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Iberhessisce Volkszeitung
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we ae Organ für die Interessen des werktätigen Volkes wanna VFiusubessrase 23 N d 1 Sthuboffraße 23 dhe an. der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. e dg ovi e er Nachbarge. dahin 0 3
f 9 ö N Die Oberh. Volkszeitung erscheint jeden Werktag vormittag in Gießen. Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters. Der Angeigenpreis beträgt für die Millimeterzeile(85 mm breit) oder deren
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1 Nr. 23 Gießen, Montag, den 29. Januar 1923 13. Jahrgang — 1 2 Verhaftung von Nationalsozialisten in Berlin Am Vorabend des Hitlerputsches ae i 5 it chmittag k d Lehrt unter Am Vorabend des Hülerputsches. dene benen an gegrdalele. ee Fulionalsiziale Kanpfansage an die bayerische Regierung.] Janern and drohte mit Gewalt, In vel Stunden kante angehen d ak ben ehe weh Ace weren, e 5 die Regierung erledigt sein. Die Veranstaltungen würden 5 Ausnahmezustand in Bayern. doch abgehalten. Infolge dieser Drohung beschloß der 1 Deutschland kämpft einen verzweifelten Kampf um die Ministerrat, ganze Maßnahmen zu freffen und verhängte Das Moratorium wird verweigert.
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tteutonicus erwacht ist.
Erhaltung der Reichseinheit. In diesem Kampfe steht die Alrbeiterschaft in erster Linie.
Sie hat ihre ganze Kraft darauf konzentriert, den französischen Einfall in das Ruhr- gebiet abzuwehren und den Bestand der deutschen Republik
4 zu sichern. Zur selben Zeit aber gibt es Leute, die glauben,
unter dem furchtbaren außenpolitischen Druck ihre inner⸗ politischen Ziele erlangen zu können. Trotz aller Dementis der bayerischen Regierung wollen die Alarmrufe aus der
„ Ordnungszelle“ nicht verstummen. Der schon einmal abge⸗ sagte Parteitag der Nationalsozialisten, den große Massen⸗ kundgebungen einleiten sollen und in dessen Verlauf man
die Standartenweihe vornehmen will, beginnt nun endgültig am 27. Januar. Inzwischen haben in München allerlei „Reichsgründungsfeiern“ stattgefunden. Der Exkronprinz Rupprecht ließ sich in öffentlicher Versammlung als„König
1 Rupprecht“ begrüßen und nahm spater von seinem Palais 1 aus die Huldigungen„seines“ Volkes entgegen. Auch Ludendorff hat sich bei ähnlicher Gelegenheit vernehmen
lassen. Er kündigte an daß der„furor teutonicus aus zzurückgehaltener Glut in mächtigen Flammen empor⸗ teigen“ werde, und beschwor seine Zuhörer, dafür zu sorgen, „daß der friedricianische Wille das ganze Volf durchdringt. Die Einheitsfront ist nicht da, solange die betätigende Vater⸗ landsliebe verboten, gehemmt oder bestraft wird...
Die Jagd der Nationalsozialisten auf die Entente⸗ kommissionen und die Zertrümmerung von Fensterscheiben hat- gezeigt, daß wenigstens in München schon der furor Adolf Hitler will jetzt offenbar diese
1 Stimmung ausnutzen und den Kampf wagen.
9 sammlung unter freiem Himmel verboten.
