Ausgabe 
19.5.1923
 
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0 dehnten: diesen Sahnboffraße 23 Ferußprecher Alb.

berhessische Organ für die In der Provinz Oberhessen und der

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teressen des werktätigen Volkes Nachbargebiete.

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Post begog. 3900. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M. der Rabatt gewährt Anzeigen⸗Annahme bis 6 Uhr abends. T* 82 1 Nr. 113 Gießen, Samstag, den 19. Mai 1923 18. Jahrgang 1 f 8 Kontuntg 2 5 4 a 1 35 je erste deutsche naffsonal⸗Hersammung. g 2 J 1

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Die Paulskirche.

19. Ia Das Snustem der Kongresse wird erst dann ein Uhr. wahres, wenn diejenigen, welche den Kongreß bilden,

von dem Volke zum Kongreß gewählt sind; die wahren Kongresse sind nur die Völkerkongresse, die falschen ind die Diplomatenkongresse. ö 0 0 Arnold Ruge in der Paulskirche 1848.

Kirchen sind im allgemeinen mittelalterliche Denkmäler. nn man sie besichtigt, hört man von Kaisern, Heiligen, Malern und Dichtern. Die einzige deutsche Kirche, an die ich revolutionäre Erinnerungen knüpfen, ist [die Paulskirche in Frankfurt am Main. Vor 75 Jahren ö schmückten sie und die ganze Goethestadt mächtige schwarz⸗

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kotgoldene Fahnen, Kanonen donnerten und von allen Türmen läuteten die Glocken, als die erwählten Vertreter des deutschen Volkes zur Paulskirche zogen: in ihr trat am

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en 1 8. Mai 1848 das erste deutsche Parlament zusammen, um traszön en Einheits⸗ und Freiheitsstaat zu schaffen, von dem die sesten des Volkes schon seit Jahrzehnten geträumt hatten.

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Man hatte die hervorragendsten Köpfe gewählt, mit sonderer Vorliebe naturgemäß Männer, die in der bösen eit der Reaktion für ihre politische Ueberzeugung gelitten satten. Uns wird es heute allerdings schwer, eine Ueber⸗ cht zu gewinnen, die rechte Einteilung, um dieses Bataillon render Geister zu durchmustern. Auf der außersten Rechten ab es natürlich Männer, die nach Frankfurt geschickt wur⸗ um das zu verhindern, was die andern wollten: hoch⸗

Lacken pnütige Junket, wie Lichnowsky, unbedingte Monarchisten, Erich pie Radowitz. Auf der äußersten Linken finden wir ander⸗

its bereits entschlossene Republikaner wie Arnold Ruge

Matros aug. 928 den Trierer Simon oder den Schlesier Schlöffel. Aber

mne urz aus de 0 3 Tlab 1 75 ö Fgniübrt ans begeisterungsfähigen und hochgebildeten 0 die Politik erst einzuarbeiten hatten. Wenn man ein Fbertyfinl heute beliebtes Schlagwort gebrauchen will, kann man sagen, 1 es schwerer ist, die Paulskirche horizontal(von rechts Lrosed ach links) einzuteilen als vertikal(von oben nach unten). ien Die Zusammensetzung dieses Parlaments bildet die ver⸗ schiedenen Schichten ab, in denen sich der Freiheitsgedanke 2 Cori sseit drei Jahrzehnten abgelagert hatte. Man unterscheidet Lau leichter die Altersstufen als die politischen Ziele. rl. Adels Als die deutschen Stämme Napoleon J. vertrieben und erl. a ihren Fürsten wieder zur Macht verhalfen, erwarteten sie als a elohnung für ihre Taten eine Teilnahme des Volkes an

2 Wille der Regierung. Die starre Eigensucht der Höfe und leiten Raul fu Minister verhinderte aber solche Zugeständnisse fast

