Ausgabe 
9.2.1923
 
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6 Wefahren für die deutsche Arbeiterschaft nahegerückt,

desdroht:

Oberhess sche Volkszeit

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gemein dahin aus:Das ist ein Friede gegen den Sozialis⸗ mus! Die späteren Watsa den und Vorgänge haben be⸗ wiesen, daß dieses Urteil zutreffend war; denn alle Be⸗ strebungen zur Sozialisierung einzelner Wirtschaftszweige sind schließlich an den Bedingungen und Auswirkungen dieses Friedensdiktates gescheitert. Durch die Ruhrbesetzung sind aber neue, noch schlimmere Ge⸗ ffahren, von denen in weiterer Folge die Arbeiterschaft der ganzen Welt bedroht ist. Handelte es sich bei der Soziali⸗ sierung immerhin noch um ein Zukunftsproblem, wenn auch einer scheinbar nahen Zukunft, so sind durch die Ruhr Hesetzung und die damit verbundenen Absichten des fran⸗ zöösischen Imperialismus alle gegenwärtigen sozialpolitischen Frrungenschaften der deutschen Arbeiterschaft unmittelbar alles, was sie in jahrzehntelangen, opfervollen Jämpfen auf diesem Gebiete erreicht hat, steht vor der Ge ahr, restlos vernichtet zu werden in erster Linie der Acht⸗ zundentag! Alle sozialpolitischen Fortschritte und Ein⸗ Lichtungen sind ebenso in Frage gestellt. Um das zu verstehen, müssen wir uns ganz kurz mit geist und Sinn des Versailler Friedensdokuments vertraut nachen, ins Sbesondere mit den französischen Aspirationen. Es verrscht leider auch in der deutschen Arbeiterschaft in dieser Zinsicht noch eine geradezu unglaubliche Urklarheit und Unkenntnis. Man kann gewiß der Meinung sein, daß ge⸗ gisse deutsche Kreise weit mehr zu den Kriegslasten hätten serangezogen werden können, als es geschehen ist. Aber s(rundfalsch ift, anzunehmen, daß damit die französischen Zläne irgendwie hätten beeinträchtigt oder gar vereitelt berden können! Selbst wenn Deutschland noch unendlich iel mehr an Reparationen geleistet hätte. als es geleistet tat, so hätte das Instrument von Versailles den französischen emperialismus doch die erwünschte und gewollte Veran⸗ aussung geboten, deutscheVerfehlungen festzustellen. Und . wenig der Wortlaut des Friedensdokuments den Fran⸗ posen ein Recht zu den jetzt ergriffenen Maßnahmen ge⸗ vährt, so wenig sie ein Recht zur Besetzung von Düsseldorf ind den übrigen bisherigen Sanktionen hatten und es 1 ennoch ausgeübt haben, indem sie sich diesesRecht ein⸗ 1 sich selbst zuerkannten so wenig hätten sie sich auch in 9 dem anderen Falle von ihrem Vorhaben abbringen lassen. a sie Ankläger, Richter und Vollstrecker alles in einer lerson zu sein sich anmaßen, so lassen sie sich durch die Epinnwebfäden vertraglicher oder völkerrechtlicher Er⸗ 1 von ihrem Vorhaben nicht abbringen. Gestützt 1

anf die größte Militärmacht die die Welt in Friedenszeiten gesehen hat, glauben die französischen Machthaber dem foralischen Urteil aller Welt trotzen zu können. Sie rechnen ibei auf die politische Erfahrungstatsache, daß in der ö solitik immer nur der Erfolg entscheidet und daß die Welt ich auch mit dem von ihnen angestrebten Erfolg abfindet, dvenn er einmal eingetreten sein wird. Die französischen Machthaber wollen gar nicht. daß Deutschland erfüllt und wenn es das nach unserem Er⸗ nessen getan hätte, dann würden sie noch immer nach- weisen, daß es nicht geschehen ist. Es ist das auch gar nicht s sehr schwer, weil Deutschland gezwungen worden ist, ilsolut unerfüllbare Bedingungen zu unterschreiben. Diese fierfüllbaren Bedingungen sind das Mittel, das es Frank⸗ eich ermöglichen soll, sein bis heute noch nicht aufgegebenes 1 Wiegsziel zu erreichen: die Annexion des linken Rhein- ers! Es will außerdem die deutsche Steinkohlenproduktion ener eigenen Eisenindustrie dauernd dienstbar machen uf Kosten der deutschen Eisenindustrie. Dazu muß es die sukserzeugung des Ruhrreviers fest in seine Hand be⸗ arnmen und nach eigenem Ermessen darüber verfügen bônnen.

