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Nr. 13
Gießen, Mittwoch, den 17. Januar 1923
13. Jahrgang
71
Keine Ueberschichten mehr.
(Eigener Drahtb.) Wie unser Sonderkorrespondent erfährt, verweigern die Bergarbeiter anläßlich der Besetzung des Ruhrgebietes ab heute die Ueberschichten zu verfahren. Diese Weigerung erstreckt sich nur auf das neu besetzte Ge⸗ biet. Die Bergarbeiter haben eigenhändige Anschläge an ihre Kollegen in den Gruben gerichtet, in denen aufgefordert wird, keine Ueberschichten mehr zu verfahren.
Weiterer Vormarsch. Besetzung von Bochum.
(Eig. Drahtb.) Die bisher erlebten irtschaftlichen Mißersolge suchen die Franzosen und Belgier jetzt durch neue militarische Maßnahmen auszumerzen. Man scheint sich das in Paris sehr einfach vorzustellen und ist anscheinend der Auffassung, daß durch die Besetzung neuer Gebietsteile und die vorständige Abschnürung des gesamten Industrie⸗ gebietes von Deutschland sowohl die deutsche Arbeiterschaft wie die Unternehmer und Behörden, vor allem die Re- gierung in Berlin, den französisch-belgischen Ansprüchen ge⸗ gig machen werden. Die staatlichen Zechen bei Buer,
esterholt, Bergmannsglück und Scholven fallen seit Sams- tag ebenfalls in das besetzte Gebiet. Inzwischen werden neue Truppenbewegungen gemeldet, die darauf schließen lassen, daß man im Begriff ist, in erster Linie die stark mit Bergwerken versehenen Gebiete zu besetzen. Um 12 Uhr mittags standen die französischen Truppen unmittelbar vor Bochum, das eine Stunde später besetzt wurd Bottrop war bereits besetzt. Alle Anzeichen lassen heute darauf schließen, daß man unter dem Vorwand der Nichterfüllung von Reparationslasten, wie sie von der Regierung in Bezug auf Belgien und Frankreich ausgesprochen wurden, bis nach Dortmund und Hamm marschiert.
Besetzung von Wanne.
Die Franzosen vor Hagen. ö Die Stadt Wanne ist nunmehr von 1300 französischen Soldaten und 30 Offizieren besetzt worden. Der für das ge⸗ samte Industriegebiet ungemein wichtige Industriehafen von Wanne ist von den Okkupationstruppen beschlagnahmt worden.
Die Franzosen haben Montag nachmittag gegen 4 Uhr Vorhalle, einen Vorort von Hagen besetzt. Französische Truppen sind in Witten und Wanne eingerückt. Durch Ge⸗ velsberg kamen vormittags französische Patrouillen, die in der Richtung von Recklinghausen weiterzogen.
Fortsetzung des Vormarsches.
Nach einer Essener Meldung aus Düsseldorf ist der Vor⸗ marsch am Montag weitergegangen. In Recklinghausen sind Transportzüge eingelaufen. Aus der Anordnung ist zu entnehmen, daß der Vormarsch bis in die Linie Hamm⸗ Bielefeld fortgesetzt werden soll.
Der Proteststreik in Essen.
(Eig. Drahtb.) Die große Stadt der Arbeit, die das neubesetzte Gebiet bildet, ist am Montag vormittag 11 Uhr auf eine halbe Stunde verstummt. Das war der hestige Protest der Arbeit gegen bie sranzösisch⸗belgische Gewaltpolitik. Viele Hunderte von Arbeitern legten Schlägel und Eisen weg, Dampsmaschinen ver⸗ sagten den Dienst, das Rädersausen, das als ewige Alltagsmusik
über den ganzen Bezirk 1 setzte aus. In Essen, Oberhausen, Gelsenkirchen und wie alle die nauhaften Zentralen des Ruhr⸗ ebietes heißen, rasselten die Zalousien vor den Verkaufsläden herab. Diese stumme Geste mußte von den Gewaltigen gesehen werden, die heute über dem größeren Teil des Ruhrgebietes herr⸗ schen. Sie ist von wuchtigerer Wirkung gewesen, als laute De⸗ monstrationen auf der Straße es sein können. Durch Vermittlung des Arbeiterrats der Firma Krupp hatten wir Gelegenheit, den halbstündigen Generalstreik in diesem größten Werk des Westens zu beobachten. Tort wird von 53 000 Arbeitern jeden Tag eine Fülle von Maschinen und Werkzeugen von der zartesten Sonde des Chirurgen bis zur Lolomotive und zum Riesenbagger geliefert. Im Walzwerk strömten von 11 uhr die Arbeiter von allen Seiten herbei. Knochige, verarbeitete Männer und Jüngere ver⸗ sammelten sich. Der Vorsitzende des Arbeiterrats im blauen Kittel betonte: wir sind Deutsche und werden Deusche bleiben trotz der französischen Basonelne und des Franken. Einig zu⸗ sammenstehen ist jetzt die Parole.