überall. Die führenden deutschen Länder, Oesterreich und 1 reußen, hatten bis zum Jahre 1848 keine Verfassungen. Lo kam es, daß Männer, die schon 1813 bis 1815 an der Wodit pitze der freiheitlichen Bewegungen gestanden hatten, erst da in Menschenalter später zu Volksvertretern gewählt e wurden. Zu diesen Greisen gehörten Ernst Moritz Arndt % und der Turnvater Jahn. Zeitlich folgen auf sie die Führer, ie irgendwie an den Bewegungen beteiligt waren, die nach er französischen Julirevolution des Jahres 1830 für einige Zeit das stets rasch in die Untertänigkeit zurücksinkende beutsche Bürgertum in Gärung gebracht hatten. Es waren das namentlich gemaßregelte Professoren: die Historiker hhlmann und Gervinus, der Altertumsforscher Welcker d vor allem der Schöpfer der Germanistik(Deutschkunde), sprachgewaltige Jakob Grimm. Den Professoren gesell⸗ en sich die Dichter, die den Druck einer überaus ängstlichen

ee und engherzigen Zensur mit Empörung getragen hatten und ino fett endlich abschütteln wollten: der böhmische Dichter U

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oritz Hartmann, die Lyriker Ludwig Uhland und Anasta⸗

us Grün, der Bühnendichter Heinrich Laube. Vorkämpfer Zwang des kirchlichen

Lichtfreunde, der seit freireligiösen Gemeinden,

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r Gedankenfreiheit gegen den 7% Glaubens waren die Führer der Ul, 840 in der Bildung begriffenen Baltzer, ÜUhlich, Wislicenus, der noch beute hoch du verehrte Robert Blum und auf naturwissenschaftlicher u 1 h 77 rundlage der Gießener Karl Vogt, dessen beißende Witze ele ssehr gefürchtet waren. f f. An die Spitze der Versammlung rief man einen Mann, der die freiheitlichen Bewegungen der drei Jahrzehnte in Heinrich von Cagern. Er hatte war Burschen⸗

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Paulskirche die bedeutensten Köpfe des

Beruf und die Vollmacht zu dieser Schaffung, sie liegen in der Souveränität des Volkes. Dieses höhere Programm hat in der Paulskirche aber nur eine gedankliche Verwirklichung gefunden. Erst am 11. August 1919 trat eine Verfassung ins Leben, die im ersten Artikel betont, daß die Staatgewalt vom Volke ausgeht, also nicht von Gott und nicht von den Fürsten. Erst in Weimar wurde zur Wirklichkeit, was in Frankfurt nur ein schöner Traum war. Heute bilden die von der Paulskirche beschlossenen Grund rechte das politische Eigentum jedes einzelnen. Zur politischen Erkenntnis ist eben inzwischen die Macht getreten. 1848 war das nicht der Fall. Die Fürsten wuchsen dem Parlamente in der Paulskirche rasch wieder über den Kopf und ließen es schließlich völlig machtlos werden.

Bis zu einem gewissen Grade ist daran die Zusammen⸗ setzung des Frankfurter Parlaments schuld gewesen. So gut die begriffliche Schulung dieser führenden Geister war, so sehr fehlte ihnen die rasche Entschlußkraft, die der Parla⸗ mentarier nicht entbehren kann, wenn er wirklich etwas leisten will. Die Beschlüsse der Paulskirche hinkten be⸗ ständig hinter den Ereignissen her. Der Grund lag darin daß es bisher fast gar kein Betätigungsfeld für politische Begabungen gegeben hatte. Die glänzendste Befähigung verkümmert, wenn sie nicht beständig geübt und geschult wird, Viel eher als 1848 würden wir uns heute den schönen Luxus leisten können, unsere führenden Gelehrten, Dichter und Philosophen ins Parlament zu wählen. Wir könnten das jetzt tun, weil wir ein festes Parteiwesen haben, das neu eintretende Mitglieder sofort in seinen Bmn zieht und zu praktischer Mitarbeit zwingt. Auch heute trifft man gelegentlich Leute, die mit gelangweilter Miene ver⸗ sichern, das Parteiwesen habe sich überholt. Man brauche Männer, dievon der Parteischablone frei wären. Diese Ueberweisen muß man darauf aufmerksam machen, daß die dentschen Volfes umfaßt hat und gerade an dem Mangel parteipolitischer Schulung zugrunde gegangen ist. 5

