Ausgabe 
17.3.1923
 
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Gießen und Umgebung. Für die Bedrängten im Ruhrgebiet

Es gingen weiter bei uns ein:

Anton Bodenröder 500. 4, Gesangverein Eintracht⸗Rödgen 0 000. 4; zusammen 10 500. 4. Bereits quittiert 350 400. ark. Zusammen 360 900. Mark.

Den Gebern herzlichen Dank. Weitere Spenden werden gerne utgegengenommen. g Verlag ber Oberhessischen Volkszeitung.

Zur Frage des Preisabbaues

Nach langen erfolgreichen Bemühungen ist es den Organen E gelungen. in Verbindung mit der Reichsbank den sonstigen maßgeblichen Wirtschastsfaktoren des Reiches zue wesseneliche Verbesserung im Wertstand der inländischen lungsmittel gegenüber dem Ausland durchzusetzen und damft we beträchtliche Herabsetzung der Preise sowohl der vom Ausland führten Roh⸗ und Hilfsstoffe, wie auch der Halb⸗ und Fertig⸗ itte die mit ihrer Hilfe hergestellt werden. In den Kreisen

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sücksicht darauf daß mam an den Bestand diaser Preisgestaltung suucht recht glauben wollte auf Grund früherer Erfahrungen, daß er zeitweilig abfinkende Kursstand der ausländischen Währung ald durch starken Aufkauf von Rohmaterialien im Ausland Ciedenum einer stejgenden Preistendenz Platz machen werde. 5 Gegensiber diesen Einwendungen muß heute betont werden, ß es der Reichsregierung bis jetzt gelungen ist, die Bewertung r ansländischen Zahlungsmittel auf den angestrebten Kursstand et mehr als Monatsfrist zu halten und es muß zu gleicher Zelt slrauf hingewiesen werden daß die Reichsregierung die Versiche⸗ 45 abgibt, daß neue Steigerungen der Transportkosten usw., Steigerungen der Brotpreise sowie der Preise für künst⸗ Düngermittel nicht zur erwarten sind. im Gegenteil, daß in essehbaver Zeit mit einer Herabsetzung der Düngermittelpreise ane auch der Preise für sonstige Rohmaterialien zu rechnen ist. Unter diesen Umständen kann wohl zum ersten Male seit der kaum überwundenen Kriegsnot von einer Stabilisterung der 1 gesprochen werden und es wird daher die A. er gesamtes Wirtschaftsleben besonders auch die Preise für . des täglichen Bedarfs. diesen Verhältnissen ang Iyssen. 5 1 9 nicht zu verkennen daß die gesamte Handelswelt und

Erzeuger in dieser Richtung mit ma t Schwierig⸗ zu erwarten,

f verschiedenen Preisen bezogen en. 5 ichllauna der Vorvatsmenge ein Durch⸗ senittspreis gebildet wird der etwa dem Mittel aus den und neuen Warenpreisen entsprechen soll. Diese Kalku⸗ wird den Handel besonders auch den Kleinhandel, vor dem

sprechende Kalkulationen diesen Verhältnissen Rechnung

nen. Ganz besonders muß davor gewarnt werden, innerhalb derer Zeit zu wechselnden. oft recht stark abweichenden Preisen

) Diese sehr beachtenswerten Ausführungen sind ums von dea Preisprlifungsstelle der Provinz Oberhessen zugegangen.

Jakobs Tod

Von Erna Büsing.