Die riesenhafte Lokomotivwerkstatt von Krupp, eine der größten Deutschlands, aus der monatlich 30 bis 93 Lokomollven 1 Were hen, 1 am Vor mitlag von tausend fleißigen Ham⸗ imerschlägen und dem Surren der Transmissionen. Punkt 11 Uhr sstockte der sinnverwirrende Rythmus ber Arbeit, die gigantische Palle verstümmte. Die Tausende versammelten sich, um noch⸗
chlossen und entschlossen ihren Protest gegen die Gewalt
mals g
Zeche„Salzer“ ist alles vorbereitet. Auf bas wird das ganze Werk stillgelegt. Nur die Wasser⸗ tterführung bleibt im Betrieb. Unter Tag und
Der Kampf um die Kohlen.
Keine Lieferung gegen Bezahlung.— Neue Zwangsmaßnahmen.
über Tag steht die Belegschaft mit verschränkten Armen an ihren Arbeitsstälten. Kein Schlag geschieht. In einer großen Betriebs⸗ abteilung hält ein bekannter Arbeilerführer eine kurze Ansprache. Es herrscht unter den Arbeitern eine entschlossene Stimmung.
Vor 11 Uhr erschien im Direktionszimmer der Verwaltung der Vertreter des französischen Ortskommandanten und verlangte den Betriebsrat zu sprechen. Erst nach Veendigung des Streiks wurde dem französischen Militär eine Aussprache zugesagt.
Aus den anderen Teilen des Industriegebietes wird ebenfalls gemeldet, daß der Parole der Gewerkschaften eifrigst Folge ge⸗ leistet wurde. In allen größeren Städten wurden die Läden in der angegebenen Zeit geschlossen. die Sirenen pfiffen und die Glocken läuteten. Zn Bochum wurden von der Arbeiterschaft auf den Straßen fämtliche Fuhrwerke und Automobile ange⸗
halten. In Duisburg.
Im Gebiete des Brückenkopfes Duisburg ist Arbeitsruhe ver⸗ boten. Ebenso wurde das Anlassen der Fabriksirenen und Glocken⸗ läuten„für immer“ untersagt. Trotzdem ertönten die Sirenen Punkt 11 Uhr. Ueberall wurde abgestoppt. Duisburg lag still. Es war ein überwältigender Anblick, als die Kräne, Elevatoren und Kipper plötzlich mit hartem Ruck ihre Arbeit einstellten und beladen oder unbeladen überall ihre Last in der Luft schweben ließen. Die Geschäfte waren zum großen Teil geschlossen. Auch der Straßenbahnbetrieb ruhte. Auf den Straßen war Sonntags⸗
ver lehr. Nationalistischer Unfug in Bochum.
Die ersten Schüsse im Ruhrrevier.— Ein Toter.
(Eig. Drahtber.) Im Verlauf der nationalistischen Demonstration, die Montag Abend nur eine Stunde dauerte, kam es vor der Realschule zu einem Zusammenstoß mit den neu eingerückten Besatzungstruppen. Ein Haufen junger Burschen, die als Mitglieder des Bismarckbundes bezeichnet werden, versammelten sich vor der Realschule und sangen: „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen!“ Die Franzosen gaben eine Salve von 25 Schuß ab. Ein Mann blieb tot auf dem Platze, ein anderer wurde verletzt.
Vor einer Berlehrsstörung?