Die bayeri⸗ ssche Regierung, deren Chef noch vor wenigen Tagen neben Hitler und Ludendorff saß, scheint für die nächsten Tage das Schlimmste zu befürchten. Sie hat die für den 27. Januar angekündigten Veranstaltungen der National-
dis aufs Messer angekündigt und erklärt, daß er seine Ver⸗
die bayerische Regierung betont, etwaige gewaltsame Aktionen der Nationalsozialisten mit aller ihr zu Gebote ftehenden Macht zu unterdrücken. Die fkandalösen Vorgänge am National⸗Trauertag in München haben der Welt gezeigt, auf welcher Seite die hayerische Polizei steht. Nach diesen Ereignissen muß man dem jetzt beginnenden Kampf in München mit größter Be⸗ ssorgnis entgegensehen. Es hat keinen Sinn, an die Münchener Fanatiker Mahnungen zu richten. Sie werden sie nicht beachten. Aber mit aller Deutlichkeit soll diesen
Jaeinden der Reichseinheit gesagt werden, daß der Wille der
Arbeiterschaft, das Deutsche Reich, die Deutsche Republik zu erhalten, eisenhart ist, ganz gleich, ob Franzosen, Belgier, sfommunisten oder Fascisten ihr ans Leben wollen. Wenn Herr Hitler den Kampf aufnimmt und unsern deutschen Brüdern an der Ruhr in den Rücken fällt, dann wird die Heutsche Arbeiterschaft und darüber hinaus die ganze repu⸗ HBlikanische Bevölkerung ihre Kraft in so hohem Maße ver⸗
stärken, daß sie den Kampf für die Deutsche Republik auch noch gegen die bewaffneten Banden der Nationalsozialisten erfolgreich zu Ende führen kann.
Hitler droht mit Gewalt.
Die untersagten Kundgebungen. 0 Wie offiziös bekannt gegeben wird, scheinen der bayeri⸗ schen Regierung endlich doch so langsam die Augen aufzu⸗ gehen. Die Vorgänge in der Nationalsozialistischen Arbeiter- partei haben die Befürchtung hervorgerufen, daß anläßlich des Parteitages vom Samstag bis Montag ernste Dinge vassieren könnten. Die Regierung hatte daher jede Ver⸗ Daraufhin be⸗ chwerte sich der Parteiführer Hitler bei dem Minister des
e 5 N l immer k„zu bee. ssozialisten verboten. Hitler hat ihr daraufhin den Kampf 1 4 dec affen eh Aceh
anstaltungen unter allen Umständen abhalten wird, während
den Belagerungszustand. Zu Verhaftungen ist es noch nicht gekommen.
An Einzelheiten über diese Vorgänge erfährt T.⸗U. folgendes: Freitag vormittag erschienen zwei Vertreter Hitlers im Ministerium des Innern und ließen sich zu der Drohung hinreißen, daß sie die untersagte Kundgebung doch veranstalten würden. Die Dinge müßten dann eben ihren Lauf nehmen. Feiglinge seien unter ihnen nicht. Der Minister erwiderte, daß die Regierung bei ihrem Beschlusse bleibe. Der Ministerrat trat im Laufe des gestrigen Tages zusommen und kam einstimmig zu der Ueberzeugung, daß Maßnahmen getroffen werden müssen, die auf alle Fälle die Sicherheit gewährleisteten. Infolgedessen wurde gestern nachmittag der Ausnahmezustand erklärt. Der Minister des Innern ist zum bayerischen Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten, die Regierungspräsidenten der rechtsrheinischen Bezirke sowie die Polizeipräsidenten von München und Nürnberg sind zu Staatskommissaren ernannt worden. Um alle parteipolitischen Auseinandersetzungen im gegenwärtigen Augenblick zu vermeiden, wurden auch die für gestern geplanten Versammlungen der Sozialdemo⸗ kraten und der Kommunisten abgesagt. Alle Plakatanschläge usw. find von jetzt an anzeige⸗ und genehmigungspflichtig. Verhaftungen sind bisher nicht erfolgt.
Die Verhängung des Ausnahmezustandes.
Die Bekanntmachung der bayerischen Regierung über die ee des Ausnahmezustandes im rechtsrheinischen Bayern autet:
Der Druck des Feindes auf Deutschland verlangt zurzeit die Zusammenfassung aller Kräfte zur einheitlichen Abwehr. Jetzt ist nicht Zeit zu politischen Auseinandersetzungen, durch welche die Gefahr von Zusammenstößen unter den Deutschen selbst herauf⸗ beschworen wird Den Führern der Nationalsozialistischen Deut⸗ schen Arbeiterpartei wurde daher eröffnet, daß unter diesen Um⸗ ständen anläßlich ihres Parteftages Veranstaltungen und Festlich⸗ keiten unter freiem Himmel nicht zugelassen werden könnten. Sie lehnte die Beachtung dieser Verordnung ab und drohte der Staats- gewalt Gewalt entgegenzusetzen. Damit hat die Nationalsozia⸗ listische Arbeiterpartei den gesetzmäßigen Boden verlassen und der verfassungsmäßigen Regierung den Kampf angesagt. Um jede Störung von Ruhe und Ordnung, von welcher Seite sie auch hat die bayerische Staats⸗ regierung beschlossen, den Ausnahmezustand zu verhängen. Sie erwartet von allen Staatsbürgern die genaueste Beachtung der bestehenden Gesetze und der ergehenden Anordnungen.