In der Tat, es ging Jakob eigentlich gut. Sein Gesundheits⸗ and ließ nichts zu wünschen übrig, seine wirtschaftliche Lage Ir befriedigend, und seine Familtenverhältnisse waren angenehme. suß hatte er unter dem Einfluß der Zeitpsychose die Klage⸗ iind Jammersucht bekommen;: die Krankheit äußerte sich bei

En in fortgesetztem Vergleichen. Das bekundete auch seine Ibere Erscheinung. Sein Gesicht glich dem eines hungrigen See⸗ Zes, die Mundwinkel hingen so tief herab, daß sie zu Falten niden, die Vorratskammern für genossene Speisen abgaben. nen die Fische billiger und die Menschen mildtätiger gewesen, hätte man ihm dann und wann wohl mal einen Hering vors grige Maul gehalten. Jakob verglich andauernd. Das Vergleichen und Jammern de Lebensinhalt für ihn. Sein Gesicht ward immer wehleidiger, 1 0 ging er am Vergleichen und Jammern ein. Und kam so. Mittags, wenn er sich zu Tisch setzte, sah er durch das Fenster tear Parterrewohnung Straßenkehrer bei der Arbeit. Er hatte daletzten Tarif gelesen und giftete sich, was diese Leut verdienten. verfiel auf die Idee, auszurechnen, was jeder Besenstrich der Sastgemeinde kostete. Das war furchtbar, es verschlug ihm's len. Das Gemüse drückte, die Kartoffeln lagen ihm schwer im Nazen, die Sußspeise säuerte ihm in der Mundhöhle. Zuerst dachte ien plage ein Bandwurm, doch nach und nach kam er dahinter, e Straßenkehrer wären schuld an der Unverdaulichleit der Speisen. bad konnte er nicht einmal mehr eine leichte Mehlsuppe vertragen. In seiner Familie verkehrte ein junger Mann. Der war f hantlich und strebsam, besuchte die Volkshochschule und leistete sich and zu mal ein Theaterbillett. Als Jakob nach der Einnahme e jungen Mannes gefragt hatte, war er erbost und bekam ö kysschmerzen. Er rechnete und rechnete und verglich. Früher, als dt dem Alter des jungen Mannes war, hatte er nur soundsoviel dent. Die zur schwindelnden Höhe gesteigerten Kosten der illalshaltung unterschlug er dabei wohlweislich. Und Jakob Aorse die Kopfschmerzen nicht mehr los. ö 5 Im Hinterhause wohnte eine kleine Stenotypistin möbliert. bs Mädel verstand es, sich nett zu kleiden. Bald hatte Jakob usspioniert, was es verdiente. Das war unerhört, für einen 1 stehenden Menschen, noch dazu fiir eine Frau. Daß auch eine r Essen und Trinken, Licht und Feuerung gebraucht, daran Jakob absichtlich nicht. Die kleine Stenotypistin e

schlaflose Nächte. ald mußte Zatob einen Arzt aussuchen. Es gibt viele er⸗ ) Wir entnehmen dem Vorwärts diese zeitgemäße Geschichte.

Beilage zur Ober

gelesen, wegen seiner Anzeigen

mehrere

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Gießen, Samstag, den 17. März 1923.

die verschlodenen Waren anzubieten, eine Erscheinung. die nament⸗ lich in den Kreisen unserer Kleingewerbetreibenden und des Klein⸗ handels oft zu beobachten ist und die dann stets zu gewissen be⸗ rechtigten Klagen und Beschwerden der Verbraucher führt.

