S
S.
e
3
vu— ¹·—
al. un) 58t * de 31 850 be ft
Gießen, Samstag, den 3. März 1923.
Oberhessischen Volkszeitung Nr. 52
Gießen und Umgebung. Die Sünden der Väter.
Zur bevorstehenden Preiserhöhung des Bezugsgeldes der Zeitungen schreibt uns ein Leser: Bekanntlich gehört das Zeitungs- und Buchdruckgewerbe zu denjenigen, bei denen die Teuerungswelle die allergrößten Verheerungen angerichtet hat. Die Materialien, wie Druckpapier, Farben und Oele usw. haben eine sich hoch über den Durchschnitt erhebende Preissteigerung erfahren. Daß auch unsere Zeitung leider gezwungen war, zum 1. Märs den Be⸗ zugspreis abermals bedeutend zu erhöhen, dürfte nicht nur den Betriebsdelegierten und sonstigen Eingeweihten, sondern wohl jedem denkenden Leser klar sein. Nicht so allgemein einleuchtend und verstandlich dagegen ist, daß die Arbeiter⸗ presse on den Opfersinn ihrer Leser zu appellieren gezwungen ist. Hier rächen sich die Sünden der Väter an dem drohenden Zusammenbruch unserer Arbeiterzeitungen.
Der bitteren Wahrheit die Ehre. Seit Gründung unserer Zeitung hat der größte Teil der Arbeiterschaft allen Mah⸗ nungen der Einsichtigen zum Trotz, den— kapitalistischen Zeitungen die Treue bewahrt und dadurch zu ihrem Ausbau und Aufstieg nicht wenig beigetragen. Großkapitalistische Verleger gründeten sogenannte General-Anzeioer, um durch
niedrigen Preis und geschickte Aufmachung die Leser anzu⸗
locken. Man schlug zwei Fliegen mit einem Schlag; man machte Dank der Arbeitergroschen, über deren Vergeudung man sonst so gern heulmeierte, ein Bombengeschäft und hielt die um bessere Arbeitsbedingungen kämpfenden Arbeiter nieder.
Ohne unsere täglich erscheinende Parteipresse würden auch die freien Gewerkschaften an Bedeutung und Schlag— kraft einbüßen, aussichtslose Streiks und Aussperrungen würden folgen, die trostlose Lage der Arbeiterschaft würde sich noch mehr verschlechtern und von tausenden Arbeitern ungeahnte Opfer erheischen, demgegenüber die Preis⸗ erhöhungen unserer Zeitung minimal zu nennen sind.
Organisieren wir den Kampf für die Erhaltung unserer Zeitung, aber nicht zwischen Tür und Angel, sondern in den Betrieben sei unser Hauptbetätigungs⸗ feld. Die Zeit drängt. Nutzen wir jede Pause zur Auf⸗ klärung, jede Bahnfahrt, überhaupt all und jede Gelegen⸗ heit von und nach den Arbeitsstätten. Versuchen wir in allen
Groß- und Kleinbetrieben jedem einzelnen den Ernst der Stunde klarzumachen und das„Opfer bringen“ ins rechte, ins hellste Licht zu rücken. Wenn jeder seine Schuldig⸗ keit tut im Erhalten und Gewinnen von neuen zahlenden Lesern, wird sich in kurzer Zeit die Auflage unseres Partei- blattes verdoppeln. Es soll und muß gelingen! Auf zur Tat! 0
Der Arbeitsmarkt im Jauuar.
Das Landesamt für Arbeitsnachweis in Frankfurt a. M. gibt über die Lage des Arbeitsmarktes in Hessen, Hessen⸗ Nassau und Waldeck im Monat Januar 1923 folgenden Bericht:
Der rechtswidrige Einbruch der Franzosen in das Ruhr⸗ gebiet hat im Jannar die Arbeitsmarktlage in Hessen, Hessen⸗Nassau und Waldeck noch nicht so tiefgreifend zu be⸗ einflussen vermocht, wie man es
zunächst allgemein anzu⸗
nehmen glaubte. Es liegt in der Natur der Dinge, daß derartige Ereignisse meist nicht unmittelbar die schädlichsten Folgewirkungen zeitigen, sondern daß diese erst in einem gewissen zeitlichen Abstand auftreten, dann aber auch um so zwangsläufiger und unhaltbarer.
