grundlage für die Lohn⸗ gestaltung den Wiederbeschaffungspreis für die Arbeitskraft zu benutzen, Unternehmertum und Schiedsstellen haben aber nichts von einer gleichen Einstellung verspüren lassen, ob⸗ wohl bei den Kalkulationsmethoden der Unternehmer viel⸗ fach mit Sätzen für den Arbeitslohn gerechnet wurde, die gleichfalls von den Wiederbeschaffungskosten ausgingen. Der Warenverkaufspreis richtete sich nach der Wiederbeschaffung, für die Arbeitskraft aber wurde bei der Lohngestaltung ein anderer Maßstab zugrunde gelegt. Wäre beispielsweise bei den Angestellten- die Festsetzung des Gehaltes in der Weise erfolgt, daß das Vormonatsgehalt plus einem Prozentsatz für den allmählichen Ausgleich zur Vorkriegsentlohnung, plus Steigerung der Inderziffer im Arbeitsmonat, plus mutmaßliche Steigerung in der ersten Zeit des Verbrauchs- monats festgesetzt worden wäre, so hätte die Entlohnung nicht auf den tatsächlich erreichten Tiefstand kommen können. An⸗ haltspunkte für die mutmaßliche Steigerung waren genügend geboten in der Valutaentwicklung der Gegenüberstellung von Groß- und Kleinhandelspreisen. der Veröffentlichung ört—
licher Inderziffern. Nur ein Teil der Unternehmer und Schiedsstellen, vor allem in Westdeutschland, haben sich auf eine solche Berechnungsmethode gestützt, während in anderen Kreisen, vor allem in Mitteldeutschland, darunter Sachsen, die Ablehnung erfolgte. Man ist dort vielmehr dazu über⸗ gegangen, die Produktion nach den Gesichtspunkten des Profits möglichst einzuschränken. Den sich dann ergebenden Produktionsindex haben die Unternehmer benutzt, um dar⸗ zulegen, daß sie nicht in der Lage seien, höhere Ausgaben für
Löhne und Gehälter zu machen, denn die Produktion sei
zurückgegangen. So ist auch der Versuch gemacht worden,
darzulegen, daß eine Erhöhung der Löhne und Gehälter
einen Rückgang der Produktion zur Folge habe. Es ist ganz
interessant, daß auch hier in anderen Staaten andere Wahr⸗ nehmungen gemacht worden sind. Wir lesen darüber in der
Weltwirtschaftlichen Korrespondenz:
Daß eine Steigerung der Löhne nicht eine Verminderung der volkswirtschaftlichen Produktion zur Folge zu haben braucht, zeigt eine neue Produktionsstatistik des Staates Victoria(Australsen). Vom Jahrgang 1919/20 bis 1921/2 stiegen die Durchschnittslöhne ses handelt sich hauptsächlich um das Textil⸗ und Bekleidungsge⸗ werbe) von 135% auf 172 Pfund Sterling, also um 28 Prozent. Der Ertrag ist aber mit nichten gesunken: der jährsiche Rohertrag ist von 101,5 auf 106,2 Millionen Pfund Sterling, der Reinertrag von 16,5 auf 19,5 Millionen gestiegen. Die australische Textilindustrie ist im Wachsen begriffen; die Zahl der Betriebe ist in zwei Jahren von 6000 auf 6800, die Zahl der Arbeiter von 137 000 auf 145 000 gestiegen. Neue Kapitalien werden angelegt(der Wert der Anlagen, ist von 31 auf 41 Millionen gestiegen und erst vor kurzem sind die englischen Maschinenexporteure von der Nachricht überrascht worden, daß in Australien zum ersten Male eine Fabrik zur eigenen Her⸗ stellung von Web- und Spinnmaschinen errichtet werde. Die Er⸗ höhung der Löhne hat sich also nicht als Hemmung, sondern viel eher als Ansporn zur Verbesserung und Erweiterung der Produktion erwiesen.“
Es wird der deutschen Arbeitnehmerschaft nicht ein⸗ leuchten, weshalb bei ihr, die doch in ihrer geistigen Ent⸗ wicklung der australischen Arbeitnehmerschaft nicht nachsteht, Lohnerhöhungen eine umgekehrte Folge zeitigen sollen. wie bei letzterer.
Die deutschen Unternehmer benutzen die Scheinstabili⸗ sierung, um zu verhindern das die Arbeiterschaft auf un⸗ gefahr den Reallohn gebracht wird, den sie vor dem Kriege bezog. Und doch wird von der Höhe des Reallohnes bei einer tatsächlichen Stabilisierung der Beschäftigungsgrad abhängig sein, denn er wird abhängig von dem Bedarf des Inlandmarktes und dieser wird bestimmt von der Kaufkraft der breiten Masse. Nun hat aber gerade die Lohngestaltung im Februar den Reatlohn weiter bedeutend verschlechtert. Das ist sogar unter der Einwirkung von Schiedsstellen geschehen. i
Jetzt wird die Stellungnahme der Reichsregierung zur Entlohnung der Arbester, Angestellten und Beamten des Reiches, der Länder und Gemeinden benutzt, um die all⸗ mähliche Anpassung des Reallohnes an den der Vorkriegs⸗ zeit zu verhindern. Die Markstabilisierung sei in Gefahr, wenn die Arbeiterentlohnung weitere Erhöhungen erfahren würde. Die Arbeitnehmerschaft muß sich solidarisch gegen ein derartiges Verhalten der Unternehmer und der Re- gierung wenden, denn die Voraussetzung für die Stabili- sierung der Mark liegt, wie wir dargelegt haben, auf ganz anderem Gebiete. Nicht die Beibehaltung des ungünstigen Reallohnes. sondeen der technische Fortschritt, das Herab- setzen der Profitrate und mit ihnen die Senkung der Preise, muß die Aufgabe der nächsten Zukunft sein.


