Ausgabe 
19.6.1923
 
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ö. ung fassungsmäßige G. f itigt. auf der die Länder den e e 1 5 ben ung ihrer Bahnen an das Reich geschlossen haben. Bayern wird also binnen kurzem so verlangt es diese Denkschrift die Loslösung seines ehemaligen Staatsbahn⸗ etzes aus dem Verband der Reichseisenbahn beantragen. damit wird ein neues Kapitel innerpolitischen Kampfes be⸗ nnen, und das just in dieser vielleicht schwersten Schicksals⸗ unde des Deutschen Reiches. Man kann sich des Eindrucks icht erwehren, und zwar trotz des vielfachen patriotischen Anstriches der Denkschrift, daß den heutigen maßgebenden herischen Politikern das eine Interesse weit über ihre

Interessen am Schicksal des Reiches geht, nämlich das Inter⸗

esse, so schnell als möglich die volle staatliche S ändig⸗ beit Bayerns wieder zu erlangen. ee eee

Deutscher Reichstag.

Berlin, 16. Juni. Im Reichstag waren am Samstag nicht weniger 105 drei Plätze mit Blumen geschmückt. Der Deutschnationale Dietrich und der Zentrumsabgeordnete Herold gehörten an dtesem Tage 25 Jahre dem Reichsparlament an und der kommu⸗ 5 sche Abgeordnete Hel le in war aus französischer Haft aus Paris zurückgekehrt. Prästdent Löbe hielt allen dreien eine Glück⸗ wunschansprache und gab unter dem Beifall des Hauses dem 5 sche Ausdruck, daß bald alle von den Franzosen festgehaltenen 1 tschen wieder in die Freiheit zurückkehren mögen. Debatte⸗ les wurde dann ein Antrag aller Parteien auf Einrichtung einer Neeichsbeschaffungs⸗ und Vertetlungsstelle und ein durch die Geld⸗ entwertung bedingtes Steueränderungsgesetz ange⸗ nommen. 5 Anschließend wurde die zweite Beratung des Gesetzentwurfs

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zur 1 Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 3 esetzt. Genosse Dr. Grotjahn trat für den Vertrieb 755 ängnisverhütender Mittel ein, die auch gleichzeitig zur Ver

hütung von Geschlechts krankheiten dienen. Gegenüber einem An⸗

ttag der bayerischen Volkspartei, der die Prostitution allgemein f verbieten und bestrafen will, erklärte Genossin Dr. Schreiber⸗ Krieger, daß damit der Polizeiwillkür Tür und Tor geöffnet werde. Nur Erziehung könne das Uebel aus der Welt schafsen. Der Antrag wurde schließlich nach längerer Aussprache abgelehnt, wobei das Zentrum geteilt stimmte. Der Rest der Gesetzentwürfe

5 in zweiter Lesung verabschiedet. Der Abgeordnete Kahl

kündigt an, daß die Deutsche Volkspartei für die ͤritte Lesung des esetzes namentliche Abstimmung über das Verbot der Behand⸗ ng durch Naturheilkunde und namentliche Schlußabstimmung be⸗ antragen werde, wodurch jeder einzelne Abgeordnete, da auch kein Fraktionszwang geübt werden wird, zu diesem umkämpften Gesetz seinen Standpunkt frei vertreten kann. Darauf folgte die zweite Beratung des Heimarbeiter⸗ lohngesetzes, das Arbeitsminister Brauns begründet. In dieser Vorlage ist die Einrichtung von Lohnämtern zur Festsetzung für Heimarbeiterlöhne vorgesehen. Wie dringend mor⸗ wendig eine Hilfe auf diesem Gebiet ist, unterstrich die deutsch⸗ nationale Berichterstatterin, die hervorhob, daß die Heimarbeiter⸗ innen noch zu Pfingsten dieses Jahres für den von der Damenwelt so verehrtenJumper 650 Mk. bekamen, was für die Arbeits⸗ 5 Jane 25 Mk. ausmacht. Die Vorlage wurde in zweiter und

dritter Beratung endgültig angenommen. Nächste Sitzung:

3 8 0 Gießen und Umgebung. eisenbahn A 5 dias Niddertal- Kraftwerk.