Eine Anzahl Firmen, die Reparationslieferungen im Auftrage des Reiches zu tätigen hatten, waren genötigt, diese auf Anordnung der Regierung sofort einzustellen, lokale Arbeiterentlassungen waren daher in diesen Fallen nicht zu umgehen; vorzugsweise waren es Waggonbauanstalten und ähnliche Firmen. Im engsten Zusammenhang aber mit der durch die Ruhrbesetzung geschaffenen politischen Lage stehen die Schwierigkeiten im unbesetzten Deutschland, mit denen unsere Wirtschaft heute zu kämpfen hat. Auf die rapide Senkung unserer Markwährung und der damit verbundenen außerordentlichen Verteuerung der Rohstoffeindeckung hin⸗ zuweisen, wird sich erübrigen. Kleinere Betriebe und namentlich solche, die weniger mit Rohmaterialien ein⸗ gedeckt waren, mußten verkürzte Arbeitszeit einführen und auch größere Fabriken und Handelsfirmen sehen sich zu den gleichen Maßnahmen gezwungen, da mit der Steigerung der fremden Valuten die einheimische Kaufkraft in keiner Weise Schritt halten konnte, ganz abgesehen davon, daß heute eine einigermaßen sichere Kalkulations⸗ und Produktionsgrund⸗ lage völlig ausgeschlossen ist. Befanden sich schon Industrie, Handel und Gewerbe Ende Dezember in einer rückläufigen Konjunktur, so wurde diese noch durch die Ruhrbesetzung in jeder Weise verschärft, wie die dauernd, wenn auch noch langsam ansteigenden Erwerbslosenzahlen es dokumentieren. Es muß in diesem Zusammenhange auch darauf hingewiesen werden, daß diese absoluten Zahlen der Erwerbslosigkeit kein ganz zutreffendes Bild der wahren Lage auf dem Arbeits⸗ markt geben, vielmehr wären zu ihrer Ergänzung die Zahlen der verkürzt Arbeitenden anzugeben, deren statistische Er⸗ fassung leider heute noch nicht völlig durchorganisiert ist. Es würde sich zeigen, daß gegenwärtig die verkürzte Arbeitszeit auf 36 und 24 Stunden in einem weit größeren Umfange durchgeführt ist, als es die Oeffentlichkeit anzunehmen in der Lage ist. Namentlich sind es die Firmen der Bekleidungs⸗ branche; ferner der Lederwarenfabrikation und der Luxus⸗ Industrie, die heute ihre Arbeitnehmer nicht mehr voll be⸗ schäftigen können. Aber auch in der Eisenindustrie, nament⸗ lich im Waggon⸗ und Lokomotivbau hat infolge der Unsicher⸗ heit der Lieferungsverhältnisse und infolge der Tatsache, daß die Preise schon teilweise diejenigen des Weltmarktes über⸗ schritten haben,, der Auftragsbestand aus dem Ausland bereits recht empfindlich obgenommen. Eine sehr große Lokomotivbauanstalt in Hessen⸗Nassau sieht sich gezwungen, schon gegenwärtig Arbeiterentlassungen vorzunehmen. Was die Kohlenlage im Bezirk des Landesarbeitsamtes angeht, so sind bisher noch keine Klagen über fehlendes Brennstoff⸗ maberial eingegangen. Recht unliebsam haben sich gegen Ende des Monats durch die Verkehrsstockungen die Arbeits- verhältnisse namentlich in dem Rhein⸗ und Main-⸗Bezirk ent⸗ wickelt, da durch die Eisenbahnstillegung auswärtswohnende Arbeiter ihre Arbeitsstätte nur mit den größten Schwierig⸗ keiten und oft überhaupt nicht zu erreichen vermögen.
