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16.2.1923
 
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Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

Redaktion: Sießen Bahnbofstraße 25 Ferusprecher 2008.

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Crpebition: Gießen Bahnhofstraße 23 Fernsprecher 2008.

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Nr. 39

Gießen, Freitag, den 16. Februar 1923

13. Jahrgang

England und die Ruhr.

Der dunkle Vonar Law.

Die Eröffnung des englischen Parlaments brachte die 1 Aussprache über Frankreichs Einfall in das Ruhrgebiet, man mit Spannung entgegensah, ohne doch Entscheidendes won ihr zu erwarten. Im Mittelpunkt des Interesses stand maturgemäß die Rede des englischen Ministerpräsidenten, die Aufklärung darüber geben mußte, wie sich England der franzö ischen Aktion gegenüber verhält. Während der Ministerpräsi⸗ antschaft Lloyd Georges ist der englischen Politik von der Kritik im eigenen Lande trotz ihrer großen Beweglichkeit oft in zu scharfes Maß von Inaktivität vorgeworfen worden. der Tat konnte man beobachten, daß die englische Re⸗ gierung sowohl in den Fragen der Orientpolitik, als auch in europäischen Fragen ständig vor Frankreich zurückwich; es erblüffte mehr als einmal, mit welcher Gelassenheit man in ndon die Ohrfeigen einsteckte, die von Paris aus offeriert urden. Fand Lloyd George bei solchen Gelegenheiten mit⸗ unter die Geste des rasenden Roland, so ist sein Nachfolger onar Law noch inaktiver. Er verzichtet vollkommen auf die ste und gibt sich ganz als uninteressierter Beobachter. Ein Wort des Tadels, eine temperamentvolle Auslassung würde man vergeblich in seiner Unterhausrede suchen. Sie erweckt fast den Eindruck, als habe sich England bereits vom euro⸗ äischen Schauplatz abgewandt. Wenn er er am Schluß seiner ede einer vagen Hoffnung auf eine englische Intervention aum gibt, so spricht daraus noch keineswegs der Wille zur at, es hat vielmehr den Anschein, als handle es sich um eine rethorische Schlußwendung. Man kann nach dieser Rede nur wiederholen: Deutschland steht allein. Das ist eine Tatsache, ie man im Interesse des Wiederaufbaues Europas und des Friedens bedauern muß, bleibt aber trotzdem eine harte Tat⸗ sache, die mit aller Klarheit in die deutsche Rechnung einge⸗ stellt werden muß. Der englische Ministerpräsident ist in seiner Rede zu dem sehr bezeichnenden Schluß gekommen: Jetzt wird ein Kampf der Ausdauer zwischen zwei Völkern ge⸗ führt... Die französische Regierung hat sich auf dieses Abenteuer seingelassen, sie ist gezwungen, das bis zu Ende durchzuführen.

Es wär ein überaus verhängnisvoller politischer Fehler, leichthin über diese Worte hinwegzulesen. Sie kennzeichnen die Situation, wie man sie an nicht direkt beteiligter Stelle sieht. Dürfen wir es wagen, optimistischer zu sein, als der englische Ministerpräsident Bonar Law?

Diese geringe Aussicht auf irgend ein aktives Eingreifen Englands wird auch nicht durch die bittere Kritik gebessert, die Lord Grey im Oberhause an dem Verhalten und Vor- gehen des Gewaltpolitikers Poincarés geübt hat, und auch

icht durch die Rede des Außenministers Lord Curzon vor en Pairs, in der man einen Wink an die Regierung von Washington sehen will, Amerika möge die Initiative in die Hand nehmen. Für die von der deutschen Regierung einzu schlagende Taktik aber ist aus Curzons Rede das eine von Wichtigkeit. Lord Curzon, der die Lösung der Ruhrfrage sohne internationale Aktion für ausgeschlossen ansieht, er⸗ klärte eine Vermittlung müßte so lange ganz zwecklos sein, als die Erklärung der Reichsregierung bestehe, daß für Deutschland die Räumung des Ruhrgebiets die unumgäng⸗ liche Vorbedingung für Verhandlungen sei; darauf würde Paris keinesfalls eingehen. Diese Auffassung Curzons eentspricht ganz und gar der unserer Partei. Die Reichs⸗ reegierung muß jede Gelegenheit zu verhandeln sich bereit zeigen unbeschadet des unerschitterlichen Willens zur Weiterführung des Abwehrkampfes bis zum Tage der Ver- handlungen.

