Ausgabe 
4.6.1923
 
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ä- 0 Räumung der füdlichen Ruhrzone⸗ Ein Erfolg englischer Proteste.

. Die Meldungen, daß die Franzosen infolge englischen Pro⸗ 5 testes das ganze südliche der Ruhr gelegene Gebiet zu räumen be⸗ absichtigten, scheinen sich zu bestätigen. In amtlichen deutschen Stellen wird die Räumung der Kontrollstation Hengen schon in Kürze erwartet. Augenblicklich nimmt die französische Besatzung roße Truppenverschiebungen vor. Neu besetzt wurden Noeling⸗ haufen bei Gelsenkirchen und der Bahnhof Sterkrade. Zwischen Düsseldorf Hauptbahnhof und Essen Hauptbahnhof verkehren jetzt käglich vier militarisierte Züge. In Duisburg sind zwei von fran⸗ denen Soldaten geführte Züge zusammengestoßen. Der Sach⸗ schaden ist groß. Einzelheiten sind nicht zu erfahren, da Ab⸗ perrungen vorgenommen worden sind. Auf Grund einer Ver⸗ ügung des Generals Degoutte hat der Kommandant von Bochum augeordnet, daß alle Polizei außer der städtischen Polizei ver⸗ schwinden muß. Einschließlich der Feuerwehr soll eine kommunale Poltei in Stärke von 200 Mann aufgestellt werden. Auf Vor⸗ stellung des Düsseldorfer Regierungspeädiums hat sich General Degontte bereit erklärt, in jedem Konfliktsfall kommunale und städtische Polizei nach den bedrohten Gebjeten zu schaffen. Schuß⸗ polizei kommt nicht in Frage, da diese aufgelöst ist.

Der Amoklauf französischer Militärjustiz.

Die französischen und belgischen Kriegsgerichte haben seit dem

sreinbruch bis Mitte Mai Freiheitsstrafen von insgesamt 443

Jahren, 8 Monaten und 16 Tagen verhängt, außerdem Geld⸗ von 464 545 000 Mk. und 2850 Frances über Beamte des

eiches, der Länder und der Gemeinden. Am schwersten betroffen unden die Beamten der Reichsverkehrsverwaltung mit 162 ahren, 2 Monaten, 23 569 000 Mark. und 200 Frances. Ange⸗ ö örige der preußischen Verwaltung wurden zu 102 Jahren, 23 Mo⸗ aten 16 Tagen und 152 515 000 Mark verurteilt. Ueber die Ver⸗ urteilung von Privatpersonen liegen absschließende Ziffern nicht

vor. 3

Politische uebersicht.