Es muß ganz besonders auch dem Handwerk ans Herz gelegt werden daß es bei seiner Kalkulation die steigende Kaufkraft der inländischen Zahlungsmittel berücksichtigt und daß es demgemäß eine auf Grund solcher Kalkulationen durchgeführt Pralsermäßi⸗ gung eintreten läßt. Die hessische Handwerkskammer in Darm⸗ stadt hat sich ebenso wie die Preisprüfungsstelle Oberhessen und die Kreis⸗ und städtischen Preisprüfungsstellen in der Provinz bereit erklärt. in allen den Fällen, in denen die Kalkulation schwievig erscheint, zur Unterstützung ganz besonders auch der kleineren Handwerker solche Kalkulationen durchzuführen.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß seitens der Preis⸗ prüfungsstelle Oberhessen sowie auch der Kreis⸗ und stäbthschen Preisprsfungsstellen der Provinz in absehbarer Zeit in ausgo⸗ dehnter Weise eine Uebrwachung der Märkte und Verkäufe platz⸗ greifem wird und daß hierbei von den Verkäufern die Vorlage einer solchen Kalkulation verlangt werden wird und im allen den Fällen eine scharfe Untersuchung hinsichtlich Wucher und Preistreiberei eintreten wird, in denen der Nachweis süür eine kalkulatorische Nachpriifung der früheren Verkaufspreise nicht erbracht wird. Dieses Vorgehen der Preispcüfungsstellen soll weder eine Bevormundung des Handels noch einen polizei⸗ lichen Spionagedienst gegen die Geschästswelt darstellen, es soll vielmehr nur ein Schutz der Verbraucher gegenüber ungerecht⸗ fertigter Forderungen mancher Handels⸗ und Erzeugerkrefse ge⸗ währt werden wie er in den Zeiten der wirtschaftlichen Unsicher⸗ heit in einem geordneten Staatswesen unentbehrlich ist.

Die verb rauchende Bevölkerung wird wiederholt darauf auf⸗ merksam gemacht daß am Sitze jeden Kreisamtes und in allen größeren Städten der Provinz Oberhessen Pressprüfungsstellen bestehen, die ausdrücklich angewiesen sind, alle vorkommenden Be⸗ schwerden wegen vermuteten oder nachweisbaren Preiswuchers

und Kettenhandels auf das eingehendste zu untersuchen und in

Fällen vorhandener Gesetzesübertretungen gegen die Schuldigen mit aller Strenge vorzugehen.

Die Bevölkerung wird gebeten, alle Anzesgen oder Beschwerden an diesen Stellen anzubrängen oder ste direkt an die Preisprüfungsstelle der Provinz Oberhessen in Gießen Bismarckstraße 14 I. zur Kenntnis zu geben.

Eine Autorität.

Im Gießener Anzeiger wird immer wieder einmal

als eine gewichtige politische Stimme der Berliner Lokal⸗ Anzeiger zitiert. Donnerwetter, denkt da der unbefangene Leser, muß das aber ein Blatt sein nach Umfang und Inhalt! Um⸗ fang stimmt, DasLokal Berlin ist groß. In Friedenszeiten war der Berliner Lokal⸗Anzefger eine geradezu phänomenale Ueber⸗Monstre⸗Riesen⸗Annoncenplantage P. P. Ia. ff.: eine Gold⸗ markgrube allerersten Ranges des Zeitungskapitalismus. Und auch jetzt ist dieser Weltstadt⸗Generalanzeiger viel gelesen, sehr viel als Mädchen für alles. Kein Wunder, daß er dem Generalanzeiger für Oberhessen imponiert! Inhaltlich freilich ist er so wie alle Generalanzeiger. Dürftiges Ragout monarchistisch⸗alldeutsch⸗kirchlich⸗kriegerisch⸗kriecherisch⸗chau⸗ winistisch⸗nationalistisch⸗ a bissel antisemitischer Mischung. Der Vorwärts hat jüngst seinen Berliner Riesenkollegen nicht übel so charakteristert: Der Hausschatz des Berliner Bourgeois in Rein⸗ kultur, das Hin mels⸗ und Kanonen⸗Blättchen der treudeutschen Männer und Frauen, Wilhelms und seiner Pfaffen Leib⸗ und Magenfutter.

Stadtverordneten⸗Versammlung.