— Preiserhöhungen innerhalb eines Tages. Mehrfach ist es vor⸗ gekommen, das Geschäfte die Preise ein und derselben Ware im Laufe eines Tages heraufgesetzt haben, teilweise sogar mehrfach. Natürlich ruft das den Unwillen des kaufenden Publikums hervor. Vor einigen Tagen hat die Leipziger Preisprüfungsstelle ein derartiges Verfahren,
e
— Die Arbeitslosigkeit in Gießen hat in der letzten Zeit etwas zugenommen, etwa gegen 80 Personen erhalten gegenwärtig Arbeits⸗ losen⸗Unterstützung. Außer diesen sind aber noch eine erhebliche An⸗ zahl vorhanden, die arbeitslos sind, aber keinen Anspruch auf Unter⸗ Erhöhungen der Preise innerhalb eines Tages vorzunehmen für un⸗ sorgt werden.
Die gegenwärtige schwierige Wirtschaftslage lastet ganz be⸗ sonders auf der Tabakindustrie. Ihre Arbeiter und Arbeiterinnen befinden sich in einer verzweifelten Lage, da die Kurzarbeit und die Arbeitslosigkeit einen nie geahnten Umfang angenommen haben. In der Zeit vom Juli 1922 bis Januar 1923 stieg der Prozentsatz der Arbeitslosen, berechnet auf je 100 Mitglieder des Deutschen Tabakarbeiterverbandes, von 2,58 auf 23,09, der der Kurzarbeiter von 4,70 auf 44,97, sodaß also von je 100 Mitgliedern des Verbandes im Januar ds. Js. 68,96 entweder nur beschränkt oder überhaupt nicht arbeiten konnten. Gegenüber dem Juli 1922 bedeutet das eine Steigerung von 61,68. Die Ursachen dieser riesigen Arbeitslosigkeit liegen zum Teil in der starken Belastung der Tabake und der Tabakfabrikate durch Zölle und Steuern, zum andern in dem durch die schlechte wirtschaftliche Lage hervorge⸗ rufenen Rückgang des Konsums. Das Tabaksteuergesetz schreibt in Voraussicht der durch seine Wirksamleit entstehenden Arheitslofig⸗ keit vor, daß die mehr als ein Jahr im Tabakgewerbe beschäftigten
Arbeitnehmer, die nachweisbar infolge des Gesetzes innerhalb der nächsten drei Jahre nach seinem Inkrafttreten arbeitslos oder sonst
irgendwie geschädigt werden, Unterstützungen bis zu einem Jahre aus der Reichskasse erhalten. Im Falle der Arbeitslosigkeit darf die Unterstützung nicht weniger als drei Viertel des verlorenen Arbeitseinkommens betragen. Das diejenigen besteht, die bis zum 31. März ds. Js. arbeitslos oder sonst geschädigt werden und noch nicht bis zu einem Jahre Unter⸗ stützung erhalten haben.„ 5
— Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen das am Montag.
5. März, vormittags 9½ Uhr zur Sitzungsperiode des ersten 1 1 2
jahrs zusammentritt, hat folgende Fälle zu verhandeln: Montag, 5 Uhr gegen Emma Adam von Düdelsheim wegen Kindestötung. Die
Anklage vertritt Amtsgerichtsrat Dr. Wodaege, Verteidigung führt
Rechtsanwalt Peter.— Dienstag, 6. März, vormittags 8%½ Uhr gegen Kätchen Umsonst aus Nieder⸗Florstadt wegen Kindestötung. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Dr. Eckert, die Verteidigung führt Rechtsanwalt Mendelsohn. Mittwoch, 7. März, vormittags 8% Uhr gegen Jakob Phil. Dietz aus Büdesheim wegen Meineid. Die An⸗ klage vertritt Amtsgerichts rat Dr. Wodaege, Verteidiger ist Rechtsan⸗ walt Schröder⸗Friedberg. f
— Prämien für Wohnungsnachweisung. Wohnungsinhaber, die ihre Wohnung infolge Wegzug oder Aufgabe des Haushalts dem Wohnungsamt zur Verfügung stellen, erhalten eine Prämie, deren
Höhe von der Wohmmgs-⸗Deputation bestimmt wird. Näheres siehe
im Inseratenteil. 5
— Hochwasser. Auch die Lahn ist bedeutend angeschwollen und hat die Ufer überschwemmt. Das Stauwasser macht sich in der Wieseck bis weit in die Stadt hinein bemerkbar.