Das Reichsarbeitsministerium für die N Anpassung der Löhne. 601 Die Reichsregierung hatte im März ds. Js. in die Lohnver⸗ Handlungen zwischen Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften durch eine Kundgebung eingegriffen, die in Anbetracht der damals einge⸗ leiteten Markstabilisierung Lohnerhöhungen für zweckmäßig er⸗ lärte. Die Folge war, daß die Arbeitgeberverbände, gestützt auf tese Kundgebung, auch dort Lohnausgleiche ablehnten, wo die öhne im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten stark im Rück⸗ tand geblieben waren. Auch neuerdings fühlte sich das Reichs⸗ arbeitsministerium wieder berufen, angesichts der angekündigten rotpreiserhöhung der Lohnpolitik der Unternehmer eine für die Arbeitnehmerschaft verhängnisvolle Richtung zu geben. Es legt den Arbeitgeberverbänden nahe, die aus der Brotpreiserhöhung zu erwartende unmittelbare und mittelbare Belastung bei den ohne⸗ ben notwendig werdenden Lohnverhandlungen voll abzugelten, da den Arbeitnehmern bei der gesunkenen Kaufkraft der Löhne nicht sugemutet werden könne, diese so starke Preiserhöhung des wich⸗ stigsten Volksnahrungsmittels zu tragen. Gegen dieses Verfahren e der Vorstand des A DGB. energisch Einspruch mit der Be⸗ gründung, daß die Brotpreiserhöhung nur einen Teil der unge⸗ heuren Preissteigerungen der letzten Zeit darstelle, sodaß der Ar⸗ eiterbevölkerung mit deren Abgeltung allein gar nicht geholfen ist. Mit Recht seien von der Regierung wirksame Maßnahmen auf allen Gebieten des Preiswuchers zu verlangen. Als Herausfor- derung der Arbeiterschaft müsse es empfunden werden, wenn sie att en den Arbeitgebern wirksame Parolen gegen aus⸗ reichende Lohnerhöhungen gebe. In anschließenden Verhandlungen mit Gewerkschaftsvertretern 3 7 das Reichsarbeitsministerium sich selbst davon überzeugen, 10 infolge der katastrophalen Preissteigerungen auf dem Lebens⸗ mittelmarkt mit der Abgeltung der Brotpreiserhöhung allein der Notlage der Arbeitnehmer nicht Rechnung getragen war, und es ist freulich, daß sich nunmehr auch eine amtliche Erklärung für die Anpassung der Löhne an die Teuerung ausspricht. Danach ist die Regierung der Ansicht, daß mit dem neuen Marksturz selbstver⸗ ständlich auch auf dem Gebiete der Lohnpolitik eine veränderte 5 Sachlage eingetreten ist und daß es nunmehr eine dringende Auf⸗ ö gabe aller beteiligten Kreise und Behörden sei, die Löhne der ge⸗ Dabei müsse auf das sprung⸗ fte Anwachsen der Teuerung Rücksicht genommen werden, die in 3

Fate Kaufkraft anzupassen.

den Festßekungen des amtlichen Inder naturgemäß erst nachträh⸗

lich zum Ausdruck kommt. f

Den Gewerkschaftsvertretern ist dringend zu empfehlen, bei Lohnverhandlungen mit Arbeitgebern und Schlichtungsausschüssen auf die neueste Regierungskundgebung vom 1. Juni ds. Js. Bezug zu nehmen. 5

Die französische Regierung gegen den Fascismus.

Am Donnerstag wurde der französische Abgeordnete Sangnier Moutet und der frühere Minister Violett in Paris von Fascisten überfallen. Dieser Ueberfall hatte in der Freitagsitzung der Kammer sein Nachspiel. Als der Royalist Leon Daudet in der Kammer erschien, wurde er umringt und wegen seiner Treibereien zur Rede gestellt. Er mußte schließlich zu seinem eigenen Schutz in einen Seitengang der Wandelhalle gebracht werden, weil er sonst von den Ab⸗ geordneten verprügelt worden wäre. In der Kammer selbst lagen bereits mehrere Interpellationen über die royalisti⸗ schen Ausschreitungen vor. Im Namen der Regierung er⸗ klärte sich der Innenminister zur sofortigen Beantwortung bereit. Als erster Interpellant forderte der Führer der Radikalen Heriot scharfes Vorgehen gegen die Knüppel⸗ helden Frankreichs. Inzwischen war Daudet in den Kammer⸗ saal zurückgekehrt und entfesselte einen Sturm der Ent⸗ rüstung, als er in einem Zwischenruf behauptete, die Radikalen hätten die Ermordung des Royalisten Plateau gebilligt. Auch die anderen Redner der bürgerlichen Parteien forderten wie Heriot entschiedene Maßnahmen gegen die Ueberfälle der Royalisten. Der Innenminister erklärte dann, daß die Regierung unerbittlich gegen die Aus⸗ schreitungen der Royalisten vorgehen werde. Sie habe den Beweis, daß die Ueberfälle von einer Geheimorganisation, die sich über ganz Frankreich erstrecke, ausgehe und habe die leitenden Personen dieser Organisatiön inzwischen namentlich festgestellt. Der Minister 1 mit dem Ver⸗ sprechen, daß die Regierung alle Maßnahmen zum Schutz

der Republikbis zum Aeußersten treffen werde.