2848 gab es überhaupt keine festen Parteien, sondern nur nebelhafte Gebilde, aus denen allmählich festere Körper wurden. Mit großem Scharfsinn und tiefem Ernst wurden in der Paulskirche grundlegende Fragen erörtert, aber die Verkammlung geriet jedesmal in Verlegenheit, wenn rasche Beschlüsse durch die sich überstürzenden Ereignisse notwendig wurden. Die Frankfurter Vertreter rechneten nicht mit wirtschaftlichen und militärischen Machtverhältnissen, sondern wollten sich vor allem belehren, dazu ihre Freunde und

schließlich sogar ihre Gegner. Sie warenIdealisten, d. h. Gedankengläubige. Daher rechneten sie mit einer Bekehrung der Fürsten zu den Idealen(Zielen) des Bürgertums. Ruge mahnte vergeblich im September 1848:Wollt ihr die Ein⸗ heit, so kann das nur eine despotische unter einem Herrn oder eine republikanische ohne alle Herren sein. Der Satz ist heute noch richtig. Die Mehrheit der Paulskirche glaubte aber, die deutschen Fürsten würden einem aus ihrer Mitte freiwillig einen Teil ihrer Rechte abtreten. 1

Weil sie in diesem Wahne befangen war, konnte die Frankfurter Versammlung kein Damm gegen die nach an⸗ fänglichem Zurückweichen rasch wieder anbrandende Woge der Reaktion sein. Sie wählte den Erzherzog Johann zum Reichsverweser, weil sie in diesem würdigen Greise eine Verkörperung des Geistes der Freiheitskriege sah. Sie wählte Friedrich Wilhelm IV. zum deutschen Kaiser, weil sie ihn zu einem zeitgemäß verjüngten Abbild des Alten Fritz zu erziehen hoffte. Aber der preußische König war äußerft befriedigt darüber, daß seine Generäle ihm Berlin zurück⸗ erobert hatten. und verspürte nicht die geringste Lust, sich mit einer Versammlung einzulassen, die ihre Gewalt dom Volke herleitete. Die Annahme der Kaiserkrone hätte die Anerkennung der von der Paulskirche geschaffenen Reichs verfassung bedeutet. Nach der Meinung Friedrich Wil⸗ helms IV. wurden Verfassungen aber nicht von Volksver⸗ tretern, sondern don Fürsten gemacht und vom Volke mit schuldiger Ehrfurcht entgegengenommen. Sollte er hier der Annehmende sein? Er empfand diese Zumutung als eine Unverschämtheit, lehnte hochmütig die Kaiserkrone ab und vernichtete damit das Werk der Paulskirche.

Ihr blieb nun nichts mehr übrig, als im Untergang⸗ Mannhaftigkeit und Würde zu zeigen. Das hat der Rest der Versammlung, der seine Sitzungen nach Stuttgart der⸗ legte, getan. Am 18. Juni 1849 fand er das Sitzungshaus militärisch besetzt. An der Spitze der Abgeordneten forderten Uhland und Wilhelm Löwe Einlaß, aber der Zug wurde von württembergischer Reiterei zersprengt. Immer⸗ hin ließ dieser passive Widerstand damals wie heute klar ins Licht treten, daß hier nur die Gewalt siegte, nicht das Recht. Es hat lange gedauert, dis die damals aufge⸗ richtete Gewaltherrschaft, deren Hauptvertreter bald Bis⸗ marck wurde, ihr Ende fand. Gestürzt aber wurde sie gerade von dem, was der Paulskirche gefehlt hatte: von organi⸗ sierten großen Parteien, die den Regierungsapparat ohne weiteres übernehmen und umgestalten konnten.

Vor einem neuen deutschen Angebot.

Französische Meinungen.

Der Pariser Temps beschäftigt sich mit dem deutschen Angebot, wie es sein muß, wenn es in Frankreich Zu⸗ stimmung finden soll. U. a. heißt es, daß Frankreich unter allen Umständen den Betrag erhalten müsse, den es zur Deckung seiner Wiederaufbaukosten brauche, d. h. 52 Proz. von den 50 Milliarden Goldmark, welche die Obligationen A. und B. des Londoner Abkommens repräsentieren. Außerdem behalte Frankreich sich dos Recht vor, sich für Beträge schadlos zu halten, die es an England und die Ver⸗ einigten Staaten zu zahlen habe. Wenn Italien und Bel⸗ gien eine ähnliche Rechnung aufstellten, dann bliebe nur noch zu wissen übrig, was England von Deutschland bean⸗ spruche und was es an den Kriegsschulden der Alliierten nachlassen wolle. In jedem Falle sei es notwendig, daß ein klares Angebot von Kapital- oder Zinszahlung erfolge und von keiner Bedingung oder Voraussetzung abhängig ge⸗ macht werden dürfe. U. a. wird dann noch gesagt, daß die Aufgabe der alliierten Gläubiger darin bestehe, die jetzt ge⸗ sicherten Pfänder festzustellen, bis die Zahlung funktioniere. Dann erst dürften die besetzten Gebiete nach Maßgabe der deutschen Leistungen geräumt werden. und erst wenn der passive Widerstand aufgegeben und die staffelweise Räumung des Ruhrgebiets von Deutschland angenommen sei, könne überhaupt erst über Verhandlungen gesprochen werden.

