Ausgabe 
3.2.1923
 
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Organ für die Interessen des werktätigen Volles der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

Fppebition: Gießen Bahnhofstraße 23 dernshreher 2008.

Sur 1 Volksseitung erscheint jeden Werktag vormittag in Gießen. entspreis mit den Beilagen. 19993 Blatt der Frau 1 N 0 2 Mk. einschl. 8

Abonnem e Beilage beträgt monatlich 18 .. Peicgen 1800. l einschl. Vestelgeld. Einzelnumm. 50.

Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters. Für den Inseratenteil verantwortlich; N. Seohteg g. Verlag von Hermann Neumann& Cie., sämtlich in Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M.

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der Rabatt gewährt Anzeigen⸗Annahme bis 6 Uhr abends.

Gießen, Samstag, den 3. Februar 1923

18. Jahrgang

Die Kohlensperre.

Im ersten Abschnitt der deutsch⸗französischen Kraftprobe e der Ruhr kam es für Frankreich darauf an, das Gebiet, b dem sich der Wirtschaftskampf abspielen soll, militärisch tt in die Hand zu bekommen, die etwa anzuwendenden 17 Jethoden zu erkundschaften, den Grad des Widerstandes f der Gegenseite zu erproben und vorbereitende Maß⸗ bu für den Hauptkampf zu treffen. Dieser Abschnitt jetzt vorüber. Er hat Frankreich gezeigt, daß das Unter⸗ men schwieriger ist als man angenommen hatte. Der egensatz zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, auf den un einen guten Teil seiner Hoffnungen gesetzt hatte, mt für die unter der Besatzung Bleibenden in diesem genblick nicht in Frage. Die Hoffnung auf die Privat- eressen der Industriellen hat gleichfalls vollkommen ver⸗ Die Beamten und Angestellten, von denen man er- ete, daß sie auf einen genügenden Druck hin der Be⸗ sse ungsbehörde dienstbar würden, sind fest in der Hand der Nächsregierung, resp. der einzelnen Körperschaften. Frank⸗ nich ist infolgedessen genötigt, im Ruhrgebiet sozusagen bei . anzufangen. Es muß sich einen Verwaltungs-, Kntroll- und Verkehrsapparat anschaffen, ohne sich auf 5 eine einheimische Kraft stützen zu können. Darüber bi aus weigern sich auch die Deutschen in den altbesetzten teten der Rheinprovinz und der Pfalz, in französischem Sllde Henkersdienste am Deutschen Reiche zu leisten. Der Tparat, den Frankreich einzurichten hat, ist also außer⸗ entlich umfangreich. So liegen die Dinge heute. Wenn man die Besetzung Ruhrgebietes selbst und die zahlreichen Ausweisungen Maßregelungen außer Ansatz läßt, haben Frankreich Belgien bisher jede Pression auf Deutschland unter⸗ lasen. Nunmehr kündigt eine offizielle Note an, daß vom Februar ab die Kohleneinfuhr aus der besetzten Zone . unbesetzte Deutschlandnicht mehr stattfinden werde. 0 franzẽsische Regierung, pon der die Note ausgeht, be⸗ 5 15 sich alle weiteren Maßnahmen vor, d. h., wie die fran⸗ * Presse treffend ergänzt, nach und nach sollen auch al übrigen Produkte und Fabrikate des Ruhrgebiets vom smerdeutschen Markt abgeschnitten werden. Die Abschnürung des Ruhrgebietes hat begonnen. Es wäre sinnlos zu fragen, inwieweit diese Absperrung iglich ist und wie sich die Reichsregierung den Abwehr- 1 gegen diese Repressalien denkt. Die Verhältnisse . für den Außenstehenden zu verworren, um ihm einen uh) nur einigermaßen orientierenden Ueberblick geben zu amen. Aber immerhin muß die Frage aufgeworfen wer⸗ a. wem die Aktion des Herrn Poincaré überhaupt Nutzen 15 aas Das Ruhrgebiet ist mit seiner Produktion vor 2 auf den innerdeutschen Markt eingestellt. Die fran⸗ isssche Presse selbst rechnet nicht damit, daß die französischen Zetwaltungsbehörden, die bezeichnenderweise dem General enoutte unterstellt sind, den Transport so in der Hand Ihen erden, um den ungestörten Gang des sehr ver eee sügten wirtschaftlichen Arbeitsprozesses aufrechterhalten können. Abgesehen davon, würde sich für die Produktion Ruhrgebiets in absehbarer Zeit ein ncues Absatzgebiet f ö un schaffen lassen. Ganz ohne jeden Zweck wird also hier gur der blühendsten und modernsten Wirtschaftskörper 1 Fopas bor 1 die Gefahr einer katastrophalen Absatzkrise Ffellt. Wie hieß es doch in Genua: Nur Arbeit kann uns ten! Freilich, Herr Poincaré scheute dieses Genua wie Teufel die oberen Sphären. Er kann das Kriegspielen ie im Frieden nicht lassen. Dieser ungeheuerliche Ueber⸗ lttarist, der das Wort Militarismus immer im Munde 1 t, wenn es gilt, die Opfer seines Ehrgeizes zu ver⸗ uriden, wagt ganz Europa sein Paroli zu bieten. Ein Merner Moloch, droht er, aus dem vierjährigen Kriege In Krieg der dreißig Jahre zu machen. Und Europa? 0 opa schweigt dazu.

