Ausgabe 
23.1.1923
 
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Bahnhofstraße 23 Jerusprecher 2008.

Set Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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Nr. 18

Gießen, Dienstag, den 23. Januar 1923

18. Jahrgang

Kampf ums Leben.

Die Mark ist in ihrem Werte auf ein Sechstausendstel ihres Vorkriegsstandes gesunken. Der gewaltsame Ein- marsch der Franzosen in das Ruhrgebiet hat der deutschen Währung einen gewaltigen Stoß versetzt. Sprunghaft schnellen die Preise empor, und die Not des Volkes wächst. Mehr als je wirft sich jetzt die Frage auf, ob die ungeheuren Opfer, die jetzt aus der Ruhrbesetzung für das gesamte ar⸗ beitende Volk erwachsen, überhaupt erträglich sind. Hat es doch von Anfang an nicht an Zweiflern gefehlt, die glaubten, daß die Außenpolitik der Regierung andere Wege suchen und gehen müßte, um das allen gemeinsame Ziel, die möglichst baldige Befreiung des gegen alle Völkerrecht besetzten Ruhr⸗ gebietes, möglichst bald herbeizuführen. Und dennoch, der Kampf, der im Ruhrgebiet begonnen, muß durchgefochten werden. f Das Ruhrgebiet ist das Herz der deutschen Wirtschaft. Nach den schweren Nackenhieben, die Deutschland durch die Gebietsabtretungen in Ost und West, durch seinen Verlust gewaltiger Kohlen- und Erzlager, durch die Enteignung wichtiger Auslandsverbindungen, durch die Entziehung f seiner Handelsflotte erlitten hat, blieb das Land an der Ruhr zurück, die letzte große Kraftwelle der deutschen Volkswirt⸗ schaft, ohne die das Räderwerk unseres Wirtschaftsgetriebes zum Stillstand kommen muß. Für die Versorgung der ver⸗ 5 arbeitenden Industrie des westlichen Deutschlands ist nicht mur die westfälische Steinkohle, sondern auch das innerhalb des Ruhrgebietes und in seinen Randbezirken hergestellte Eisen unentbehrlich und infolge der Valutateuerung doppelt unersetzlich. Nicht anders ist es mit den anderen wichtigen Produktionsgebieten. Gedacht sei hier der gewaltig ver⸗ breiteten chemischen Industrie, die sich mehr und mehr an die Kohlengewinnung anlehnt. Nicht zu vergessen ist auch die Textilindustrie, die jetzt zu einem großen Teil innerhalb der Besatzungszone, und zwar der alten und der neuen, liegt. Solange zwischen Deutschland und dem besetzten Gebiet ein ungehemmter oder doch nur wenig eingeschränkter Verkehr Hesteht, mögen die Wirkungen dieser Gruppierung der deut- schen Produktionszentren wenig spürbar sein. Es steht aber 10 leider mehr zu befürchten. 9 Man weiß, daß in Frankreich annexionistische, also 9 mperialistische und ökonomische Gründe sich zu dem neuesten SGewaltstreich paarten. Frankreich will, so sagt es, Kohle 1 nd Geld. Beides konnte es bis zur äußersten Anspannung einer Leistungsfähigkeit von Deutschland auch ohne Ge⸗ waltakt haben. Aber Frankreich will mehr. Es will . a. deutsches Gebiet, aus dem es vorläufig Einnahmen herausholen kann und über dessen endgültiges Schicksal viel. f eicht spätere Jahre zu entscheiden haben werden. Es ist lar, daß vor der ganzen Welt Frankreich Recht behalten muß. f wenn es ihm gelingt, aus dem Ruhrgebiet eine große Ein⸗ 1 nahmequelle zu machen. Leicht wird es nicht sein, aber man wird zweifellos den Versuch zu einem solchen Beweise unter⸗ nehmen und wird dabei kaum vor Gewaltmitteln zurück⸗ 4 schrecken. Gegen diese Gewalt müssen wir uns mit allen Mitteln, die gegen das Volksinteresse nicht verstoßen, wehren. 1 Wir wünschen und fordern, daß die Reichsregierung jede eee ausnutzt, um zu Verhandlungen über die Lösung

ber Ruhrkrise zu kommen. Bis dahin aber scheint noch ein ö iter Weg zu sein. Vor uns steht der unausbleibliche 1 Fampf um das Ruhrgebiet, von dem wir als Gegner des grieges nur wünschen konnen, daß er auf das ökonomische und diplomatische Feld beschränkt bleibt. Wir wissen uns g arin eins mit der internationalen Arbeiterschaft. Ihre 1 Saltung war besonders in den an der Operation beteiligten 1 Ländern über alles Lob erhaben. Nie feierte die mannhafte Solidarität der Unterdrückten aller Sprachen solche 9 Triumphe wie jetzt. Aber ihr Widerstand richtete sich gegen den Gewaltakt, gegen die widerrechtliche Annexion der Ruhr.

