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Heisungen, Kriegsgerichtsanklagen,
Redaktion: Gießen Bahnhofstraße 23 dtrusprecher 20s.
erhessi Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 19
Gießen, Mittwoch, den 24. Januar 1923
18. Jahrgang
Arbeiter und Nuhrbesetzung
Als die Vorstände der Sozialdemokratischen Partei und der großen gewerkschaftlichen Verbände Ende voriger Woche
hre gemeinsame Beratung hielten, um für das Verhalten Ler deutschen Arbeiterbewegung gegenüber dem Gewaltstreich
ver französischen Regierung klare Richtlinien aufzustellen, ehlte ihnen noch die Kenntnis von den Verhaftungen, Aus⸗ über die wir berichtet saben. Spontan sind als Antwort auf die Verhaftung niger höherer Beamten der staatlichen Gruben Protest⸗ treiks ausgebrochen, der Gesamtbetriebsrat hat die Forde⸗
ung nach Freilassung der widerrechtlich Verschleppten, nach Entfernung der Soldateska von den Zechen, nach Aufhebung er vorgenommenen Beschlagnahmen gestellt und sich für
en Fall der Nichterfüllung ernste„weitere Schritte“ vor⸗
chalten.
Diese Vorgänge zeigen, daß die Vorständekonferenz der
Zartei, des Gewerkschaftsbundes und der Afa die notwendige ntwicklung der Dinge im Ruhrrevier klar vorausgesehen
at. Die von ihr aufgestellten Richtlinien erweisen sich als urch die Tatsachen selbst vorgezeichnet. Wir nehmen an, daß es sich bei den vorgenommenen
berhaftungen um Beamte gehandelt hat, die mit der Ar⸗
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eiterschaft in gutem Einverständnis standen. ö
On entscheidender Bedeutung sind. echt Recht bleiben!
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1 derbündete im Ruhrrevier schlossene Gegner gefunden. f
9 i kan sich vielleicht doch hüten wird, nachdem sie nun einmal
Aber wäre as nicht der Foll gewesen, so hätten die Arbeiter eben auch icht anders handeln können. Man stelle sich vor, die Ver- safteten wären ganz üble Scharfmacher gewesen und die Erbeiter hätten gerade im schärfsten Konflikt mit ihnen ge⸗ handen, als ihre widerrechtliche Festnahme erfolgte. Auch 5 hätten die Arbeiter gar nicht anders handeln können,
ls sie gehandelt haben. Ob es Staatsbergwerke oder
0 serivatbergwerke sind, gegen die sich die Gewalttaten
ob die ver- ten Brandschatzungen das Geld der Armen oder der zeichen treffen, ob die Männer, die wegen ihres Wider- 1 gegen unrechtmäßige Gewalt ins Gefängnis ge⸗ hleppt werden, sich als Freunde oder als Gegner der Ar— Eiterbewegung betätigt haben— gleichviel! Der Sinn der Erkeiter für Recht und Menschenwürde erkennt instinktiv, daß all diese Fragen in diesem Augenblick nicht Deswegen muß doch
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Wir würden beinahe wünschen, es hätte sich bei den 0 erhafteten, für die die Arbeiter so mutig eingesprungen nd, wirklich um offene Gegner der Arbeiterbewegung ge— ö ndelt, die Haltung der Arbeiter würde dann nur in einem vsto helleren Licht erscheinen und ihr Ansehen bei Freund und Feind könnte dadurch nur wachsen.
1 Die Urheber des Anschlags auf das Ruhrrevier hatten hofft, die Arbeiter für sich gewinnen zu können. Sie ubten, ihnen einreden zu können, sie kämen als ihre 15 eunde, ja sie glaubten, die Arbeiter würden nicht nur mit Teilnahmslosigkeit, sondern sogar mit einer gewissen chadenfreude zusehen, wie das Zechenkapital durch den nilitärischen Einbruch in Bedrängnis gerate. Sie haben ch getäuscht. Herr Poincars hat für seine schamlose Tat gesucht, er hat nur ent⸗
Wir zweifeln gar nicht daran, daß die geradezu 1 bhrachtvolle Haltung unserer Kameraden im 9 uhrrevier vom gesamten internationalen Proletariat und darüber hinaus von allen rechtlich denkenden Menschen der Welt mit den stärksten Sympathien begrüßt werden sürd. Aber Sympathien allein genügen nicht, die prole—
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kerischen Kämpfer für Recht und Weltfrieden bedürfen werk—
sttiger Unterstützung.