Die Regierungserklärung wurde von den Mittelparteien beklatscht. Als später Daudet zu sprechen versuchte, wurde er von der Linken niedergeschrieen. Schließlich konnte eine Tagesordnung angenommen werden, in der die Kammer mit großer Mehrheit erklärt, daß sie zur Regierung das Vertrauen habe, daß den royalistischen Umtrieben entgegen⸗ gearbeitet wird. g

Die sozialen Gärungen in Deutschland. Blutige Straßenkämpfe in Bautzen.

Die Demonstrationen Erwerbsloser in Bautzen fanden am Don⸗ nerstag und in der Nacht zu Freitag ihre FJortsetzung. Es kam zu schweren Ausschreitungen. Während der Rat der Stadtverordneten eine Sitzung im Gewandhaus abhielt, hatte sich auf dem vor dam Gewandhaus liegenden Hauptmarkt eine große Menschenmenge ange⸗ sammelt, die Lärmszenen veranstoltete. Gegen 8 Uhr abends wurde von der Polizei der Platz gesäubert und dabei von Gummiknüppeln Gebrauch gemacht. Die demonstrierende Menge nahm in den späten Abendstunden eine immer drohendere Haltung an und forderte den Abzug der Landespolizei, sowie die Herausgabe eines Polizeibeamten. Gegen ½12 Uhr nachts fielen aus der Menge der Demonstrierenden Schüsse gegen die Polizeiwache und gleichzeitig wurden mit Knüppeln und Steinen die Fensterscheiben zertrümmert. Die Polizei versuchte die Menge mit Schlauchleitungen zu zerstreuen, als ihr dies aber nicht gelang, wurde eine Gewehrsalve abgegeben. Dabei wurde ein Kauf⸗ mann namens Reymann und eine Frau Hettasch getötet, außerdem vier Zivilpersonen und fünf Polizeibeamte verletzt. Die Gesamtzahl der

Verletzten läßt sich zurzeit noch nicht feststellen.

Der wilde Straßenbahnerstreik in Köln.

Der wilde Streik der Kölner Straßenbahner hat sich im Laufe des Freitags auf alle städtischen Betriebe, Gas⸗, Elektrizitäts⸗ und Wasserwerke, Theater, Friedhöfe usw. ausgedehnt. Es kommen im ganzen etwa 60 000 Arbeiter in Frage. Die Notstandsarbeiten wer⸗

los wieder aufgenommen sein.

den vorläufig ausgeführt, sodaß mit Ausnahme des vollft gelegten Straßenbahnverkehrs noch keine unmittelbare Einn

die Bevölkerung zu spüren ist. Aeußerlich ist alles ruhig. De hat keinen Rückhalt bei den Gewerkschaften. Auffallend ist, de wilde Streikkomitee bis zur Stunde noch keine posttiven Forder an die Stadtverwaltung gestellt hat. Die britischen Besa truppen haben die Streikenden am Donnerstag morgen auf d stimmungen der Rheinlandkommission aufmerksam gemacht, na Streiks bei den Besatzungsbehörden nur damn als zu Recht bestt anerkannt werden, wenn alle sonstigen Verhandlungsmöglichkeiten Tarifvertrages erschöpft sind. Die Streikenden haben sich ber erklärt, für die britische Besatzung Dienstwagen zu fahren. Engländer bestehen jedoch auf völlige Wlederaufnahme der Sie haben am Donnerstag nachmittag vier Mitglieder des komitees verhaftet und weitere Verhaftungen angedroht. Die hafteten sind jedoch am Freitag vormittag wieder freigelassen 6 Bestimmte Anzeichen deuten darauf hin, daß die ganze Aktion Zusammenhang mit den Ruhraufständen steht und daß hier wie die Franzosen die Hände im Spiel haben. Die oppositionellen triebsräte haben nach dem Muster des Ruhrgebiets an den Ortsc schuß des A DGB. die bekannten Forderungen gestellt. Der stand des ADB. beschäftigte sich am Freitag N mit Anträgen. Ihnen wurde dasselbe Schicksal zuteil wie den kom nistischen Forderungen im Ruhrrevier. Die Stadtverwaltung ist schlossen, nicht nachzugeben. Sie sieht in dem Vorgehen der Stre den einen glatten Tarifbruch, weil sie die Entscheidung des Berl Tarifamts nicht abgewartet haben. Bemerkenswert ist, daß Lohnabschluß der städtischen Arbeiter vom 15. Mat bis 1. Jumt günstiger ist als der für alle anderen Kölner Arbeiterkategorsen.