Die Lage sehr ernst. Der Innen minister als Generalkomissar.
Wie weit es die bayerische Regierung trotz aller Warnungen mit den Nationalsozialisten hat kommen lassen, ersieht man am besten davaus, daß der bayerische Innenminister Schweyer jetzt selbst zu⸗ geben muß, daß Hitler dem Münchener Polizei⸗Präsidenten der ihm Kenntnis gab von der Verhängung des Belagerungszustandes und von dem Verbot jeder Versammlung und Kundgebung unter freiem Himmel, erklärte, daß er sich diesem Beschluß unter keinen Umstän⸗ den fügen werde. Die Welle des Nationalismus werden über das Land gehen und binnen zwei Stunden werde die Regierung erledigt sein. Eine gütliche Verständigung mit dem Innenminister lehnte Hitler ab, vielmehr schickte er seine beiden Stoßtruppenführer Amann und Klintzsch, den Begünstigern der Erzbergermörder, um den Innen⸗ minister zur Rede zu stellen und ihm in heftiger Tonart zu erklären: „Wir Nationalsozialisten wollen überhaupt keine Einheitsfront.“
Wie ernst die bayerische Regierung die innenpolitische Lage im Augenblick wertet, ersieht man daraus, daß sie nicht nur den Belage⸗ rungsgustand anordnete, sondern den Junenminister zugleich auch zum General-Kommissar ernannt hat, auf den die gesamte vollziehende Gewalt übergegangen ist. Er selbst und ebenso der Polizeipräsident bon München und Nürnberg und die Regierungspräsidenten können gegebenenfalls die Hilfe der Wehrmacht anfordern. Die persönliche Freiheit wird stark beschränkt, ebenso die Preßfreiheit, das Vereins- und Versammlungsrecht, das Brief-, Post-, Telegraphen⸗ und Fern⸗ sprechgeheimnis. Haussuchungen und Beschlagnahmungen können vorgenommen, die Schutzhaft verhängt werden.
Die Mobilmachun der Hitlergarden im N.eiche.
Aus durchaus zuverlässiger Quelle erfahren wir. Hamburger Mitglieder der nationalsozjalistischen Gruppe wie in anderen Städten am 25. Januar Marschbesehl nach Miinchen erhalten haben. Die Leute haben Fahrkarten und ein Reisegeld von 16000 Mk. pro Mann bekommen. In Hamburg sollte von der Reichsbahn verwaltung ein Sonderzug für 1000 Personen gestellt werben, diesem Verlangen konnte aber wegen Waglenmangel nicht entsprochen werden Die Leute der Hamburger Expedition wurden also auf die einzelnen Personenzüge verlellt. In Hannover sollen ebenfalls 1500 Mann in Marsch gesetzt sein. Die Nachricht von der Alarmierung der Natonalsozlalisten wird auch von anderer Seite in Hamburg als richtig bestätigt.
daß die ebenso
Bis 31. Januar eine ½ Milliarde Gold zu zahlen.
Die Reparations kommission erklärte in ihrer gestrigen Sitzung Deutschland als allgemeiner Ver⸗ fehlung(de tlaut general) schuldig und lehnte darum das deutsche Moratoriumsgesuch ab. Für diese Entschließung stimmten die französischen, bel⸗ gischen und italienischen Vertreter, während die englischen sich der Stimme enthielten. Die Kom⸗ mission entschied dahin, daß nunmehr das Schema des Londoner Abkommens vom Jahre 1921 wie⸗ der in Kraft trete und an die deutsche Regierung die Mitteilung zu richten ist, daß sie am 31. Januar eine halbe Milliarde Goldmark zu zahlen habe.