Die Abschnürung vollkommen.

Die Abschnürung des unbesetzten Deutschland vom 0 lürgebiet ist seit Mitternacht vollkommen. Die Befehle vnden

sofort au sämtliche Stellen weitergegeben. Lataillone Zollbeamten standen bereit, um unter dem

mando Philipps den Dienst aufzunehmen. Punkt Uhr nachts funktionierte alles. Alle Kohlenzüge aus n besetzten Gebiet wurden auf den Bahnhöfen angehalten, daß sich merklicher Widerstand bemerkbar machte. Auf Doppelgleisen wurden 35 Kohlenzüge angehalten, weitere 1 an der Weiterfahrt verhindert worden.

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Poincarés Abdrosselungskrieg.

Die Kontrollstationen.

Der Kohlenversand der Oberhausener, Duisburger, Mül⸗ heimer und linksrheinischen Zechen wurde wegen der Stockungen im Eisenbahnverkehr zum größten Teil durch Automobile weiter⸗ befördert. Die Besatzung hat jetzt zur Kontrolle dieser Trans⸗ porte an den Landstraßen Kontrollstellen eingerichtet. Dort wer⸗ den die Papiere der Automobile geprüft, die mit dem Stempel der Besatzung versehen sein müssen. Die angedrohte Absperrung der Kohlentransporte für das unbesetzte Gebiet ist noch nicht zur Aus⸗ führung gebracht worden.

Im neubesetzten Gebiet sind im ganzen 12 Kontrollstationen eingerichtet worden, von denen gegenwärtig nur zwei, nämlich Hörde und Brakel, in Betrieb sind. Alle anderen Linien liegen still. Auch die Stationen, die nach der sogenannten englischen Zone zu liegen, sind mit Kontrolllommandos belegt worden.

Erpressungsversuche mit Kanonen.

Bei der Besetzung der Fahrzeugfabrik Lueg durch franzö⸗ sische Infanterie, Maschinengewehrabteilungen, Panzerauto⸗

mobile und Ingenieure zwecks gewaltsamer Beschlagnahme von zwei privaten Personen-Kraftwagen wurden die Werkleitung und die Arbeiterschaft in gewalttätiger Weise von den Franzosen be⸗ droht. So wurden dem Elektrotechniker Moritz Schulz, dem Meister Roth und dem Meister Ernst von Franzosen⸗Soldaten Revolver und Dolch auf die Brust gesetzt, um sie zu zwingen, Werkzeuge und Motorenteile herauszugeben. Die Bedrohten lehnten sämtlich trotz schwerster Lebensgesahr jede Handreichung, Anweisung und Aussage ab. Das Panzerautomobil richtete beide Geschütze unter höhnischer Zustimmung der herumziehenden fran⸗ zöstschen Offiziere, Korporale unt Ingenieure auf die nur wenige Meter von der Mündung entfernt stehenden Werkleiter und Ar⸗ beiter. Die Straßen waren mit großem militärischen Aufgebot von Tanks und Panzerautomobilen abgesperrt. Die Passanten be⸗ lachten die wiederholte französische Drohung, auf 23 Meter Ent⸗ fernung in die Menschenmenge hineinzuschießen.

Die Sklavenpeitsche.

Als am Mittwoch in Waldmar bei Bochum ein deutscher Polizeibeamter einen fronzösischen Oskizier den Gruß berweꝛgerte, versetzte ihm der Offizier mit der Hand einem Schlag ins Gesicht. In Bochum wurde ein anderer Polizeibeamter aus dem gleichen Anlaß von einem Offizier mit der Reitpeitsche geschlagen. Wiederaufnahme des Eisenbahnbetriebes in Köln.