Das ist der Sinn des französischen Vorgehens an der kuhr. Wenn Frankreich dieses Ziel erreicht, dann ist Otutschlands Wirtschaftsleben endgültig zerschlagen! Schon usch die bisherigen Amputationen ist seine Lebensfähigkeit lechnitten und verkümmert. Selbst wenn die Ruhrbesetzung 0 icht hinzugekommen wäre, wäre es ausgeschlossen, daß die hetsche Wirtschaft ihre frühere Höhe und Bedeutung lädererlangt Geht nun aber noch das linke Rheinufer keiloren und gelingt es Frankreich wirklich, sich die Ruhr- 0 Henproduktion dienstbar zu machen, dann ist der wirt- Juftische Zusammenbruch Deutschlands ein vollständiger

15 v abjoluter. Der Vorstoß der Franzosen an der Ruhr ist.

aller unserer Leistungen und Einkünfte macht täglich, stünd⸗

mehr. Verhaftung folgt weiterhin auf Verhaftung, selbst vor dem Gebrauch von Schußwaffen gegen harmlose Be wohner scheut man nicht zurück. In Recklinghausen wurde gestern abend durch fünf Tanks eine Kundgebung ver hindert. Gleichzeitig erschienen Patrouillen, die mit Kolben⸗ hieben und dergleichen die Bevölkerung von der Straße trieb. In Hechtsheim wurde ein Straßenbahner von einem Marokkaner derart behandelt, daß er schwerverletzt mit einer Gehirnerschütterung in das Krankenhaus gebracht werden mußte. Das sind wenige Einzelfälle, die beliebig durch Tatsachen ergänzt werden können.

Inzwischen setzen die Franzosen ihre Bestrebungen fort, vor allem das englisch besetzte Gebiet abzusperren. Durch die Besetzung weiterer Bahnstationen im bergischen Land beherrschen sie jetzt u. a. auch die Eisenbahnlinie Ohligs Remscheid Barmen. Aus dem Taunus wird die Ankunft weiterer französischer Zollbeamter gemeldet.

Nach mehreren aus Düsseldorf vorliegenden Meldungen kam es auf der Strecke Düsseldorf Kettwig zu einem Zu⸗ sammenstoß von zwei französischen Militär⸗ zügen. Zwei Wagen wurden zertrümmert, 28 Tote sollen die Opfer des Unglücks sein. Die Toten wurden nach den vorliegenden Meldungen in aller Heimlichkeit von den Franzosen auf dem Düsseldorfer Friedhof beigesetzt.

Einspruch der Schweiz?

Eine Regierungsdeputatiaͤn aus Basel weilte am Mittwoch beim Bundesrat in Bern, um wegen der Einstellung des Zugver⸗ kehrs Frankfurt.Basel vorstellig zu werden. Bundesrat Motta stellte in Aussicht, sofort bei den Regierungen in Paris und Ber⸗ lin die notwendigen Schritte zu unternehmen. Er betrachtet die Lage als erust.(Daß die kleine Schweiz inmitten der feindlichen Brüder ernstlich Einspruch erhebt, ist kaum anzunehmen. Der Trotz der Schweizer, sich fremder Willkür nicht zu beugen, ist recht sagenhaft und hat sich noch nicht bewährt.)

Die Italiener nicht abgereist?

Die Telegraphen⸗Bureaus hatten die Meldung veröffent licht, daß dis italienischen Ingenieure, die der alliierten Kon⸗ troll⸗Kommission zugeteilt sind, plötzlich Essen verlassen haben. Demgegenüber ist festzustellen, daß sich die von Mus solini zur Teilnahme an der Ruhraktion beauftragten Ita⸗ liener bis auf zwei am Mittwoch Abend noch in Essen be

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Die Oberb. Volksseitung erscheint jeden Werktag vormittag in Gieß Verantwortl Redak f

N 5 e. 1100 0 Durch die Post bezogen 1800. Mk. einschl. 9 Einzelnumm. 50 M' Druck: U 1 Verlag Offenbacher Abendblatt 8 e a. M. 1 e pee et ee Ann e 5186 Mar ben Nr. 33 a Gießen, Freitag, den 9. Februar 1923 18. Jahrgang *

Muechun un Sinh. Täglich neue Gewaltakt Murtbestzung und Sialpolit äglich neue Gewaltakte.

