Ausgabe 
13.1.1923
 
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Oberhe

Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. u n

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Nr. 10

Gießen, Samstag, den 13. Januar 1923

13. Jahrgang

Der Empörungsschrei

An das deutsche Volk!

Ein neuer Gewaltstreich ist auf Deutschland hernieder⸗ gegangen. Mit wohlberechneter Wucht trifft der Schlag der französischen Faust den unbeschützten Lebenspun kt der deutschen Wirtschaft, längst vorhergesehen und doch unerwartet.

Vorhergesehen: denn die Pläne und Wünsche der Pariser Machtpolitik sind ohne Scheu auf Gassen und Märkten er⸗ örtert worden.

Unerwartet: denn immer blieb die Hoffnung, daß die wirtschaftliche Vernunft des französischen Volkes die politische Begehrlichkeit seiner Machthaber zügeln würde.

Hat wirklich der Glaube geherrscht, daß den französischen Nöten durch Zerstörung des deutschen Arbeitszentrums abzu⸗ helfen wäre, so muß die schwerste Entläuschung folgen. Gegen den Rat der Fachmänner aller Welt will Frankreich die Probe machen. Daß es bei dem Versuch scheitern muß, ist unsere Ueberzeugung.

Doch uns fehlt die Macht, diese Tat der Verblendung, die sich gegen Deutschland wie gegen die gesamte Wirtschaft richtet, aus eigenen Kräften zu verhindern. Was ge⸗ schehen konnte, um das Unheil abzuwehren, haben wir versucht. Das hereingebrochene Unheil zu lindern und zu beenden, wird unser Denken und Trachten sein. Dabei leiten uns die Würde und das Recht der Nation, mit der wir uns eins fühlen auch in der Kraft des guten Gewissens.

Alle Herzen erfüllt die ungeheure Bitterkeit dieser Stunde, wo über weitere Teile unseres Vaterlandes das Schicksal hereinbricht, die Leiden der Fremdherr⸗ schaft ertragen zu müssen. Vermehrte Not für unser sorgen⸗ bedrängtes Volk muß der Einbruch in die Hauptstätten Aunserer Arbeit im Gefolge haben. Umso dringender aber ergeht der Ruf an alle Volksgenossen: Erschwert nicht das Los der am härtesten betroffenen Landsleute. Erfüllet auf⸗ rechten Willens und klaren Kopfes die Forderung des Tages: Keine Handlung darf geschehen, die unsere ge⸗ rechte Sache schädigt. Schwerste Schuld am eigenen Volk würde auf sich laden, wer sich hinreißen ließe, durch eine unüberlegte Tat dem Gegner in die Hand zu arbeiten. Von eiserner Selbstbeherrschung jedes Einzelnen hängen Wohl und Wehe der Gefamtheit ab. Jetzt mehr als je, leuchte uns das Beispiel der Würde und der moralischen Kraft voran, das die Rheinlande in Jahren des Leidens gegeben haben.

a Den treuen rheinisch⸗westfälischen Brüdern gilt heute vor allem anderen unser Gruß. Ihr werdet die eichenfeste Fähigkeit bewahren, die euer altes Erbteil ist, und ungebrochen werdet ihr diefen Wetterbraus überdauern, 5 die kein Sturm der Weltgeschichte jemals entwurzelt

Ihr seid die Zeugen, wie Frieden und Recht von neuem gebrochen werden. Mit euch erheben wir Protest vor der Welt gegen den Bruch des Vertrages, gegen den schwereren Bruch des sittlichen Rechtes unseres Volkes auf Leben, Bestand und Selbstbestimmung.

10 Eine schwere Zeit hebt an, wohl schwerer noch als die Jahre, die ihr seit dem Krieg durchlebt. Wie lange die Prüfung dauern wird, vermag niemand zu sagen. Nur das wissen wir, daß die Not gesteigert und verlängert wird, wenn Volk und Staat ihr nicht in untrennbarer Einheit be⸗ gegnen. Aber das auch wissen und hoffen wir, daß festes Zusammenstehen des ganzen Volkes sie kürzen wird. Dazu wollen wir uns die Hände reichen und die

Herzen stark machen.

In Stadt und Land laßt uns den nächsten Sonntag unter all dem äußeren Druck der inneren Erhebung widmen und überall durch alle deutschen Gaue in Haus und Hütte unseres Vaterlandes gedenken, seines Leides und seines Rechtes!

Berlin, den 11. Januar 1923.