Die am Donnerstag abgehalbene Sitzung der Stadtverord⸗ neten hate ebenfalls. wie die vorhergegangene eine reichhaltige Tagesordnung zu beraten. Mit der nichtöffentlichen waren es 57 Gegenstände. Der größte Teil wurde ohne Debatte erledigt. Trotzdem dauerte die Beratung der öffentlichen Sitzung dvei Stunden; denn bei einzelnen Gegenständen kam es zu längeren Erörterungen. Das war bei der Wohlfahrts⸗ und Armenpflege der Fall wobei es sich um die Auswahl der Bezirksvorsteher handelte. Ferner war es die Frage der Holzlesetage, die zu längerer Debatte führte. Von den Kommunisten war beantragt worden. drei Lesetage statt nur enen pro Woche freizugeben. Hierbei wurde vom der Verwaltung betont, daß so wenig Leseholz vorhanden sei, daß es kaum für einen Tag reiche, würden noch Tage zum Holzlesen freigegeben, so würde der Wald⸗

hessischen Volkszeitung Nr. 64

sbevel, der jetzt schon einen höchst bedenklichen Umfang angenommen habe, noch mehr um sich greifen. Man hat auch die Beobachtung gemacht daß Leute die nickt zu den Beblliftigsten zählen von dem aufgearbeitetem Holz wegnehmen und dadurch erheblichen Schaden

anrichten. Aber auch der Wald selbft wird dadurch schwer ge⸗ schüdigt, daß vielsach gesunde und junge Bäume umgeschlagen werden. Dem muß natürlich entgegengetreten

en, darin waren sich alle Redner einig. Es wäre verderblich für die Gesamtheit, wollte man der Vernichtung des Waldes ruhig zu⸗ sehen. Schließlich wurde der Antrag der Kommunmisten einstimmig abgelehnt, die Antragsteller stimmten selber nicht dafür. Zur

Durchführung des diesjährigen Bau programms sind die

bereits bewilligten Kredite nicht ausreichend, weil die Baustoff⸗ presse eine unerhörte Höhe erklommen haben. Der Kredit soll auf 300 Millionen Mark erhöht werden. Doch auch diese Summe reicht nur zur Ausführung der bereits begonnenen Bauten aus. Auf eine Anfrage weshalb die Stadtverwaltung nicht mit der Eisenbahnverwaltung in Verbindung getreten sei, die bereit ge⸗ wesen wäre einen erheblichen Teil der Kosten zu den Bauten des Eisenbahn⸗Kleinstättenvereins beizutragen, erklärt Bürgermeisben Krenzien, daß von der Eisenbahnverwaltung bis jetzt noch keine diesbezügliche Erklärung vorliege. Ueber vorzunehmende Not⸗ stands arbeiten wofür ein Kredit von 10 Millionen Mark gesordert wird, entspann sich eine Debatte. Die Kommun wollten den Kredit auf 30 Millionen erhöht wissen, waren danmit einverstanden, daß der Antrag dem Ausschuß überwiesen wird. Vom Oberbürgermeister wird darauf hingewiesen, daß je nach Notwendigkeit neue Vorlage gemacht wird; die Geld⸗ forderungen betragen in heutiger Versammlung 153 Millionen Mark!Von unserer Seite wurde dazu bemerkt, daß die Not⸗ standsarbeiten rechtzeitig vorbereitet werden sollten; z. B. könnte jetzt das Durchgangslager schnell obgebrochen und dabei arbeits⸗ lose Handwerker beschäftiat werden. Von der Stadtverwaltung wird erklärt, daß in dieser Hinsicht alles Erforderliche getan worden sei Für Lieferuna freier Lernmittel in den Volksschulen üst die Mehrheit der Versammlung nicht zu haben Von unserer Seite trat Lehrer Schmidt lebhaft und mit guten Gründen dafür ein. Bel den heutigen Bücherpreisen sei es ein⸗ fach einem gering bemittelten Familienvater nicht möglich, das Geld für die Schulsachen aufzubringen. Wenigstens sollte man die Einkommensgrenze. bis zu welcher die Lernmittel frei geliefert werden, entsprechend dem früheren unter Berücksichtigung der Geldentwertunag sestsetzen also auf 900 000 Mark. Aber auch dies wurde abgelehnt, nur einzelne Demokraten stimmten noch dafür. Schließlich gab es noch eine Debatte über die Milch ver⸗ sorgung die sehr im Argen liegt. Nicht einmal für die kleinen Kinder kommt genligend Milch in die Stadt! Es wurde hervor⸗ gehoben, daß die Landwirte einen großen Teil der Milch ver⸗ buttern, um höhere Gewinne zu erzielen. Weil keine Zwangs⸗ wirtschaft in eBzug auf Milch mehr besteht, fehlen die gesetz⸗ lichen Handhaben zur Regelung der Milchversorgung und unter demSegen der freien Wirtschaft haben Kinder und Kranke zu leiden! 5