inf m Samstag wurde das in Lißberg errichtete Kraftwerk er⸗ 9 1 d in Vetrieb genommen. Damit ist in verhältnismäßig zolichkett ke kurzer Zeit die Bauzeit beträgt etwas mehr als Ave e vöglichte i ein Werk vollendet worden was für die Provinz Oberhessen von tt wenintr! großem Werte ist und ihrer industriellen, gewerblichen und land⸗ ssen bei der wfrbschaftlichen Tätigkeit bedentende Vorteile bringen wird. 125 Ulber das Werk haben wir schon früher Ausführungen in unserem 0 ABlatte und die Anlage näher besprochen. Aus den Reden, ee e er e der eee weder n ez * e Bedenttung zu entnehmen. Es

r Werk in der Stromversorgung

fich Zu diesem Zwecke werden die Wasser⸗ 0 Hillersbaches ausgenutzt und es ist durch 1 5 Millionen Kilowattstunden Strom 0 1 zu erzeugen. ist im Hillersbachtal e e. von dort aus wi derliche Wassermemge 1

mögli 1 Lom

n 5 1 5 Turbinen

f Minute, genau wie die mf⸗ N ade In be en sie stets gleichenSchritt 0 1 Wölfersheim Störung ein⸗ ae dere e der Lage, die ungestö te lane ce t, so ist das Lißberger Werk in au, daß dies chen g 10 n een e t fällt aber ins Ge⸗ e Abel ie teuren dtn; lige Arbeitskraft ist, die 151 b Eransporttglen 11 5 8 du N. 5 fle auch die Aulage. deren Aten ger 15 Milltonen i 70 erochnet werden, guch sehr bald e les die im Kastno der it del. Zu der Eröffwung ehrt wurde, hatten sich Staats⸗ mme mit uderuswerk in er 0 Brentano, Sande orb 11 er, eondzacsab ge bnee, die Hrovingtelfe rwe 10 1 r Vertreter der obergelsster 9 8 Weine nit un 5 1 Werke beteiligten Ingenieure, 5 5 1 5 Eisenbahndsrektion l vllt 15 Arbeiterschaft, ferner der Präsiden gen 1 rankfurt, Stapf, eingefunden. 90 4514 begrüßte die Er⸗ 2 brwvlnttah waer en opinz. Er dankte allen denen, die an 255 Nror mitgearbeitet haben. Hierbei hob

g endeten Werke mit: dem mmmehr. deh ege, 0 Geib Trotz Ungunst

Weber es

Errichtung eines der⸗ Errichtung der Zeit vorher viel

0 serkes in die Wege. ö ah ren

75 e Werk durchgeführt ie ee bebt wurde. 364 elende stritten und dem ae 5 ebe rlandzentrale 5 be wl 15 5 g be 177 des Schlites, der 500 werden würden.

n noch die 217 D aserwerk mit versorgt lich im Nahmen 1 von. 12durchzuführen ist nur 0 i de Unternehmu der eshstverwaltung und in einem uz lichkeit

58 er Verbände der Sr Verbänden Bewegungsmöglichkei

die Gesetzgebung diesen

Die Gießener

Staatspräsihent Ulrich dankte für die freundlichen Worke des Vorredners und beglückwünschte ihn und die Provinz zu der

gekeistetew Arbeft. Im einer Zeit wie die heutige bedeutet ein Werk wie dieses den Beweis dafür, daß wir wieder vorwärts kommen. Manchmal hade es trübe genng ausgesehen; er sreue sich, daß es soweit gepackt worden ist. Wir machn jetzt eine befondere Epoche ber Selbstverwaltung ditrch. Es darf kenten, Still sband geben! Wir haben die Verpflichtung, unseren Nachkommen zu eigen, daß wir vorausschauend in der Sorge für die Allgemein⸗ beit wirkten. Dieses Werk zeigt, daß der Geist vorwärts schreilet. Dabei ist die Gleichberechtigung der Arbefterklasse von großer Bedeutung. Hier handelt es sich um die Lösung des Problems, die Kohlen, die einmal zu Eade gehen werden, zu ersetzen. Die Vollendung des Werkes beweist, daß wir auf dem Wege zu besseren Verhöltnissen find. Beide Ansprachen wurden mzit lebhaftem Beisall aufgenommen.

Baurat Lorenz Friedberg, einer der Leiter des Werkes, wies auf das Schillerwort hin:Wohltätig ist des Feuers Macht. In diesem Wort se die Bedeutung des Feuers gekennzeichnet.