Die Erfüllung ihres Protestes ist unser Kampfziel., Es auf-

b eben heißt schließlich der Internationale in den Rücken Der Kampf wird nicht leicht sein. Sollte er sich bis zu hem Höhepunkt entwickeln, so ist die Bevölkerung des be⸗ Arbeitslosigkeit, diejenige des unbesetzten von Valutaelend, Teuerung Beschäftigungsmangel, bedroht. Aber der Kampf unter der Besetzung leidenden Volksgenossen in der Not, die ie noch schwerer trifft als uns, in jeder Beziehung zu unter⸗ Lonfliktes in einer Verständigung zwischen der deutschen und sranzösischen Montanindustrie gipfelt, sollte uns vorläufig keerfehlt, zu glauben, daß nur die Kapitalisten bei diesem

Hallen. Tiste Gebietes von Verkehrsstockungen, Lebensmittelnot, muß ausgefochten werden, und wir haben die Pflicht, die ftützen. Auch die Annahme, daß die endgültige Lösung des ton dem Kampf gegen die Gewalt nicht abhalten. Es wäre bampf gewinnen können. Die Arbeiterschaft hat mit dem

Eine Grenze hat Tyrannenmacht.

Massenverhaftungen. Der deutsche Widerstand.

Die Zechenvertreter vor das Kriegsgerichtl

Die auf Samstag vormittag vor die französische Be⸗ satzungsbhörde in Bredeney geladenen Zechenvertreter Fri tz Thyssen, Generaldrektor Tengelmann von den Esse⸗ ner Steinkohlenbergwerken, Generaldirektor Wüstenhöfer vom Essener Bergwerksverein König Wilhelm, Generaldirek⸗ tor Kersten von der Bergwerksgesellschaft Dahlbusch, Direk⸗ tor Spindler von den Stinnes⸗Zechen und Bergassessor Olfe von den Mannesmann⸗Zechen wurden nach kurzer Ver⸗ handlung für verhaftet erklärt und nach Mainz abtrans⸗ portiert, nachdem man sie vorher wie gemeine Verbrecher photographiert hatte. In Mainz wurden sie vom Güter⸗ bahnhof aus unter militärischer Bewachung bei aufgepflanz⸗ tem Bajonett in Lastautos im Militärgefängnis unterge⸗ bracht. Am Dienstag werden sie wegenUngehorsam gegen die Besatzungsbefehle vor dem Kriegsgericht abgeurteilt wer⸗ den, weil sie nur den Anordnungen des Reichskommissars und der deutschen Behörden Folge zu leisten bereit sind. Der Reichskanzler hat den Verhafteten Danktelegramme geschickt.

Der Sohn für den Vater.

Sohn des verhafteten Gene raldirektors Wüstenhöfer hat Mainz begeben, um das dortige Besatzungskommando zu ersuchen, seinen alten und kränklichen Vater aus der Haft zu entlassen und dafür ihn selbst inhaftieren zu wollen. Unter den Verhafteten besinden sich Männer von 60 bis 65 Jahren, zum Teil mit Herzleiden behaftet.

Auch Reichs⸗ und Staatsbeamte verhaftet.

Nach dem Düsseldorser Präsidenten des Landesfinanzamtes sind auch verschiedene Zollbeamte verhaftet worden, so der Zoll⸗ beamte Bernard und der Zollamtmann Plate in Dortmund. Sie wurden von den Franzosen unter den unwürdigen Verhältnissen verhaftet und mit aufgepflanztem Bajonett in das Dortmunder Gefängnis in Einzelhaft gebracht. Veiden wurde bei der Ver⸗ haftung alles abgenommen: Wäsche, Geld und Nauchzeug. Beide Herren sind über 60 Jahre alt und man fürchtet für ihre Gesund⸗ heit. Der Grund ihrer Verhaftung ist, daß sie sich infolge der von Berlin ergangenen Anordnung weigerten, dem Besehl der Franzosen nachzukommen. Die Franzasen beschlagnahmten darauf die gesamten Einnahmen des Hauptzollamtes.