Ein Vorschlag der Labour Party.

Im Unterhause hat bie Arbeiterpartei einen Abänderungs⸗ antrag zur Antworlabresse über die europässche Lage eingebracht. Der Antrag fordert, um dem fortschreitenden Ruin der Wirtschaft Europas Einhalt zu tun, die allgemeine Streichung der inter⸗ lationalen Schulden als wesentlichen Teil einer umfassenden all⸗ 1 9 Regelung, die den Völkerbund zum Vertreter aller BVoölker mache und ihn 1 0 zur Versöhnung verwende als auch um e in öringenden, kritischen Fragen, wie die Be⸗ letzung des Ruhrgebiets, sowie für die baldigste Neuerwägung der Bestimmungen insbesondere der wirtschaftlichen der Frie⸗ dens verträge, die, solange sie in Wirksamkeit seien. die auf den schaftlichen Wiederaufbau und Frieden gerichteten Bestreb⸗ en aller Regierungen zunichte machen würden. Nach der Ansicht des Londoner Korrespondenten der ist der Vorschlag der Labour Party zu allgemein, praktischen Erfolg erwarten zu lassen. Dagegen London größere Bedeutung dem Antrag bei, Liberalen gemeinsam vorgelegt und von John Aoyd George formuliert wird. Der Antrag zom Völkerbund zu bestellende Kommission FJeststellung der deutschen Zahlungs-

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fähigkeit. Lloyd George legt großen Wert auf einen Zusatz, wonach Amerika zur Mitwirkung eingeladen werden soll. Dieser Vorschlag dürfte nach der Londoner Information der Ir Ztg. auf Regierungsseite Symphatie finden, zumal die Einleitung einer solchen konstruktiven Politik die Frage der Ruhrbesetzung nicht unmittelbar beantwortet. Wir möchten auch diesem Antrage gegenüber davor warnen, ihn mit allzugroßer Optimismus aufzunehmen. Die englische Politik geht einzig darauf hinaus, sich selber alle Türen offen zu lassen.

Frankreich spricht sich selbst Mut zu.

Das Urteil der französischen Presse über die Rede Bonar Laws gipfelt nach einer Drahtmeldung der Vossischen Ztg. in der mit Bedauern vorgebrachten Feststellung, daß die Rede Bonar Laws nicht geeignet sei, eine Entspannung zwischen Deutschland und Frankreich zu beschleunigen. Im Gegensatz zu den Londoner Meldungen über die Haltung der englischen Regierung in der Frage des Kohlentransportes durch die englische Zone erklärt das auswärtige Amt in Paris, daß man dort trotz der Rede Bonar

Laws der englischen Regierung völlig sicher sei, und daß dies in

nächster Zeit anders als durch Worte bestätigt werden dürfte. Diese Andeutungen können sich nur auf Erfolge beziehen, die man von der Reise des französischen Minister Le Troquer, der am Mittwoch nachmittag in Begleitung des Chefs des Eisenbahn⸗ wesens im besetzten Gebiet nach London abgereist ist, erwartet.

Eine italienische Verwahrung.

Die Behauptung der englischen Thronrede, daß Italien die französisch-belgische Ruhraktion unterstütze, ruft den Widerspruch des offiziösen Volta⸗Bureaus der italienischen Regierung hervor: Italien nehme, wie bisher, aus wirtschaft⸗ lichen Gründen an der technischen Kontrolle teil, aber nicht an den politisch-militärischen Operationen; es nehme damit eine ähnliche Haltung ein, wie England, das sogar seine Truppen am Rhein lasse.

Die wirtschastliche Zuspitzung an der Ruhr.