Nach den in Berlin vorliegenden Meldungen ist für die nächsten Tage mit einer ernsthaften Störung des Verkehrs im Ruhrgebiet zu rechnen. Infolge des Befehls der Reichs— regierung, wonach keine Reparationskohle an Frankreich und Belgien geliefert werden dürfen, stauen sich die Wagen auf den hauptsächlichsten Verlade- und Verschiebebahnhöfen der⸗ art, daß ihre Verstopfung und damit die völlige Desorgani⸗ sierung des Verkehrs unvermeidlich ist.
Das Stei en des Dollars.
Zu der neuen, durch die Vorgänge im Ruhrgebiet veran⸗ laßten starken Entwertung der Mark schreibt der Vorwärts noch u. a.:
„Die ungeheure Verelendung großer Massen der Bevöl- kerung, die neben Lohn⸗ und Gehaltsempfängern vor allem die Erwerbsunfähigen, die Rentner und die freien Berufe getroffen hat, haben bisher weder die Industrie, noch den Handel, noch die Landwirtschaft zu irgendwelcher Rücksicht⸗ nahme bei der Preisgestaltung veranlaßt. Wenn der Dollar stieg, stiegen auch die Preise und behaupteten ihren Hoch— stand, ja, gingen noch darüber hinaus, wenn sich eine rück— läufige Bewegung in den Devisenkursen zeigte. Der Dollar ist nun in den letzten Tagen, veranlaßt durch die außenpoli— tische Entwicklung aufs neue erheblich gestiegen. Ein starkes Anziehen aller Preise ist bereits erfolgt. Jetzt ist also die Stunde gekommen, wo die Wirtschaftsstände beweisen können, daß sie auch zu Opfern bereit sind.“
Neue Verordnungen und ungeheure Preis⸗
steigerung.
Der kommandierende General der Essener Truppen hat einen Befehl erlassen, nach dem auch für das neubesetzte Gebiet die Preis⸗ schilder und Wucherverordnungen,, wie für das altbesetzte Gebiet, zu gelten haben. Hiernach muß der Einzelhandel Preisschilder in den Schaufenstern anbringen und beim Verkauf an Besatzungstruppen die Luxus⸗ bezw. Weinsteuer in Abzug bringen. Die Vertreter des Essener Einzelhandels haben gestern eine Konferenz abgehalten, ohne jedoch zu einem Beschluß hinsichtlich dieser Verordnung zu kommen.
Auch auf dem bisher unbesetzten Gebiet hat der Vormarsch der Franzosen in bezug auf die Preisbildung tiefgreifende Wirkung aus⸗ gellbt. Für fast alle täglichen Bedarfsartikel ist eine Preissteigerung von 50— 60 Prozent sestzustellen. Eine Tasse Kaffee kostet z. B. in fast allen Orten schon 200 Mark.
ie Einsteuung der Ablieferung.
Der Bergbauliche Verein hat heute vormittag folgendes Telegramm des Reichskohleukommissars erhalten:
„Unter Bezugnahme auf die Besprechungen der französi— schen Ingenieurkommission mit den Zechenbesitzern verbiete
ich nach dem französisch-belgischen Einbruch in das Ruhr— vevier hiermit ausdrücklich die Lieferung von Kohle und Koks nach Frankreich und Belgien auch für den Fall einer
vorschußweißen Bezahlung.“
Wie bekannt, hatten die Zechenvertreter die Lieferung von Kohle gegen Zahlung davon abhängig gemacht, daß nicht ein Verbot des Reichskohlenkommissars erfolge. Heute vormittag sollten die Verhandlungen weiter gehen.
Neues Kohlensyudikat. Neues Zahlungs⸗ mittel.
Die Vossische Zeitung soll aus amtlichen Pariser Stellen am Montag die Bestätigung erhalten haben, daß die Gründung eines autonomen Kohlensyndikats und die Schaffung eines neuen Zahlungs⸗ mittels für das Ruhrgebiet geplant wird, doch würden die in Aus⸗ sicht genommenen Maßregeln einstweilen streng geheim gehalten.
Androhung von Zwangsmaßnahmen.