— Ausstellung von Handarbeiten. t vereins befindliche Ausstellung von Arbeiten des Handarbeitssemi⸗ nars und des Fröbelseminars der Aljceschule ist nur noch morgen, Sonntag, von 11—1 und von 3—5 Uhr geöffnet.
— Das städtische Elektrizitätswerk ersucht uns um Aufnahm des Folgenden: Die ständig wachsenden Schwierigkeiten, mit denen wir bei der Erhebung der Stromgelder zu kämpfen haben, geben Ver⸗ anlassung, uns an unsere Stromabnehmer zu wenden, und ihnen die sorgfältige Beachtung nachstehender Bestimmungen angelegentlich in Erinnerung zu bringen: 1. Sofortige Zahlung des Stromgeldes in bar oder mittels Scheck an den Erheber. Bei Ausstellung von Schecks möchten wir die Anregung geben, auch den Hausfrauen das Recht einzuräumen, dieselben zu unterschreiben, denn gerade hier gehen uns viele Klagen zu, daß der Erheber so lange habe warten müssen, 2. keinen Scheck ausstellen, für den keine Deckung vorhanden ist, 3. bei Zohlung auf Postscheck genaue und deutliche Angabe, für was die Zahlung ist, 4. Aufbewahrung der Quittungskarte am Zähler, 5. Zu⸗ lassung des Erhebers zum Zähler zu jeder Tageszeit.
W
Dichtung im Dienste des Revanchegedankeus.
Man muß es unseren chauvinistischen Haißspornen stberlassen: in der Ausnutzung der Geschehnisse wie der Stimmungen sind sie Meister. Jede einzelne Untat, die da unten am Rhein geschieht, treibt Wasser auf ihre Mühlen, und der Zorn und die Erbitterung, die diese Un⸗ taten auch in den Herzen der Arbeiterschaft auslösen, stärkt ihre Hoff⸗ nung auf Herstellung einer„Einheitsfront“, die sehr aktiv gedacht ist. In den Zeitungen, in Broschllren, Flugschriften und in Versamm⸗ lungen werden die Leidenschaften aufgestachelt, und nun wird gar auch die lurische Dichtung werbend und stimmungmachend in den Dienst des Revanchegedankens gestellt. Vor uns liegt ein dünnes Bändchen lyrischer Gedichte, das die Aufschrift„Deutschland stirbt“ trägt und Herrn Alfred Gramsch zum Verfasser hat und im Edda⸗ Verlag in Leipzig erschienen ist, der es uns in diesen Tagen unauf⸗ gefordert zugesandt hat.
1 Die Lektüre der 43 Balladen und Lieder, an die wir mit einigem Mißttrauen in den dichterischen Wert herangingen, hat uns über⸗ zeugt, daß Herr Gramsch immerhin ein Dichter ist und zu gestalten weiß, wenn auch in der Formgebung manches zu bemängeln wäre. Das kleine Gedicht„In der Irre“, rein und schlicht empfunden und auch sprachlich schön geformt, hinterläßt Befriedigung, auch die eine oder andere Ballade mit ihrer wuchtig herausgeaxbeiteten Handlung und der bildreichen, kräftig tönenden Sprache sind ein glücklicher Wurf, so die„Ballade vom deutschen Tod“, inhaltlich eine Geißelung der Lustseuche inmitten der Not der Zeit. Aber damit ist auch die Zahl der Lieder, die sachlich einen reinen Eindruck hinterlassen, er⸗ schöpft. Alle anderen atmen Blut, predigen den Haß, fordern die Mache. Es wird einem förmlich blutrot vor den Augen, wenn man all biese„blutigen“ Wendungen liest. Da heißt es in einer Schlußstrophe:
Wir schritten zu tief durch Haß und Wut.