Hier handelt es sich un Ersatz des Feuers. In Hassen haben wir

nicht so große Wasserkräste wie in der Schweiz, auch nicht so be⸗ 1 Niedrschlagsmengen. immerhin sind sie für Hessen erheb⸗ lich. Zeichnungen. Die Leitung des Baues hatte Direktor v. Stadler. Kulturinspektor Strasser bat die Aufgabe der Absteckung des Tunnels glänzend gelöst. Am 11. November 1920 wurde das Werk in Auftrag gegeben. am 16. März 1921 erfolgte der erste Spatenstich. In reichlich zwei Jahren Bauzeit ist das Werk nun vollendet, vor dessen Uebergabe wir stehen. Mit Stolz blicken wir auf das Erstlingswerk in Hessen. Glücklicherweise kamen Unfälle nicht vor; ein Arbeiter starb an andern Ursachen. Redner hebt die Tätigkeit und Ausdauer der Arbeiterschaft lobend hervor. Möge des Wassers Kraft mithelsen, Gesundheit zu schaffen, uns zu heilen von der Versailler Krankheit. Direktor Stadler

von der Ueberlandansage Friebberg ergänzte die Ausführungen

des Vorredners. 1912 fing Oberhessen das Kraftwerk Wölsers⸗ heim an, das jetzt 1000 Kilometer Leitung umfaßt. Die größte Entfernung der versorgben Orte beträgt 100 Kilometer. Für die weiteren Entfernungen beträgt die Spannung 20 000 Volt, für die kürzeren 5000 Volt. Angeschlossen sind jetzt 346 Gemeinden, 450 Transformatoven⸗Stationen fund eingerschtet. 20 Mi onen Kilowattstunden wurden im letzten Jahrg abgesetzt. Die Turbinen des Werkes leisten sede 1000 Pferdestärken, sie sind mit den Wölfersheimer Maschinem parallel geschaltet.

Die Versammelten begaben sich hierauf nach dem Hillersbach⸗ tal zur Besich sigung des Stauweihers, dann des Wasserschlosses, worauf man sich ans Werk begab. Hier übergab Baurat Lorenz dem Provinzialdirektor den Schlüssel, der nochmals allen Mit⸗ arbeitern dankt und den Schlüssel dem Direktor Stadler übergibt. Dieser versprach, das Werk in getreuliche Obhut zu nehmen. Er öfsnete hierauf das Tor. Stagtspräsident Ulrich trat ein mit den Worten:Möge in Erfüllung gehen, was wir alle wünschen! Nach Besichtigung der Anlage wurden die Turbinen in Betrieb

gesetzt und bald ertönte das bekannte Summen der Regene ratoren.

Bes dem gemeinsamen Mitlagessen in Hirzenhain ergriff wiederum Provingialdirektor Dr. Matthias das Wort, um nochmals allen zu danken. die mitgearbeitet haben. Viele fimamzielle Schwierigkeiten waren zu überwinden, wobei Baurat Wolff tat⸗ Frästig mithalf. Was fetzt von öffentlicher Hand errichtet wird, erregt den Neid der Gegner. Er rühmt die Berdienste des Lamd⸗ sorstmeisters Weber an dem Zustandekommen des Werkes, dem ein Album überreicht wurde. Weitere Reden folgten, in denen viel Gutes und Richtiges gesagt wurde. Es sprachen u. a. noch: Minister v. Brentano. Abg. Brauer, Präsident Stapf, Bergbat Grötler, Direktor Schö per won der A. E. G

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Landesforstmeister Weber, zum Schluß Staatspräfident Ulrich, der die Zuversicht auf die Zukunft der Arbeit und den wahren Fortschritt zum Ausdruck brachte. 5

Gerichtsurteile in der hessischen Volkskammer. 1

Gben ist in unserer Zeitung eine Artikelserie zu Ende geführt worden, die sich mit der ungenügenden und irreführenden Bericht⸗ erstattung des Gießener Anzeigers befaßte über Vorkommnisse, die jeden Gießener interessieren müssen, und schon wieder drängt sich dasselbe Thema auf. g 0