Die Meldung aus Essen, daß der dortige Kohlenkom⸗ missar den Bergwerksbesitzern die Lieferung von Kohlen und Koks gegen Barzahlung an Frankreich und Belgien verboten hat, hat in Paris beträchtliches Aufsehen erregt. Man nimmt an, daß dadurch eine völlig neue Lage geschaffen ist, die bereits Veranlassung gab zu einer längeren Konferenz im Quai de Orsay. Ministerprösident Poincars unterhielt sich längere Zeit mit dem Finanzminister, dem Minister für öffentlichen Arbeiten und dem Vorsitzenden der Re⸗ parationskommission, Barthou über den Wechsel, der heute in der Haltung der deutschen Industriellen aus dem Ruhr⸗ gebiet zu Tage getreten ist. Es waren bestimmte Nachrichten von der technischen französischen Ruhrkommission einge⸗ troffen, die bestätigen, daß die deutschen Kohlenlieferungen nach Frankreich auf Grund einer Weisung der Reichs⸗ regierung unterbleiben. Der Ministerpräsident und seine Kollegen berieten daraufhin die unverzüglich zu ergreifen⸗ den Maßnahmen. Es wurde beschlossen, daß, wenn die Berg⸗ werksbesitzer ihre Haltung nicht ändern, zu Requisitionen ge⸗ schritten werden müsse, um Kohlenmengen zu verschaffen, die die Alliierten auf Grund der Reparationen zu bean⸗ spruchen zu können glauben. Die französischen Minister vertraten die Ansicht, daß die Angelegenheit nicht mehr allein von Herrn Le'Trocquer und dem General Degoutte geregelt werden könnte. Für heute sind neue Besprechungen zwischen Poincaré und den Ministern vorgesehen worden. Der Direktor der Bergwerke im französischen Ministerium für öffentliche Arbeiten, Gullarme, ist nach Essen abgereist, um an den Besprechungen zwischen den französischen Technikern und den deutschen Bergwerksbesitzern teilzunehmen. Ebenso befindet sich der französische Sachverstandige Tannery seit mehreren Tagen im Ruhrgebiet zur Festsetzung der Kohlen⸗ steuer. Andererseits wird sich, wie der Temps gestern abend mitteilte, auch die Reparationskommission in ihrer heutigen Sitzung mit der neugeschaffenen Lage beschäftigen.
Neues vom Tage. Memel von litauischen Banden besetzt.
Um ½1 Uhr kam am Montag ein Trupp von etwa 30 Litauern mit Gewehren und Maschinengewehren über die große Brücke in das Zentrum der Stadt Memel. Die Truppen begaben sich zur Börsenbrücke, die aufgezogen war und schlossen die Brücke, um den Haupttrupp der Freischärler herüber zu lassen. Auch die französische Präfektur ist von den Litauern besetzt worden. Es soll dort eine weiße Fahne gehißt worden sein. Das Schießen hat zurzeit aufgehört.
Hierzu meldet die Frkft. Ztg.: Der Telephonverkehr Berlin-Memel ist seit 6 Uhr abends unterbrochen. Die letzte Meldung von dort um 4.15 Uhr lautet: Nachdem es den litauischen Putschisten gelungen war, von der nahezu unbe⸗ schützten Seite über die Dange in die Stadt einzudringen, entwickelten sich um die von einem schwachen Posten besetzte Präfektur Kämpfe, bei denen die französischen Truppen heftigen Widerstand leisteten, schließlich aber vor der Ueber⸗ macht kapitulieren mußten. Die Franzosen hatten bei diesen Kämpfen zwei Tote. Der französische Oberkommissar be⸗ findet sich, von den Aufständischen bewacht, in der Präfektur. Die französischen Truppen haben sich in der Kaserne ver⸗ barrikadiert. Die Litauer konzentrierten in den Nachmittags- stunden ihre Kräfte, darunter auch Berittene, im nördlichen Teil von Memel und sind anscheinend entschlossen, gegen die Kaserne vorzugehen.
Das Treiben der Hitler⸗Bande.
Zu dem Treiben der Nationalsozialisten in Bayern und der Hetze ihres Führers Hitler gegen die„Novemberver— brecher“, ausgerechnet in dem Augenblick, in dem die Fran- zosen ihren Vormarsch ins Ruhrgebiet antreten, schreibt heute morgen das Berliner Tageblatt zur Kennzeichnung der politischen Gefahr, die aus Bayern droht:
„Wichtiger aber ist die Frage, ob es bei den Worten bleiben wird, ober ob die Führer der Nationalsozialisten sich jetzt zu Taten gedrängt sehen, nachdem sie solche ihren An- J bandetn so lange versprochen haben, daß diese mit ihrem
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