Demonstration in Breslau.

In Breslau demonstrierte ein Zug von mehreren tausend 9 beitslosen vor dem Rathause. Ihre Forderungen gingen im wes lichen auf eine einmalige Beschaffungsbeihilfe, Erhöhung der Erwet losenunterstützung und Vornahme von Notstandsarbeiten. i Zwischenfällen kam es bei dieser in geordnetem Zuge sich wieder auf. lösenden Demonstration nicht. 5

Fortschreitende Beruhigung im Ruhrgebie

Die Arbeit ist im Industriebezirk jetzt überall wieder aufgenom⸗ men. Auch im Landkreise Hamm macht sich eine Besserung bemerkbar. Nur vereinzelt wird hier noch gestreikt und geplündert. U. a. 5 der Versuch gemacht, den Zechenkonsumverein in Radbod zu plündern Bis spätestens Montag dürfte auch im Bezirk Hamm die Arbeit rest⸗

Der Deserteur.

f Roman von Robert Buchanan.

Onkel Ewens Augen leuchteten auf und seine Lippen bewegten sich, ohne jedoch einen Laut hervorzubringen. 0Vater Ploust spricht die Wahrheit! bestätigte Marcelle.

Das ist eine gute Nachricht, stammelte der Kranke und sant erschöpft in die Kissen zurück.

5 Die Aufregungen der letzten Wochen hatten seine Kräfte vollstandig aufgezehrt. Tag für Tag war er ins Wirtshaus gehumpelt, um seine gewohnten Kaisertiraden vom Stapel

1 lassen. Sein Puls raste, in seinen Ohren brauste es be⸗ sständig wie Meeresrauschen. Die ganze Welt lehnte sich gegen den kleinen Korporal auf und der kleine Korporal sollte mit Gottes Hülfe die ganze Welt schlagen! Sein ö eigener Stolz und seine hohen Erwartungen standen auf dem

Spiel; mit dem Glück des Kaisers stieg und sank das seinige!

Der Fall des Kaisers hatte ihm fast das Leben gekostet; nun

da dieser sich wie die Sonne aus einer düsteren Wolke er⸗

hoben hatte, gewann auch Onkel Ewen seinen verlorenen

Emfluß zurück. Stolz und glücklich führte er wieder das g große Wort zu Hause sowohl wie im Wirtshaus. Aber auch die Freude kann unter Umständen gefährlich werden und so brachte die beständige Erregung die in Derval schlummernde Krankheit zum Ausbruch.

5 In der Sorge um den Onkel vergaß Marcelle fast ihren eigenen Kummer. Seit dem Verschwinden Rohans hatte man nichts mehr von ihm gehört; sie wußte also nicht, ob er lebe oder tot sei und verbrachte sorgenvolle Tage und angstvolle Nächte. Der Anfall des Alten ging diesmal nicht so rasch vorbei wie die früheren. Infolge der ungeheueren Schwäche mußte er das Bett hüten. Mutter Derval drang in ihn, den Geistlichen holen zu dürfen, aber er wollte nichts davon hören; so angenehm ihm der kleine Curs auch persön lich gewesen durch seinen offenen Uebertritt ins Lager der Feinde hatte er's gänzlich mit ihm verdorben. Dagegen . te man ihm täglich die Zeitungen vorlesen; zum Glück brachten sie nur gute Nachrichten.

