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21.6.1923
 
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Nr. 139 9

Gießen, Donnerstag, den 21. Juni 1923

18. Jahrgang 5

Die Frage, um die jetzt am heftigsten i ird, i die der Löhne in Verbindung 15 5 1 e N heute noch steht die öffentliche Meinung sehr stark unter dem Einfluß des Märchens von denhohen Arbeiterlöhnen. Be⸗ sonders der versinkende Mittelstand glaubt sich von den Arbeitern im Verein mit den Kapitalisten ausgebeutet, ein ö Zustand, der ihm unerträglich zu sein scheint. Eine solche Ansicht muß ihre psychologischen Voraussetzungen haben. Die sind gegeben in der Ehrfurcht vor dem Geldsack, in den gesell. schaftlichen und politischen Anschauungen, die zu Hause und in der Schule gepredigt wurden, und in der feindseligen Einstellung zur Arbeiterschaft überhaupt. In keinem Lande der Welt stehen die sog. Mittelklassen der Arbeiterschaft mit so kalter, unversöhnlicher Gehassigkeit gegenüber wie in Deutschland. In keinem Lande wird die Arbeiterschaft so 0 wenig gekannt wie bei uns. Diese Einstellung wird natür⸗ lich von Interessenten mit allen Mitteln ausgenützt, politisch ö sowohl wie wirtschaftlich. Der Mittelstand ist durch die wahnsinnigen Preissteigerungen aufgerieben worden. Eine gefällige Geschäftspresse aber lenkt ihn ab von seinen Aus⸗ N beutern und hetzt ihn gegen den Arbeiter. Die hohen Preise

sollen eine Folge derhohen Löhne sein.

Ein wahrer Hexensabbat von Hetzereien und Lüge ist die Behandlung der Lohnfrage durch weite Kreise und die ihnen gefügige Presse. Während es noch Unter⸗ nehmer gibt, wie Krämer, Dr. Guggenheimer u. a., die wenigstens zugeben, daß die Entlohnung der deutschen Arbeiter sich gegen den Friedensstand und im Verhältnis zu den Löhnen des Auslandes verschlechtert habe, wollen die Serren Syndizi und die sonstigen literarischen Bedienten des Unternehmertums nichts davon wissen. Jede Nummer der Deutschen Arbeitgeberzeitung ist ein Konglomerat bewußter Fälschungen. Mit allen Mitteln soll der Oeffentlichkeit ein⸗ 1 geredet werden, daß die Löhne durchaus der Vorkriegszeit entsprächen, dagegen die Leistungen der Arbeiter zurückge⸗ 8 ö gangen seien. Kürzlich haben Herr Dr. Tänzler und Dr. I Neißinger, zwei führende Unternehmersyndizi, im Berliner I agedblatt bezw. im Arbeitgeber wieder die Rechtfertigung der Unternehmer in einer Weise versucht, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. 4 Die Landwirtschaft hat für ihre Preispolitik schlechter⸗ Die Industrie aber verkriecht

dings keine Entschuldigung.. 0

sich hinter der Behauptung, daß sie auf diese Preis⸗ und Lohnpolitik angewiesen sei, weil sie sonst die Konkurrenz fähigkeit auf dem Weltmarktverlieren würde. Die Entwicklung der industriellen Preispolitik hat Dr. Kuc⸗ ns einmal so geschildert: e

riellen verkaufen im Aus lan

0 dne er immer noch unter Weltmarkt⸗

0 4 1. Unsere Industriellen jagen mit den In⸗

2. Etkappe. . hinter dem Weltmarktpreise ber, so

15 sie selbst bei Forderung von Inlandpreisen im Ausland ge⸗ legent ö den. ö Auer Industriellen ü berschreiten d le Veltmarktpreise so sehr, daß Auslandsware bei uns bi i landsware.