Der Leiter der Zweigstelle Speyer(Landesfinanzamt Würz⸗ burg), Regierungsdirektor Morgens wurde von den Franzosen ebenfalls verhaftet, da er den Anordnungen des Reichsfinanz⸗ ministeriums pflichtgemäß Folge 5 75 Die Verhaftung des 63⸗ jährigen Beamten stellt einen besonderen Akt der Roheit dar.

Der Reichsban direktor in Ludwigshafen wurde verhaftet, weil er den Auftrag der Franzosen das Konto Zölle zu streichen, ablehnte. 5

Verhaftet wurden ferner der Präsident der Reichseisen bahndirektion Essen, Herr Jahn, der Oberbaurat Purch von der Reichsbahndirektion Essen, der Telegraphendirektor von

Dortmund und der Präsident der dortigen Oberpostdirektion.

Ausweisungen.

Der zeitweilige Stellvertreter des vor einigen Monaten von den Franzosen abgesetzten Regierungspräsidenten, Herr Oberregierungsrat v. Redern wurde aus dem besetzten Ge biet ausgewiesen. Er wurde von der französischen Be satzungsbehörde befragt, ob er einen vom preußischen Land wirtschaftsminister eingetroffenen Befehl an die Forstver waltung des Regierungsbezirkes, nur von der eigenen Re gierung Anordnungen entgegenzunehmen, an seine Unter gebenen weiterleiten werde. Diese Frage wurde selbstver ständsich bejaht. Auf eine nochmalige Anfrage der gleichen französischen Stelle erklärte Herr v. Redern, daß die Weiter⸗ leitung an die Forstverwaltung inzwischen erfolgt sei. Darauf wurde ihm eröffnet, er sei auf Befehl der Interalliierten

Der sich nach dringend

Rheinlandkommission ausgewiesen und habe Wiesbaden innerhalb zwei Stunden zu verlassen. Die Familie des Regierungsrats v. Redern erhielt gleichfalls den Aus

weisungsbefehl, doch wurde ihraus besonderer Rücksicht nahme eine Frist von vier Tagen eingeräumt.

Ferner teilt das Reichsfinanzministerium mit: Der Präsident des Landesfinanzamtes Köln Haebling v. Lanzen auer, der im Alter von 62 Jahren steht, wurde auf Befehl der Interalltierten Rheinlandkommission mit sofortiger

Verlust des Produktionsgebietes, dessen Arbeit ihr über⸗ haupt erst die Möglichkeit zu produktiver Tätigkeit gibt, un⸗ endlich viel zu verlieren.

Aus diesen Gründen ergibt sich für uns, daß eine andere Politik als die bisher im Ruhrgebiet von deutscher Seite bisher verfolgte, in Anbetracht der Verhaltnisse nicht denk bar war. Das Bild kann sich ändern. Aber solange das Endziel, die Befreiung des Ruhrgebietes, nicht erreicht ist, wird das ganze Volk mit letzter Kraft darauf hinarbeiten müssen. Die Arbeiterschaft kann dabei nicht abseits stehen! Es ist der Kampf ums Leben.

Wirkung ausgewiesen. Seine Familie erhielt gleichfalls den Befehl, das besetzte Gebiet innerhalb vier Tagen zu verlassen. Auch der Oberförster von Xanten wurde ausgewiesen.

Immer neue Terrorakte.

Am Sonntag waren die Vorsteher der Finanzämter des Landesfinanzamtes Düsseldorf im Landesfinanzamt zu einer wichtigen Besprechung über Steuersachen versammelt. Dabei drangen französische Gendarmen in das Gebäude ein und hielten die Beamten Stunden fest.

Die Erschießung des Krankenpflegers Kowalfki

Ueber die Erschießung des Krankenpflegers Kowalski durch einen französischen Pasten in Langendreer werden noch folgende Einzelheiten gemeldet: Der Erschossene war längere Zeit in einer Wirtschaft gewesen und hatte ziemlich stark dem Alkohol zugesprochen. Er befand sich auf dem Heimwege in einer stillen und gut beleuchteten Straße, die am Amtsgericht vorbeiführt, als er von einem dort stehenden französischen Posten angerufen wurde. In seinem ange⸗ trunkenen Zustande achtete Kowalski, der vollständig unbewaffnet war, aber nicht auf den Anruf, worauf ihn der Posten sofort niederschoß. DerBürgermeister von Langendreer hat wegen des Vorsalles bei dem französischen Befehlshaber Vorstellungen erhoben, worauf dieser erwiderte, der Posten habe mur nach seinen Instruk⸗ tionen gehandelt. Als der Bürgermeister unter Hinweis auf die näheren Umstände des Vorfalles sich weiter beschwerte, hatte der französische Kommandant nur noch ein Achselzucken.