5 Der Reichspräsident: Ebert.

Die Reichsregierung: Dr. Cuno, Reichskanzler,

Dr. Geßler, Reichsminister, Dr. Hermes, Reichsminister.

Gröner, Reichsminister, Dr. Brauns, Reichsminister,

Dr. Heinze, Reichsminister, Dr. v. Nosenberg, Reichs⸗ minister, Oeser, Reichsminister, Dr. Becker, Reichs minister,

Stingl, Reichsminister, Albert, Neichsminister, Dr. Luther,

0 Reichsminister. 1

Gegen den Imperialismus! Für die Verständigung der Pölker!

Genossen und Genossinnen!

Der französische Imperialismus ist mit belgischen Hilfstruppen in das Ruhrgebiet eingedrungen. Er gibt vor, sich dadurch die im Versailler Diktat ihm zugesprochenen Reparationen sichern zu wollen. Die angeblichen deutschen Versehlungen geben der französischen Re⸗ gierung aber nach dem Vertrag nicht das geringste Recht zur An⸗ wendung dieser brutalen Methode der Gewalt. sondern nur das An⸗ recht auf Ersatz der Sachleistung durch Barzahlung.

Die deutsche Sozialdemokratie ist seit dem Ende des Krieges stets dafür eingetreten, daß Deutschland zum Wiederaufbau der verwüste⸗ ten Gebiete Frankreichs und Belgiens Material bereitstellt und Zahlungen in den Grenzen seiner Fähigkeit leistet. Die Leistungs⸗ fähigkeit Deutschlands hängt aber ab von der Sicherheit seiner wirt⸗ schaftlichen Betätigung. Militaristische Gewalttaten müssen die wirt⸗

schaftliche Erholung Deutschlands hindern, seinen Kredit zerstören und

damit die Grundlage zur Erlangung der notwendigen Anleihen be⸗ seitigen, die die Voraussetzung von wesentlichen Reparationszahlun⸗ gen find.

Die Erweiterung des besetzten Gebietes ist

unvereinbar mit dem Versailler Vertrag. Sie zeigt, daß auch vier Jahre nach dem Kriesende der franz sische Militarismus, gesolgt von belgischen Hilfstruppen, noch mit den Mit⸗ teln des Krieges arbeitet. Sie zeigt, daß trotz Völkerbund keine Be⸗ fried ung Europas erreicht ist. Die Erweiterung des besetzten Ge⸗ bietes erfordert eine Vermehrung der Ententetruppen. Sie hat zur Folge, daß

dem militaristischen Moloch Goldmilljarde über Goldmilliarde geopfert

wird, während der Aufbau der verwüsteten Gebiete, der mit diesen Millarden erfolgen könnte, sträflich vernachlässigt wird.

Für die Bewohner des Ruhrgebiets bringt die französische Ge⸗ waltpolitik alle die Leiden, die die Bevölkerung des linksrheinischen Gebietes nun seit mehr als vier Jahren der Fremdͤherrschaft kennt. Wir sind überzeugt, daß insbesondere die Arbeiterschaft in dem neu⸗ besetzten Gebiet sich mit derselben

Treue zur deutschen Republik bekennen wird, wie das die Arbeiterschaft links des Rheins seit Kriegsende getan hat.

Unser Prolest gegen die Gewaltmethoden des französischen Mili⸗ tarismus wird in der Welt draußen umso eher Widerhall finden, wenn die deutsche Bevölkerung besonnen und sest für das Selbst⸗ bestimmungsrecht des deutschen Volkes eintritt. Aus diesem Grunde lehnt die Sozialdemokratische Partei es auch ab, mit Nationalisten, denen es, wie ihre Sprache beweist, nicht um Völkerverständiguag, sondern um Völkerverhetzung zu tun ist, gemeinsam zu demonstrieren. Die Sozialdemokratische Partei wird dies in eigenen Veranstal⸗ tungen tun. Wir rufen die Parteigenossinnen und Parteigenossen im ganzen Reiche auf,

am kommenden Sonntag vormittag in Versammlungen

gegen die neueste Verletzung des Völkerrechts, gegen jeglichen Im⸗ perialismus für die Befriedung Europas, für die Verständigung der Völker zu demonstrieren.

Parteigenossinnen und Parteigenossen. Ihr habt die Pflicht, in diesen Versammlungen in Massen zu erscheinen. Die Verhandlungen der sozialistischen Internationale in Köln haben gezeigt, daß die Ar⸗ beiter auch in den Ländern der Entente gewillt sind, mit aller Kraft gegen die Besetzung des Ruhrgebiets zu protestieren. Je wuchtiger Euer Protest ist; desto mehr wird er diese Aktionen des internatio⸗ nalen Proletariats unterstitzen.