Sticuerabzug und Naturalbezüge. In einer Bekanntmachung des Landes⸗Finanzamtes im gestrigen Blatte war der Wert der Naturalbezüge von Angestellten festgesetzt. Wie sich in der Praxis die Steuerleistung der Angestellten, die Naturallöhne beziehen, stellt, mögen die beiden folgenden Beispiele zeigen, die vom Finanzamt mitgeteilt werden. Darnach berechnet sich vom 1. März ab bei einer weiblichen Hausangestellten mit einem monatlichen Barlohn von 10 000 Mark; der Geldwert der freien Station 30 000 Mark; zusammen 40 000 Mark, hiervon 10 Prozent 400 Mark. Diese Beträge ermäßigen sich nach 8 46 Einkommenfsteuergesetz, für den Steuerpflichtigen selbst um 800 Mark, für Werbungskosten 4000-4800 Mark. Mithin hat diese Angestellte ke ine Ein⸗ kommensteuer zu zahlen. Eine Hausdame oder ein Hauslehrer mit einem monatlichen Barlohn von 150 000 Mark. Dazu freie

Station 50 000 Mark. zusammen 200 000 Mark. Hiervon 10 Proz.

Steuer= 20000 Mark. Diese Steuer ermäßigt sich nach§ 46 um 800 Mark, Werbungskosten 4000 Mark, zusammen 4800 Mark, bleibt also an Steuer zu zahlen 15 200 Mark.

Bemerkt sei bei dieser Gelegenheit noch, daß die Arbeitergeber verpflichtet sind, die von dem Arbeitslohn der Arbeitnehmer ein⸗ behaltenen Steuerbeträge spätestens bis zum 10. des auf die Lohn⸗ zahlung folgenden Kalendermonats an den Fiskus abzuführen. Die Einhaltung dieser Anordnung wird von den Finanzämtern über⸗ wacht. Dadurch ist Vorsorge getroffen, daß die im Wege des Steuerabzuges einbehaltenen Beträge dem Reiche so schnell als

möglich zufließen.

grübelte Krankheiten, die den Aerzten das Leben sauer machen,

ihnen aber auch gewinnbringend die Sprechstunden füllen. Doch

Jakob hatte kein ergrübeltes Leiden, es war tatsächlich eine Krank⸗ heit, die auf nervöser Grundlage sest und sicher ruhte. Der Arzt versuchte es vorerst mit Schlafmitteln. Jakob nahm Adalin, Bro⸗ mural, Pantopon, und zu guter Letzt tauchte er seinen abgemagerten Körper in Fichtennadelbäder und ließ sich vom Bademeister massieren. Wenn Jakob die Medikamente schluckte oder sich vom Wasser umspülen ließ, dachte er an die erhöhten Arzthonorare und verfiel in sein beliebtes Vergleichspiel. Daher schlug keln Mittel bei 10 an, und er wurde kränker und kränker.

Endlich lag er kraftlos im Bett. Er hätte Ruhe und Bett⸗ wärme nohltuend genießen können. Aber selbst diese Wohltat wurde ihm zur Last. In seinem Hause wohnte nämlich ein Rechts⸗ anwalt, zu dem viele Klienten kamen. Bei jedem Klingeln fuhr Jakob nervös in die Höhe. Nein, was der Kerl verdiente. Die Einnahmen des Rechtsanwalts beeinflußten Jakobs Herztätigkeit auf das unglünstigste.