* 5 7 85 Industriellen ver kaufen im Aus⸗ land billiger als im Inland. 1 Die Erreichung der 4. Etappe bedeutet für eine ganze Anzahl von Warengruppen Welkm an 115 i 0 15 5 Ueberweltmarktpreise 155 1 1 1 bergehend unter den Weltmarktpreis kann aren⸗ r durch einen außerordentlichen Marksturz e werden. An solchen Markstürzen hat das Kapital Interesse aus vielen Gründen, von denen wir als die hauptsächlichsten ansehen: 9 0 5

0 1. Das Sinken der zahlre n len befindlichen e evisen und 10 wi ndert.. 4 ö er stelattee Waere 10 5 und Händler wir kerze Wee der adden, un das ute

ve in bei den Größe ren. 15 ö re 1 117 7 0 Kontrolle durch Staat fentlichkeit hört fast gan 90 f 5 5 Pie 12 1 111 55 1 0 bessere Aussichten und wird e inden fast völlig.

4 ten verschwinde 2 Die i sozialpolittsche Zwecke sind 5 8 3 1 und gewerblichen Schul 3 i Kosten der kleinen Sparer von ihren 5 utangelegten

den Händen unserer Kapi⸗ der Bewertung der

10. Die Transport- und eine Reihe sonstiger Unkosten sinken rapide. 11. Der Anteil der Löhne an den Produktionskosten geht

stark zurück.

12. Die Unternehmer gewinnen an politischer Macht gegenüber dem Staat und der Arbeiterklasse.

Gegen die nachteiligen Folgen hat man sich geschützt durch Kalkulation und Preisbildung in Gold mark. Nur Steuern, Transportkosten, Löhne und seine Schulden zahlt man in Papiermark. Trotzdem behaup⸗ tet man, wegen derzu großen Unkosten in der Konkurrenz- fähigkeit auf dem Weltmarkt gedrückt zu sein und möchte Ueberweltmarktpreise für den inländischen Markt und eine weitere Senkung der Lohne. Dort aber, wo die Konkurrenz- fähigkeit bedroht ist, liegt eine Folge der Währungs- und Preispolitik der deutschen Industrie vor. Die Produktions⸗ technik ist nach dem übereinstimmenden Urteil auch aller bürgerlichen Wirtschaftspolitiker völlig verludert. Der Mangel an Konkurrenz und das überstarke Händlertum haben ein übriges getan. Der Schleier der Valutagewinne vermag nicht mehr die Tatsache zu verdecken, daß nicht nur die deutsche Landwirtschaft, sondern auch die deutsche In⸗ dustrie völlig extensiv wirtschaften. Die extensive Wirtschaft und die daraus resultierende Konkurrenzfähigkeit ist eine Schuld des Unternehmertums. Wenn etwas geändert wer⸗ den soll, dann hier in erster Linie.

Die niedrigen Löhne aber, wie sie heute gezahlt werden, sind nicht eine Erleichterung, sondern der Ruin der deutschen Wirtschaft. Unsere Arbeits⸗ kraft, der wertvollste Sachwert, wird hier auf das sinnloseste verpulvert. Die Statistik weift eine außerordentliche Steigerung der Arbeitsleistung auf. Aber der jähe Absturz ist gewiß, weil heute der Arbeiter für den Verkauf der Ware Arbeitskraft täglich weniger erhält, als er zu ihrer Wiederbeschaffung braucht. Die gesteigerte Leistung beruhte bisher auf gewissen pfychischen Voraus⸗ setzungen. Man hat diesen Voravssetzungen nicht die nötigen materiellen Unterlagen gegeben, hat diese im Gegenteil weiter und weiter verkleinert und steuert jetzt in die Kata strophe der Produktion und mit ihr in den sozialen und politischen Zusammenbruch hinein. Daran kann kein Hitler und kein Maschinengewehr der Partei der dummen Jungen etwas ändern.