Für gewöhnlich gebärdet sich bekanntlich der Lokalpatriotismus des Generanzeigers für Oberhessen fuchsteufelswild. Wenn in Hessen oder in Deutschland oder gar draußen in Amerika der Name Gießen nur irgendwo ahlstaucht, sofort öffnet der Anzeiger liebe⸗ voll seine Spalten zum Nachdruck. Nun gar, wenn es sich um etwas Wichtiges handelt. Da gibt es gleich vier Fortsetzungen, wie über den Darmstädter schulpolitschen Prozeß zugunsten des reaktionären Gießener Schuldirektors und zu ungunsten des demokratischen Gieße⸗ ner Studienrats. Auch derHolitische Beleidigungsprozeß Lenz⸗ Vetters wurde ja mit eigens erfundener Ueberschrift eingehend vor dem Leser ausgebreitet bis in das letzte Eingesandt des anti⸗ semitischen Rechtsanwalts. Aber seltsam, höchst seltsam: plötzlich setzt wieder die bekanntePapiernot ein. Der sozialdemokratische Abgeordnete Rechtsanwalt Sturmfels hat füngft in einer Landtags⸗ sitzung in Darmstadt die Gießener Gerichtsurteile ausführlich be⸗ handelt. Wir haben seine Darlegungen unseren Lesern mitgeteilt (Nr. 135). Was erfuhren aber die Leser des Gießener Anzeigers hiervon? Ebensoviel wie über den PunktRathenaufeier der Darmstädter Gerichtsverhandlung im Verhöre des bekannten Schul⸗ direktors und Schützlings des Prof. Schian und des Anzeigers, nämlich nichts, rein gar nichts. Doch halt, wir wollen streng bei der Wahrheit bleiben. Was in der Rede von Sturmfels nach dem Bericht des Anzeigers fehlt, deutet der gleiche Bericht am Schlusse der Rede des Deutschnationalen Dr. Werner an:Der Redner führt im weiteren eine Reihe Spezialfälle an, wie die Fälle Vetters,

Schmahl usw. Also ganz versteckt und harmlos werden die zwei

Namen genannt, bei denen der Leser nicht sofort wissen kann(natür⸗ lich auch nicht wissen soll!), um was es sich handelt. Schmahl? Also wohl Landgerichtsrat Schmahl. Aber was hat der Mann ver⸗ brochen? Nur wenige Eingeweihte wissen, daß hier das 3 Mark⸗ Urteil des Schöffengerichts, dem Herr Schmahl präsidiert hat, ge⸗ meint ist. Und beiVetters ist auch nicht ohne weiteres klar, daß hier an das 100 000 Mark⸗Urteil zu denken ist.

Aber noch ein anderer Satz in der Rede Werners hat dem Anzeiger so gut gefallen, daß er ihn wiedergibt:Ehrverletzungen sollten in ganz anderer Weise bestraft werden, dann wird auch der Ton in der Presse anders werden. Ja, dafür sind wir auch, wenn es sich um wirkliche Ehrverletzungen handelt, wie z. B. im Falle MichelHessische Landeszeitung. Aber die Auffassung der Richter deckt sich oft nicht mit der des simplen Laienverstandes, wie just im Fall Lenz⸗Vetters. Gerichtsverhandlungen der letzten Zeit haben auch gezeigt, daß rechtsstehende Politiker der Meinung sind, daß ihre Ehre ein besonderes Gut sei, das den besonderen Schutz der Gerichte verlange. Nebenbei gesagt: Prof. Dr. Ferdinand Werner klagt über den Ton der Presse. O weh! Und der Justizminister bemerkt in einer späteren Sitzung, der Gießener Amtsgerichtsdirektor(also Schmahl) sei in dem 3 Mark⸗Urteil von seinen Schöffen überstimmt worden! Was muß nicht also so ein armer Schöffengerichtsvorsitzen⸗ der schließlich auf seine Kappe nehmen, sogar eine Urteilsbegrün⸗ dung, in der u. a. dem angeklagten Ohrfeigen⸗Austeiler der Schutz des§ 193 Str. G. B. zugebilligt wurde, weil er in Wahrung allge⸗ meiner vaterländischer Interessen gehandelt habe, und worin be⸗ dauert wurde, daß das Gericht nach dem Gesetz überhaupt zu einer Verurteilung kommen mußte. Das alles haben demnach eigentlich die überstimmenden Schöffen auf ihren Gewissen? Freilich der politische Parteifreund des Herrn Amtsgerichtsdirektors, Dr. Werner, scheint nun wieder dem Urteil inhaltlich zuzustimmen, wenn er unserem, Genossen Sturmfels, als dieser von einerkrassen Roheit sprach,