Diese Stimmungsmache des Pariser Temps entspricht nach unsere Kenntnis der Dinge nicht der Auffassung der französischen Regierung. Bekanntlich befaßt sich die eng⸗ lische Note weder mit der Frage der passiven Resistenz noch der Räumungsangelegenheit. Da die englische Note nicht ohne vorherige Kenntnisnahme durch die französische Re⸗ gierung nach Berlin geschickt wurde, ist anzunehmen, daß Herr Poincaré mit der englischen Fassung einverstanden

J war und sich bereit erklärte, wie es Absicht der enalischen Re⸗

gierung ist, die strittigen politischen Fragen auf dem Wege der Verhandlung zu loösen.

Schluß mit Zweideutigkeiten!

Das neue erweiterte Angebot der gegenwärtigen Reichs⸗ regierung an die alliierten Mächte dürfte frühestens Mitte der kom⸗ menden Woche fertiggestellt sein. Sicher ist, daß die Regierung Cuno in ihrer Mehrheit bereit ist, ein neues Angebot zu machen. Es erscheint deshalb kaum verständlich, wenn die Pressepolitik des Reiches dennoch mit jener Zweideutigkeit fortfährt, die von großen Parteien des Reichstags seit Beginn der Ruhraktion schon so oft be⸗ mängelt worden ist. Bekanntlich sind die Deutschnationalen aus parteipolitischen Gründen Gegner eines neuen Angebotes. Dem hat die Regierung jetzt wieder insofern Rechnung getragen, als sie am Donnerstag durch ihre Presseabteilung eine Mitteilung verbreiten ließ, in der nicht ein Wort von der Absicht des Angebots gesagt wird, sondern in der es u. a. heißt, daß nach dem heutigen Stande der Be⸗ ratungen innerhalb des Kabinettseine neue Aktion der Reichs⸗ regierung jedenfalls für die nächsten Tage nicht zu erwarten i st. Diese Zweideutigkeit, die bei den Deutschnationalen natürlich allgemeinen Beifall findet, grenzt fast an Unwahrheit. Als der Reichskanzler am Mittwoch die Parteiführer empfing, teilte er mit, daß die Regierung geneigt ist, ein neues Angebot zu machen und daß sie zu diesem Zwecke in London u. a. nähere Informationen darüber einzuholen beabsichtigt, was das neue deutsche Angebot nach der Auf⸗ fassung Englands enthalten muß. Ein Entwurf über die einzelnen Fragen und ein Kommentar über das zahlenmäßige Angebot der letzten Note war bereits zur Uebergabe in den deutschen Botschafter in England fertiggestellt. Ob diese Taktik angebracht war oder nicht, bleibe vorläufig dahingestellt. Jedenfalls ist es höchst sonderbar, wenn man trotzdem die Zweideutigkeit fortsetzt und sich damit über das Verlangen der großen Mehrheit des Reichstags wenigstens in der deutschen Oeffentlichkeit vorläufig hinwegsetzt. Herr Cuno und sein Außenminister sind doch nuch davon unterrichtet, daß die Bevöl⸗ kerung an der Ruhr die Fortsetzung der Debatte über den Verhand⸗ lungsbeginn wünscht und man sollte deshalb annehmen, daß ihnen diefer Wunsch höher steht, als die Sympathie der Deutschnationalen, die im Verlauf der kommenden Woche, sobald das neue Angebot in seinem Wortlaut vorliegt, doch wegfallen wird.

Die innen- und außenpolitische Lage Deutschlands erfordern eine mal icht schuelles eimaebonde Mu S οi,jðülun des Nee A.