Im Eisenbahndirektionsbezirk Köln wird der gesamte Eisenbahnbetrieb heute morgen um 6 Uhr durch eine Ver⸗ fügung des Eisenbahndirektionspräsidenten wieder aufge nommen werden und zwar unter folgenden Bedingungen, die in einer Verhandlung mit dem englischen Präsidenten der Eisenbahn-Unterkommission festgesetzt wurden:

Der Eisenbahnbetrieb ist ausschließlich von deutschem Personal wieder aufzunehmen.

2. Die Besatzungsposten werden zurückgezogen.

3. Das alliierte technische Personal, das nach dem Rheinlandabkommen geduldet werden muß, bleibt zurück, jedoch ohne Waffen.

Die Knebelung der Presse.

Verleger, Redakteure und technische Angestellte sämtlicher Tages⸗ zeitungen von Coblenz hatten es durch gemeinsamen Beschluß abge- lehnt, eine Bekanntmachung zu veröffentlichen, die ihnen der franzö⸗ sische Bezirksdelegierte zugestellt hatte und worin der Nachweis zu erbringen versucht wurde, daß die deutschen Beamten den neuen Ordonanzen, die sich auf die Aktion im Ruhrgebiet beziehen, Folge zu leisten haben. Daraufhin wurden sämtliche Coblenzer Zeitungen auf drei Tage verboten. Die Frankf. Ztg. ist im besetzten Gebiete auf einen Monat verboten worden.

Politische Uebersicht.

Lausanne und das Orient-⸗Pulverfaß.

Die entscheidende Sitzung der Lausanner Friedens- konferenz hatte damit geendet, daß Ismed Pascha nach Ueberreichung des englischen Vorschlages für den Frieden

um eine Frist von 8 Tagen bat. Lord Curzon erklärte nur 4 Tage warten zu wollen. Er erklärte, auf jeden Fall am Sonntag abreisen zu wollen. Frankreich erklärte England gegenüber, daß es sich gegen jeden Schritt ausspreche, der wie ein Ultimatum aussehe.

Inzwischen ist die ausgehändigte Note Poincarés durch den britischen Geschäftsträger in Paris nach London weiter gegeben worden. Frankreich will sich hiernach vollständig freie Hand sichern, im Falle die Türkei es ablehnen sollte, den Lausanner Vertrag zu unterzeichnen. Die Neigung Englands, mit der Türkei einen Separatfrieden zu schließen, wächst immer stärker. 1

Hirillings Kanossagang.

Der bayerische Ministerpräsident Herr v. Knilling hat am Donnerstag im Haushaltsausschuß des Bayerischen Landtags für die Verhängung des Ausnahmezustandes um Entschuldigung ge beten und daraufhin von den bürgerlichen Parteien sein Ver

trauensvotum erhalten. Bei der Aussprache hat Knilling auf die Möglichkeit hingewiesen, daß wireine Neuauflage jener un⸗ seligen Novembertage 1918, wo auch nicht die Münchener, sondern auswärtige Zuzügler Herren der Straße waren, erleben könnten. Mit diesem Argument hat Herr Knilling sicher auch bei den deutschnationalen Gegnern des Ausnahmezustandes Eindruck ge⸗ macht. Welchem Deutschnationalen sollte nicht bei der Erinnerung an dieunseligen Novembertage 1918 eine Gänsehaut über den Buckel laufen? Bei Herrn v. Knilling scheinen die Nobember⸗ ereignisse eine recht tiefgehende Wirkung gehabt zu haben. Unser Münchener Bruderblatt erinnert ihn dieser Tage an ein Inter⸗ view, das er Anfang Januar dem Vertreter des Pariser Eclair gewährt haben soll und in dem es u. a. heißt:

Trotz einer peinlichen Untersuchung durch die Polizei habe er nicht den geringsten Beweis für den Aufenthalt des Kapiräns Ehrhardt erhalten, und er könne versichern, daß Kapitän Ehr⸗ hardt augenblicklich nicht in Bayern weilt. All das sind Ge⸗ schichten der deutschen Linkspresse, die falsche Gerüchte ver⸗ breiten. Diese Sozialisten, Verräter am deutschen Vaterlande, verdienen erschossen zu werden.

Die amtliche Pressestelle versichert der Münchener Post, das Interview seivon Anfang bis Ende unwahr. Der Minister⸗ präsident habe das gewünschte Interview abgelehnt, und nurein paar Sätze allgemeiner Art gesagt, nachdem der franzöfische Journalist ehrenwörtlich erklärt hätte, nichts davon zu veröffent⸗ lichen. Ein Dementi werde aber nicht für nötig gehalten.