Redner erklärt im weiteren die Anlage an der Hand von

richterliche Urteile vor der Vertretung des hessischen Volkes als

b Kirchen erhebliche Umbauten vornehmen, sogar kostspielige

Zeit von 7 Uhr vormittags erfolgen.

losenunterstützung.

die mit lächerlicher Milde behandelt worden sei, zurief: Daß Deutschlandlied ist Nationalhymne! g

Der Justigminister hat weiterhin zugegeben, daß die Strafe von 3 Mark zu der von 100 000 Mk. im Prozeß Vetters in keinem Ver⸗ hältnis steht. Diesen Satz bringt auch der Gieß. Anz., aber nur ihn allein. Er kann sich nicht dazu aufschwingen, die Beurtetlung, die die Gießener Rechtsprechung aus dem Munde dez höchsten hessischen Justizbeamten erfahren hat, in ihrer Vollständigkeit wiederzugeben. Der Justizminister hat nämlich schon im Beginn seiner Rede zuge⸗ geben, daßim allgemeinen fachlich kritistert worden sei, und er hat weiter das außerordentlich wichtige Zugeständnls gemacht, daß in dem großen JustizressortUnterlassungen, Menschlichkeiten und Fehler vorkommen. Da nun die Kritik hauptsächlich von Genossen Sturmfels geübt worden war und sich gerade ö beiden Gießener Urteile stützte, unter Beibringung des gesamten Materials, so müssen wir daraus schließen, daß der Justizminister dieses Zugeständnis gerade aus diesen Urteilen herleitete. Er hat also im Grunde die Beurteilung, die wir in unserer Zeitung ge⸗ geben hatten, sich zu eigen gemacht. Das wird uch durch den wei⸗ teren Satz seiner Rede bestätigt:Bei den Urteilen in Gießen ist es freilich schwer, ganz ruhig zu bleiben. Dieser Satz wird den Lesern des Gieß. Anz. natürlich völlig unterschlagen. 0

Die Verurteilung durch den Justizminister aber denn nicht mehr und nicht weniger enthalten seine Worte fällt umso schwerer ins Gewicht, weil sie nicht etwa von einem sozialdemokratischen Minister ausgesprochen wurde, sondern von einem Manne, der auf der rechten Seite des Zentrums steht. Wer Herrn v. Brentano kennt, kann ihm nachfüßlen, daß es ihm nicht leicht gewesen ist,

Fehlurteile zu bezeichnen! 1 0 5 Wir stellen also fest, daß in diesem Falle der Gieß. Anz. wieder 0 einmal der Gelegenheit, der Wahrheit eine Gasse zu bereiten, aus dem Wege gegangen ist. Seine Leser erfahren von der Behandlung der fast berühmt gewordenen Gießener Gerichtsurteile in der Kam⸗ mer sozusagen nichts, und das war wohl der tiefere Grund der plötzlichen Raumnot! f

Ein berechtigter Antrag.

Der hessische Staat hat der katholischen wie der evan⸗ gelischen Kirche in Hessen zinslose Vorschüsse gewährt, wo⸗ durch diese beiden Kirchen recht bedeutende Vorteile ge⸗ nießen, während die übrigen Religionsgemeinschaften ohne diese Hilfe sind und ihrer Betätigung so erhebliche Grenzen gezogen sind, daß sie z. T. ihren Predigern nicht mehr das Existenzminimum gewähren können. Die sozialdemokrati⸗ sche Fraktion im hessischen Landtag hat jetzt beantragt, diese 1 zinsfreien Vorschüsse nicht zu gewähren und hierzu folgende Begründung gegeben:Das Hessische Finanzministerium zahlt nach einer im Finanzausschuß gemachten Mitteilung an die beiden Religionsgemeinschaften jetzt monatlich 500 Millionen Mark. Der Staat muß für diese Kapitalien 20 Prozent Zinsen bezahlen. Er macht damit den Kirchen ein Geschenk von monatlich 100 Millionen Mark. Zu dieser

Leistung besteht für den Staat keinerlei rechtliche Ver⸗ pflichtung, bedeutet somit ein Privileg für die Kirchen,

während gleichzeitig andere kulturelle Maßnahmen mit Rück⸗ sicht auf die finanzielle Notlage des Staates zurückgestellt werden müssen. Außerdem bedeutet es eine Benachteiligung der anderen keiner Religionsgemeinschaft angehörenden Staatsbürger.