Mitlefd und Güte zerbrach.„
Doch haben wir Zeit erst: mit Feuer und Blut— Merk's Fronkreich! Haben wir Zeit erst: mit Blut
Hol'n das Versäumte wir nach! b
Was die Feinde, besonders Franzosen und Polen, uns angetan, wir dürfen es, so wird in immer vorkierten Wendungen gesagt, nicht vergessen.„Wir schweigen und wachsen hinein in den Haß“, heißt es im Schlußlied, das„Jungdeulschland“ gewidmet ist.„Wir wachsen hinauf zum Tag des Gerichts: Hlite dich, Frankreich!!“ Auch Gott, der„Herr der Schwerter und Klingen“ wird natürlich als Helfer beim Werk der Rache angerufen. Aber die Art, wie; es geschieht, ist geradezu blasphemisch(gotteslästerlich). Man höre laus einem „Gebet“(1) überschriebenen Gedicht):. 5
Herr, lehre uns durch Schmach den Haß, Herr, laß die Schmach in Haß und Rach' Uns danten!! 5 2 00
Einen Mönch in„kahler Zelle“, in der ein„letztes Licht, Rat wie Blut“ brennt, läßt der Dichter zu Gott rufen:
„Und wenn du so uns Plag um Plage schickst, Mein Herr, gib auch den Schlüssel, den wir suchen.
Der du uns so in tiefster Schmach erstickst, Wir lernten dulden, Herr, doch du bedrückst Uns immer tiefer noch.— So lehr uns fluchen!“ Gestöhn.— Die Flemme irrer flackt. 6
Stumm horcht er und verstört.
Da: durch das Dunkel, starr und nackt,
Eine Dornenkrone niederzackt:
e,
Doch genug von diesen blutrüstigen Phantasien! Aber leider darf, man sicher sein, daß die in solche Sprache ge en Gedanken Ein⸗ gang in manchem unbewehrten, zumal jugendlichen Herzen finden wird. Und nicht einmal nur derer, die schon natfonalistisch eim sostell, sind. Offenbar mit Vorbedacht vermeidet der Versasser alle Ausfälle gegen nicht„national“ Denkende. Er, sagt im Gegenteil in einem Motto:„Vergessen sei eins nur: der alte Groll, der uns vom Nächsten geschieden.“ Doch geht ous einzelnen Wendungen die politische Stel⸗ lung des Verfassers hervor. Um so eindringlicher muß vor diesem Gift, das in schöner, die Sinne belörender Verpackung gereicht wird gewarnt werden. Zumal auch einzelne Lieder unmittelbar auf die heutigen Vorgänge im Ruhrgebiet zugeschnitten sind. So heißt es in einem Gedicht„Ruhrkämpfer“, in dem ein französischer Posten am Laternenpfahl aufgeknüpft wird, zum Schlusse:
Wie eine Lawine durchs Ruhrland rast
Der Stuvm, wildwütend sichelt und grast. Keine Esse mehr lodert, kein Schlot mehr raucht. Das Land steht dennoch in Flammen getaucht. Das Land loht auf in bramdender Glut:
Die Ruhr strömt rot, die Ruhr strömt Blut —„Kennt ihr ein Volk, ein Volk in Wut?!“
Ja, wir kennen es, aber wir wissen auch, daß dieses Volk ver⸗ loren wäre, wenn es im Geiste dieser Kriegsdichtungen handeln würde, ja doß es auch seelisch und moralisch verloren wäre und man an seinem Wiedererstehen verzweifeln müßte, wenn der Leitstern seines Handelns und seines Neuwerdens der Gedanke an Haß, Rache, Krieg sein sollte. Da müssen ganz andere Kräfte der Seele und des Goistes lebendig und wirksam werden. Als Erzieher zum Deutschtum lehnen wir— und wir sind überzeugt, alle Verständigen mit uns— Herrn Gramsch mit aller Entschiedenheit ab. W.
Um einen kleinen Gummiball. Bitterlich schluchzend und weinend steht eine Mutter vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte und erzählt, was sie veranlaßt habe, einen Warenhausdiebstahl zu begehen. Sie seit seit 15 Jahren als Aufwärterin bei einem höheren Beamten tätia und babe zuletzt pro Monat ganze 500 Mark Gehalt bezogen. Mit diesem geringen Einkommen habe sie mit ihrem Kinde oft bitterste Not. leiden müssen. Anfang Dezember sei ihr 10 jähriger Knabe täglich zu ihr gekommen und habe ge⸗ bettelt:„Mutti, ich möchte einen Ball haben!“ Als sie eines Tages, da das Garn in einem Warenhause in der Leipziger Straße einsge Mark billiger war als in anderen Geschäften, dorthin gegangen war, um Garn zu kausen, welches sie brauchte, um ihrem Jungen
die Anzüge zu flicken sei sie durch das 0 N und plötzlich hätten ihr die flehenden Worte ihres Kindes in den Ohren geklungen. Wie es gekommen sei, wisse sie nicht mehr. sie habe den Ball genommen und sei dann von der Hausdetektivin
festgenommen und untersucht worden. wobei' sich der Ball fand.