Die Abwehr. Proteststreik der Arbeiter. Die Eisenbahner des neubesetzten Gebietes sind am Sonntag in einen 24stündigen Proteststreik eingetreten. Auch der Personenverkehr ruhte am Sonntag vollständig.

Aus Dortmund wird der Fr. Ztg. gemeldet: Die Er⸗ regung der Eisenbahner über die Eingriffe des französischen Militärs in den Eisenbahnverkehr und die Verhaftung der leitenden Beamten der Eisenbahndirektion Essen hat hier zur Arbeitseinstellung des gesamten Eisenbahnpersonals ge⸗ führt. Die Dortmunder Bahnhöfe sind geschlossen. Der Hauptbahnhof ist von französischen Truppen besetzt worden. Die Franzosen versuchten vergeblich, das Eisenbahnpersonal zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen durch die Er⸗ klärung, bei der Verhaftung des Präsidenten Jahn habe es sich nur um ein Versehen gehandelt. Die Besatzungsbehörde hat im Hauptbahnhof Plakate mit dieser Erklärung an⸗

schlagen lassen.

3 Sie geben klein bei.

Am Sonntag mittag haben die Franzosen versucht, mit ihrem Personal einen Zug abzulassen. Man weiß aber nicht, wie weit dieser Zug gekommen ist. Auf dem Bahnhof Dortmund⸗Siid ver⸗ langten die Eisenbahner die Zurückziehung der Wache und die Frei⸗ lassung des Vorstehers. Diesem Verlangen haben die Franzosen entsprochen, sodaß auf dem Bahnhof von Dortmund⸗Süd heute früh die Züge wieder fahren werden. Auf dem Hauptbahnhof ist die Lage unverändert.

Ein Ultimatum der Ruhrbergleute. Die Bergarbeiterverbände veröffentlichen folgende Er⸗

klärung:

In den letzten Wochen ist das Ruhrrevser von starken fran⸗ zösisch⸗belgischen Verbänden mit Panzerautomobilen⸗ Kanonen. Maschinengewehren und sonstiger Militärausrüstung kriegsmäßig überzogen worden. Die militärische Besatzungsbehörde hat bereits gewaltsam in den Gana des Wirtschaftsleben eingegriffen. Die Kohlenbergwerke wurden zum Teil beschlagnahmt und mit Truppen besetzt. Es wurde eine Anzahl Werksleiter und Beamte verhaftet. Die Sicherheit für das Leben der Bevölkerung wird auf das Aerßerste gefährdet. Es sind bereits friedliebende Bürger erschossen worden. 8

Wir protestjeren deshalb ganz eneraisch 1. gegen den wider⸗ rechtlichen Einmarsch der französisch⸗belgischen Truppen in das Ruhrrevier, 2. gegen jeden Eingriff betriebsfremder Elemente in den Vergwerksbetrieb und die Verwaltung, 3. gegen die militärische Besetzung der Bergwerke und die Unterbringung von militärischen Kommandos auf den Zechen, 4. gegen die Verhaftung von Werke⸗ leitern und Beamte, 5. gegen die Erschießung von friedliebenden Bürgern. 5.

Um die Ruhe und Ordnung im Ruhrgebiet wieder herzu⸗ tellen, fordern wir: 5 g g Sofortige Freigabe der Bergwerke und Zurückzzehung

der Soldaten von den Zechen,

2. Freilassung der Werksleiter und Beamte,

3. Sicherheit für Leben und Eigentum der friedlichen Be⸗ völkerung,

4. Zursckziehung der Wohn- und Arbeitsgebiet.

Wir erwarten, daß die Besatzungsbehörde den berechtigten Forderungen Folge leistet. Werden unsere Mahnungen nicht ge⸗ hört, dann ist an eine geregelte Kohlenförderung nicht zu denken. Störungen des Wirtschaftslebens werden dann unvermeidbar. Die friedliche Bevölkerung des Ruhrgebiets lehnt es ganz entschieden ab, unter den Bafjonetten fremdländischer Soldaten zu arbeiten.

Truppen aus unserem friedlichen

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