Aus Dortmund wird uns unterm 14. Februar geschrieben:

Es hieße Selbstbetrug üben, wollten wir die Lage rosiger schildern als sie ist und Tatsachen zu Ungunsten der Franzosen be⸗ wußt aufbauschen. Diese Methode wird leider in einem Teil der deutschen Presse beliebt, trotzdem die Erfahrungen mit dieser Taktit aus dem Kriege schrecken sollten. Was hat es, um nur ein ein⸗ ziges Beispiel zu nennen, für einen Sinn, bei jeder Wiedergabe eines Zusammenstoßes mit den Franzosen auf dem Papier gleich Blut fließen zu jassen? Wir sind der Auffassung, daß die wahr⸗ heitsgetreue Wiedergabe der Geschehnisse im Ruhrgebiet das un⸗ würdige Verhalten der Franzosen und Belgier am besten kenn⸗ zeichnet. Es liegt nur im Interesse unseres Abwehrkampfes, wenn sich die bürgerliche Presse, insbesondere die Berlins, diese Auf⸗ fassung zu eigen machen würde und es könnte nichts schaden, wenn die Regierung in diesem Sinne auf das halbamtliche Wolffbureau ihren Einfluß geltend machte.

Es entspricht lediglich der Wahrheit, wenn wir feststellen, daß sich die Situation von Tag zu Tag verschärft und daß sowohl Deutschland wie Frankreich unter dieser Verschärfung wirtschaft⸗ lich in gleichem Maße leiden. Neuerdings hat die Besatzung die Ausfuhrsperre auch auf Eisen⸗ und Stahlerzeugnisse ausgedehnt. Verschiedene Sendungen dieser Art sind bereits festgehalten, bisher jedoch noch nicht beschlagnahmt. Die Eisen- und Stahlindustrie lehnt es ebenfalls ab, um Genehmigung zur Ausfuhr ihrer Er⸗ zeugnisse in das unbesetzte Gebiet nachzusuchen und denkt zurzeit nicht daran, Ausfuhrabgaben zu entrichten. Dieser Opfersinn, den die Arbeiterschaft tagtäglich in dutzenden Fällen beweist, ändert aber nichts an der Tatsache, daß sich im linksrheinischen besetzten Gebiet gegenwärtig ein starker Kohlenmangel bemerkbar macht. Der Eisenbahnverkehr stockt hier; eine ganze Zahl von Kohlen⸗ Lastautos sind von der Besatzung beschlagnahmt, sodaß Betriebs- einschränkungen nicht ausgeschlossen sind. Der Regierungpräsident hat bisher bei der Besatzung vergeblich versucht, hier Abhilfe zu schaffen. Die so systematisch von den Franzosen zum eigenen Nachteil hervorgerufene wirtschaftliche Zuspitzung und die bereits entstehende Stimmung innerhalb gewisser Bevölkevungskreise hat am Dienstag leider zu Unruhen in Krefeld geführt. Es sollen hauptsächlich Erwerbslose gewesen sein, die sich hieran beteiligten und mit der Polizei zusammengestoßen sind. Die

Regierung kann die Wiederholung derartiger Vorkommnisse ver-

hindern, wenn sie die Not der Aermsten nach besten Kräften durch finanzielle Unterstützung lindert. Für Krefeld speziell muß der Anteil des Reiches an den Notstandsarbeiten den Verhältnissen unbedingt schnellstens angepaßt werden. Im übrigen erscheint es angebracht, daß die preußische Regiexung den ihr untergeord neten Instanzen im besetzten Gebiet sofort Anweisung zur Aus⸗ 10 0 der Zuschüsse für die Gehälter der Gemeindebeamten gibt. Neuerdings ist für das alt⸗ und neubesetzte Gebiet der Ge⸗ heimrat Burghardt aus dem Preußischen Landpwirtschafts⸗ ministerium zum Ernährungskommissar ernannt worden. Von seiner Energie und Entschlossenheit wird vieles von einem, erfolg- reichen Abschluß des Abwehrkampfes abhängen. Die in Aussicht genommene Wucherstelle in Dortmund, deren Wirkungskreis für das neubesetzte Gebiet bestimmt ist, kann dem Ernährungskom⸗ missar gute Hilfe leisten. Wir sind uns klar darüber, daß Burg⸗

hardt eine schwierige Aufgabe übernemmen hat. Die Verkehrs- verhältnisse sind alles andere als glänzend. Die Beförderung von Lebensmitteln auf den Straßenbahnen und mit Autos macht

