ebdaktion: Sießen Gahubofftraße 23 srnsprehet 2008.
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Organ für die Interessen der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 58
Gießen, Samstag, den 10. März 1923
18. Jahrgang
Die illegale Organisation.
Die sozialdemokratische Presse hat seit Monaten immer wieder auf die große Gefahr hingewiesen, die der Republik aus den zahlreichen mehr oder weniger weiterexistierenden trechtsradikalen Organisationen erwächst. In der Reichs- tagsdebatte vom 22. Februar hat nunmehr der Reichswehr⸗ minister selbst zugegeben, daß diese Organisationen gerade iim gegenwärtigen Moment eine ungeheure große Gefahr bedeuten. In einer Zusammenfassung des durch diese Debatte und durch die Behandlung in der Presse bekannt.
gewordenen Materials betont Die Glocke. daß aus allem Deutlich hervorgeht, wie sehr Deutschland sich trotz aller War⸗ mungen schon an Kräfte ausgeliefert habe, die außerhalb einer Einflußzone stehen und die der Demokratie und der Republik fremd und feindlich gegenüberstehen. In dem „Warnung an die Republik“ überschriebenen Aufsatz heißt es: Wer alle diese offiziösen und nichtöffiziösen Berichte und Er⸗ klärungen zu lesen versteht, der muß erschrecken über das Bild, das sich ergibt. Man sollte denken, Gesetze würden er dassen, um durchgeführt zu werden. Die Selbstschutzverbände und Zeitfreiwilligenorganisaßionen find durch die Reichs⸗ egierung aufgelöst worden. Daß sie trotzdem weiterbe⸗ standen, ist schon ein Zeichen bedauerlicher Schwäche der Staatsgewalt. Daß es aber möglich ist, daß einzelne Regie⸗ sungsstellen solch illegalen Organisationen nicht nur dulden, 1 zondern sogar unterstützen, ist eine Ungeheuerlichkeit. Da⸗ urch wird es möglich, daß ein Spiel hinter den Kulissen untsteht, bei dem die verbotenen Verbände eine Regierungs⸗ gelle gegen die andere ausspielen. Aber es ist falsch, immer von der Orgesch zu reden. Die Organisation Escherisch besteht unter diesem Namen nicht mehr. f 8510 großen Gruppen(in Ostpreußen), Südosten(Ober⸗ N schlesien), Nordosten(Brandenburg und Pommern), Nord SHolstein, Hamburg, Mecklenburg), Westen(Hannover), Bvben weiter unter anderen Namen, unter den verschiedensten Formen. Es besteht keine nachweisbare Zentrale mehr, aber
ie zentrale Leitung ist trotzdem gesichert. Die einzelnen wirtschaftlichen Vereinigungen, Soldatenver⸗
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perden sie zusammengefaßt.
14 Aber es gibt neben den illegalen Organisationen, die zum großen Teil sehr legale, auf dem Amtsgericht richtig in 0 ie Vereinsliste eingetragene Vereine sind, noch andere Ver⸗
zände, die sich die Bezeichnung illegal sehr und mit Nachdruck
beerbitten würden. Da ist der Stahlhelm, Bund der Front⸗
bldaten, der sich rühmt, tausend Ortsgruppen und 350 000
eitglieder zu haben, da ist der Jungdeutsche Orden, der so⸗
bar 15 000 Ortsgruppen und 400 000 Mitglieder zählt.
Diesen beiden Verbänden ist ihre Legalität von der
löchsten zuständigen Stelle in Deutschland, nämlich von dem
Reichsgericht in Leipzig, bestätigt worden. Die gegen sie
ergangenen Verbote der Landesregierungen sind hinfällig, und
1 rer Wirksamkeit im„nationalen“ Sinne ist keine Grenze
kehr gesetzt. Da sind weiter die Leute vom Verein Ober⸗ fand, da sind die biederen Nationalsozialisten, die
n München ihrem Diktator Hitler folgen und die sich in
Lorddeutschland wegen der lebhaften Verfolgung durch die
greußische Polizei verschiedentlich umtaufen mußten. Gegen-
Härtig rechnen sie sich zur Deutschvölkischen Freiheitspartei
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ind gehorchen unbedingt der Führung der Antiparlamen⸗ nrier Wulle, Graefe und Henning. Da ist der Lationalverband deutscher Offiziere und der Deutsche Bis⸗ narckbund. Da sind noch Hunderte von kleinen Verbänden, nit vielerlei Namen und allerlei Statuten und doch nur mit nem Ziel. Ihre Gesamtzahl zu schätzen, ist unmöglich, das dine ist sicher, sie gehen in die Million. a Daß diese Gefahr heute riesengroß angewachsen ist, kann iiemand verneinen. Ob sie noch zu bannen ist, ist zweifel⸗ aft. Die Beendigung des außenpolitischen Konflikts, die ines Tages kommen muß und die vielleicht schon nahe ist, Bird Deutschland in eine ungeheure innenpolitische Krise 0 türzen. Auch die Ruhrbesetzung wird außenpolitisch nur äne Episode, nur eine Station auf unserem 40jährigen Marsch durch die Wüste bleiben. Wenn aber aller Haß und dalle Kräfte, die in der Erbitterung der letzten Wochen gegen bie fremde Gewalt angesammelt worden sind, ihr Entladung inden im Zusammenprall der Kräfte im eigenen Volk, so bird es an Stelle der Franzosen die Republik sein, die ge⸗ chlagen auf dem Platz bleibt.