In Heft 30/31 des Wiederaufbau gibt Dr. Guggen⸗ heimer, ein führender Mann aus dem Lager der Unter⸗ nehmer, als Beispiel für die Rolle der Löhne und Gehälter bei der Beurteilung der Frage der Exportfähigkeit eine Gegenüberstellung der Selbstkosten eines Dieselmotors im Johre 1914 und zu Anfang dieses Jahres. Im Jahre 1914 kam für Material in Betracht 30 Proz., für Arbeitslohn 20 Proz., Unkostenzuschlag 50 Proz.; 1923 für Material 60 Proz., für Arbeitslohn 9 Proz. und Unkostenzuschlag 31 Proz. Auf die gesteigerten Materialkosten ist also die angebliche Notwendigkeit der Senkung der Löhne nicht zu schieben, sondern in erster Linie auf die Abschreibungen und Uebergewinne. Gerade dort, wo einheimisches Material verarbeitet wird, sind nämlich die Materialkosten noch un⸗ endlich viel größer, weil der Produzentenwucher noch brutaler ist, so in der Holzindustrie, wo der Materialpreis in Goldmark etwa das Dreifache des Friedenspreises be⸗ trägt. Die Eisen⸗, Mehl⸗ und Aluminiumpreise lassen seit mehr als einem halben Jahr die Weltmarktpreise weit hinter sich. Dabei wird z. B. das Rohaluminium unter Weltmarkt⸗ preis eingekauft. Nach einer Aufstellung des Verbandes sozialer Baubetriebe verteilten sich 1914 die Kosten für die Herstellung einer Kleinwohnung zu 54 Proz. auf die Bau⸗ stoffe, zu 46 Proz. auf die übrigen Aufwendungen. Heute ist das Verhältnis 74 Proz. zu 26 Proz.

Mit dem Sinken des Anteils der Löhne an den ge⸗ samten Produktionskosten sinkt der Reallohn und die Lebenshaltung. Im März veröffentlichte die englische Westminster Gazette einen Vergleich der Kaufkraft englischer und deutscher Angestelltengehälter:

Er arbeiteten, um zu bekommen:

ein deutscher ein englischer

Angestellter Angestellter

1 Pfund Margarine 5 Stunden 20 Minuten CCC 30 Minuten 10 Minuten 1 Stunde 20 Minuten

1 Pfund Feinzucker 1 Pfund Rindfleisch. 4,20 Stunden 1,15 Stunden 1 Stück Seife. 45 Minuten 12 Minuten

Das war vor den Wochen der letzten großen Wäh⸗

as papierne Lohn⸗ und Steuerchaos

einer Weise berelendet, wie ihr Gros es wohl selbst vor wenigen Monaten gar nicht für möglich gehalten hätte. Vor diesen Tatsachen verblaßt die schwache Hilfe der Brotverbilligung und der Wohnungswirtschaft.. Zu diesem Elend kommt noch das chaotische Durch⸗ einander der Löhne und Gehälter. Spannungen sind zwischen den einzelnen Arbeiterkategorien vorhanden, ja herrschen auch in derselben zirken, daß für einfachere Gemüter nur noch eine rein ge⸗ fühlsmäßige Einstellung dazu übrig bleibt. Die dauernden Lohnkämpfe, Aenderungen, Verschleppungen, Nachzahlun⸗ gen, Vorschüsse usw., die Ueberdifferenzierung der Beamten⸗ gehalter und Soziallöhne haben in weiten Kreisen Gefühle erzeugt, die sich zuerst in dumpfem Fatalismus äußerten und jetzt in das ebenso gefährliche Gegenteil umzuschlagen drohen. f Das Deutsche Reich segelt seinem Untergang entgegen, wenn es sich noch weiter mit Papier abspeisen läßt und das Kapital Geld akkumuliert. Hand in Hand geht damit die soziale Katastrophe. Nach der mißglückten Stabilisierung der Währung ist die Hebung der Kaufkraft des Einkommens der breiten Massen durch wertbeständige Löhne der letzte Versuch zur Rettung vor dem sozialen Zusammenbruch. Viel Zeit ist nicht mehr, und die Entwicklung scheint auf eine Lösung zu drängen, von deren Folgen wir uns vielleicht nie mehr erholen können.