ö Ob diese Unterstützung in Form eines französisch— te lgischen Solidaritätsstreiks erfolgen kann, dollen wir dahingestellt sein lassen. Wir verkennen nicht die
biganisatorisch⸗technischen Schwierigkeiten und die psycho— lagischen Hemmungen, die sich einem solchen Beginnen in
ein Weg stellen Aber der Kampf ums Recht wird Opfer ten, und das Weltgewissen wird sich nicht dabei beruhigen nnen, daß das arme Reich, wie selbstverständlich, seine licht gegenüber diesen Opfern erfüllen wird. Es geht, bier nicht bloß um die materielle Frage, jedes Scherflein,
1 aus der Jerne kommt wirkt wie ein Rettungsball in
Seenot, wie Tat zur rechten Zeit, als moraltsche Er⸗
mutigung.
„Nicht minder groß ist aber die Pflicht der deut-
hen Arbeiter in dem noch unbesetzten Gebiet gegen—
iber ihren kämpfenden Kameraden. Ihre Be— düngnis ist die gleiche, ja vielleicht werden sie die wirt—
Faftlichen Auswirkungen der von Frankreich geplanten
f Johlensperre noch schärfer zu spüren bekommen als die Aameraden im Ruhrrevier, die zur Verzweiflung zu treiben
Die Einheitsfront der Gewerlkschaften.
Solidarität der Arbeiter gegen die französischen Bajonette.
An die deutschen Brüder im Ruhrgebiet!
Die unterzeichneten Vorstände der Gewerkschaften Deutschlands erklären ihr volles Einverständnis mit den Abwehrmaßnahmen der bedrängten Arbeiter, Angestellten und Beamten in den besetzten Gebieten.
Wir billigen ausdrücklich auch die von den Bergarbeiter⸗ verbänden aufgestellten Forderungen, insbesondere nach sofortiger Freigabe der Bergwerke und Zurückziehung der französisch⸗belgischen Soldaten von den Arbeitsstätten und nach Freigabe der völkerrechtswidrig verhafteten Werk— leitungen und Beamten.
Wir fordern die gesamte Arbeitnehmerschaft auf, an diesen Forderungen festzuhalten und nicht nachzulassen in ihrem Widerstand gegen jeden störenden Eingriff der feind⸗ lichen Militärmassen in das deutsche Wirtschaftsgetriebe.
Im Namen aller Arbeiter, Angestellten und Beamten im ganzen Reich und— so glauben wir— mit Zustimmung des ganzen deutschen Volkes sichern wir den deutschen Brüdern im Ruhrgebiet in ihrem gefahrvollen Kampfe nach⸗ haltigste Unterstützung zu.
Berlin, 22. Januar 1923.
Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund. Allgemeiner Freier Angestelltenbund.
Deutscher Gewerkschaftsbund. Gewerkschaftsring deutscher Arbeiter-, Angestellten⸗ und Beamtenverbände.
Allgemeiner Deutscher Beamtenbund.
Deutscher Beamtenbund.
Gegen den französischen und deutschen
Nationalismus.
Eine gut besuchte Konferenz von Vertretern der freien Gewerkschaften von Rheinland und Westfalen nahm zur Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen in folgender Weise Stellung:
„Die freien Gewerkschaften lehnen anläßlich der Ruhr⸗ besetzung nicht nur jegliche Beteiligung an chauvinistischen und nationalistischen Bestrebungen ab, sondern verurteilen solche Bestrebungen auf das entschiedenste. Ebenso ent⸗ schieden lehnen sie alles Bebeswerben der französischen Be— satzungsbehörden ab, weil ihre Anwesenheit im Ruhrgebiet nichts anderes ist als Vertrags⸗ und Rechtsbruch. Dieser Vertragsbruch ist die Auswirkung des französischen Im⸗ perialismus mit dem Ziel, das Proletariat und die Indu⸗ strie im Ruhrgebiet unter die Herrschaft des französischen Kapitalismus zu bringen.