1 Von Alexander Knoll,

Settetär des Allgemeinen Deutschen Gewerkschastsbundes. Und täglich neue Enttäuschungen.

1 Als seinerzeit in Deutschland die einzelnen Bestimmun⸗ Die Lage im Ruhrgebiet. fanden. Richtig ist, daß nur ein Ingenieur nach Paris abge⸗ gen des Versailler Friedensdiftats näher bekannt wurden, Das Gewaltregiment der französischen und belgischen reist ist, um sich dort informieren zu lassen.

klang das Urteil der sozialpolitisch urteilsfähigen Kreise all Besatzung im Ruhrgebiet verschärft sich von Tag zu Tag Der Vossischen Zeitung wird zuverlässig aus Rom mit⸗

geteilt, daß neuerdings auchzwei italienische Zollbeamte nach dem Rhein entsandt wurden.

Die Lage im Offenburger besetzten Gebiet.

Die Lage im neubesetzten badischen Gebiet hat sich wenig ver⸗ ändert. Die Verhandlungen zwischen den verschiedenen Beamten⸗ und Arbeitervertretungen und dem französischen Oberkomman⸗ dierenden haben zu keinem Resultat geführt. Die französische Be⸗ satzungsbehörde hat einige Bestimmungen, die zum Teil bereits aufgehoben, zum Teil gemildert worden waren, wieder verschärft. So hat sie den Nachtverkehr von neuem verboten und zwar in der Zeit von 85 Uhr. Auch die Wirtschaften müssen um 8 Uhr schließen. Nur diejenigen Restaurants, welche französische Militärpersonen beköstigen, dürfen bis 10 Uhr abends für die Franzosen offen halten. Die Offenburger Zeitung ist auf 2 Tage verboten worden, meil sie die Bedingungen der Gewerkschaften zum Teil in Fettdruck veröffentlichte. Die kleine Gemeinde Schütterwald, südlich von Offenburg, ist ebenfalls besetzt worden. Der verhaftete Postdirektor Krieg ist nach Kehl oder Straßburg verbracht worden und soll dort vor ein Kriegsgericht gestellt wer⸗ den. Der Telephon verkehr sowie der Bahnverkehr ruht vollkommen. Wann eine Aenderung in der Be⸗ triebsstillegung, die für das Wirtschaftsleben von Offenburg außerordentlich nachteilig ist, eintreten wird, läßt sich zur Stunde noch nicht sagen. Die Verprovfantierung der französischen Trup⸗ ven erfolgt auch jetzt noch aus eigenen Beständen. Irgend welche Requisitionen wurden weder in der StadtOfsenburg noch in den besetzten Dörfeen vorgenommen. Einige Franzosen, denen es in Offenburger Hotels nicht gefiel, haben eigenmächtig Privat⸗ quartiere bezogen. Ein daraufhin erfolgter Protest des Ober⸗ bürgermeisters wurde von dem Obersten zur Kenntnis genommen mit dem Bemerken, daß er dafür sorgen mird, daß sich derartige Vorfälle nicht wiederholen.(!) Es ist beabsichtigt, in den aller⸗ nächsten Tagen zwischen Renchen und Nene eine Kraftwagen⸗ verbindung herzustellen.

Streikbeschluß der b Bergarbeiter.

Die lothringischen Bezirksleiter haben den Streik be⸗ schlossen, wenn die Grubenbesitzer nicht neue Zugeständnisse machen. Auf einigen Gruben wird bereits gestreikt. Auch hier handelt es sich also nur um die Austragung von Lohn⸗ differenzen.

Aufruf der Bervarbeiterverbände.

Die Bergarbeiterverbände veröffentlichen einen Aufruf, in dem sie sich gegen die brutale Gewalttaten wenden, mit der die franzö⸗ sischen Imperialisten der Ruhrbevölkerung ihre Herrschaft aufzwin⸗ gn wollen. Der Anfruf weist hin, auf das Anwachsen von Verhaf⸗ tungen und Ausweisungen sowie Mißhandlungen friedlicher Bewoh⸗

im furchtbarsten Sinne des Wortes ein Stoß in das Herz Deutschlands! Hat dieser Stoß den von Frankreich ange strebten Erfolg, dann ist auf einen Schlag Deutschland ein im vollsten Sinne des Wortes übervölkertes Land. Es müssen sich dann automatisch alle die Folgeerscheinungen einstellen, die eine Massenübervöllerung naturnotwendig zur Folge hat.