Da die polizeilichen Ermittelungen ergaben, daß die bisher völlig unbescholtene Angeklagte tatsächlich ihre Aufwärterstellung seit 15 Jahren inne hatte. ohne sich das allergeringste zu schulden kommen zu lassen, beantragte der Amtsanwalt da die Angeklagte eine Geldstrase ja doch nicht bezahlen könne eine Gefängnisstrafe von einer Woche, bat jedoch ihr die bedingte Begnadigung zuteil werden zu lassen. Das Gericht erkannte auf fünf Tage Gefängnis mit Strafaussetzung. Merkwürdige Rechtszustände. die sich ein polithsch und kulturell reiches Volk noch gefallen lassen muß. Wucherern erspart man Gefängnisstrafe. Eine hoch ehrbare arme Frau aber die aus Liebe zu ihrem Kinde das Gesetz überschritt, wird unter Aufbietung des gangen komplizierten Gerichtsapparates zu Gefängnis verurteilt. Und das alles wegen eines einzigen kleinen Gummiballs. 5
Der Schieber. Unter dieser Spitzmarke veröffentlicht der Darmstädter Volksfreund folgendes hübsche Stimmungsbild: In der Ludwigstraße traf ich ihn. Massig und fett gleich einer ge⸗ nzästeton Sau aus dem Odenwald war er geworden. seit ich ihn zuletzt gesehen hatte.„Wie geht's?“ war seine Frage.„Arbeits⸗ los“, antwortete ich.„Aber Menschenskind, wie ist das denkbar und möglich, Was beißt arbeitslos? Sie waren doch ehedem nicht auf den Kopf gefallen. Machen Sie's wie ich, hängen Sie Ihre Idoale und den ganzen Ingenfeurberuf an den verrosteten Nagel, verschassen Sie sich etwas Kapital und lassen Sie das Ar⸗ beiten, davon bekommen Sie wenigstens keine Gehirnschwielen. Ich habe an Margarine allein in einer Woche zweihunderttausend Mark verdient und habe heute wieder ein Bombengeschäft in Aus⸗ sicht. Sie kennen doch den kleinen D... vor Jahresfrist pumpte er andere Leute um Geld an und hat sich in diesem Jahre zwei Häuser gekauft. Sie sehen verhungert und herabgekommen aus; ja natfirlich. Ehrgefühl schafft kein Mark in die Knochen und keinem Pelzmantel auf den Leib, und für Ihre vornehme Gesinnung gibt Ihnen heute kein Bankdirektor und keine Erzellenz auch nur einen einzigen braunen Lappen.“—„Ausgeschlossen, für solche Geschäfte bin ich nicht zu haben. Ich als Sozialdemakrat denke in diesem Punkte..“„Was?“ unterbrach er mich und prallte zurück, „Sie find Sozialdemokrat? Aber Mann Gottes, Sie schienen doch ehedem ein nationalgesinnter Mann zu sein. Na. hören Sie, ich als überzeugter Deutschnationaler bin wahrhaftig entsetzt über Ihre politische Einstellung, ich bleibe Monarchist und überzeugter
Ehrist bis zum letzten Atemzug! Eh repwort! Bei den roten Bridern——“„Ich verstehe“ unterbcach ich seinen Redeschwall.
„bei den roten Brüdern würden Sie mit Schimpf und Schande aus der Partei fliegen. Bleiben Sie also bei Ihren famosen Go⸗ sinnungsgenossen, zu denen Sie mit Leib und Seele passen.“)— Der edle Patriot murmelte etwas zwischen den Lippen und nahm einen schnellen Abschie
Gesetz ist am 1. April 1920 in Kraft getreten, sodaß der Anspruch auf Unterstützung nur noch für
Die in den Räumen des Kunst⸗
Spielwarenlager gekommen,
5
5