Die Arbeiter, Angestellten und Beamten nehmen den Kampf gegen den französtzken Imperialismus auf. In diesem Kampf wollen sie nicht hinter anderen Kreisen in der Verteidigung der Interessen des deutschen Volkes zurück⸗ stehen. Bei dieser Stellungnahme ist entscheidend, daß der Kampf geführt wird für die Erhaltung der deutschen Repu— blik und um ihre freiheitliche Ausgestaltung.
die Zähne gezeigt haben. Für uns alle, nicht nur für die Ruhrbergleute, ist es Zeit, sich der Worte zu erinnern, die August Bebel auf dem Vorteitag in Jena im Jahre 1905 gesprochen her.
Und schließlich gibt es auch einen Pisskt, wo man nicht mehr nach dem Schaden fragen darf. Schiller sagi:„Nichts⸗ würdig ist die Nation, die nicht ihr alles setzt an ihre Ehre.“ Ja, nichtswürdig, erbärmlich ist aber auch die Arbeiterklasse, die sich wie Hundsfötter behandeln ließe, die ihren Be— drängern nicht die Spitze zu bieten wagte.
Wir wollen auch in diesem Augenblick nicht vergessen, daß sich Bebels Worte damals gegen jene deutsche Herrenkaste wandten, die den Arbeitern ihre Staatsbürger⸗ rechte verweigerte. Wir wollen nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, daß heute in Deutschland viele nach dem Recht rufen, die sich nach Gewalt die Kehlen heiser schrien, als sie noch glaubten, das Spiel der Gewalt werde zu ihren Gunsten ausfallen. Nein, das wollen wir nicht vergessen, aber was folgt daraus? Daß nicht sie, sondern wir dazu berufen sind, diesen Kampf ums Recht zu führen und daß wir verlangen müssen, bei der Wahl der Methoden in diesem notwendigen und gerechten Kampf gehört zu wer— den. Daher die als Ergebnis der Konferenz hier ausge— sprochene Forderung,„daß die Regierung schon im Vor— beratungsstodium über alle Maßnahmen die Mein ung der Arbeitervertreter sowohl aus den zentralen Körperschaften wie insbesondere aus dem Ruhrrevier ein— holt“.
Die Führung dieses Kampfes wird den Spitzenorgani⸗ sationen übertragen. Die Arbeiterschaft wird aufgefordert, nur den Parolen der Organisationen Folge zu leisten und sich über alle Einzelheiten des Kampfes mit der Spitze zu verständigen.“
Sie werden sich täuschen.
Die französischen Militaristen, die von ber Psyche des deut⸗ schen gewerkschaftlich organisterten Arbeiters keine Ahnung haben, verfallen auf die plumpesten Mittel, um ihre„friedliche wirtschaft⸗ liche Aktion“, die sie mit Wefffengewalt im Ruhrgebiet durchzu⸗ 1 suchen, zum Erfolge zu führen. Wie sehr sie dabei den eutschen Arbeiter verkennen, ersieht man aus einer Anweisung des französischen Generalkommandos in Mainz, nach der alle aus dem Ruhrgebiet kommenden Personen, insbesondere aber die Ar⸗ beiter, über folgende Fragen ausgeforscht werden sollen:
„Mann haben Sie das Ruhrgebiet verlassen? Gehsren Sie einer Gewerkschaft an und weicher? Was denkt die Gewerkschast zu tun, wenn das Ruhrgebiet besetzt wird? Werden die Arbeiter hierauf fürtiken Wi beißt Ihr Gewerkschaftsführer und wo wohnt er? Wieviel Mitglieder zählt Ihre Gewerkschaft? Welcher politischen Partei gehören(Sie an? Wieviel Arbeiter sind in Ihrem Schacht beschäftigt gewesen? Wieviel Ingenieure und Be⸗ triebsleiter? Haben die Ingenieure und Leiter Ihnen anempfoh⸗ len, daß Sie eine gewisse Faltung beim Einmarsch der Franzosen einnehmen sollen? Wie heißen diese Führer Haben Sie bemerkt, daß sich Leute, die der Org esch angehören, unter die Arbeiter ge⸗ mischt haben? Haben sie den Arbestern angeraten, den Fran⸗ zosen Widerstand zu leisten? Wie heißen diese Leute, sind sie aus Ihrer Gegend? Können Ste geheime Waffenlager angeben und wp sind diese?“
Inzwischen haben die in das Ruhrgebiet eingezogenen fran⸗ zösischen Generäle und wohs auch die Herren des Generalkom⸗ mandos in Mainz einsehert müssen, daß der deutsche Arbeiter nicht mit sich umspringen läßt, wie sie es sich in ihrem militäri⸗ schen Hirn ausgemalt haben. Und mit dem Mainzer Spionage⸗ Versuch werden sie ebensorvenig Erfolg haben wie mit ihrer Peitsche⸗ und Zuckerbrod⸗Politik, die sie im Ruhrgebiet selbst je nach der persönlichen Einstellung des einzelnen Säbelraßlers an⸗ zuwenden belieben.