Schwierigkeiten, aber sie können schließlich von einem Mann mit Entschlußkraft wenigstens teilweise überwunden werden. Von der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln bängt letzte

Endes alle ab. Diese Auffassung leitet auch die Franzosen. Deg⸗ halb ihre Taktik! Sie verhindern peinlich, die Lebensmittelzu⸗ fuhr direkt zu unterbinden, aber ihre Maßnahmen lassen keinen Zweifel darüber, daß sie darauf ausgehen, zum mindesten für die Versorgune mit dem täglichen Bedarf Schwierigkeiten zu machen.

Der passive Widerstand unerträglich.

Durch einen Zufall ist dem Vorwärts ein Brief eines französi⸗ schen Offiziers, der in Essen stationiert ist und der an dessen Frau gerichtet war, in die Hände gefallen. In dem Brief heißt es u a., es sei gar kein Gedanke daran, daß seine Frau nach Deutschland kom⸗ men könne. Er und seine Kameraden sehnten sich furchtbar nach der Eifel zurück. Dort sei die Bevölkerung doch ganz anders. Der passswe Widerstand, der im Industriegebiet von Tag zu Tag zunehme, werde geradezu unerträglich. Kein Mensch verkehre mit ihnen, keiner wür⸗ dige sie auch mr eines Blickes. Dazu käme die Sorge, was aus der ganzen Geschichte werden soll. Große Sorge machten ihm auch die Mannschaften. Die Zucht lockere sich, aufrührerische Reden würden laut. Es ereigneten sich Fälle von Desertionen. Besonders viele Leute, die zu einer 56tägigen Uebung eingezogen seien, murrten und erklärten, daß kein Gott sie halten könne und daß sie nach Ablauf der Tage schnellstens wieder nach Frankreich zurückkehren würden. Die französischen Eisenbahner, die aus den friedlichen Verhältnssen heraus⸗ gerissen wären, murrten und ließen es auch an der nötigen Arbeits⸗ freudigkeit fehlen. Auch die belgischen Soldaten seien unzuverlässig. Man hätte kürzlich zwei Regimenter auswechseln müssen.

Ein neuer Zwischenfall in Gelsenkirchen.

Ein neuer Zwischenfall ereignete sich am Mittwoch in Gelsen⸗ kirchen. Ein französischer Offizier, der sich in der Vorhalle des Hauptbahnhofs aufhielt, verstand es, durch sein Benehmen, die Be⸗ völkerung gegen sich aufzuwiegeln. Als er den Bahnhof verließ und mit der Straßenbahn nach Bochum fahren wollte, hinderte die Menge den Wagen an der Abfahrt, sodaß der Offizier wieder aussteigen mußte. Er nahm schließlich gegen die Menge Stellung ein und zog den Revolver. Jetzt gelang es einer Wache der Schupo einzugreifen und den Offizier zu isolieren. Der Offizier übergab seine Pistole den Beamten und bat sie, ihn in ihren Schutz zu nehmen. Die Beamten taten auch ihr möglichstes, um den Offtzier vor der Volkswut zu schützen. Es gelang ihnen jedoch nicht, die Menge voll zurückzudrän⸗ gen. In der Nähe des Rathauses stürmte die Menge auf den Offizier ein, der erheblich am Kopfe verletzt wurde. Man brachte ihn ins Rathaus, wo ihm sofort ärztliche Hilfe zuteil wurde. 5

Wieder ein deutscher Eisenbahner erschossen.

Der Lokomotipputzer Franz Eltgen vom Betriebswerk Jünkerath wurde beim Ueberschreiten des Bahnkörpers, zu dessen beiden Seiten er Cigentum hat, in der Nähe des Bahnhofes Jlünkerath ron einem französischen Posten ohne erkennbaren Anlaß erschossen.