Nach einer Woche hatte er sich wieder so weit erholt, daß er aufstehen und in seinem Lehnstuhl sitzen durfte. Eines

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Tages trat ganz unerwartet der Wanderlehrer in die Küche. Marcelle erschrack zuerst; als sie aber sah daß der Onkel ihn freudig begrüßte, schwand ihr die Angst. Arfoll vermied jedes heikle Thema, denn er wat nicht der Mann, einem Mitmenschen unnötige Qualen zu bereiten. Als er sich nach einer Stunde entfernte, sagte der Korporal:Ich war un⸗ gerecht; er ist ein ganz vernünftiger Mann!

Arfoll wiederholte am nächsten Tage seinen Besuch und plötzlich sprachen die beiden Männer von Politik. Der Wan⸗ derlehrer vermied jeden Widerspruch; ja, er gab rückhaltlos zu, daß nur ein großer Mann so viel Liebe gewinnen und solche Begeisterung erwecken könne wie Napoleon. Seit er den Kaiser mit eigenen Augen gesehen, wunderte er sich nicht mehr, daß seine Anhänger mit solcher Bewunderung an ihm hängen! Und ehe Mareelle recht wußte, wie es kam, las er dem Onkel Stellen aus der Bergpredigt vor, denen der Patient andächtig lauschte:Der Krieg ist doch eine furchtbare Sache und der Frieden das beste! bemerkte Arfoll, das Neue Testament zuklappend.

Das ist ganz richtig, gab der Korporal zu,aber der Krieg ist notwendig!

Er wäre es nicht, wenn die Menschen einander wirklich liebten!

Zum Henker, wie kann man seine Feinde lieben? Diese Preußen! Diese Engländer! knurrte Derval grimmig. Arfoll seufzte und ließ den Gegenstand fallen. Als er sich verabschiedete, folgte ihm Marcelle auf die Straße und fragte zaghaft:Meister Arfoll wird er sich erholen?

Das weiß ich nicht, er ist erastlich krank und kein junger Mensch mehr!... Hast Du keine Nachricht von Deinem Vetter, mein Kind?

Sie verneinte und kehrte traurig in die Küche zurück. In derselben Nacht herrschte im Dorfe große Aufregung; bonapartistische Gruppen durchzogen singend und lärmend die Straßen; die Nachricht von der Schlacht bei Ligny und dem Sieg der französischen Armee war bis Kromlaix ge⸗ drungen. 8

Es ist wahr, Onkel, der Kleine hat die feindlichen Ungeheuer von Preußen besiegt und er wird wohl auch die Engländer vernichten! sagte Gildas mit lallender Zunge.