Dieser Lohn ist kein Friedenslohn, sondern ein wert⸗

wendige Wertbeständigkeit fich auf die Dauer durch die Be⸗ nutzung eines Valuta⸗ oder Preisindex halten ließe. Inder⸗ lohne sind nicht widerstandsfähig genug gegen Wirtschafts⸗ krisen. Für eine Regelung der Lohnverhältnisse durch ein Indexsystem ist es in Deutschland überdies bereits zu spät geworden. Wir kennen das österreichische Beispiel..

Bei jeder Lohnform ist der Kampf um die Erhöhung und Haltung des Reallohns, d. h. wenigstens des Grund⸗ lohns, unvermeidlich. Bei den heutigen Verhältnissen, die

Papier mark abspeisen, besteht gar nicht die Möglich- keit, zu einem richtigen Kampf zu kommen, weil den Kämpfern der Boden unter den Füßen weggleitet. Jeder Tag bringt weitere Verelendung, weitere Vernichtung unserer Produktionskraft, weitere Aushöhlung des repu⸗ blikanischen Staats. Jeder Tag bringt aber auch die fort⸗ schreitende Einschränkung des Funktionsbereichs der Papier⸗

keinem Gebiete tragbar. Auch nicht auf dem rein wirtschaft⸗ lichen, weil er Arbeitskraft und Kaufkraft in gleicher Weise ruiniert. 5 600

Ob wir eine überstürzte und ökonomisch und sozial schmerzliche Einführung der allgemeinen Goldrechnung be⸗ kommen oder ob wir vorerst wertbeständige Einkommen auf

Goldzollaufgeldes mit Heranziehung von Indixes erringen, hängt auf das stärkste von der Art der Lösung der Repa⸗ rationsfrage ab. Nur glauben wir nicht, daß der Staat auch nur noch die objektiven Möglichkeiten zur Er⸗ haltung der Papiermark als des inneren Wertmessers hat. Als äußerer Wertmesser kann und wird wohl auch die Papiermark weiterbestehen, wenn sie ein anderes inneres Verhältnis zum Golde gefunden hat. Es scheint uns darum falsch zu sein, die Stabilisierung als das Gegenteil der Goldrechnung zu empfehlen. Jede richtige Stabilisierung ist in ihrer Konsequenz die Einführung einer Goldrechnung. Diese Goldrechnung bedeutet nicht den Abschied von der Reichsmark, sondern die Schaffung eines neuen Gold. punktes zum Zwecke der Erhaltung der Mark. Sie ist nicht eine private Währung, führt. sondern bedeutet die Errichtung einer widerstands⸗ fähigen staatlichen Währung auf der Grundlage der Gold- steuern.

Das wertbeständige Einkommen der Arbeiter, Ange⸗ stellten und Beamten wird grundsätzlich etwa so viel unter dem der Friedenszeit liegen, als die Güter; erzeugung hinter der der Vorkriegszeit zurücksteht. Die Zahlung wertbeständiger Löhne Verkehrstarife und Steuern wird aber die Verlotterung der Wirtschaft be⸗ seitigen und die Formen des wirtschaftlichen Konkurrenz- kampfes herbeiführen, die zur Produktionssteigerung, zur

rungsstürze und Elendswellen. Seit dieser Zeit ist die

pruch enommenen und g s un 1 245 s kre 1 te können mit entwerteter

ark zurückgezahlt werden. i

deutsche Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenschaft in

gesunden Preisbildung und damit zur Erhöhung der Löhne führen. 8

.

Ferusprecher 2008.

Branche und denselben Be-

beständiges Einkommen. Wir glauben nicht, daß diese not⸗

dem einen Goldgewinne geben, während sie den andern mit

mark. Die einseitige Goldrechnung ist auf die Dauer auf

der Grundlage eines staatlich fixierten Maßstabes wie des 5

die zur Zerstörung der staatlichen

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