Verhaftung eines Zechenbetriebsrats.

Ein Lohnauto der ZecheEwald-Fortsetzung bei Recling⸗ hausen, das von den Franzosen beschlagnahmt werden sollte, suchte sich auf dem Zechenplatz dem Zugriff zu entziehen. Darauf be⸗ setzten die Franzosen die Zecheneingänge mit, Maschinengewehren und Kavallerie, öffneten gewaltsam die Tore und verhafteten den Betriebsrat. Die Belegschaft trat in den Proteststreik ein; seit gestern wird aber wieder gearbeitet.

Proteststreik der Bottroper Zechenbelegschaften.

Die Franzosen haben die Zeche Prosper III besetzt, weil ihnen die verlangten Kohlen nicht geliefert wurden. Daraufhin hat die Belegschaft die Arbeit niedergelegt. Dem Proteststreik haben sich die Zechen Rheinbaben und Vereinigte Welheim angeschlossen. Seit vorgestern abend ist die Lichtabgabe an die Stadt Bottrop eingestellt worden. Die Läden sind infolgedessen geschlossen.

Ein sozialdemolratischer Reda teur in Fesseln

Der verantwortliche Redakteur der Freien Presse in Aachen,

die bekanntlich ebenso wie das Koblenzer Parteiorgan, auf einen Monat verboten worden ist, Genosse Ernst Tascher, ist am Diens⸗

tag nachmittag verhastet und gefesselt abgeführt worden. Ex wurde aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen. Auch seine Fa⸗ milie ist ausgewiesen worden. Ihr wurde eine Frist von drei

Tagen gewährt. Militärdiktatur in Essen.

Der Divisionsgeneral Fournier hat dem Oberbürgermeister Stadt Essen in einem Schreiben mitgeteilt, daß er auf Grund der Weigerung der Hotelbesitzer und Kaufleute, Angehörige der alliierten Armeen zu bedienen, folgende Maßnahmen getroffen habe: 1. Das Hotel Handelshof wird requiriert. 2. Den alliierten Militärpersonen wird das Recht eingeräumt, sich in allen dem Publikum geöffneten Lokalen bedienen zu lassen. Im Weige⸗ rungsfalle wird das Lokal geräumt, erforderlichenfalls wird Ge⸗ walt angewandt. 3. Den alliierten Militär- und Zivilpersonen wird das Recht eingeräumt, in allen dem Publikum geöffneten Ge⸗ schäften und Gastwirtschasten zu kaufen, was sie nötig haben. Falls die Geschäftsinhaber den Verkauf verweigern, werden die Ge⸗ schäfte geschlossen, erforderlichenfalls wird Gewalt angewandt. Die Antwort auf das Schreiben des Generals Fournier ist bereits fertiggestellt und wird im Laufe des Tages dem General zugestellt werden. Darin wird deutlich zum Ausdruck gebracht, daß die Franzosen als Eindringlinge betrachtet werden und daß die Er⸗ regung der Bevölkerung über das Verhalten der Franzosen be⸗ rechtigt sei. Eine Verantwortung der Behörden für die Maß⸗

der

nahmen der Bevölkerung, die diese zum Selbstschutz spontan er⸗ greife, könve unmbolie sibernemmen werden. Wie der Vossicchen Zeitung aus Essen gemeldet wird, hat in

Hamm eine Vesprechung von Vertretern sämtlicher Gewerkschasten und Arbeitnehmerverbänden mit den Vertretern der Industsie

stattgefurden, wobel auch die Frage der Besetzung des Essener Hauptbahnhofs ausgiebig ecörtent wurde. Die Eisenbahner droh⸗ ten, den Essener Hauptbahnhof stillsulegen, wenn die Franzosen

für ihre militaristerte Strecke den Bahnsteig 6 beschlagnahmen würden. Dieser Absicht ist von den Gewerkschaften ganz entschie⸗ den widersprochen worden. Den Essener Hauptbahnhof dürfe man