In sozialpolitisch urteilsfähigen Kreisen dürfte ein Zweifel darüber, daß eine leistungsfähige Sozialpolitik nur auf dem Boden einer gesunden Wirtschaft möglich ist, nicht bestehen. Krankt die Wirtschaft ständig und geht sie mehr und mehr zurück, so muß das nicht zuletzt auch die Sozial⸗ politik nachteilig beeinflussen. Die Wahrheit dieses Satzes erkennen wir täglich in immer erschreckenderem Maße. Unsere Wirtschaft zehrt sich selbst auf die Folge ist, daß alle sozialpolitischen Einrichtungen sozusagen eintrocknen. Der Nährboden, auf dem sie sich bisher entwickelt haben, wird vollkommen ausgesogen. Beweis: die Krankenkassen vermögen trotz höchstgesteigerter Beiträge ihre Aufgaben nicht mehr zu erfüllen; die übrigen sozialpolitischen Ver sicherungszweige verdorren mehr und mehr. Die Unter⸗ stützungen dee Erwerbslosen reichen kaum zu, um trockenes Brot zu kausen; auf alles andere, was zum Leben notwendig ist müssen die Unglücklichen, die auf irgendeine der sozialen Fürsorgeeinrichtungen ongewiesen sind, verzichten. Noch schlimmer steht es un die großen Kreise der Aermsten, die auf die öffeptliche oder private Wohlfahrtspflege angewiesen sind. Und schrumpf nicht auch das Einkommen derjenigen, die noch so glücklich sind, arbeiten zu können, täglich, stünd⸗ lich zusammen? Muß nicht der hochqualifizierte Arbeiter, der vor dem Kriege wöchentlich 10 Dollar verdiente, heute mit einem WochenVerdienst von 6075 Cents sich durch hungern? Gewiß brauchte es in letzterer Hinsicht nicht über all so entsetzlich schlimm zu stehen aber selbst deer glühendste Phantast wagt nicht zu behaupten, daß es mög lich wäre, heute auch nun annähernd die Friedensparität der Löhne herzustellen. Und dieser Prozeß der Entwertung

lich weitere rasende Fortschritte. Die Notenpresse vermag den Bedarf an Zahlungsmitteln kaum noch zu decken und je mehr sie ihre Leistungen dem Bedarf anpaßt, umso schneller schreitet der Entwertungsprozeß fort..

Wie soll es unter solchen Umständen möglich sein, unsere sozialpolitischen aufrechtzuerhalten! Und nun stehen wir vor der unbedingten Gewißheit, daß die Zahl unserer Arbeitslosen ins Ungeheure und Ungemessene steigen muß wenn der französischen Regierung ihr Vorhaben an der Ruhr gelingt! Auf der anderen Seite aber erscheint es absolut ausgeschlossen, diesen Hunderttausenden die nötigen Mittel zu gewähren, um sie vor dem glatten Verhungern zu bewahren. Gewiß kann die Notenpresse nochproduktiver gestaltet werden mit der Wirkung wie wir sie in Oester⸗ reich und noch mehr in Rußland erblicken. Und unsere bange Sorge ist: Können die deutschen Gewerkschaften, kann die deutsche Arbeiterschaft unter solchen Umständen den Achtstun⸗ dentag noch weiterhin wirksam verteidigen? All das Gerede und Geschreibe um den Achtstundentag, das wir bis jetzt in Deutchland gehabt haben, bedeutet im Ernst keine Gefahr für ihn. Es hat schon immer in Deutschland Leute gegeben, die in jeder Arbeitszeitverkürzung eineGefahr erblickt haben. Sie haben es nicht verhindern können, daß die deutschen Ge⸗ werkschaften den Achtstundentag als erste für ihr ganzes Land errungen haben. Und sie werden unter wirtschaftich ge⸗ sunden Verhältnissen! den Achtstundentag solange haben. als sie ihn selber nicht preisgeben! Aher: unter wirtschaftlich gesunden Verhältnissen! Darauf kommt es an.

Der Kampf an der Ruhr, jetzt die deutschen Arbeiter. Angestellten und Beamten gegen den französischen Imperi⸗ alismus führen, ist ein Kampf um Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes, von dem die Arbeitnehmerschaft Neunzehn⸗ tel darstellt. Um Sein oder Nichtsein und damit auch um all das, was die organsierten deutschen Arbeitnehmer in einem halben Jahrhundert zähen, opfervollen Kampfes auf wirt- schaftlichem, sozialem und allgemein kulturellem Gebiet sich selbst geschaffen, den besitzenden und herrschenden Gewalten abgerungen haben.

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