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Untersuchungen und neue Uebergrifsse.
Die Drangsalierungen gehen weiter.
Nachdem durch die Presse bekannt gemacht worden war, daß denjenigen Bürgern, die von französischen Besatzungs⸗ truppen beraubt worden sind, Gelegenheit gegeben werden sollte, ihre Anliegen der Prüfungskommission der französi⸗ schen Besatzungsbehörde gegenüber anzubringen, hatten sich am Nachmittag des 3. März im Besatzungsamt Essen etwa 60 Personen eingefunden. Zum Teil hatten die ge⸗ schädigten Bürger Zeugen gleich mitgebracht. Eine große Anzahl der Erschienenen wurde aufgefordert, bei späterer Aufforderung wieder zu erscheinen. Die zuerst Ekschienenen wurden durch Beamte des Besatzungsamtes zur französischen Gendarmerie in Bredeney gebracht und haben dort in Gegen⸗ wart von Dolmetschern des städtischen Besatzungsamtes und eines deutschen Rechtsanwalts, der der französischen Sprache mächtig ist und sich für diese Verhandlungen zur Verfügung gestellt hat, ihre Aussagen gemacht. Bisher sind 11 Tat⸗ bestände auf das eingehendste aufgenommen worden. Fran⸗ zösische Gendarmen haben sich über die Aussagen deutscher Bürger Niederschriften in deutscher Sprache angefertigt. In den nachsten Tagen werden weitere beraubte Personen auf⸗ gefordert werden, ihre Anzeigen bei der französischen Be⸗ satzungsbehörde zu machen.
Der Zuchthausdirektor in Werden protestierte in einem Schreiben an General Degoutte dagegen, daß 62 Per⸗ sonen in das Zuchthaus untergebracht wurden, die nach den deutschen Gesetzen nicht aufgenommen werden durften. Nach den deutschen Gesetzen dürfen nur Leute dort untergebracht
werden, die wegen gemeiner Verbrechen rechtskräftig ver⸗
urteilt worden sind. ö
Der französische Oberkommandierende in Düssel⸗ dorf hat eine Verfügung zur Regelung des Zeitungs ⸗ wesens, der Theater, Kinos usw. erlassen. Diese Verordnung kommt einer restlosen Knebelung der öffentlichen Meinung und des sonstigen geistigen Lebens gleich. Verboten werden alle Veröffentlichungen in Wort, Bild, Schrift, in Theatern, Kinos und Musik, die geeignet sind, die öffentliche Ordnung zu gefährden und die Sicherheit und die Würde der Besatzungstruppen oder der zu ihnen gehörenden Personen zu beeinträchtigen. Die Ur⸗ heber der eventl. beanstandeten Zeitungsartikel sollen von den Militärgerichten verfolgt werden und mit Gefängnis bis zu 5 Jahren und mit Geldstrafen bis zu 10 Millionen oder mit einer von beiden Strafen belegt werden. Die ver⸗ antwortlichen Redakteure, Herausgeber und Drucker können wegen Teilnahme oder Fahrlässigkeit bestraft werden. Die verantwortlichen Redakteure von Tageszeitungen gelten als Urheber des Artikels jedesmal, wenn es nicht gelungen ist, den wirklichen Artikelschreiber zu finden. Auch auf Fahr⸗ lässigkeit stehen die genannten Strafen.