In einer Zeit, da, wie es der Augenschein lehrt, die

Innenausbauten, die sogar den Gläubigen mißfallen, vor⸗ nehmen, anderseits gber nicht einmal die Mittel aufgebracht werden können, der gräßlichen Obdachlosigkeit steuern und für biese 100 Millionen monatlich 2 Wohnungen errichtet werden können, dürfte ein solcher Antrag wohl berechtigt sein. Wenn einige Blätter darum herkommen und den Antragstellern Kirchenfeindlichkeit vorwerfen, so ist das völlig unberechtigt. Es gibt Kirchengemeinden, die große Vermögenswerte besitzen, während der Staat heute völlig verarmt ist und er kaum noch als kreditfähig erkannt wird. Die Kirche aber hat bekanntlich einen guten Magen und würde auch noch dem verarmten Staat das Letzte abnehmen, selbst wenn die Bevölkerung in elenden Wohnhöhlen ver⸗ kommt. Wenn in diesem Zusammenhang in Zentrums⸗ blättern gesagt wird,daß der Staat vor 120 Jahren der Kirche ihr Eigentum gestohlen hat, so ist das eine Art von Journalistik, die arg nach Miesbach riecht, und zu der Frage berechtigt: Wie hatte denn die Kirche dies Eigentumer⸗ worben? 0

Kein Obstverkauf durch die Kreisverwaltung mehr. Wie uns amtlich mitgeteilt wird, beschloß der Kreisausschuß auf An⸗ regung der Kreisverwaltung, den seit Jahren in der Turnhalle zu Gießen eingerichteten Obstverkauf in Zukunft einzu⸗ steklen, weil durch diese Verkäufe nie eine Senkung der allge⸗ neinen Marktpreise erreicht wurde und die ständig steigenden Erntekosten die Kreiskasse zu sehr belastet. Den Interessenten wird deshalb empfohlen, sich an den später öffentlich bekannt zu gebenden Obstversteigerungen zu beteiligen oder ihren Vedarf anderweitig einzudecken. 1

Die Teuerung in der ersten Hälste des Monats Juni. Die städ statistische Stelle berichtet: Die amtliche Teuerungszahl für 10 beträgt für den 6. Juni 506 221 gegenüber 361913 am 23. Mai un 291 804 am 9. Mai 1923. Die Teuerungszahl war somit am 6. Juni um 40 Prozent höher als am 23. Mai und um 73,5 Prozent höh als am 9. Mai 1923. Es betrug die Teuerungszahl am 6. J. gegenüber 23. Mai 1923 in: Mainz 540 237(376 607); Darmstadt 526 609(350 869); Offenbach 506 221(361913); Worms 508 148 (397 095); Gießen 506 919(358 512). 1

Einziehung der Zeitungsbezugsgelder durch die Briefträger. Die Einziehung der Zeitungsbezugsgelder von den Postbeziehern erfolgt durch die Briefträger in der Zeit vom 19. bis 21. ds. Mts. Zur Förderung des Einziehungsgeschäfts werden die Bezieher er⸗ sucht, die Beträge bereitzuhalten. Dies liegt nicht nyr im Interesse der Post, sondern auch der Bezieher selbst, denn unpünktliche Be⸗ zahlung hat Stockungen in der Lieferung der Zeitung zur Folge.

Viehmarkt in Grünberg. Am Donnerstag, 21. Juni findet in Grünberg Viehmarkt statt. Der Auftrieb darf nur in der Die Herkunft der Tiere ist durch Ursprungszeugnisse nachzuweisen.

Das Amtsverkündigungsblatt für das Kreisamt Gießen usw. vom 15. Juni enthält: Pflegegeldsätze in den Landes⸗Heil⸗ und Pflegeanstalten. Gebühren der Schornsteinfeger. Erwerbs⸗ Beschädigungen der elektrischen Ueberland⸗ anlage. Vollstveckuno von Räumungsuxteilen. Einteilung der Dionstgeschäste am Kreisveterinäramt Gießen. Viehmarkt in Grünberg. Vermißt. A, gemeiner Jugendseiertag. Kreis⸗ bücherei. Straßensperre. Ausschreiben. 1

Silberne bachzeit. Der Genosse Landtagsabgeordnete Alfred Kiel nebst dau seiern heute das Fest der silbernen Hochzeit.

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