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kennt, daß, während man Ihn mit seinen Misse⸗ taten durchstochen, Er für einen um Gnade betete? Ja, dann haben wir Ihn angeschaut, den wir durch⸗ stochen haben, und haben geklagt, wie man klagt über ein einziges Kind.(Sach. 12, 10.) Solche Tränen am Fuße des Kreuzes sind wohl bittere, aber gesegnete Tränen; es sind Buß⸗ tränen, so köstlich in Gottes Augen. Freilich können diese Tränen nimmermehr unsere Sünden weg⸗ waschen; nein, das kann allein das kostbare Blut Jesu Christi, das unsere scharlachroten Flecken weiß macht wie Schnee.
8. Die Aberschrist des Kreuzes.
(Joh. 19, 19— 22.)
Es war Sitte, über das Kreuz das Verbrechen um welches der Übeltäter gestraft wurde, zu schreiben; da aber Pilatus an dem Herrn keine Schuld finden konnte, schrieb er statt einer Beschuldigung Seinen Titel:„Jesus von Nazareth, der Juden König!“ Glaubte Pilatus wirklich, daß der Mann, den er verurteilt hatte, der gesetzliche König des jüdischen Volkes sei? Es scheint, daß er es glaubte und sogar fürchtete, daß Er noch mehr sei als ein König— der Sohn Gottes; denn wir lesen, daß er, als die Juden sagten:„Er hat Sich selbst zu Gottes Sohn gemacht,“ sich noch mehr fürchtete.
Welch ein Verbrechen war es, Den zu kreuzigen, von dem er so hoch dachte! Vielleicht hat er durch das Schreiben dieses Titels sein Gewissen zu be⸗ ruhigen gesucht; aber seine Ungerechtigkeit leuchtete dadurch um so greller. Wie viele sind dem Pilatus in ähnlichem Tun gleich! Sie wissen, daß sie un⸗ recht tun, und wähnen, daß es genug sei mit dem bloßen Bekenntnis, es sei unrecht— während sie doch in solchem Unrechttun fortfahren. Gott will Sich aber nicht so spotten lassen; Er ist nicht zufrieden mit Bekenntnissen, die nicht zugleich mit dem Entschluß, anders zu leben und zu handeln, verbunden sind. Wenn Pilatus nicht glaubte, daß Jesus der König der Juden sei, weshalb gab er Ihm denn diesen Titel? Oder wenn er es wirklich glaubte, weshalb nahm er Ihn dann nicht vom Kreuz herunter? Er war entweder ein Lügner, wenn er schrieb, was er nicht dachte, oder ein Mörder wegen der Kreuzigung eines Unschuldigen. Ja, er war ein Mörder, weil er letzteres getan, ein Königsmörder obendrein. Ach, wie war er nach und nach hinabgesunken in des Verbrechens Tiefe!
Und doch: Am Kreuz wurde Jesus öffentlich vor aller Welt als König ausgerufen, und zwar in drei in Jerusalem wohl bekannten verschiedenen Sprachen war es geschrieben: für die Juden ebraisch, für die Römer lateinisch und für verschiedene Nationen griechisch. Schon vor Seiner Geburt war Jesus
Seiner Mutter als König angekündigt worden; der Engel Gabriel hatte gesprochen:„Er wird ein König sein über das Haus Jakobs ewig ⸗ lich.“ In Seiner Kindheit hatten die Weisen aus dem Morgenlande in Jerusalem Ihn gesucht mit der Frage:„Wo ist der neugeborne König der Juden?“ Als Nathanael zuerst an den wahren Messias glaubte, rief er aus:„Rabbi, Du bist der König von Israel!“ Das Voll aber, das zu retten von den Händen seiner Feinde Jesus gekommen war, verwarf Ihn; der Thron, den es Ihm gab, war ein Kreuz!
Und dennoch ist Er ein König aller Könige und ein HErr aller Herren (Off. 19, 16.)
Wie wird es einst denen ergehen, die sich Seinem sanften Stabe widersetzen?„Deine Hand wird finden alle Deine Feinde; Deine Rechte wird finden, die Dich hassen.“ „.
Ja, Er findet dich und mich. Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi
8 An der Ilnglücks stätte.
Der Prinz von Orleans unternahm eine For⸗ schungsreise nach dem Nordpol und kam hierbei an den Ort, wo Andree kurz vor seinem Todesflug mit seiner Mannschaft geweilt hatte. Welche Gefühle ihn hier an dieser Unglücksstätte durchwogten, schildert er in seinem Buche in folgender Weise:„Ich konnte mich des gewaltigen und packenden Eindrucks nicht entschlagen, den nicht nur auf mich, sondern auch auf einen rohen Matrosen die Halle mit den Er⸗ innerungen an Andree machte, diese letzte Etappe im Leben eines Forschers, der in diesem wüsten Chaos von Eis verschwunden ist, in das auch wir ein. dringen wollten. Wir betrachteten stumm und ohne ein Wort zu sprechen, die Mütze in der Hand, die Hütte und ihre Einrichtung und versuchten uns die letzten Eindrücke und Gedanken Andrees in dieser Unbeweglichkeit des Todes und während der letzten Stunden seines Lebens zu vergegenwärtigen. Ich war dermaßen bewegt, daß ich in einer dunkeln Ecke des Raumes niederkniete und betete. Ich habe mit heißen Empfindungen und nassen Augen für die Verschollenen und Verschwundenen gebetet und habe gebetet für uns und für unsere Zukunft, daß es uns vergönnt sein möchte, gesund und wohlbehalten zu denen zurückzukehren, die uns lieben.“
Das ist eine ergreifende Schilderung. Woran erinnert sie uns? Zunächst daß wir in unserem Leben oft an Stätten kommen, wo Menschen sittlich zugrunde gingen. Wenn im Himmelsdome eine Glocke aufgehängt wäre und ein Engel läutete sie, sobald ein Mensch an seiner Seele Schiffbruch leidet, wahrlich, sie würde nie zum Schweigen kommen