Wir erinnern uns, daß bei Beginn der französisch⸗belgischen Ruühraktion ein deutscher Reichsminister ein nicht gerade sehr glück⸗ liches Interview gab, es nach seinem Erscheinen zu dementieren be⸗ absichtigte, im letzten Augenblick aber doch noch in die Welt hinaus⸗ gehen ließ. Der Fall des Herrn v. Knilling liegt aber weit schlim⸗ mer. Wenn der bayerische Ministerpräsident den Inhalt dieses Interviews sachlich unwidersprochen läßt, dann darf man sich nicht darüber wundern, daß die von ihm angeblich zum Schutze der öffent⸗ lichen Ordnung und Sicherheit erlassenen Maßnahmen von Herrn Hitler, dessen Anhänger darauf brennen, Auer und andere Sozialisten zu erschießen, nicht ernst genommen werden.

Die französischen Gelder des Herrn Hitler.

Im Anschluß an die Frage nach der Herkunft der Geldmittel der Nationalsozialisten, die das Berliner Tageblatt in bestimmter Form aufgeworfen hatte, kommt auch heute der Bayerische Kurier auf die Frage der Geldgeber für die Nationalsozialisten zu sprechen und be⸗ merkt seinerseits:

Auch sind Gerüchte zugetragen worden, welche den Geldzufluß an die nationalsozialistische Partei mit französischen Quellen in Zusammenhang brachten, wobei aber betont wurde, daß die Her⸗ kunft der Gelder, die durch verschiedene Zwischenhände gegangen seien, Hitler nicht belaumt gewesen sei.

Also französische Gelder waren's schon,harmlose Hitler hat's nicht gewußt! 0

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Nationalistischer Unfug in Königsberg.

Am Mittwoch abend kam es in Königsberg zu Aus⸗ schreitungen. Eine große Menschenmenge zog in den Abend⸗ stunden vor die verschiedenen Hotels. in denen die Mit⸗ glieder der Interallijerten Kontrolllommission untergebracht sind und verlangten den Abzug der französischen Offiziere. Mehrfach wurde von der johlenden Menge der Versuch ge⸗ macht, einzudringen. Dieses Vorhaben konnte die Schutz⸗ polizei verhindern. Die Menge zog dann zum polnischen Konsulat, dessen Schild abgerissen wurde, und zur Wohnung des polnischen Generalkonsuls. Auch hie verhinderte die Schutzpolizei weitere Ausschreitungen. Dieselben Kund⸗ gebungen der rechtsstehenden Kreise begannen gestern nach⸗ mittag von neuem, sodaß sich der Polizeipräsident. Genosse Lübbring, veranlaßt sah, nicht nur weitere Polizeimann⸗ schaften aus den umliegenden Orten heranzuziehen, sondern auch ein Verbot für Versammlungen unter freiem Himmel zu erlassen; außerdem hat er die Schließung aller Gastwirt⸗ schaften auf 9 Uhr angeordnet.

Heute morgen wird uns noch telephonisch gemeldet:

Bei den Kundgebungen, die seit Donnerstag nachmittag wieder im Gange sind, sammelte sich wieder eine nach tausenden zählende Menschenmenge, deren Erregung ständig wuchs. Um 9 Uhr abends wurde das französische Konsulat gestürmt und sämtlche Fensterscheiben eingeschlagen. Der Schutzpolizei gelang es, wenigstens die inneren Einrichtungen vor der Zerstörung zu bewahren. Am späten Abend fielen auch zahlreiche Schüsse, ohne daß bis jetzt von Verletzten etwas bekannt geworden ist. Die Lage ist um so bedrohlicher, als die Kom⸗ munisten ihrerseits zu Demonstrationen gegen die nationalistischen Kundgebungen aufgerufen haben. Neun Hundertschaften der Schutz⸗ polizei sind eingesetzt worden, denen es bis zur Stunde gelang, die beiden demonstrierenden Parteien auseinander zu halten, die auf der einen Seite dasDeutschlandslied, auf der anderen Seite dieIn⸗ ternationale singen.

Sogtalde ing te und Lohnsteuer.

Durch die Geldentwertung ist der Lohnabzug genau wie in den letzten Monaten des vergangenen Jahres zu einer schweren Belastung des Arbeitseinkommens geworden. Ein Arbeiter, verheiratet, mit zwei Kindern, der Anfang Januar von einem Wochenlohn von 15000 Mk. 650 Mk.= 4,3 Proz. Steuern bezahlte, zahlt jetzt Anfang Februar bei einem Wocheneinkommen von 40000 Mk. 3150 Mk. 2 7,9 Prozent Steuern. Diese Belastung des Arbeitseinkommens und die

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