Nur durch die Zusammenarbeit der Arbeiter der ganzen Welt wird es gelingen, einen wirklichen Friedenszustand in Europa herzu⸗ stellen und alle militaristischen Gewaltmethoden aus den Völker⸗ beziehungen auszuschalten. Deutsche Arbeiter, Beamte und Ange⸗ stellte, bekundet am Sonntag in den Versammlungen der Sozialdemo⸗ kratischen Partei Euren Willen zur Völkerverständigung und Euren Protest gegen die Erweiterung militaristischer Fremdherrschaft auf deutschem Boden!

Berlin, den 11. Januar 1923.

Der Vorstand der Verein. Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

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lands. Der Protest der Gewerkschaften.

Die freien Gewerkschaften Deutschlands erheben gegen die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgi⸗ sche Truppen vor aller Welt den schärfsten Protest. Sie er blicken in dieser Maßnahme einen jeder rechtlichen Grund⸗ lage entbehrenden Gewaltakt und den

Ausdruck schlimmster imperialistischer Gewaltpolitik, die von den organisierten deutschen Arbeitnehmern stets be⸗ kämpft worden ist, gleichviel von welcher Seite sie geũbt wurde. a.

Die deutsche Wirtschaft erleidet von diefem Gewaltakf eine kastrophal wirkende Erschütterung, unter der in erster Linie die werktätige Bevölkerung Deutschlands zu leiden hat und von der in weiterer Folge die Arbeiter der ganzen Welt auf das schwerste betroffen werden.

Die freien Gewerkschaften sind zu diesem Protest um so mehr berechtigt, als sie seit Beendigung des Krieges sich rũck · haltlos für die Wiedergutmachung und den Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Gebiete eingesetzt haben. Alle Angebote der deutschen Gewerkschaften für den Wiederaufbau konnten nicht zur Ausführung gelangen, weil die franz sische Regierung diese Versuche bisher verhindert hat. Die dent⸗ schen Gewerkschaften sind nach wie vor zu einer der Leistungz⸗ fähigkeit der deutschen Wirtschaft entsprechenden Wiedergut⸗ machung bereit. Sie sehen aber in diesem militãrischen Ge⸗ waltakt die Verhinderung, wenn nicht gar die dauernde Zer⸗ schlagung der wirtschaftlichen Voraussetzungen zur Erfüllung dieser Absicht. 5

Die französisch⸗belgische Einmarschnote verpflichtet die deutschen Gewerkschaften unter Androhung scharfer Strafen, allen wie immer gearteten Befehlen der Besatzungsbehörden widerspruchslos Folge zu leisten, sogar sie zu unterstützen. In den schlimmsten Tagen der Reaktion haben die herrschen⸗ den Gewalten an die Gewerkschaften derartig entwürdigende Zumutungen nicht zu stellen gewagt. g

Die hier von den Besatzungsmächten aufgestellten Grundsätze widersprechen allen im Völkerbundsvertrag ent⸗ haltenen Sicherungen für das Selbstbestimmungsrecht der Völker und der damit in untrennbarem Zusammenhang

stehenden 5 Koalitionsfreiheit der Arbeitnehmer.

Die Gewerkschaften rufen die Arbeiter, Angestellten und Beamten auf, alles Trennende in ihren Reihen zurückzu⸗ stellen und den ihnen aufgezwungenen Kampf gegen den unersättlichen und kriegerischen Imperialismus geschlossen zu führen.

Sie erwarten von der Regierung Maßnahmen, damit die bei der politischen Situation entstehenden wirtschaftlichen Folgen und Opfer nicht von den breiten Massen des Volkes allein oder vorwiegend getragen werden müssen. Sie halten es für selbstverständlich, daß die Verlegung des Kohlen · syndikats nicht zur Aufhebung der gemeinwirtschaftlichen Kohlenbewirtschaftung führt.

Die freien Gewerkschaften Deuischlands rufen die Ar; beiter aller Länder auf, ihnen den a

Kampf gegen die Verweigerung der fundamenkälsten

Grundrechte der Arbeitnehmer und gegen ihre Verelendung nicht allein zu überlassen; denn ihr Kampf ist auch der Kampf der Arbeiterklasse der ganzen Welt.

Berlin, den 11. Januar 1923.

Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund.

Allgemeiner Freier Angestelltenbund(Afa-Bund).

Allgemeiner Deutscher Beamtenbund.