Alle noch so feierlichen Feststellungen über die deutschen Verfehlungen können die unumstößliche Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß das deutsche Volk unter dem ver⸗ nichtenden Drucke eines überwahnsinnig gewordenen Mili ⸗ tarismus und Imperialismus längst schon zahlungsunfähig geworden ist und es bleiben wird, wenn Europa sich nicht von den Fesseln der Millerand⸗Poincaréschen Tollheits⸗ politik endlich freimacht. Sollte jetzt, nachdem die Ent⸗ scheidung der Reparationskommission gefallen ist, Englands Stunde gekommen sein? Nach dem sogenannten Friedens- vertrage ist der Beschluß der Repko den beteiligten Re⸗ gierungen mitzuteilen, die ihrerseits zu beschließen haben, welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Damit muß England aus seiner Reserve heraus und in die Diskussion der Deutschlandfrage eintreten. Was wird England tun? An seiner Haltung hängt nunmehr zum letzten Male das Schick⸗ sal Deutschlands und Europas. Wir in Deutschland können nichts anderes tun, als das Gewissen der Welt und die Solidarität der englischen und internationalen Arbeiter ⸗ schaft aufzurufen, im übrigen aber abzuwarten, ob Rettung oder Chaos kommt. Ein drittes gibt es nicht mehr.
Das Schreckensregiment im besetzten Deutschland. Deutsches Volksopfer.
In einem feierlichen Aufruf wenden sich der Reichs. präsident zusammen mit der Reichsregierung und der Länderregierungen an die deutschen Volksgenossen, es solle ein Volksopfer für die Durchführung des uns vom fran⸗ zösischen Imperalismus aufgewungenen wirtschaftlichen Abwehrkampfes gespendet werden. Ebonso wirbt ein Aufruf der wirtschaftlichen Spitzenorganisationen(Arbeitnehmer und Unternehmer) für Notsammlungen. U. a. haben unter- zeichnet der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund, Afa und Allgemeiner Deutscher Beamtenbund.— Den Warnern vor einem angeblich drohenden„Burgfrieden“ nach dem Muster der Augusttage von 1914 sei nur ein Satz entgegen gehalten: Hilfsgemeinschaft in der höchsten Not ist noch lange keine Gesinnungsgemeinschaft. Wenn unsere gewerkschaft⸗ lichen Organisationen sich mit den deutschen Unternehmer- verbänden zur Unterstützung der Opfer des imperialistischen Großkapitalismus Frankreichs zusammenschließen, so werden sie darüber trotzdem nicht vergessen, daß auch die deutschen Kapitalisten stets ihre Klassengegner bleiben.
Immer neue Verhaftungen u. nusweisungen
Das Schreckensregiment der Besatzungsgewalthaber gegen die Beamtenschaft wird immer schlimmer. Aus Essen, Düsseldorf, Aachen, Trier, Boppard, Wiesbaden, Ems und anderen Orten werden fast stündlich neue Gewaltmaß⸗ nahmen gemeldet.
In Duisburg wurde der leitende Redakteur des sozial⸗ demokratischen„Volksblattes von den Belgiern nach langem Verhör ohne Angabe von Gründen verhaftet und in das Ge⸗ fängnis abgeführt.
Der Mainzer Oberbürgermeister ausgewiesen
In Mainz wurden, wie bereits gemeldet, wegen der Kund⸗ gebungen aus Anlaß der Kriegsgerichtsverhandlungen der Polfzei⸗ direttor Frohmann und der Poligzeikammissar Enders ausgewiesen. Ausgewiesen wurde auch der Obersorstrat Kutsch.
Oberbürgermeister Dr. Külb wurde nachträglich wegen der Kundgebungen, die im Anschluß an den Prozeß gegen die Zechen besitzer erfolgten, von der Besatzungsbehörde ebenfalls ausgewiesen.