Schließlich verschied Jakob. Er starb am Vergleichen. Der arme Mann hatte eben eins vergessen. Seine eigene befriedigende wirtschaftliche Lage hatte er nicht mitverglichen.

Da schämten sich die Soldaten...

Ein Märchen von Leo Tolsto i.)

Als der Zar der Tarakanen die Grenze überschritten hatte, sandte er seine Vorhut aus, damit sie Jwans Heer aufsuche. Sie suchten und suchten kein Heer war zu finden; sie warteten und warteten, ob es sich nicht endlich irgendwo zeigen würde, doch kein Heer war zu hören und zu sehen, niemand war da, mit dem man hätte Krieg, führen können. Da befahl der Zar der Tarakanen seinen Soldaten, sie sollten die Dörfer des Narrenlandes plündern. Sie kamen ins erste Dorf: Narren und Närrinnen liefen auf die Straße hinaus und guckten sich staunend die fremden Krieger an. Dlese nahmen ihnen das Getreide und das Vieh weg, und die Narren gaben es hin, ohne sich zu wehren. Im zweiten Dorfe ging es ganz ebenso zu. Einen oder zwei Tage zogen die Soldaten so umher, und überall geschah genau dasselbe: alles gaben die Narren her, und keiner widersetzte sich, ja sie luden die Soldaten sogar ein für immer bei ihnen zu bleiben.Wenn's euch, ihr lieben Brüder, in eurer Heimat so schlecht geht sprachen siedann kommt doch zu uns und bleibt für immer hier! Die Soldaten zogen im Lande hin und her und stießen nirgends auf eine Kreigsmacht, überall

) Aus dem soeben im Verlag der Neuen Gesellschaft er⸗ schienenen Bändchen:Tolstot. Eine Auswahl für die reifere Jugend.

wohnten nur Menschen, die sich selbst und ihresgleichen redlich er⸗ nährten, sich nicht zur Wehr setzten und die Eindringlinge sogar zum Bleiben einluden

Das wurde den Soldaten doch zu langweilig, und sie traten vor ihren Zaren hin.

Wir können hier keinen Krieg führen, sprachen sie,schick uns anderswo hin! Die Menschen hier wehren sich gar nicht es ist, als ob man in Brotteig einschnitte. An Kriegführen ist gar nicht zu denken.

Da geriet der Zar der Tarakanen in Zorn und befahl den Sol⸗ daten, Iwans Reich nach allen Seiten hin zu durchziehen, die Dörfer zu zerstören, das Getreide zu verbrennen und das Vieh zu töten.

Wenn ihr meinen Befehl nicht ausführt, sprach er,lasse ich euch alle hinrichten.

Die Soldaten erschraken und machten sich daran, den Befehl des Zaren auszuführen. Sie steckten die Häuser und Getreideschober in Brand und schlugen das Vieh tot. Die Narren aber setzten sich noch immer nicht zur Wehr, sondern weinten nur Männer, Frauen und Kinder, alt und jung: alles weinte. N

Warum fügt ihr uns solches Unrecht zu? sprachen sie.Warum vernichtet ihr zwecklos unser Hab und Gut? Nehmt es doch lieber, wenn ihr es braucht!

Da schämten sich die Soldaten ihres Tuns. Sde hielten ein in ihrem Vernichtungswerk und liefen nach allen Seiten auseinander.

Wie lange noch?

So lange noch der Völker Kraft in Waffenruhm besteht

und das Panier der Wissenschaft nur unterm Schwerte weht:

so lange noch die rohe Macht wird obenan gestellt,

so lange wird nicht Friede sein auf dieser schönen Welt.

So lange noch der Dichter Mund dem Kriege Lob erteilt,

in Worten voll Begeisterung

bei blut'gen Szenen weilt,

so lange noch das Fleisch den Geist in eh'rnen Schranken hält,

so lange wird nicht Friede sein auf dieser schönen Welt.

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