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Aus Dortmunßg mird uns geschrieben:
Die bisher aus dem Ruhrgebiet gekommenen Meldungen über das Treiben der Besatzungstruppen stammlen zumeist aus den Großstädten. Aber auch in den Landbezirken haben die fremden Grwalthaber kein humaneres Regiment geführt. Auch hier voll⸗ führt eine riesige Truppenmacht rücksichtslss die Durchführung der militärischen Anordnungen. In dem Dortmunder Landkreise kommt auf je 19 Bergarbeiter ein französischer Soldat. Für die Zwecke der Besatzungstruppen wurden in diesem Bezirk 122 Schulräume beschlagnahmt. Infolgedessen mußte der Schulunter⸗ richt für 1533 Kinder eingestellt werden. Ohne jede Rücksicht wer⸗ den die Requisilsonen durchgeführt. Einem unserer Genossen, der in seiner Gemeinde einen hervorragenden Verwaltungsposten ein⸗ nimmt, wurde das einzige ihm zur Verfügung stehende Bett ge⸗
nommen. Waschkessel sind fast keine mehr vorhanden. Man nimmt an, daß die Franzosen sie requfriert haben, um mit ihrer Hilfe Volksküchen einzurichten, die wiederum dazu dienen sollen,
die Arbeiterschaft zu ködern. Wie in den Städten, so werden auch quf dem Land Photographien unter Anwendung von Ge⸗ walt hergestellt, um den Parisern zu zeigen, wie„begeistert“ ihre „Helden“ begrüßt werden. Mit vorgehaltenem Revolver zwingt man die Straßenpassanten, die Hände zu erheben. U. a. wurde ein Arbefter dazu gezwungen, einem reitenden Offizier bie Hand zu reichen. Der Photograph trat in Funktion, und wenige Tage später konnte man in Pariser Blättern sehen, wie „herzlich“ die deutschen Bergarbeiter die Eindringlinge begrüßen. Diese Manöver können natürlich nicht die Tatsache aus der Welt schaffen, daß wie in den großen Städten, so auch auf dem Lande eine namenlose Erbitterung gegen die Franzosen herrscht. *
Die am Mittwoch besetzten Bahnhöfe We itmar, Lan⸗ gendreer und Laer sind wieder geräumt. Die Beute der Franzosen war gering und unbedeutend. Am Mittwoch ist
auch der Bahnhof Dornap bei Elberfeld, am Donnerstag der/
Bahnhof in Dortmund besetzt worden. In Dornap haben die Franzosen in den Betrieb bisher nicht eingegriffen.
Am Donnerstag morgen gegen 6 Uhr ist in Dort- mund, nachdem es von allen Seiten umstellt war, die In⸗ nenstadt und das Rathaus von französischen Truppen aller Waffengattungen besetzt und die Schutzpolizei entwaffnet
worden. Der Polizeiverwalter in Dortmund, Regierungsrat Dr. Kielhorn, wurde verhaftet und abgeführt. Desgleichen wurden einige Kommunal- und Kriminalpolizeibeamte fest⸗ genommen. Die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung ist der Kommunalpolizei in Uniform in Stärke von 600 Mann gestattet worden. Weiter wurde am Donnerstag in Fredenbaum bei Dortmund und in Hörde eine Schupowache entwaffnet und ausgehoben. Die Beamten wurden abtrans⸗ portiert. In Castrop sind am 4. März der stellvertretende Bürgermeister und der Vorsitzende des Beamten⸗Ortskartells wegen Plakatanschlags verhaftet worden. Der Rest der noch in Recklinghausen befindlichen Polizeibeamten wurde in Laufe des Donnerstags ausgewiesen. Die Kommunistischt Arbeiterzeitung in Duisburg ist von den Franzosen vom 5. bis 12. März verboten worden. 0
Im Bergischen Lande sind die in Wipperfürth einquar tierten Truppen in Richtung Engelskirchen weitermarschiert. Gummersbach war bis Donnerstag abend nicht besetzt. In Hörde sind zur Ablösung der zur Entlassung kommenden Re servisten 200 Ersatzmannschaften für das dortige Infanterie regiment eingetroffen.