Entschiedener Widerstand.
In Duisburg und Hamm fanden am Sonntag zwei große Konferenzen der Vertrauensleute der V. S. P. D. statt. In diesen Konferenzen wurde zu der Besetzung des Ruhrgebietes Stellung genommen. Die Versammlungen sprachen sich einhellig scharf gegen die Besetzung aus. In beiden Versammlungen wurde erklärt, daß der Kampf gegen diesen Rechtsbruch auch von der sozialdemokratischen Arbeiterschaft in der erttschiedensten Weise zu führen sei.
Die Transportarbeiter und Binnenschiffer des Duis⸗ burger Hafens haben am Sonntag beschlossen, Kohlentrans⸗ porte für die Entente nicht durchzuführen, d. h. die Trans⸗ portarbeiter lehnen es ab, Kohlenkähne, die die Franzosen und Belgier für sich beanspruchen, zu beladen und die Binnenschiffer verweigern, derartige Kohlenkähne zu fahren.
Eine Konferenz der Rheinmaschinisten, die am Sonntag in Salzig stattfand, hat einstimmig beschlossen, der fremden Waffengewalt Gewerkschaftsmacht entgegenzusetzen und die Kohlenschiffahrt auf dem Rhein sofort stillzulegen. Der Hauptvorstand des Verbandes der Maschinisten und Heizer
N FCC Behels Worte gelten auch gegen fremde Bedränger, die mit bewaffneter Gewalt in friedliches Land eindringen, wehrlose Menschen töten oder ihrer Freihest berauben, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit,
Koblitionsrecht vernichten und den Arbeitern zemuten, unter den Bajonetten unwürdige Sklaven⸗
arbeit zu verrichten. Darum gilt es jetzt,„alles zu tun, um die Abwehr des gewalttätigen französisch-belgischen Ein⸗ marsches durch zweckdienliche Maßnahmen zu unterstützen und alles zu unterlassen, was geeignet ist, die Abwehr zu stören und die Pläne des französischen Imperialismus zum Erfolg zu führes“.
Die Vorständekonferenz, an der die Spitzen der politi- schen und der gewerkschaftlichen Arbeiter- und Angestellten⸗ verbände teilnahmen, fordert in der gegenwärtigen gefahr⸗ drohenden Lage„ein geschlossenes Zusammen⸗ gehen der gesamten Archeiterbewegung“. Wir
brauchen nicht den„Burgfriedend mit der Reaktion, der im
Gegenteil die Fortsetzung des schärfsten Kampfes ange— kündigt wird, aber wir brauchen die brüderliche Verständi⸗ gung, die Wahrung der taktischen Geschlossenheit in der Ar- beiterbewegung, den Burgfrieden unter Prole⸗ tariern! Wahren wir ihn und tun wir unsere Pflicht gegen den fremden Unterdrücker, desto stärker werden wir sein, wenn es den Kampf um das Recht und die soziale Stellung der Arbeiterklasse im Innern zu führen gilt! Die deutsche Arbeiterbewegung steht vor einer welt⸗ geschichtlichen Probe ihrer politischen Reife. Sie wird sie, des sind wir gewiß, in Ehren bestehen!
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