Ausgabe 
29.8.1920
 
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Gemeinlchaftsblatt für Bellen

Erscheint alle vierzehn Tage. Verlag der Buchhandlung der Pilgermission Gießen.

Redakteur: Stadtmissionar F. Herrmann Jießen Verschiedene Mitarbeiter. Druck von J. G. Oncken Nachfolger, G. m. b. H., Cassel

Nr. 35/36.

Sonntag, den 29. August uno 5. September 1920.

13. Jahrg.

Das Gesetz aber ist neben eingekommen, auf daß die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade

viel mächtiger geworden. Röm. 5, 20.

Eine selbst⸗ gerechte Frau.

Eine alte Frau war viele Jahre in großer Verblendung und Selbstgerechtigkeit da⸗ hingegangen. Man hieß sie allgemeindie gute, alte Mutter. Leider ruhte aber ihre Güte und Gerechtigkeit auf sandigem Grunde. Gott hatte sie in zuvor⸗ kommender Gnade nicht allein vor groben Aus⸗ brüchen der Sünde, vor Schande und Laster bewahrt, sondern auch manches Samenkorn der Wahrheit in ihr Herz ausgestreut. Sie war eine fleißige Kirch⸗ gängerin, betete ihre Morgen- und Abend⸗ gebete, las die Bibel, war eine ordentliche Hausfrau und nach dem Urteil der Welt eine gute Gattin. Aber an dem Bollwerk ihrer Selbstgerechtigkeit prallten alle Pfeile des göttlichen Wortes ab, das sie rein und lauter

verkündigen hörte.Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, schien die Grundstimmung ihrer Seele zu sein. Eines Tages äußerte sie zu ihrer Jugendfreundin, die sie öfters besuchte, sie müsse ihr ihr Herz entdecken, es

(auf unserem Bilde mit der Bibel in der Hand) Hoffnung und erwar⸗ tete die ersten Spuren der- Sündenerkenntnis bei ihr zu finden; aber wie betrübt sah sie sie an, als sie sagte: Mir ist jetzt einge⸗ fallen, daß ich doch eine Sünde getan habe. Als junges Mädchen vor fünfzig Jahren hat die Frau, bei der ich diente, mich im Verdachte der Untreue gehabt.

Nun, fragte die Freundin,war denn kein Grund zu dem Verdachte?

Bewahre, aber ich habe damals auf die Frau sehr geschimpft und bin nach der Zeit aus dem Dienste ge⸗ gangen.

Und seitdem bist du dir keiner Sünde bewußt?

Ich wüßte nicht; wir sind alle Sünder, sagt das Wort Gottes, aber sie brachte nichts weiter heraus.

Da jragte die Freundin weiter:Was meint denn wohl das Wort Gottes damit, wenn es uns alle Sünder nennt und hinzufügt, daß wir vor Gott des Ruhms mangeln, den wir haben sollten?

Freilich, ganz genau nach der Heiligen Schrift

quäle sie etwas. Da schöpfte diese gläubige Dame kann keiner sich halten; das ist aber auch nicht nötig,