In Ergänzung vorsteohender Meldung erhalten wir späte noch folgenden eigenen Drahtbericht aus Dortmund:
Der Bahnhof Dortmund ist von den Franzosen nachmit tags wieder freigegeben worden. Die D⸗Züge Berlin—Kölr und Hamburg- Köln werden nur noch bis Hamm gefahren Von dort aus müssen die Reisenden die einzelnen Lokal⸗ bezw Pendelzüge benutzen. In Hückeswagen ist die Wupperbahn⸗ Brücke während des Tages durch Posten besetzt. An einigen Kontroll- bezw. Uebergangsstellen ins unbesetzte Gebiet haber die Franzosen Schilder angebracht, deren Aufschrift die Er hebung einer 10prozentigen Zollabgabe ankündigt. In Vor halle sind 57 Eisenbahner zur sofortigen Räumung ihrer Woh nung bezw. bereits aus ihren Wohnungen ausgewiesen wor den. Im Wupperthal setzen die Franzosen ihre Werhearbei bei ehemaligen Eisenbahnbediensteten, besonders S losser und Heizern, fort. Geboten werden 80 Franken täglich und freie Verpflegung. In Dortmund ist ein Teil der heute mor⸗ gen an der Besetzung beteiligten Truppen wieder abgerückt. Das Rathaus ist wieder geräumt. Der heute vormittag in haftierte Regierungsrat Dr. Kielhorn ist wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Schutzpolizeibeamten sind bei Brackel ins unbesetzte Gebiet abgeschoben worden. 15 Polizeioffiziere, darunter der Kommandeur, befinden sich noch in Haft. In Lünen ist die Besetzungszone am 3 Kilometer nach Osten ver⸗ legt. In das dort neubesetzte Gebiet fallen die Schachtan lagen 1 bis 3 der Zeche Preußen. 5
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Aus Dortmund wird weiter gemeldet: Die Frenzosen haben Donnerstag morgen auch den Neubau für die Schutzpolizei in Vambel umstellt und verhafteten die dort befindlichen Schuß beamten bis auf zwei Mann, die entkamen. Der Neubau wurde durch die Soldaten untersucht. Dabei wurden mehrere Türen auf⸗ gebrochen und Kleidungsstücke und Werkzeuge entwendet. Sie zogen bald darauf wieder ab. Am Nachmittag haben die Fran⸗ zosen die gesamten Ausrüstungsgegenstände der Schutzpolizei auf Lastautos geladen und abtransportiert. Die Franzosen haben er klärt, daß sie die besetzte Schule nicht eher verlassen werden, als bis sich auch die Schupobeamten, die ihnen nicht in die Hände ge⸗ 1 7 sind, bei ihnen gemeldet haben. Die von den Franzosen ge⸗ uldete blaue Polizei wird in verstärktem Maße zum Außendienst, besonders zum Sicherheitsdienst während der Nacht, herangezogen werden, doch ist ihre Zahl völlig unzureichend. Der am 28. Februar wegen Nichtgrüßens verhaftete Wachtmeister Tackt ist von Dorstfeld nach Recklinghausen verschlepyyt und von dort in das Militär⸗ gefängnis Zweibrücken überführt worden. Am 14. Februar war er zu 20 Tagen Gefängnis verurteilt worden. Am 7. März wurde er entlassen und nach Mannheim gebracht. 8
Aus Krefeld wird gemeldet, daß dort ein neues belgisches Kriegsgericht am Donnerstag zum erstenmal seine Urteile fällte. Neben Eisenbahnern wurden sechs Journalisten von den Urteilen betroffen. Chefredakteur Peters von der Niederrheinischen Volks⸗ zeitung in Krefeld und der Redakteur Schippang von der Neußer Zeitung wurden zu 100 900 Mark Geldstrafe verurteilt. Redakteur Stab von der Neuß⸗Grevenbroicher Zeitung in Neuß erhielt sechs Monate Gefängnis und 100 000 Mark Geldstrafe bei sofortiger Verhaftung. Als strafverschärfend betrachtete das belgische Kriegs⸗ gericht bei ihm, daß er sich weigerte den Namen des Verfassers eines Artikels anzugeben. Der Gerichtshof hatte ihn darauf hin⸗ gewiesen, daß Kriegsrecht Presserecht breche und daß das Recht des Gerichtshofes vorangehe. Demgegenüber hatte Dr. Stab betont, daß das Redaktionsgeheimnis und die Freiheit der Presse in allen Kulturstaaten anerkannt werden.
Ueber 1000 Weutsche vertrieben.
Die Rheinlandkommission hat in den beiden letzten Tagen im altbesetzten Gebiet über 250 Personen— vor allem Post⸗ und Zollbeamte— ausgewiesen. Die Zahl der insgesamt Ausgewiesenen stellte sich am 5. März auf 985 im altbesetzten Gebiet und hat heute die erste Tausend weit über⸗
schritten.