mit sanfter Stimme an den Sterbenden.Hören Sie mich,

Im Bezirk Hagen stehen noch ungefähr 5000 bis 6000 Metal⸗ arbeiter im Streik. Am Donnerstgg wurde ein Schiedsspruch gefäll dessen Annahme durch die Gewerkschaften wahrscheinlich ist, sodaß auch in diosem Bezirk mit einer schnellen Beilegung des Streiks zu 9 nen ist. Die Bewegung verläuft ruhig und ist fast in der Hand 8 8 5 5 e e ist dagegen die Lage unverändert. Hier wur ein Angebot der Arbeitgeber, das einen Spitzenlohn von 2350 9 für die Stunde vorsah, von den Streikenden abgelehnt. Den werkschaften ist die Führung dieses Streiks völlig aus der geglitten. Auch die Kommunisten spielen keine Rolle mehr, die Unionisten die Arbeiterschaft vollkommen beherrschen. In burg ist es zwischen unionistisch gesinnten Arbeitslosen und Kommt nisten am Donnerstag zu einem Zusammenstoß gekommen. Als d Arbeitslosen das Rathaus besetzten, wurden sie durch Mitglieder d Kommunistischen Partei wieder hinausgeworfen. 5 1 0 a 1 Ein deutschvölkischer Hetzer. 3 zor dem Staatsgerichtshof fand am Donnerstag voriger Vat e gegen 755 1 5 Hauptgeschäftsführer des Deutsch⸗ völkischen Schutz⸗ und Trutzbundes, Alfred Roth, wegen leidigung des Reichsministers Rathenau und Aufreizung zum Klasf haß statt. Roth bezeichnete in seiner Rede in Stettin am 8. Mai 1 Rathenau u. u. als Kandidaten des Judentums und n ihm vor, daß er auf die Bolschewisterung Deutschlands hinarb Der Oberreichsanwalt ließ die Anklage wegen Aufreizung Klassenhaß fallen und beantragte wegen Beleidigung eines Mitgl der Reichsregierung eine Gefängnisstrafe von 8 Monaten und Geldstrafe von 100 000 Mark sowie Publikationsbefugnis in e n Stettiner und Berliner Blättern. Das Gericht verurteilte nur z 500 000 Mark Geldstrafe wegen Beleidigung.

2 427 7* 4* Aitiert für die Oberhesssche Volkszeitung. Er hatte, wie so oft in der letzten Zeit, im Wirtshaus wieder einmal über den Durst getrunken. 3

Wo ist die Zeitung? fragte der Alte, am ganzen Körper zitternd. Gildas reichte sie ihm, er vermochte aber nicht zu lesen, die Buchstaben verschwammen vollständig in⸗ einander, so daß er das Blatt Marcelle geben mußte, die dann laut daraus vorlas. In jener Nacht konnte Derval vor freudiger Aufregung nicht schlafen. Als Marcelle am nächsten Morgen in die Küche kam, fand sie ihn phanta · sierend und in heftigem Fieber. Er wälzte sich unruhig im Bette herum, rief seine alten Kriegskameraden mit Namen und sprach zu ihnen von Austerlitz. Ja, er sprang sogar aus dem Bette:Man blast zur Reveille! rief er.Wo sind meine Kleider?. 5

Nach vielem Zureden gelang es Marcelle, ihn wieder ins Bett zu bringen. Bald darauf trat der Wanderlehrer ein, aber der Korporal erkannte ihn nicht. Arfoll, der in solchen Dingen große Erfahrung besaß, erklärte den Zustand für sehr bedenklich, was Frau Derval veranlaßte, sofort nayh dem Geistlichen zu gehen. Als dieser kam, fand er Onkel Ewen unfähig, die Sterbesakramente zu empfangen, da er das Bewußtsein verloren hatte und seine Seele auf dem großen Schlachtfeld weilte;seine Lippen murmelten ständig die Namen längst verstorbener Kameraden oder den 1 Napoleons. Die Witwe war untröstlich.

Ach, soll er denn ohne die Segnungen der Kirche sterben? schluchzte sie. 6

Er soll sie empfangen, wenn er mich nur versteht, ö Mutter Derval, erklärte der Geistliche und wandte sich dann

Herr Korporal? Ich bins, Vater Rolland. f Marcelle seufzte, Gildas schluchzte wie ein Knabe, Arfoll stand ernst vor dem Bette und fühlte den Puls des Kranken; Ich fürchte, sein letzte Stunde hat geschlagen! 1 Er war ein braver Mensch, aber ein großer Enthusiast und dieser Sieg von Ligny ist ihm zu Kopf gestiegen, be⸗ merkte Vater Rolland.Er hat seinem Kaiser und auch Frankreich treu gedient! 5 Der Name Kaiser schien den Korporal aus der Ohn⸗ macht zu erwecken; er schlug die Augen auf und richtete sie fest auf den Priester, den er aber nicht erkannte. 1 (Fortsetzung folgt.) 1 85

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